Der Ruf des Klabautermannes

Verschwinden Rabea Edels verstörend-schönes Debüt "Das Wasser, in dem wir schlafen"

So begann unsere Geschichte. Linas und meine. Sie begann im Juli, im Monat der Schlammfliegen, zwischen den durch den Wind verbogenen Bäumen am Straßengraben und den Hochspannungsmasten, auf deren Leitungen die Vögel schaukelten, auf der anderen Straßenseite ein Traktor; das einzige Geräusch, das mir von diesem Moment in Erinnerung geblieben ist, ist das Knirschen von Metall auf Holz. Ich habe Mutters Atemkreise an der Scheibe gesehen, Mutters starren Blick über meinen Kopf hinweg auf einen fernen Punkt weit hinter mir im Feld, aber ich habe außer diesem Knirschen, als der Wagen gegen den Baum rollte, nichts gehört, während ich mir die Fliegen aus den Augen wischte."

Dies ist die Geschichte einer Kindheit. Der Kindheit eines Mädchens, das zuviel für einen einzigen Körper war. Wer den schmalen Roman Rabea Edels als Märchen auffasst, gelangt schnell zu diesem Schluss. Dann erstaunt auch nicht, dass ein damals knapp dreijähriges Mädchen sich so detailgetreu an die Zeugung ihrer jüngeren Schwester erinnert. Die namenlose Ich-Erzählerin beginnt ihre Geschichte mit dem Liebesakt der Eltern im Auto, dem Moment, in dem Lina zum Leben "erweckt" wird. Auf 160 Seiten dreht sich der Debütroman der 24-jährigen Autorin um die Schwestern. Um Schmerz, Verlust, Abwesenheit. In einer Allegorie auf das Vergehen der Kindheit, den Schmerz der Pubertät, den Verlust geliebter Menschen. All das in einer Poesie und Sprachfeinheit, die dem Leser den Atem verschlägt.

Wie im Märchen, um bei dieser Parallele zu bleiben, haben die Prinzessinnen schwere Ausgangsbedingungen. Der königliche Vater ist schweigsam und lieb, etwas kauzig und lebensfremd. Die Mutter schläft wie nebenbei mit anderen Männern und berichtet der älteren Tochter von diesen Ereignissen - innerlich versteinert sie. Die Familie lebt in einem windschiefen Holzhäuschen außerhalb einer Ortschaft zwischen Wiesen, an einem See. Das Drama kann beginnen.

"Eine Woche nach Linas Geburt stand Mutter das erste Mal am Fenster und starrte in den Garten, bewegungslos und einen ganzen Tag lang. Über dem Vogelnest schwirrten die Fliegen, die Amsel saß blickweit entfernt auf einem Ast. So gesehen war es Linas Schuld." Andeutungen und Methaphern durchziehen den Text, ohne je störend zu wirken. Die Abwesenheit der Mutter, zunächst als stumme Figur am Fenster, später als tatsächlich Verschwundene, wird kindlich beobachtet, aber nie analysiert. Rabea Edel gelingt es, einen dichten Gefühlsteppich zu weben. Die Liebe der Erzählerin zu ihrer sagenhaft rasch wachsenden Schwester in Einklang mit der Liebe zur Mutter zu bringen, ihre Launen und Triebe zu zeigen, die Farbigkeit dieser kleinen Welt. "Meine Schwester war so schweigsam wie unsere Mutter seit Linas Geburt. Sie hatten die gleiche weiße, an den Handgelenken, Schläfen und Beinen durchscheinende Haut, unter der die blauen Venen schimmerten, und so, wie Mutters Augen an Farbe verloren, dunkelten die Augen meiner Schwester jeden Tag ein wenig mehr nach, in ein Grün hinüber, das klar war und tief und dunkel."

Die Mutter entschwindet langsam aus dem Leben der Mädchen, bis sie eines Tages, sie sind zwölf und 15 Jahre alt, wirklich weg ist. Aber das Haus scheint ohne sie nicht leerer zu sein als sonst. Die Schwestern gehen zur Schule, Lina schwimmt bis in den Winter hinein täglich im See, stellt sich nackt hinaus in den Regen oder übt in der Badewanne das Luftanhalten. Die Schwestern sind sich selbst überlassen, erfinden Geschichten vor sich und der Welt, geben sich als Zwillinge aus - und verlieben sich in den selben Jungen. Damit beginnt der Abschied. Voneinander, von der Kindheit, vom königlich trauernden, traurigen Vater. Und wie nebenbei tauchen wieder Schlammfliegen auf; "bis Lina zwölf und ich fünfzehn war, gab es keinen Schlammfliegensommer mehr, erst in dem Jahr, in dem Mutter ging, wuchs in den Algen am See die nächste Generation von Insekten heran."

Schlammfliegen gibt es tatsächlich, ausgewachsene Exemplare leben in der Ufervegetation der Gewässer, in denen sie als Larven gelebt haben. Sie nehmen meist kaum Nahrung auf. Die Paarfindung der Schlammfliegen erfolgt über chemische Stoffe sowie über Vibrationen. Frisch geschlüpfte Larven lassen sich ins Wasser fallen und beginnen dort ihre aquatische Lebensphase. Und wie die wirklichen Schlammfliegen lebt Lina ihre aquatische Phase aus, selbst wenn der See zugefroren ist, sucht sie seine Nähe. "An einem Tag Ende Januar, zwei Wochen nachdem Mutter gegangen war, sah ich zum erstenmal, wie meine Schwester sich auf das Eis legte. Ich ging hinunter zum See... Ihr Haar fiel in Strähnen über ihren Rücken und über die Wangen und legte sich rot auf das grüne Eis. ›Hörst du das?‹ sagte sie. ›Er ruft mich.‹ ›Wer?‹ fragte ich. ›Der Klabautermann‹, sagte Lina."

Die Ich-Erzählerin verlässt das Haus und den See und Lina, um doch nicht von ihnen loszukommen. Auch Gregor, der von beiden Geliebte, schwankt zwischen den Frauen und Möglichkeiten, niemand will und kann sich festlegen, wahrhaftig sein. Nur die Abwesenheit der Mutter ist wahr; oder auch nicht, ihre Artefakte streunen durch die Zeilen. Zeichen sammeln, Zeichen zertreuen. Alles hat einen doppelten Sinn. Der Ausgang des Romans ist irritierend wie überraschend, traurig und wehmütig. Ein Märchen von Hans Christian Andersen, in der heutigen Zeit spielend - und doch zeitlos, federleicht und klaftertief. Rabea Edel hat sich mit ihrem Debüt von einem träumenden Ander-Ich freigeschrieben. Wir dürfen gespannt sein, welches Land ihr trocknender Fuß betritt.

Rabea Edel: Das Wasser, in dem wir schlafen. Roman, Luchterhand, München, 2006, 160 S., 16,95 EUR


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