Der unsichtbare dritte Halunke

Übertragung Warum werden Filmtitel immer wieder auf so merkwürdige Weise eingedeutscht? Ein Blick in den Abgrund des Irrsinns
Der unsichtbare dritte Halunke
Eigentlich waren Eastwood, Van Cleef und Wallach „Il buono, il brutto, il cattivo“

Abbildung: Movie Poster Image Art/Getty Images

An diesem Donnerstag startet der neue Judd-Apatow-Film Trainwreck. Er handelt von der Redakteurin Amy, die das Motto ihres Vaters verinnerlicht hat, Monogamie sei ein Verhaltensfehler. Der Titel des US-amerikanischen Films verweist nicht auf ein tatsächliches Zugunglück, sondern auf die unausweichliche Katastrophe, auf die Amy zusteuert, als sie sich in den Sportarzt Aaron verliebt – wodurch ihr Lebensmotto auf eine schwere Prüfung gestellt wird. Nun herrscht in der Marketingabteilung, die über den deutschen Titel des fremdsprachigen Films entscheidet, der unerschütterliche Glaube, dass die Komödie einen „lustigen Titel“ bräuchte, weshalb Trainwreck in Deutschland Dating Queen – Beziehungen sind auch keine Lösung heißen wird. Das ist kein Einzelfall. Der Irrsinn hat Methode.

The Guard (2011) etwa ist ein Film über einen eigenwilligen irischen Polizisten, der gezwungen wird, mit einem schwarzen FBI-Agenten zusammenzuarbeiten. In der deutschen Übersetzung wird daraus der grenzwertige Titel Ein Ire sieht schwarz. Der Coen-Brüder-Film Burn After Reading, der im Original wie die Anweisung heißt, geheime Dokumente zu verbrennen, nachdem man sie gelesen hat, wird im Deutschen zu einem albern-nichtssagenden Wer verbrennt sich hier die Finger?. Jay Roachs Film über einen Krankenpfleger, der zum ersten Mal die Eltern seiner Freundin trifft, mit dem eigentlich lässigen Titel Meet the Parents (2000), wird ausgewalzt zu Meine Braut, ihr Vater und ich.

Unser Gewinnspiel

Passend zu dieser Seite und der im Berliner Arsenal-Kino laufenden Don-Siegel-Reihe veranstalten wir ein zweiteiliges Gewinnspiel, natürlich mit sorgsam ausgewähltem Preis.

Die Pflicht Ordnen Sie den folgenden drei Don-Siegel-Originalfilmtiteln die jeweilige („richtige“ wäre ja falsch) Eindeutschung zu.

1 Charley Varrick
2 Hell Is for Heroes
3 The Lineup

A Der Henker ist unterwegs
B Die ins Gras beißen
C Der große Coup

Die Kür Schicken Sie uns Ihren persönlichen Favoriten unter eingedeutschten Filmtiteln (kurze Begründung möglich). Punktrichter ist unser Autor und Titel-Szene-Experte Werner Kranwetvogel.

Der Preis Entweder 1 × 2 Karten für einen Film der Don-Siegel-Retrospektive (bitte Datum angeben, Programm unter arsenal-berlin.de) oder eine DVD von Charley Varrick. Einsendungen an community-support@freitag.de bis Montag, 17. August, 16 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Matthias Dell

Ein besonders absurdes Beispiel ist Julien Temples durchgeknalltes Sci-Fi-Musical Earth Girls Are Easy von 1988. Darin muss sich die Stylistin Valerie zwischen ihrem fiesen Verlobten und dem wahnsinnig netten Außerirdischen Mac entscheiden – was ihr schwerfällt, sie will eben kein „Easy Earth Girl“ sein. Im deutschen Titel verschwindet der Bezug zur Story völlig zugunsten einer Referenz, die man heute erklären muss. In den 80er Jahren war die Popformation DÖF (Deutsch-Österreichisches Feingefühl) mit ihrem Hit Codo geläufig. In Anlehnung an die Textzeile „Codo, der Dritte, aus der Sternenmitte“ nannte der Verleih Temples Film Zebo, der Dritte aus der Sternenmitte. Dass DÖF mit dem Film überhaupt nichts zu tun hatte und Zebo nur einer der beiden Sidekicks des von Jeff Goldblum gespielten Mac ist – egal. Hauptsache, es klingt „lustig“.

