Der Preis der Freiheit

Baumlos Viele traditionsreiche US-Zeitungen verlagern ihre Berichterstattung aufs Netz. Doch die E-Medien brauchen den "alten Journalismus" - droht das Ende der Pressefreiheit?

Von Noam Chomsky heißt es, er lese jeden Morgen sechs bis acht Tageszeitungen. Schon bald wird der weltbekannte Linguist und Gesellschaftskritiker sein Ritual dem rasanten Medienwandel in den USA anpassen müssen. Ab April wird eines seiner Lieblingsblätter, der renommierte Christian Science Monitor, seine Wochenausgaben nicht mehr auf Papier drucken, sondern ausschließlich ins Netz stellen. Und die Lokalzeitung seiner Heimatstadt, der Boston Globe, hat das internationale und nationale Informationsangebot längst ausgedünnt und dümpelt nur noch als Provinzblatt dahin. In den letzten zwei Jahren verschwanden bereits ein Dutzend traditionsreiche US-Zeitungen. Bezeichnenderweise ist es ein elektronisches Medium, die Website www.newspaperdeath­watch.com, die das Zeitungssterben in den USA mit ihrer täglich aktualisierten Totenwache begleitet.

Verlust für die Demokratie

Doch was verliert Noam Chomsky, der seit Jahrzehnten die Gleichschaltung der Mainstream-Medien der USA kritisiert, im gegenwärtigen Zeitungssterben eigentlich außer einer liebgewordenen Gewohnheit? Allgemeiner gefragt: Inwiefern ist es ein Verlust für die Demokratie, wenn in Seattle der Post-Intelligencer, ein Produkt des Hearst-Konzerns, von einem Tag auf den Andern auf Online schaltet? Oder wenn das San Francisco Chronicle, die größte nordkalifornische Zeitung und ebenfalls im Besitz von Hearst, demnächst eingehen sollte?

Journalistische Arbeitsplätze sind das erste und offensichtlichste Opfer der Medienkrise. Rund 5.000 Medienleute oder zehn Prozent der Belegschaft sind gemäß Schätzung des PEW-Forschungsinstituts im vergangenen Jahr entlassen worden. Eine solch empfindliche Schwächung der Presse ist für jede Demokratie bedrohlich.

In den USA hat das mediale Muckraking, das unzimperliche Ausmisten von gesellschaftlichen Missständen, eine besonders reiche Tradition – man denke nur an die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre oder die Veröffentlichung der Pentagon Papers 1971, auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges. Das weitgehende Fehlen von kritischen Stimmen während des Irakkrieges – oder besser die Verbannung der verbliebenen Muckraker in kleinere, nicht profitorientierte Alternativ- und Nischenmedien – kann denn auch bereits als Folge des Aussterbens einer starken Presse und des kritischen Journalismus interpretiert werden.

Profit über Substanz

Es ist kurzsichtig, nur die Wirtschaftskrise und das Internet für den gegenwärtigen Pressenotstand in den USA verantwortlich zu machen. Die Entwicklung geht Jahrzehnte zurück: Sobald die Zeitungen sich nach dem zweiten Weltkrieg von Familienunternehmen und politisch motivierten Verlagen zu kapitalkräftigen Großunternehmen entwickelten und konsolidierten, wurden, wie in vielen anderen Produktionszentren, kurzfristige Profitmaximierung über langfristige Substanzerhaltung gestellt.

Die Zeitung als einträgliche Kapitalanlage – gemäß dieser Geschäftsmaxime wurden Presseprodukte immer strenger bewertet und schneller ausgemerzt. Alles in allem war das Zeitungsmachen 2008 in den USA nämlich durchaus noch rentabel, ein solides Geschäft; aber es warf nur noch zehn Prozent Gewinn ab, und nicht mehr zwanzig Prozent wie noch vor wenigen Jahren.

Die Aussichten für 2009 sind nicht besonders gut. Die Werbeeinnahmen sinken dramatisch weiter. Dazu kommt, dass viele Zeitungen doch bereits in den roten Zahlen stecken, allerdings nicht aus Selbstverschulden, sondern wegen branchenfremden Geschäftsentscheiden – sprich Börsenspekulation – ihrer Besitzer. Die Börsenkurse der Medienunternehmen selbst lagen letztes Jahr gar um 90 Prozent tiefer als zur Höchstzeit, das war für den Ausstieg der Investoren ausschlaggebend.

