Der Racheengel des "kleinen Mannes"

Phänomen Schill Patchwork-Identitäten und Lifestyle-Design sind ein Privileg der Mittelschichten. Der "Richter Gnadenlos" stärkt die gefährdete mentale Sicherheit derer, die sich unter Qual und Verzicht in pure Arbeitswesen verwandelten und nun überflüssig scheinen

So kann es nicht weitergehen, wo leben wir denn eigentlich? Wo sind wir denn hier? Ich glaub´, ich bin im falschen Film. Der Staat ist viel zu schlapp, es müsste viel energischer gegen Kriminelle und Ausländer vorgegangen werden! Wir brauchen wieder einen starken Mann, der den Saustall mit eisernem Besen ausmistet. Dass die Verbrecher, kaum dass sie drin sind, gleich wieder rauskommen und Ausgang erhalten, wo gibt´s denn so was? Jeder sollte wieder ein Arbeitsbuch haben. Wir sind von Ausländern überschwemmt, Deutschland ist nicht mehr deutsch, man fühlt sich fremd im eigenen Land." So oder ähnlich lässt sich die Gruppenfantasie der "Stillen im Lande" im Stehausschank bei Tschibo belauschen. Ronald Barnabas Schill, kürzlich mit fast 20 Prozent ins Hamburger Landesparlament gewählt, scheint es gelungen zu sein, sich zu ihrem Sprachrohr - zu ihrem "phantasy-leader" (Lloyd deMause) - aufzuschwingen.

Diese so oder ähnlich umlaufenden Klagen legen Zeugnis ab von einer tiefgreifenden Verstörung. Angesichts der neuen Verhaltenszumutungen der "Dritten Industriellen Revolution" fühlt sich der heutige "kleine Mann" wie Hebbels Meister Anton bei der Ersten: "Ich verstehe die Welt nicht mehr", sagt er am Ende des Stückes Maria Magdalena. Hebbel erlebte als Zeitgenosse die Transformation traditionaler Gemeinschaften in eine kapitalistische Gesellschaft und schilderte eine aus den Fugen geratene, spukhafte Welt voller verstörter Menschen in innerer Not und äußerem Elend. Könnte es nicht sein, dass sich, auf der Nacht- und Schattenseite zeitgenössischer sozio-ökonomischer Umbrüche, bei den Modernisierungs- und Globalisierungsverlierern ähnliche Gefühle und Ressentiments ansammeln? Viele Zeitgenossen erleben die neuen Anforderungen des "flexiblen Kapitalismus" wie Voodoo-Imperative: als eine gleichzeitige Wirklichkeits-, Erfahrungs- und Identitätsberaubung, die sie aus Gewohnheiten und Routinen aufscheucht und ihren Lebensläufen das Fundament zu entziehen droht. Nichts von dem, was sie gelernt haben, passt noch so richtig auf ein Lebensgelände; was gestern noch galt und sozial integrierte, kann morgen schon zu einer Quelle von Desorientierung und Wirklichkeitsverlust werden.

Verlust der Lebenslegende - postmoderne Bastel-Biografie ausgeschlossen

Aus der Verunsicherung Freude und Befriedigung zu schlagen, indem vage Schwebezustände ausgetestet und zu neuen Lebensentwürfen entwickelt werden, wer hätte das dem "kleinen Mann" je beigebracht? Ein durchschnittlicher 50-jähriger Bauarbeiter oder Krankenkassenangestellter verfügt über keine inneren Baupläne zur Herstellung einer "postmodernen Bastel-Biographie", die ihnen die Propheten der Individualisierung empfehlen. Auch der "kleine Mann" bestand ursprünglich, wie alle Menschen, aus verschieden Teilpersonen, aus denen dann unter Qualen und Verzicht ein Arbeitswesen wurde. Das ist er nun, und das bleibt er. Fitness-Center-Narzissmus, Lifestyle und kunstvolles Selbst-Design, die sich in den neuen Mittelschichten großer Beliebtheit erfreuen, sind seine Sache nicht.

Einer der Texte, die wieder abgestaubt und neu gelesen werden müssten, ist Wilhelm Reichs Rede an den kleinen Mann von 1948. Man merkt dem bitteren Spott dieser Schrift den enttäuschten Liebhaber an. Hatte er nicht eben jenem "kleinen Mann" einmal zugetraut, die Revolution zu machen und eine neue Welt zu begründen? Statt zum Totengräber der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft wurde er dann zum Totengräber von Leuten wie Wilhelm Reich.

Ich greife die Formulierung vom "kleinen Mann" auch deswegen auf, weil uns die Wahlforscher mitgeteilt haben, dass Schills Wählerschaft überwiegend aus über 40-jährigen Männern aus dem Arbeiter- und Angestellten-Milieu und mit geringer Schulbildung besteht. Offensichtlich sind unter ihnen Kränkungs- und Entwertungserlebnisse weiter verbreitet als anderswo. Grausamkeit, sagte Nietzsche, ist die Rache des verletzten Stolzes. Der Übergang von der industriellen zur informationellen Produktionsweise geht auch mit einer Aufwertung "weiblicher" Qualitäten und einem rapiden Niedergang traditioneller "männlicher" Tugenden einher. Doch wenn das "Weibliche" zum Modell des Menschlichen schlechthin wird, dann haftet dem "Männlichen" zunehmend etwas Atavistisches, Mangelhaftes an. Grund genug für den "kleinen Mann", gekränkt zu sein?

