Der Szenegegenkönig

Subkultur Vor 20 Jahren starb der Künstler „Matthias“ BAADER Holst unter einer Straßenbahn in Berlin. Zwei Bücher und eine Ausstellung erinnern an ihn

Ostberlin vor 20 Jahren: kurz nach dem Höhepunkt seiner Ausschweifungen, der Fall von „Matthias“ BAADER Holst – der Fall vor eine Straßenbahn. Woran er wenige Tage später, am 30. Juni 1990 im Krankenhaus starb.

Begonnen hatte alles mit seiner Geburt und die war in Quedlinburg, einer Stadt an der Bode nördlich des Harzes. Bald verschlug es ihn nach Halle, in eine jener DDR-Städte, die bis Mitte der achtziger Jahre vom Charme des Verfalls geprägt waren. Hier gab es eine aktive Künstler-, Punk- und Saufszene. Plus die vorherrschende Härte politischer Oppositionsgruppen mit anarchistischem Hang, deren Perspektive klar umrissen war – Knast oder (und) Westen. Alles in allem ein produktiver Boden, auf dem BAADERs Tanz begann. Er hielt sich nicht mit der Phase der langen Haare auf: Kurzhaarschnitt – Tendenz Glatze. Stand ihm besser. Die Wahl des Namenszusatzes BAADER war eine Reminiszenz an den Dadaisten Johannes Baader und das RAF-Mitglied Andreas.

In Halle lernte er den Beruf eines Baufacharbeiters, jobbte als Aushilfspostbote und Bibliotheksmitarbeiter und las, las, las – und fing an eigene Texte zu schreiben. Diese schmiss er seit 1983 in endlosen Wortkaskaden den ratlosen Zuhörern vor die Füße oder sang sie als Frontmann der Künstlerpunkband „Die letzten Recken“. Ab 1985 verlegte er mit Peter Winzer und Udo Wilke in einer Kleinauflage die Literaturzeitschrift Galeere. Nach der dritten Auflage wurde die Galeere wegen „Herausgabe nicht lizensierter Druckerzeugnisse“ verboten und eine Ordnungsstrafe ausgesprochen. BAADERs Texte, eine Montage aus politischen Schlagwörtern, erotischen Träumen und Zitaten aus der Literatur, erschienen danach in literarischen Samisdat-Veröffentlichungen Ostberlins, wie Entwerter/Oder, Liane oder Bizarre Städte.

Frigitte Hodenhorst Mundschenk

Im Jahre 1988 machte sich Peter Wawerzinek, genannt „ScHappy“, aus Berlin auf die Suche nach BAADER, von dem er viel gehört hatte, fand ihn in Halle und nahm ihn mit in den Prenzlauer Berg. Es folgten zwei Jahre produktiven Ärgers: Lesungen, Ausstellungseröffnungen und Konzerte der „Subkultur“ wurden besucht, gestört und gekapert. Sie mochten weder die Lederstiefel von Sascha Anderson, noch die Wichtigtuerei der Klemm-Mappen-Lesungen, auch keine Nichtrauchergalerien oder Konzerte von Bands mit Einstufung. Die beiden entwickelten ihre subversive Kraft, als die Prenzlauer-Berg-Szene schon verweste, sie tranken ihr Bier lieber in Proletenkneipen und bei den Anarchisten der „Kirche von unten“ als in den neu entstehenden Bars und den alten Künstlercafés. Manchmal sang BAADER dann doch mit seiner Band „Frigitte Hodenhorst Mundschenk“ (mit Bo Kondren und dem heutigen Rammstein-Keyboarder Flake Lorenz) bei ungeliebten Ausstellungseröffnungen. Aber was heißt sang? Meist wälzte er sich auf dem Boden und näherte sich, mit seinen Fingern in Rotweinlachen kreisend, unsittlich den Schuhen der anwesenden Prominenz. Dabei verließen, manchmal verständlich hörbar, Wörter seinen Körper.

