Der Strich der Sklavinnen

Europastadt Strassburg Ein perfekter Ort für die Zuhälter-Mafia

Die Mädchen stehen in engen Röcken am Quai Louis Pasteur. Autos fahren langsam an ihnen vorbei. Männer mustern Figuren, Gesichter und Oberweiten. Ein Wagen stoppt, das Seitenfenster fährt herunter, ein Mädchen steigt ein und lotst den Freier ums nächste Eck auf einen dunklen Parkplatz. Hundert Meter entfernt steht hell erleuchtet das Polizeihauptquartier, nebenan liegt die Straßburger Stadtverwaltung. Licht aus, Motor aus, Bezahlung, Hose runter - für sein Geld hat der Freier Anspruch auf zehn Minuten. Sex kostet 50, die Hand der Prostituierten 30 Euro. Danach steigt sie wieder aus und läuft zurück an die Straße. Der Freier schaltet das Autolicht erst ein, als er wieder auf die Straße fährt.

Nacht für Nacht

Viktoria hat den Ausstieg geschafft. Sie sitzt im Appartement des Vereins Le Nid - "das Nest". Durch die großen Fenster sieht sie die Ill und die Fachwerk-Idylle der Innenstadt. Im Flur der Hilfsorganisation für Prostituierte baumelt ein Herzkissen mit einem Fragezeichen darauf. In einem Postfach warten Briefe und Karten darauf, dass sie von den Mädchen abgeholt werden. Bei Le Nid können Prostituierte in Ruhe über ein mögliches Ende des Hurenlebens reden. Auch Viktoria, die in Wirklichkeit nicht Viktoria heißt und Angst hat, ihr einstiger Zuhälter könnte sie erkennen. Die Bulgarin wartet augenblicklich in Straßburg auf einen Prozess, um gegen ihn auszusagen. "Ich bin doch jung und habe das Leben noch vor mir", sagt die 21-jährige schmale Person mit dem tiefschwarzen Haar und der starken Brille. Viktorias Weg auf den Straßburger Straßenstrich begann zuhause in Bulgarien. "Ich habe meine Menschenwürde schon verloren, bevor ich mich prostituierte." Viktoria wurde in ihrem Heimatdorf von mehreren Männern vergewaltigt, die sie kannte - es waren Nachbarn. "Danach empfand ich meinen Körper nur noch als schmutzig. Zur Polizei konnte ich nicht gehen, sonst hätte meine Familie Ärger bekommen." Schon früher sei ihr immer wieder angeboten worden, im Westen als Prostituierte zu arbeiten, ganze Dörfer in Bulgarien würden inzwischen fast nur noch von den Einnahmen der Zuhälter leben. Sie habe immer abgelehnt, weg zu gehen, aber nach der Vergewaltigung war alles anders. "Ich ertrug es nicht, immer wieder diesen Männern im Ort zu begegnen, und so zu tun, als sei nichts gewesen."

Ihr Zuhälter bringt sie zunächst mit einem Touristenvisum für drei Monate nach Nizza, über Brüssel fliegt sie schließlich nach Straßburg. Viktoria wohnt fortan in einem Hotel im deutschen Grenzort Kehl. Abends fährt sie mit dem Taxi nach Straßburg. "In der Regel arbeitete ich von neun Uhr abends bis fünf Uhr früh. Manchmal brachte das bis zu 1.000 Euro." Sie glaubt zunächst, die Hälfte der Einnahmen behalten zu können, doch muss sie alles abgeben, nur für das Hotel, das Essen und die Kleidung bekommt sie das Notwendigste. Straßenstrich, das heißt jeden Abend und sieben Tage in der Woche. Überwacht wird sie von einer Freundin, die abends in ihrer Nähe alles beobachtet. "Einmal war ich krank und erbrach mich, musste aber trotzdem weiterarbeiten." Viele Freier würden die Mädchen als Menschen zweiter Klasse betrachten und entsprechend behandeln.

Einmal wird Viktoria im Auto mit einem Messer bedroht, der Freier will es ohne Präservativ. "Ich wurde schwanger und musste abtreiben lassen." Nach zwei Jahren auf der Straße, Nacht für Nacht, beschließt sie, Hilfe bei Le Nid zu suchen. "Inzwischen habe ich das Gefühl, all das ist nicht mir, sondern einer anderen Frau passiert."

