Der Schutz der Zukunft

Klimawandel Schon jetzt sterben weltweit hunderttausende Menschen an den Folgen der globalen Erwärmung. Aber der Aufschrei bleibt aus – bis der Westen selbst betroffen ist

Die "Bonn Climate Change Talks" sind bald vorüber. Die Gespräche von mehr als 4.000 Klimapolitikern und -wissenschaftlern, von Geschäftsleuten und Umweltaktivisten aus 182 Ländern, die seit Anfang des Monats in Bonn beraten, sollen die Klimaverhandlungen von Kopenhagen Ende des Jahres vorbereiten. Weitere Vorbereitungstreffen stehen an. Bis man sich in Kopenhagen trifft, wird noch viel Kerosin verflogen. Der Aufwand ist nur zu rechtfertigen, wenn es nach dem Auslaufen des Kyoto-Vertrages ein neues verpflichtendes Abkommen zum Schutz des Klimas gibt.

Hierzulande freuen wir uns über die wärmeren Sommer, und einer der Wetterfrösche der ARD hat gerade ein Buch auf den Markt gebracht, in dem er dem Klimawandel hoffnungsfroh Positives abgewinnt. Doch hält der Optimismus nicht lange vor. Das Global Humanitarian Forum, dessen Präsident der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan ist, hat wenige Tage vor den Bonner Gesprächen Ende Mai einen Report zum Klimawandel publiziert, der mit "Anatomie einer stillen Krise" betitelt ist, aber einen Aufschrei auslösen müsste. Bereits heute sterben etwa 300.000 Menschen jährlich an den Folgen des Klimawandels, 325 Millionen Menschen sind davon jetzt schon ernsthaft betroffen, die in Geld berechneten Verluste belaufen sich auf jährlich 125 Milliarden Dollar. Das ist nichts gegen die Kosten des Klimawandels, die Nicolas Stern in seinem berühmt gewordenen Report schon 2006 kalkuliert hat. 20 Prozent des globalen Sozialprodukts gehen verloren, wenn die Gletscher schmelzen, Küstenstriche überflutet werden, Inseln in den Ozeanen verschwinden, die Wüsten sich ausbreiten, und die Evolution des Lebens beeinträchtigt wird. Von Verwüstungen durch "ungewöhnliche Wettereignisse" wie Hurricanes und Taifune ganz abgesehen. Die EU rechnet mit jährlich rund 100 Milliarden Euro, die von Industriestaaten für den Klimaschutz in Entwicklungsländern aufgebracht werden müssten.

Nicht kalkulierbarer Einfluss auf die Evolution

Manche mögen sich fragen: Was sind schon die Kosten des Klimawandels gegenüber den Milliarden, die dem Steuerzahler in Rechnung gestellt werden, um Banken vor dem Kollaps zu retten? Diese Rechnung hat einen Haken. Ökologische Schäden sind etwas anderes als ungerecht verteilte monetäre Verluste – es handelt sich um irreversible Schädigungen der Natur mit einem nicht kalkulierbaren Einfluss auf die Evolution. Wir wissen nicht, was wir tun, wenn wir die Aufheizung der Erdatmosphäre fortsetzen.

Vor der UN-Vollversammlung haben die kleinen pazifischen Inselstaaten Palau und Nauru Anfang Juni deutlich gemacht, bei ihnen sei die Katastrophe bereits angekommen. Schon jetzt beantragen die Bewohner Asyl auf festem Land, weil die Inseln in den Fluten zu verschwinden drohen. Es handelt sich vorerst um weniger als 40.000 Menschen. Es könnten mehr werden, wenn der Meeresspiegel infolge des Klimawandels in den nächsten Jahrzehnten um bis zu sechs Meter steigt. Was ist dann mit Millionen Menschen in Bangladesh, dem Niger-Delta, Manhattan oder Hamburg, Amsterdam und Buenos Aires? Vorsorge gegen den Klimawandel, um ein Inferno zu vermeiden, ist also ein kategorischer Imperativ. Aber schon das Ziel, den Temperaturanstieg auf dem Planeten Erde auf zwei Grad Celsius bis 2050 zu beschränken, ist kaum einzuhalten. Die Emissionen von Kohlendioxid müssten in den nächsten Jahrzehnten radikal gesenkt werden, ab 2015 um jährlich etwa drei bis vier Prozent. Doch was passiert heute? Der Anstieg der CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre ist mit 3,6 Prozent etwa vier Mal höher als nach Verträgen zum Klimaschutz zulässig. Wenn weniger CO2 ausgestoßen werden soll, müssen weniger fossile Energieträger verbrannt werden. Diese sind aber unverzichtbar – so das Mantra –, um im globalen Wettbewerb satisfaktionsfähig zu sein.

Das ist fatal. Denn infolge der ökonomischen Konkurrenz auf dem Markt kommt das dringend geforderte gemeinsame Handeln der Vertragsparteien in der Politik nur schwer zustande. Alle wollen für sich ­Sonderkonditionen durchsetzen. Die klimapolitischen Instrumente sind auch nicht besser, nämlich unwirksam. Der Emissions­handel, die Anrechnung von Klimaschutzinvestitionen in Entwicklungsländer im Emissionsbudget hierzulande ("clean development mechanism") oder Aufforstungsprogramme zum Schutz der Wälder (REDD) sind "marktbasiert", mit ihnen wird Handel getrieben und auf Finanzmärkten spekuliert. Marktbasierte Klimapolitik fördert nach Auffassung des UN-Programms zur menschlichen Entwicklung vor allem eines: "pandemic cheating", Lug und Trug in globalem Maßstab.

In Kopenhagen besteht eine gute Gelegenheit, Klimapolitik wieder zu einer öffentlichen Aufgabe zu machen. Verringerte Treibhausgaskonzentration in der Erdatmosphäre können eher mit Abgaben und Steuern, ordnungsrechtlichen Regelungen und einer konsequenten Förderung erneuerbarer Energieträger erreicht werden als mit "marktbasierten" Instrumenten. Wenn Klimapolitik auch weiter den Märkten überantwortet wird, sollte man sich auf mehr als ein paar aus dem pazifischen Paradies vertriebene Insulaner gefasst machen.

11:00 10.06.2009

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gerhardhm | Community