Am 4. November 1989 in Berlin, zur größten Demonstration der „siegreichen friedlichen Revolution“, schmetterte BAADER mit Hilfe eines Megaphons im schwarzen Block kämpferische Gedichte zu Ehren Enver Hoxhas. Sie verhallten im friedlichen Nirwana. Doch verließ auch „Matthias“ BAADER Holst die Kraft mit dem Sterben des „Vaters DDR“. Seine Performances wurden seltener, seine Auftritte lustloser. Zeit für neue Zeiten.

BAADER arbeitete zur „Wende“ an seinem ersten Buch, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte. Das erste, Koitusbonzen rotzen, erschien im Herbst 1990, herausgegeben von Peter Wawerzinek und Freunden bei HinkelsteinDruck Berlin. Diese Druckerei wurde damals von Mitgliedern des libertären Flügels der „Kirche von unten“ in Friedrichshain gegründet. Unter ihnen Silvio Meyer, der 1992 von Nazis im U-Bahnhof Samariterstraße erstochen wurde. Das Buch kam nie in den Handel. Die folgenden beiden Buchveröffentlichungen traurig wie hans moser im sperma weinholds und koitusbonzen rotzen / zwischen bunt und bestialisch: all die toten albanier meines surfbretts erschienen im Verlag von Erich Maas, der auch zusammen mit Uwe Warnke BAADER mit einer Kamera durchs Land begleitete. Das Ergebnis heißt Briefe an die Jugend des Jahres 2017 und wurde in einer Kleinstauflage als VHS vertrieben. Und es erschienen Siebdruckeditionen mit Moritz Götze und Jörg Herold.

IM Dorstewitz

20 Jahre nach seinem Tod nimmt das Gedenken zu. Im Stadtmuseum Halle läuft noch bis zum 30. Juli die Ausstellung „Matthias“ BAADER Holst (1962-1990). Die von Moritz Götze und Peter Lang kuratierte Schau vereint alles von und über BAADER. In Vitrinen sind Schreibmaschinenmanuskripte zu sehen, Schulhefte mit Gedichten und Zeichnungen, Künstlerbücher, Editionen und das Hab und Gut, welches er am 24. Juni 1990 bei der Einlieferung ins Krankenhaus mit sich trug: eine weißgerahmte Sonnenbrille, ein Armband, eine Schachtel Karo-Zigaretten, eine Packung „Sprachlos“-Zigarillos. In den Museumsräumen sieht man plakatierte Schwarzweißfotos und gerahmte Originalabzüge: BAADER in Posen als Seemann oder Häftling, nackt auf einer Haustreppe, in Uniform der Volkspolizei, oder Aufnahmen zusammen mit Peter Wawerzinek. Daneben Berichte der informellen Mitarbeiter der Staatssicherheit „Dorstewitz“, „Faust“ oder „Elliot“. Vermutlich hätte BAADER dieser „Lektüre“ nicht mal ein Gähnen gewidmet. Seine ganze Kraft, sein Witz und seine Wortgewitter sind in dem vierminütigen Super-8-Film Baader in Leipzig von Jörg Herold zu erleben. Einem hektischen Reiseführer ähnlich erklärt BAADER die Sehenswürdigkeiten der Leipziger Innenstadt. Oder man hört rein in die Kassetten, die den Editionen Liane oder Entwerter/Oder beigelegt wurden und almdurtriefend oder Miliz Christi: Ni­gra sum heißen.

Zudem erscheinen im Hasenverlag Halle zwei Bücher: Tom Riebe „Matthias“ BAADER Holst – hinter mauern lauern wir auf uns. Das Buch enthält erstmals komplett alle Texte, die zu BAADERs Lebzeiten in Künstlerbüchern und Editionen erschienen sind. Dem Buch ist eine DVD mit zwei Filmdokumenten beige­geben sowie ein Editionsbericht und eine biografische Zeittafel. Peter Wawerzinek Das Desinteresse. Wawerzineks persönliche Erinnerungen an BAADER. „Auf den Leibern der Gruppenmitglieder hat nur der Szenekönig selbst getanzt.“

Dirk Teschner, geboren 1963 in Karl-Marx-Stadt, ist Kurator, freier Journalist und Kritiker. Ende der achtziger Jahre war er Mitglied der Berliner Kirche von unten und Herausgeber verschiedener Samisdat-Zeitschriften

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08:00 26.06.2010

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