Der unbekannte Gast

Mikrokosmos Edgardo Cozarinsky und Memo Anjel tauchen in ihren Romanen "Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich" und "Das meschuggene Jahr" in die jüdischen Enklaven von Medellín und Buenos Aires ein

Mit Lateinamerika werden in Deutschland bestimmte Klischees verbunden: Armut, Gewalt, Guerilla, Drogenhandel, marode wirtschaftliche und politische Verhältnisse, dazu eine Prise Salsa oder Samba. Die Romane, die in den letzten drei Jahrzehnten aus jenen Breiten ins Deutsche übersetzt wurden, bedienten in der Mehrzahl diese Klischees. Sie führten in die ländliche Welt der Indios und Mestizen, dorthin, wo sich abspielt, was gemeinhin mit dem "magischen Realismus" verbunden wird. Doch längst wohnen über 75 Prozent der Lateinamerikaner in Städten. Und längst schlägt sich das in der Literatur nieder, sowie sich in dieser auch sehr wohl wiederspiegelt, dass Lateinamerika nicht nur von Indigenen und Nachfahren von Spaniern und - im Süden - Italienern besiedelt ist. Allmählich setzen sich auch in den von dort übersetzten Romanen Sujets durch, die nicht den Klischees entsprechen. Das meschuggene Jahr des Kolumbianers Memo Anjel und Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich des Argentiniers Edgardo Cozarinsky zählen dazu. Sie führen in die jüdischen Viertel der Metropolen Medellín und Buenos Aires.

Beide Autoren stehen dennoch in guter, lateinamerikanischer Tradition. Ihre Sprache ist klar, aber phantasievoll, und sie verstehen zu erzählen. Selbst die Magie kommt nicht zu kurz, auch wenn sie der jüdischen Glaubenswelt und nicht der mestizisch-katholischen entspringt. Cozarinsky begibt sich zudem auf ein Terrain, auf dem er und seine argentinischen Schriftsteller-Kollegen seit langem zu Hause sind, wenn er eine weitere Facette der zum Ende des 19. Jahrhunderts beginnenden, großen Einwanderungswelle aus Europa ausleuchtet. Cozarinskys vorheriger Roman, Die Braut aus Odessa, thematisierte bereits die Einwanderung aus Osteuropa. Man mag dem 1939 geborenen, seit dem argentinischen Militärputsch von 1974 in Paris lebenden Sohn jüdischer Immigranten aus Russland zunächst vorwerfen, er habe sich aus kommerziellen Gründen dafür entschieden, seine Geschichte im Tango-Milieu anzusiedeln und somit erneut Klischees zu bedienen, doch die Originalität des Romans lässt diese Vermutung schnell vergessen. Und obendrein assoziiert jeder Argentinier mit der Einwanderung tatsächlich immer gleich den Tango.

Zwar hat Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich gerade einmal 124 Seiten, doch schnell nacherzählt ist der Roman nicht, weil sich Cozarinsky auf verschiedenen zeitlichen Ebenen bewegt und es ihm trotz der Kürze gelingt, einen Mikrokosmos fast eines Jahrhunderts jüdischen Lebens zu schaffen.

Die inhaltliche Klammer des Romans bilden die Nachforschungen eines halbjüdischen Studenten, des Ich-Erzählers, zum Theater der jüdischen Einwanderer. Er besucht einen der letzten noch lebenden Protagonisten, den Bandoneonspieler Samuel Warschauer, der in einem jüdischen Altersheim als dessen letzter Bewohner auf sein Ende harrt, und ihm seine Sammlung alter Theaterprogrammhefte überlässt. Darin entdeckt der Student einen Hinweis auf das Stück Der moldawische Zuhälter. Der junge Mann beginnt, darüber zu recherchieren. Der moldawische Zuhälter, so lautet auch übersetzt der Originaltitel des Romans, und es sei die Frage erlaubt, warum der Verlag ihn um der Authentizität willen nicht beibehalten, sondern sich für eine Zeile aus jenem Stück entschieden hat.

Aus einem Puzzle aus Programmheften, Zeitungsarchiven, Erinnerungen der Tochter des Stückeschreibers sowie Gesprächen mit Warschauer selbst rekonstruiert der Ich-Erzähler dessen Leben. Als junger Mann verliebt sich Warschauer in die polnische Jüdin Yuya, die er in einem Bordell trifft, einem der 2.000, die die jüdische Zuhälterorganisation Zwi Migdal damals in Argentinien betrieb. Die Geschichte Yuyas, die mit dreizehn Jahren aus ihrem polnischen Dorf von der Zwi Migdal entführt worden ist, macht den bewegendsten, einfühlsamsten Teil des Buches aus.