Jeden Abend wird Straßburg unübersehbar zu einer Metropole der Prostitution. Da in Frankreich Bordelle offiziell verboten sind, findet der gekaufte Sex mehr oder weniger in aller Öffentlichkeit statt: in Autos auf Firmen-Parkplätzen, am Rande des Hafengeländes, hinter Hecken am Wasser, auf unbeleuchteten Parkflächen vor Kirchen, Spielplätzen und Supermärkten. Und längst nicht mehr nur nachts. Was in der Europastadt passiert, nennen Organisationen wie Le Nid kurz und knapp "eine moderne Sklaverei", der inzwischen Mädchen aus mehr als 25 Ländern unterworfen sind, vorzugsweise aus Osteuropa, teilweise auch aus Afrika: Die meisten Frauen haben Monate oder Jahre der Ausbeutung hinter sich. Die Straßburger Sittenpolizei geht von rund 250 jungen Mädchen aus, die jährlich dazu kommen, kurzzeitig in andere Städte wechseln und wieder zurückkehren. Andere Schätzungen sprechen von bis zu 600 Betroffenen und Zuhälterringen in Polen, Tschechien, Russland und auf dem Balkan, die in Straßburg Trottoirs und Plätze untereinander aufgeteilt haben.

In den Zuhälter verliebt

Nur wenige wissen zunächst, worauf sie sich einlassen. Viktoria hat Mädchen getroffen, die sich prostituierten, weil sie in ihren Zuhälter verliebt waren. "Die versprechen ihnen ein Haus und ein gemeinsames Leben, und die naiven Geschöpfe glauben daran. Doch dann vergehen die Jahre." Die meisten werden mit falschen Verheißungen in den Goldenen Westen gelockt. Oft sind es harmlose Kontakt- oder Stellenanzeigen, auf die arbeitslose Frauen oder allein erziehende Mütter hereinfallen. Männer erzählen von österreichischen oder ungarischen Fabriken, von Jobs in Gärtnereien, von Mannequin-Karrieren oder Anstellungen als Kindermädchen, stattdessen aber ist für eine Bewerberin nichts anderes vorgesehen als der Strich am Oberrhein.

"Die Frauen werden abends an die Straße gestellt. Und da sie der Sprache nicht mächtig sind, bekommen sie einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem die Preise stehen", sagt der Offenburger Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Collmann. Eine Frau, die sich wehrte, wurde in Lahr eine Woche lang eingesperrt, musste Wasser aus der Dusche trinken und bekam nur ein trockenes Brötchen zu essen.

Wer sich weigert, seine Papiere abzugeben und damit zur Gefangenen der Zuhälter zu werden, oder wer zu wenig verdient, dem drohen die "Vermittler" mit Gewalt gegen die Familie zu Hause. Und drei Viertel der Frauen wissen, was das heißt - sie haben in ihrer Heimat von Vergewaltigungen über den prügelnden Ehemann bis zu Inzest viel erlebt.

Die Zuhälter kennen die unterschiedliche Gesetzeslage in Deutschland und Frankreich genau: in Frankreich wird zwar die Straßenprostitution toleriert, Zuhälterei jedoch ist verboten - in Deutschland hingegen ist in größeren Städten Prostitution in Bordellen und Nachtbars erlaubt. Die deutsche Grenzstadt Kehl ist insofern für die Zuhälter der ideale Rückzugsort, um vor dem Zugriff der französischen Polizei und Justiz sicher zu sein: sie bringen die Mädchen in Hotels unter und schicken sie am Abend mit Taxis über die Europa-Brücke ins wenige Meter entfernte Straßburg, um anschließend abzukassieren. Das Elsass erlebt seit Mitte der neunziger Jahre einen Prostituierten-Boom: Nach dem Schengener Abkommen kamen die Mädchen aus dem Osten legal mit einem Touristenvisum nach Kehl, um in Straßburg zu arbeiten und nach drei Monaten in ihre Heimat zurückzukehren.

