Der weinende Stern

Alltag Als die Mauer fiel, kam der Westen in den Osten - und Russland nach Berlin

Zwar hingen keine Leichen an den Laternen, aber eine Revolution war es doch. Allein des Gefühls wegen, wenn du, schwerelos, hoch auf dem gelben Wagen in der U-1 durch die Luft saust, während unter deinen Füßen verblüfften Menschenmassen das Begrüßungsgeld ausgehändigt wird. Wir, von der Elbe bis nach Kamtschatka, waren von dem Kirmeszeitgeist wie betrunken - alles wie neu, und die Zukunft lag zu uns Füßen, hier, jetzt.

Auf dieser Welle der Begeisterung surfte ich nach Berlin und blieb. Die Stadt fieberte. Ähnlich vielleicht wie in den Stunden Null, als Rotarmisten zwischen Ruinen tanzten und die Berliner erschrocken zuschauten. Nun feierten die Deutschen ihren Sieg, aber wir, die Fremden, waren nicht ausgeladen. Im Gegenteil, blickten die siegreichen Westdeutschen häufig über die Köpfe der befreiten Brüder weiter, gen wilden Osten.

Zwischen den deutschen und russischen Metropolen herrschte reger Verkehr, in dessen hiesiger Avantgarde ambitionierte Jungslawisten schritten. Die sowjetische Seite wurde durch ein illustres Volk vertreten: von kleinen Spekulanten, die Westtouristen ausnahmen, bis zu glänzenden Astrophysikern. An Missverständnissen mangelte es nicht: Wir wollten irgendwie westlich aussehen, handeln und wirken. Die deutschen Studenten glaubten dagegen an den Osten. Wie Wanderzirkusse zogen die gemischten Cliquen von Party zur Party, zwischen Moskau und Berlin, Hamburg und Leningrad. Die Russen waren fasziniert von Schaufenstern und Werbung. Die Deutschen von deren Abwesenheit. Die Deutschen waren hingerissen, nach sowjetischem Ritus gezapfte Getränke - Kwas, Bier oder Milch - aus riesigen Gefäßen zugeteilt zu bekommen. Die Russen bevorzugten Dosenbier. "Man muss nicht unbedingt Adidas tragen", sagten die deutschen Alternativen und zogen demonstrativ sowjetische Sportlatschen an. Wir hatten von diesen Galoschen die Nase voll, ebenso wie von wollenen sowjetischen Matrosenanzügen, wir liebten germanische Märkte, deren Ruhm den revolutionären Geist der Perestroika merklich förderte.

Vom Rausch blieb keiner verschont: in Deutschland floss Wodka Gorbatschow in Strömen, andauernd zwinkerten Wildfremde uns Russen lustig und allwissend zu, mit unvermeidlichem "Na zdorovje!". Selbstverständlich wurden auch unsere slawischen Feste von externen Bewunderern besucht. So traf ich eines Tages, es war 1992 bei einer russischen Party in Berlin, eine kleine angespannte Frau, die mich ansprach, viele Fragen stellte und aufmerksam zuhörte. Es war Frau Rotstein, eine Malerin, die erfolgreich in ihrem Beruf war, was man auf den ersten Blick nicht vermutet hätte. Frau Rotstein war sichtbar von der Perestroika angetan, bedauerte sehr, dass sie kein Russisch sprach und bat mich, für sie eine Reise nach Russland zu organisieren. Sehr bald packte sie ihre Koffer und brach nach Moskau auf, ausgerüstet mit Empfehlungsbriefen für meine Bekannten. Erst heute verstehe ich, dass diese Reise für diese politisch äußerst linke, westdeutsche Malerin eine große Herausforderung gewesen sein muss. In ihrem Innern hatte sie gehofft, in Moskau noch brauchbare Puzzleteile des zerplatzten realsozialistischen Systems zu finden. Dort angekommen, blieb ihr nichts übrig, als den Triumph des kapitalistischen Geistes mitzufeiern.

Diese Verwirrungen einer linken Seele stießen bei mir damals auf keinerlei Resonanz. Gleich den rotwangigen "Na zdorovje"-Typen pflegte ich blinden Respekt allem gegenüber, was ein westliches Label trug.

Als Frau Rotstein zurück in Berlin war, lud sie mich zum Essen ein, als kleines Dankeschön für die Vermittlung. Ich ging hin. Ihr Atelier befand sich in einem riesigen Durchgangszimmer mit geschmücktem Plafond und majestätischen Türen. Den Rest der geräumigen Wohnung teilte sie mit ihrer Mutter, die alle archetypischen Merkmale ihrer Gattung aufwies: dunkles Kleid mit weißem Kragen, helle Schürze, glattes graues Haarbündel am Hinterkopf. Als sie mich begrüßte, betrachtete sie die Fußmatte unter ihren Füßen und zog sich unverzüglich in die Küche zurück.

Frau Rotstein bat mich gleich ins Atelier, wo Dutzende von Bildern an den Wänden standen. Es waren ausschließlich Moskauer Ansichten: bekannte und triviale Motive, die wir von Postkarten kennen. Anders als die Ansichtskarten verströmten Frau Rotsteins Acrylbilder jedoch eine enorme Kraft und Energie. Die leichte, nervöse Hand und die unruhigen Farben verfremdeten vertraute Motive und setzten die Akzente ganz neu. Eine Reihe von frei entworfenen Skizzen des Kreml unter einem sich wälzenden Himmel in rosa und violett verzauberten mich.