Schill als zeitgenössischer Vigilant - gleiches Unrecht für alle

Wenn der Angst- und Panikpegel der Bevölkerung ansteigt, schlägt die Stunde von Rechtspopulisten vom Schlage Ronald Schills, der nun seinen Privatwahn und seine Strafwut vermassen kann. Seine subjektive Paranoia wird zur kollektiven Paranoia von Teilbevölkerungen einer Stadt, vielleicht demnächst eines ganzen Landes. Schill verkörpert den Typ des Vigilanten (Wächters), der nun als "Richter Gnadenlos" loszieht, um auf eigene Faust für "Recht und Ordnung" zu sorgen. An der rabiaten, strafenden Verfolgung des Einzelfalls qua Amt vorläufig gehindert, wird er im großen Stil an die soziale Vertilgung der Übel gehen. Schluss mit der laschen Sozialpädagogik und Psychologie, die seiner richterlichen Strafwut dauernd mit ihren Hinweisen auf die schwere Vorgeschichte der Täter in die Quere kamen! Schluss mit den plagenden Zweifeln und Ambivalenzen der juristischen Urteils- und Wahrheitsfindung! Jetzt wird kurzer Prozess gemacht und das Übel an der Wurzel gepackt! "Wer mit dem Verbrechen kurzen Prozess machen will, macht bald gar keinen mehr", hat Friedrich Hacker einmal mit Blick auf die deutsche Vergangenheit warnend gesagt.

Schill genießt es, in seinen Reden eine Verbrechensgeschichte bunt auszumalen und als Höhepunkt einen Gutachter mit seiner entschuldigenden Rede von der schweren Kindheit des Täters auftreten zu lassen. An dieser Stelle kreischt seine Zuhörerschaft hysterisch-verzückt auf. Das Ressentiment des Beschädigten fordert gleiches Unrecht für alle: "Hatten wir nicht auch eine schwere Kindheit und reißen uns dennoch zusammen?" Den, der sich nicht so einschränkt wie man selbst, soll die volle Härte der Strafe treffen; sonst wären die eigenen Anstrengungen und Entbehrungen und Wunschvernichtungen umsonst gewesen.

Spätestens hier wird deutlich, dass "Innere Sicherheit" auch ein Chiffre ist, die eigentlich die gefährdete innere Sicherheit des "kleines Mannes" meint. Äußeres verweist auf Inneres, und dieses Innere ist die durch mannigfache Labilisierungen gefährdete Innerlichkeit des "kleinen Mannes". Sie ist im Wesentlichen "verinnerlichter Staat" und bedarf zu ihrer Aufrechterhaltung der permanenten Nachverdrängung: Das, was der autoritäre Staatswichtel mehr oder weniger verkrampft in sich niederhält, muss er aus sich heraussetzen und dort in Gestalt von Sündenböcken bekämpfen. Alles, was nicht sichtlich Seinesgleichen ist, ruft in ihm einen Juckreiz unterdrückter Gefühle und Begierden hervor.

Die von Schill geschürte Verbrechensfurcht erschließt sich uns als die Konkretisierung einer diffusen sozialen Dunkelangst, die den "kleinen Mann" plagt. Nachdem er den Angstgrund auf die Kriminalität und ihre sichtbaren Repräsentanten verschoben hat, hofft er, dass seine Angst zur Ruhe kommt, wenn diese energisch verfolgt und hart bestraft werden. Das soziale Vorurteil, hat Max Horkheimer einmal gesagt, fungiere als "Schlüssel, um eingepresste Bosheit loszulassen."

Der "Gesellschaftsvertrag" basiert also auf einem stillschweigenden Handel: im Prozess der Zivilisation tauscht der Mensch ursprüngliche Glücks- und Befriedigungsmöglichkeiten gegen Sicherheit und gedämpfte Leidenschaften ein. Wenn der Staat diese Sicherheit als Gegenleistung für den Verzicht nicht mehr garantieren kann, gerät die Geschäftsgrundlage des alltäglichen Lebens ins Wanken. Die Ausbildung einer legitimierten, an gesetzliche Regelungen gebundenen staatlichen Strafinstanz ist der Versuch, die archaische Strafwut zu bändigen und die Rachegelüste zu zivilisieren.