Geht man davon aus, dass ein Film ein Gesamtkunstwerk ist wie ein Haus, in dem alle Teile fein austariert sind, dann ist der Titel die Tür, durch die man dieses Haus betritt. In den USA und in anderen Ländern versucht man, diese Tür schlicht und elegant zu halten – und vertraut darauf, dass das Haus dahinter spektakulär genug ist. In Deutschland tauscht man die elegante Tür gern gegen eine krachig-bunte Billigtür aus dem Baumarkt aus oder klebt eine unhandliche Bedienungsanleitung drauf, eine Mode, die in den 80er Jahren aufkam.

Zu dieser Zeit war es üblich, dass in Deutschland Filme erst ein halbes Jahr nach dem US-Start in die Kinos kamen. Um den Hype aus den USA mitzunehmen, behielt man den Originaltitel, ergänzte ihn aber durch oft merkwürdig sperrige Untertitel: Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt, Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel, Backdraft – Männer, die durchs Feuer gehen, The Abyss – Abgrund des Todes. Das Prinzip der erklärenden Doppeltitel hat sich bis heute gehalten, gelegentlich werden die Originaltitel sogar noch durch falsche englische Titel ersetzt. Siehe Dating Queen oder Vince Vaughns neue Komödie Unfinished Business, auf Deutsch Big Business – Außer Spesen nichts gewesen.

Deutschen Titelübersetzern ist nicht Klarheit wichtig, sondern Lautstärke. Deshalb steht an erster Stelle neben den „lustigen“ Komödientiteln die drastische Aufladung. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Stieg-Larsson-Verfilmung Verblendung (bei der das Elend freilich schon beim deutschen Buchtitel beginnt). Das Original heißt sachlich Männer, die Frauen hassen, was die beiden Storylines verbindet: die der Lisbeth Salander, die von ihrem Vormund vergewaltigt wird, und den Fall, den der Journalist Mikael Blomkvist zu lösen versucht. Verblendet wird weder im Buch noch im Film jemand, es geht darum, dass sich junge Mädchen gegen sexuell perverse und gewalttätige Männer zur Wehr setzen.

Beispiele für deutsche Drastik findet man zuhauf. Joseph Sargents cooler Actionfilm The Taking of Pelham One Two Three (1974) könnte Die Entführung der U-Bahn 1-2-3 sein, heißt aber Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3, obwohl Kern des Films keine Todesfahrt, sondern das Stand-off zwischen den U-Bahn-Entführern und der Polizei ist. Billy Wilders großartiges Journalistendrama Ace in the Hole von 1951 wird zum Reporter des Satans, der Forbidden Planet (1956) zum Alarm im Weltall, Peeping Tom (1959) zu den Augen der Angst, The Manchurian Candidate (1959) wiederum zum Botschafter der Angst, der Neowestern 3:10 to Yuma (2007) zum Todeszug nach Yuma, die Bridesmaids (2011) zum Brautalarm, The Party (1968) zum Partyschreck und Michael Ciminos The Deer Hunter von 1978 (in dem sich Robert De Niros Figur nach der verstörenden Erfahrung des Vietnamkriegs auf der Jagd in der Heimat entscheidet, den Hirsch nicht zu töten, sondern ihn laufen zu lassen) heißt dann Die durch die Hölle gehen.

Hinter dem Helden

Mittlerweile haben sich die Zuschauer so sehr an das Prinzip der lauten und aufgekratzten Titel gewöhnt, dass es unvorstellbar geworden ist, einen Film unter dem Titel Gefroren herauszubringen. Dabei war Frozen (2013) der größte Erfolg Disneys seit Jahren und hat allein in den USA über 400 Millionen Dollar eingespielt. In Deutschland kennt man ihn als Die Eiskönigin – Völlig unverfroren. Hätte Jennifer Lee auf ihr Drehbuch The Ice Queen – Totally unfrozened oder sonstigen Unsinn geschrieben – wir hätten dieses wundervolle Märchen vermutlich nie zu sehen bekommen.