"Ich will dir etwas schenken", sagte die Malerin.

Sie schlug die Bilder auseinander, als ob sie in den Seiten eines rissigen Buches blätterte, die Lippen fest zusammengepresst. Ihr schwarzer Pulli mit hohem Rollkragen und die enge schwarze Hose betonten Sachlichkeit. Nur die blau-weißen Turnschuhe tanzten aus der Reihe, dieses billigste sowjetische Schuhwerk aus Gummi und Leinen.

Sie waren offenbar nicht das einzige Moskauer Mitbringsel: Auf dem Boden lagen zwei aufgerissene, nicht ausgepackte Koffer. Obenauf ein geblümtes Tuch und ein Bildband Sowjetische Fotographie 1917-1940. Dazu: eine Matrosenjacke, ein dicker Schreibblock in grobes Schweinsleder eingeschlagen, ein brauner Gürtel mit goldenem Stern am Schloss, eine Pelzmütze, ein Bündel chinesischer Malpinsel.

"Liebe Damen, das Essen ist fertig! Ich bitte Sie!" meldete sich die Mutter aus der Küche.

Im Unterschied zur übrigen Wohnung war die Küche eng und dunkel. Auf dem Tisch waren auf drei Tellern Wiener Schnitzel, gekochte Kartoffeln und geschnittene Salzgurken angerichtet.

"Bier?" lächelte freundlich die ältere Dame. Ich schüttelte den Kopf, kein Bier bitte und bitte für mich nur Kartoffeln und Gurken. Ich war seinerzeit Weintrinkerin und aß kein Fleisch.

"Du bist ja eine Feinschmeckerin", lächelte Frau Rotstein. "Mama, haben wir Fisch? Fisch, etwas aus Fisch?"

"Fischstäbchen", entgegnete die Mutter.

"Na, mach schon", sagte die Tochter gereizt, es war deutlich zu spüren, dass sie hier das Sagen hatte. Es ging einige Zeit hin und her, am Ende erkämpfte ich mir mein Recht, auf das Schnitzel zu verzichten.

Frau Rotstein schenkte mir an diesem Abend ein wunderschönes Bild: ein roter Stern auf zu Asche verschmolzenem Schwarz und Weiß. Grobe, kühne Ölfarbenstriche. Der unregelmäßige Stern hinkte und schien an manchen Stellen zu bluten.

Zwei Tage später klingelte das Telefon. Die Stimme im Hörer gehörte Frau Rotstein, sie war etwas leiser und tiefer als sonst. Sie sprach lange und ließ sich nicht unterbrechen. Sie beschwerte sich, dass ich die Nase über ihr Schnitzel gerümpft hätte, während meine Landsleute kaum etwas zu essen hatten. Sie entschuldigte sich, dass sie mir nicht Hummer mit Wein serviert hatte. Sie stellte fest, dass ich mich wie ein Papua von wertlosen, glänzenden Perlen blenden ließ. Sie vermutete, dass ich bereit wäre, mit meinen schicken Turnschuhen über die armen Köpfe anderer Russen zu schreiten. Sie behauptete, dass wir, die Nutznießer der Wende, Taugenichtse seien. Sie versicherte, dass sie die Gräuel des Stalinregimes nicht leugnete. Sie sei aber fest davon überzeugt, dass irgendwer in dieser Welt ohne Kaschmirmäntel und dreilagiges Toilettenpapier auskommen können müsse. Sie verkündete, sie selbst sei bereit, auf viele Annehmlichkeiten zu verzichten. Sie fragte sich, wer sich im fiebernden Russland mit der Perestroika befassen sollte, wenn wir alle bereit wären, über einen halben Kontinent ein paar Sonderangeboten hinterherzukriechen ...

Ich legte auf.

Meine Tränen waren noch unterwegs, als das Telefon schon wieder klingelte. Die Mutter Rotstein meldete sich. Sie wollte sich an Stelle der Tochter entschuldigen, die gemütskrank sei und momentan in einer Krise stecke. Das erklärte vieles, schmerzte aber dennoch sehr. Weil die kranke Malerin in vielem Recht hatte: Dass der scheinbar übermächtige Gegner sich durch Supersonderangebote korrumpieren ließ. Dass es den enthaltsamen Übermenschen, den die Revolution gezüchtet und als Schwarzweißfoto in alle Welt verbreitet hatte, nicht mehr gab.

Zu den Glasperlen: Damals wartete in Leningrad eine Postdiplomstelle an einem Institut auf mich, während ich in Berlin als Raupe arbeitete. Als Werbung für ein neu eröffnetes Kaufhaus tappten wir, acht junge Menschen, unter einem bunten Plüschbezug im Dunkeln, unsere Beine stellten die Extremitäten eines riesigen Tausendfüßlers dar.

Das ist lange her. Inzwischen habe ich in Berlin Wurzeln geschlagen. Und nachdem ich Dutzende von Wurstsorten gekostet, etwa tausend Avocados verzehrt, meinen Kaschmirmantel aufgetragen und zirka eine Tonne dreilagiges Toilettenpapier vernichtet habe, kann ich auch nur noch sachte mit dem Kopf schütteln, wenn ich Immigranten, die Novizen unserer Demokratie, auf der Straße erlebe: mit gierigen Augen, bodenlosen Taschen und vollen Einkaufswagen.

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