Yuya stirbt bald an TBC und Samuel heiratet wieder, Perl, die Sängerin und Hure aus der Ukraine, die jiddische Tangos singt und mit ihm im Moldawischen Zuhälter auftritt. Perl wird schwanger, als englische und amerikanische Truppen in Frankreich an Land gingen: "Perl wollte glauben, dass ihr Kind in eine Welt geboren würde, in der Juden keine Angst haben müssten." Maxi, der Sohn, wird später nach Frankreich emigrieren und um der Karriere willen für lange Jahre seine jüdische Herkunft verleugnen. Samuel stirbt allein, in einem Land, in dem es längst kein jiddisches Theater mehr gibt und in dem, wie der Student zufällig entdeckt, jüdische Grabsteine zu Wirtshaustischen umgeschliffen werden.

Auch Memo Angel geht es um jüdische Identität in der Diaspora. Doch während Cozarinsky den fortschreitenden Verlust des Jüdischen im Zuge der Anpassung an eine nichtjüdische Umgebung beschreibt, nimmt sich der kolumbianische Professor für Kommunikation gerade dem Bewahren jüdischer Bräuche und Gewohnheiten an. Als Kind sephardischer Juden aus Algerien in Medellín geboren, erzählt Anjel, wie eine vielköpfige jüdische Familie alles daran setzt, das Geld für eine Reise nach Jerusalem aufzutreiben, oder vielmehr, wie der 13-jährige Sohn, der Ich-Erzähler, die Vorbereitungen für diese Reise wahrnimmt.

Der Vater müht sich, das nötige Geld für das große Ziel aufzutreiben, mit der Erfindung einer automatischen "Brotfabrikmaschine". Dieser ist jedoch kein kommerzieller Erfolg beschieden, und die Reise muss erst einmal verschoben werden. Während der Vater an weiteren Erfindungen bastelt, geht das Leben munter weiter. Onkel Chaim, der die phantastischsten Geschichten zu erzählen weiß, ist erst dem Tode nahe und überlebt dann wie durch ein Wunder, schwängert Rivka, die Tochter der jüdischen Buchhändlerin, unternimmt einen Selbstmordversuch und fängt ein Verhältnis mit Rivkas Schwester an, was die Mutter unseres Erzählers dazu bringt, Onkel Chaim von ihrem Tisch zu verstoßen.

Der jüdische Tisch (Mesa de Judíos), hat Memo Anjel seinen Roman im Original genannt, denn ein Großteil des Familienlebens findet bei Olivensalat, Reis mit Mandeln oder Hammelkeule in süßer Sauce statt. "Auf dem Tisch stand immer ein zusätzlicher Teller für jemanden, den wir oft gar nicht kannten." Die gestrenge Großmutter aus Algerien nimmt dort ebenso Platz wie ein Vertreter von Hörgeräten, der zum Entsetzen der Mutter mit der Schwester des Erzählers den auch in Medellín so beliebten Tango tanzt und obendrein Schweinswürste isst. Und bei Tisch sorgt die Mutter dafür, dass Anstand, Moral und gute jüdische Sitten nicht in Vergessenheit geraten. Während des bunten Treibens werden fortwährend Postkarten, Fotos und Pläne von Jerusalem studiert, wo die Familie sich schließlich doch noch zum Foto aufstellen kann.

Memo Anjel siedelt seinen Roman im Jahr 1954 an, zur Zeit der sogenannten "Violencia" (Gewalt), als in Kolumbien ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Anhängern von liberaler und konservativer Partei tobte. Und doch, und damit schreibt Anjel gegen die gängigen Klischees über sein Land an, gibt es dort eben nicht nur Krieg und Gewalt.

Edgardo Cozarinsky Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich. Roman. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Wagenbach, Berlin 2007, 124 S., 16,50 EUR

Memo Anjel Das meschuggene Jahr" target="_blank">Das meschuggene Jahr. Roman. Aus dem Spanischen von Erich Hackl und Peter Schultze-Kraft. Unionsverlag, Zürich 2007 (Erstausgabe 2005). 187 S., 8,90 EUR

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