Die deutsche Polizei beobachtet diese Entwicklung mit wachsender Sorge. "Es handelt sich nicht um Einzeltäter, wie man sich einen Zuhälter in der gewissen Beschützerrolle aus alten Zeiten auf Sankt Pauli vorstellt. Wir haben es hier mit organisierter Kriminalität und durchorganisierten Bandenstrukturen zu tun die bis tief in den Osten hineinreichen", sagt Oberstaatsanwalt Collmann. Menschenhandel, Erniedrigungen der Mädchen, brutale Schläge, Vergewaltigung, Entzug der Ausweispapiere, Quälereien, Erpressung oder sogar Mord. Und nur selten riskiert ein Mädchen die offene Rebellion. Das florierende Rotlichtmilieu bringt Drogen- und Waffengeschäfte mit sich. Zuweilen findet die Polizei Falschgeld und gefälschte Ausweise. Je weiter die Spuren in den Osten führten, so Collmann, um so schwieriger sei es, an die Strippenzieher heranzukommen.

Der Seelsorger Joseph Stenger hat für seine Arbeit den Segen des Straßburger Bischofs und will die Mädchen aus dem Teufelskreis der Prostitution herauszuholen. "Viele stehen unter Drogen oder sind alkoholabhängig, um diese Arbeit zu ertragen", sagt er. "Manchmal klingelt bei diesem harten Gehsteig-Geschäft schon nach einer Minute das Handy der Mädchen, wenn wir mit ihnen sprechen." So genannte "Kapos" überwachen aus sicherer Entfernung, was am Straßenrand geschieht, zumeist sind das ältere Prostituierte, die von Zeit zu Zeit über den Gehsteig patrouillieren, um das Geld einzusammeln.

Seit etlichen Monaten falle ein neuer Trend auf in Straßburg, sagt Isabelle Collot, Vorsitzende von Le Nid. Immer mehr Schleuser brächten Mädchen aus Afrika in die Stadt, überwiegend aus Nigeria, denen ein gut dotierter Job im Glitzer-Europa versprochen werde. Collot beobachtet, wie Mittelsmänner die jungen Frauen zur Straßburger Präfektur bringen, wo sie den Status eines politischen Flüchtlings beantragen müssen. "Die Bearbeitung eines solchen Antrags dauert sehr lange in Frankreich, mindestens ein bis zwei Jahre." Bis eine Entscheidung fällt, haben die Mädchen ein Aufenthaltsrecht in Frankreich, nur arbeiten dürfen sie nicht. "In dieser Zeit" - erzählt Isabelle Collot weiter - "zwingen die Zuhälter die Frauen jeden Tag zur Prostitution. Die Mädchen leben in ständiger Angst, denn viele sind in ihrer Heimat mit einem strengen religiösen Hintergrund aufgewachsen und fürchten, sie werden Unheil über ihre Familie bringen, wenn sie nicht weiter arbeiten."

Fackeln gegen die Freier

Jean-Marie Vinerbi von der Sittenpolizei sorgt sich um das Image der Europastadt. Im Mai 2002, als die Bulgarinnen plötzlich im bürgerlichen Wohnviertel Les Quinze - es liegt in der Nähe des Europarates - die Trottoirs eroberten, sahen sich die Anwohner empfindlich in ihrer Ruhe und Zurückgezogenheit gestört und taten einiges, um die Freier zu vertreiben. Bei den anfallenden Jagdszenen waren ebenso spektakuläre wie medienwirksame Methoden zu beobachten: Es wurden die Wagen der Kunden fotografiert, verbunden mit der Drohung, die Autokennzeichen ins Internet zu stellen - man entzündete Fackeln und Knallkörper. Außerdem platzierte die Stadt in allen Refugien der Straßenprostitution Verkehrsschilder, die ein absolutes Halteverbot verhängten. Isabelle Collot lacht: "Vielen Leuten geht es hier eher um das ordentliche Bild ihrer Stadt und ihre Ruhe - nicht um das Schicksal der Frauen."

Sie glaubt, eine zunehmende Banalisierung des Themas festgestellt zu haben. Wenn sie mit ihrer Vereinigung zu Aufklärungsstunden in die Schulen gehe, höre sie von 14-Jährigen, Prostitution sei doch eine ganz normale Möglichkeit, um Geld zu verdienen. Andere rechnen ihr vor, dass die Bulgarinnen auf den Straßen von Straßburg an einem Abend mehr verdienen als einen bulgarischen Monatslohn. "Wir sind längst soweit, dass inzwischen nur noch die Ökonomie etwas gilt und nicht der Schutz der Menschenwürde."

Oft haben Nid-Mitarbeiter sich prostituierende Frauen und Männer über Jahre hinweg begeleitet. Collot: "Fast alle sagen irgendwann: Diese Arbeit ist zerstörerisch."


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00:00 22.10.2004

Ausgabe 38/2020

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