Betonen englische Titel gern den Kern der Story, lässt man in Deutschland oft die Heldenreise hinter dem Helden verschwinden. So wird John Carpenters Escape from New York (1981) zu Die Klapperschlange, John Fords Postkutschenfilm Stagechoach (1939) zu John Waynes Figur des Ringo, Fords Kavallerie-Epos She Wore a Yellow Ribbon (1949), in dem das gelbe Band die Treue der Frau zum Geliebten im Krieg symbolisiert, zum Teufelshauptmann, Hitchcocks North by Northwest (1959) zu Der unsichtbare Dritte. Selbst der Titel von Ted Kotcheffs First Blood über den traumatisierten Vietnam-Heimkehrer John Rambo betont die Story – dass sich Rambo nur verteidigt. Gegenüber seinem Mentor Colonel Trautman rechtfertigt er sich mit dem schönen Satz: „They drew first blood, not me.“

So verschieben die deutschen Titel die Erwartungshaltung, mit der man in den Kinosaal geht, und setzen neue Schwerpunkte – teilweise sogar sinnentstellend. Sergio Leones Meisterwerk Il buono, il brutto, il cattivo (1966) ist ein Film über drei Männer, die im US-amerikanischen Sezessionskrieg einem verlorenen Goldschatz nachjagen. In den USA kennt man den Film um ein „und“ ergänzt als The Good, the Bad and the Ugly, in Deutschland dagegen nimmt man die von Clint Eastwood gespielte Figur des Guten und Eli Wallachs Hässlichen, um den Film im Titel auf Zwei glorreiche Halunken zu verkürzen. Den dritten glorreichen Halunken, den von Lee Van Cleef gespielten Bösen, lässt die deutsche Übersetzung einfach unter den Tisch fallen, obwohl der Höhepunkt ein filmgeschichtlich einmaliges Duell zu dritt ist.

Sergio Leones nächstem Meisterwerk Once Upon a Time in the West (1968), dem epischen Abgesang auf den Wilden Westen vor der Eisenbahn, nimmt die Eindeutschung das epische „Es war einmal“ und wählt einen Satz des von Henry Fonda gespielten Bösewichts, der im Original gar nicht fällt: Spiel mir das Lied vom Tod. John Fords Western The Searchers (1956) erzählt die Geschichte eines Kriegsveteranen, der sich auf die Suche nach seiner entführten Nichte macht. Die fünf Jahre lang „Suchenden“ verschwinden in der deutschen Übersetzung zugunsten der Nebenfigur des Entführers – eines Häuptlings, der überdies eigentlich „Scar“ („Narbe“) genannt wird, auf Deutsch jedoch Der Schwarze Falke heißt.

Warum übersetzt man in Deutschland nicht mit mehr Sensibilität und bewahrt die ursprüngliche Idee, auf die sich die Filmemacher einmal verständigt hatten? Selbst Leute aus der Filmbranche bringen gerne das Argument, dass der Zuschauer Orientierung brauche. Der Originaltitel ist ihnen nicht selten egal, wichtig bleibt allein, dass der deutsche Titel „cool“ klingt. In dieser Logik müsste das Volksdrama Faust in Faust – Pakt mit dem Teufel umbenannt werden. Sorry, Herr Goethe, ihr Titel hat in der Marktforschung schlecht getestet, das olle Volksmärchen kennt doch heute keiner mehr, wir schärfen das jetzt bisschen an.

Natürlich müssen Filme vermarktet werden, schließlich kosten sie viel Geld. Aber deutsche Zuschauer sind nicht dämlich, sie brauchen keine grob geschnitzten Labels zum Lachen und zum Gruseln. Man darf die sorgfältig gestaltete Originaltür ruhig am Haus dranlassen. Louis de Funès’ Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe (1981) heißt im Original schlicht La soupe aux choux. Kohlsuppe. Lustig genug.

Werner Kranwetvogel ist Regisseur und Drehbuchautor

06:00 13.08.2015

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