Feind im Spiegel - die Ära der Unübersichtlichkeit

Der faschistische Agitator und Populist betreibt "umgekehrte Psychoanalyse", hat Leo Löwenthal einmal gesagt. Statt das dumpf im psychischen Urgrund Schwelende und die frei flottierenden Ängste über sich selbst aufzuklären, eignet er sich diesen Rohstoff so an, wie er bereit liegt, und setzt ihn für seine Zwecke in Gang. In Zeiten verbreiteter Verunsicherung steigt das Bedürfnis nach entlastenden Vereinfachungen, und wer die simpelsten Polarisierungen liefert, hat die besten Aussichten, Gehör und Gefolgschaft zu finden. Wirkliche Aufklärung - unter striktem Verzicht auf alles Populistisch-Reklameähnliche - ist dagegen anstrengend und schmerzhaft. "Wer keinen Feind mehr hat, trifft ihn im Spiegel", hat Heiner Müller einmal gesagt. Die verheerenden Angriffe auf New York und Washington und die bisher vorherrschenden Formen ihrer interpretierenden Aneignung und Deutung drohen der Neigung zur Regression auf manichäische Weltbilder zusätzlich einen gewaltigen Schub zu verleihen. Zurückgegriffen wird auf eine Zwei-Welten-Theorie, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, dem Reaganschen "Reich des Bösen", zu Grabe getragen schien: Islam gegen jüdisch-christliche Welt, Morgenland gegen Abendland, Gottesstaat gegen westliche Demokratie. Das Bild des "Bösen", das uns nun in Gestalt von bin Laden und seiner fundamentalistischen Anhänger präsentiert wird, ist das beste Gefäß für alle möglichen Bedrohungs- und Unsicherheitsgefühle. Endlich ist sie vorbei, die schlimme feindlose Zeit, die Ära der Unübersichtlichkeit und quälenden Ambivalenzen, in der wir es plötzlich mit uns selbst zu tun hatten!

Wie sollen unter dem Druck des weltpolitisch entflammten Manichäismus innenpolitisch kritische Urteilskraft und Differenzierungsvermögen durchhalten oder sich entwickeln? Im Namen von Terrorismusbekämpfung und Innerer Sicherheit wird man bürgerliche Freiheits- und demokratische Grundrechte weiter beschneiden, Überwachungs- und Kontrollapparate ausbauen und jede Opposition gegen die Globalisierung und ihre verheerenden Auswirkungen kriminalisieren. Schon lässt Berlusconi verlauten, er könne keinen Unterschied zwischen den Demonstranten, die in Genua gegen den Weltwirtschaftsgipfel protestierten, und den Terroristen, die die Flugzeuge ins World Trade Center steuerten, erkennen. Was in Genua geschah, war antizipatorische Terroristenbekämpfung! Wer wird es jetzt noch wagen, jenen Polizisten - und ihren Auftraggebern - Vorwürfe zu machen, die schlafende Demonstranten (womöglich "Sleeper"?) brutal attackierten?

Kanzler Gnadenlos - die Einteilung in "Heilbare" und "Nicht-Heilbare"

Eine sich demokratisch verstehende Gesellschaft muss darauf achten, dass ihr im Umgang mit sensiblen Themen wie "Innere Sicherheit", Verbrechen und Strafe das Differenzierungsvermögen nicht abhanden kommt. Deswegen sind die Äußerungen von Kanzler Schröder über das lebenslange Wegsperren von "Männern, die sich an kleinen Mädchen vergehen" und nicht therapierbar seien, fatal. Wie weit ist er in diesem Punkt eigentlich vom Scharf-Richter Schill entfernt? Ein Blick in die Geschichte des Strafens zeigt, dass immer dann, wenn man anfängt, die Täter in "Heilbare" und "Nicht-Heilbare" einzuteilen, die Lage der Letzteren prekär zu werden beginnt. Wer will dagegen wissen, dass das Gros der Missbrauchfälle im Nahraum der Opfer entsteht, gewaltsam und sadistisch vorgehende Täter selten sind und nur sehr wenige Sexualtäter mit therapeutischen Mitteln nicht zu erreichen sind?

Statt differenzierter Analyse gießt der Kanzler Öl in das Feuer diffuser Rachegelüste. Durch markige Law-and-Order-Parolen will er sich die Stammtische erobern und die Populisten überholen. Wem nichts mehr einfällt, der erhöht den Druck auf die Armen, baut Gefängnisse und steigert die Gefangenenrate. Den wirtschafts-, steuer- und sozialpolitisch mehr und mehr zur Ohnmacht verdammten Nationalstaaten bleibt eigentlich nur noch das Feld der "Inneren Sicherheit", wo sie Handlungsfähigkeit demonstrieren und den verunsicherten Bürgern das Gefühl vermitteln können, es geschähe etwas.

Das Ergebnis von Hamburg und des Erfolgs von Schill wird sein, dass sich alle Parteien im bevorstehenden Bundestagswahlkampf in Sachen "Innerer Sicherheit" und Verbrechensbekämpfung an Härte zu überbieten versuchen und dass Stimmen, die auf Vernunft und Differenzierungen beharren, kein Gehör finden werden. Da Wahlen immer mehr zu einer Art von Werbe-Erfolgskontrolle verkommen, werden uns schauderhafte Spots zur "Inneren Sicherheit" ins Haus stehen, an deren Drehbüchern Ronald Schill unsichtbar mitwirken wird.

Dr. Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Anstaltspsychologe in der Justizvollzugsanstalt Butzbach (Hessen).

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00:00 19.10.2001

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