Man könnte sagen: Nachdem die Wirtschaftsunternehmen den Journalismus ausgenutzt und zugrunde gerichtet hatten, entschieden sie, dass das Informationsgeschäft doch keine so einträgliche Sache ist, und verlassen nun das sinkende Schiff; zum Beispiel in Richtung elektronische Medien.

Doch geschäftsmäßig geht dieses Modell auch nicht auf: die New York Times zum Beispiel teilt ihr Publikum bereits ziemlich gleichmäßig in 50 Prozent Bildschirm- und 50 Prozent Zeitungslesende; die Einnahmen kommen jedoch nach wie vor zu 90 Prozent aus dem Druckbereich, der lediglich 40 Prozent der Produktionskosten verursacht.

Vom Publikum aus gesehen stellten die Zeitungen in den USA seit zweihundert Jahren eine wichtige Nachrichtenquelle und ein Kontrollmechanismus für Machtmissbrauch dar. Die Zahl der Menschen, die solche Information nutzen, wächst immer noch. Zwar hat sich die Zahl der gedruckten Tageszeitungen in den letzten zwei Jahrzehnten von 62 Millionen auf 49 Millionen verringert. Aber gleichzeitig hat sich die Online-Leserschaft auf 75 Millionen Menschen gesteigert.

Gerade während des Irakkrieges, als die großen US-Medien sehr unkritisch und nationalistisch berichteten, haben viele Medienkonsumentinnen und –konsumenten gelernt, mit Hilfe des Internet verschiedene, auch internationale Medien zu nutzen. Das Interesse an journalistischer Aufklärung ist vorhanden.

Von irgendwoher müssen auch die Fakten kommen

Die Medienkrise, die in den USA zuerst im Zeitungssterben manifest geworden ist, die nun aber zunehmend auch informationslastige Radio- und Fernsehstationen erreicht, ist also keine Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus. Es ist auch keine Krise der geänderten neuen Technologie; das Publikum freut sich über die umweltfreundlicheren „baumlosen“ Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten. Und die meisten Journalistinnen und Journalisten könnten heute schon mit Leichtigkeit auch für e-Medien arbeiten.

Doch die bereits vorhandenen E-Medien stützen sich aus Kostengründen vorab auf die Zuarbeit des „alten Journalismus“. Die Blogosphäre ist voll von Leuten mit Meinungen, aber von irgendwoher müssen auch die Fakten kommen. GoogleNews und ähnliche Unternehmen spezialisieren sich auf die Distribution von Nachrichten und die damit verbundenen Werbeeinnahmen und interessieren sich nicht groß für die aufwändige Eigenproduktion von Nachrichten.

Was aber tun die Webmaster, wenn die zuliefernden Journalistinnen und Journalisten arbeitslos werden, wenn die verlässlichen Medieninstitutionen dicht machen – was gibt es dann auf dem Netz noch zu verteilen?

Weder die traditionellen noch die neuen Medien in den USA haben bisher ein kommerziell funktionierendes Geschäftsmodell für das neue vielschichtige Informationszeitalter gefunden. Das Werbevolumen nimmt insgesamt ab, die Nachfrage nach bezahlten Inseraten in der neuen Medienlandschaft exponentiell zu – so lässt sich seriöser Journalismus nicht finanzieren.

Information als Privatbesitz

Aber wie dann? Andere westliche Demokratien haben längst eingesehen, dass Information nicht allein als Privatbesitz, sondern auch als öffentliches Recht betrachtet und behandelt werden muss. Deutschland zum Beispiel gibt pro Kopf der Bevölkerung zwanzig mal so viel für die Subventionierung öffentlicher Medien aus wie die USA. Finnland und Dänemark zahlen gar fünfundsiebzigmal soviel.

Die USA lässt sich die Unterstützung der Pressefreiheit insgesamt 450 Millionen Dollar im Jahr kosten. Zum Vergleich: 2008 gab allein das Pentagon mehr als zehn Mal soviel, nämlich 4,7 Milliarden Dollar für Eigenwerbung beziehungsweise Propaganda aus. Das passt, würde Noam Chomsky wohl sagen, ausgezeichnet in das Konzept der US-amerikanischen Konsens-Fabrik.

Lotta Suter, geboren 1952, lebt als freie Journalistin in Hollis, New Hampshire. Zuletzt erschien ihr Buch Kein Frieden mehr. Die USA im Kriegszustand

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05:00 02.04.2009

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