Der Wundertäter

Evo Morales Er ist Boliviens erster indigener Präsident und steht vor der Wiederwahl. Findet das Land mit ihm zu sich selbst?
Benjamin Beutler | Ausgabe 40/2014 8
Der Wundertäter
Kritiker beklagen einen „rot lackierten Staatskapitalismus“ und werfen Evo Morales vor, Verrat an der Natur begangen zu haben
Foto: Evaristo Sa / AFP / Getty Images

Was haben uns Konservative, die mit dem Kapitalismus, Imperialismus und Kolonialismus verbündeten Fernsehsender, die neoliberalen Parteien nicht alles gesagt, besonders zur indigen-bäuerlichen Bewegung: Ihr habt kein Recht, Politik zu machen. Für euch ist Politik ein Verbrechen, eine Sünde. Eure Politik ist Schaufel und Hacke im Altiplano.“ Dass sich Geschichte selten so abspielt, wie das Parteistrategen suggerieren, daran hat Juan Evo Morales Ayma im Wahlkampf vor dem Präsidentenvotum am 12. Oktober mit derartigen Aussagen unablässig erinnert. Ob Freund oder Feind, darüber ist man sich im Elf-Millionen-Einwohner-Staat einig: Seit der streitbare Aymara – neben den Quechua die zweitgrößte indigene Volksgruppe – die politische Bühne betreten hat und beherrscht, ist Bolivien ein anderes Land geworden.

Ein Aufstand des Zorns, ausgehend von der Armenstadt El Alto, hatte Bolivien 2003 zwei Jahrzehnte neoliberaler Hegemonie überwinden lassen. Präsident Sánchez de Lozada setzte sich ins US-Exil ab. Ende 2005 erhob dann ein fulminanter Wahlsieg Evo Morales, den Bauernsohn mit Grundschulabschluss, zum ersten indigenen Staatschef einer Republik, die sich einst für den Libertador Simón Bolívar als Namensgeber entschieden hatte. Ein 2006 gewählter Verfassungskonvent rief nach einem Referendum drei Jahre später den Plurinationalen Staat aus. Als Konsequenz dieser konstitutionellen Zäsur nehmen heute so viele Ureinwohner und Frauen auf Parlamentssitzen Platz wie in keinem anderen Land Südamerikas. Und nirgendwo sonst vom Río Grande bis Feuerland wurden Hunger, Armut, Müttersterblichkeit und Analphabetismus erfolgreicher bekämpft. In den neun Jahren mit dem Präsidenten Morales ließen über zwei Millionen das Elend hinter sich. Wenig überraschend genießt die Linksregierung so viel Vertrauen, dass die Serie ihrer Wahlsiege nicht abreißt – beachtlich für ein Land, in dem einst der Militärputsch als probates Mittel galt, sich Macht anzueignen.

Doch nicht nur im Kongress von La Paz, wo die Bewegung zum Sozialismus (MAS) zuletzt mit Zweidrittelmehrheit regierte und die Hausherren in Poncho und Krawatte die große Uhr über dem Stufenportal als Hommage an die „demokratisch-kulturelle Revolution“ links herum laufen lassen, hat sich der Wind gedreht. Man verbucht eine gestärkte Binnenökonomie mit Rekordinvestitionen des Staates, Wachstum und einen stabilen Haushalt. Es gibt keinen fremden Zugriff auf Boliviens Bodenschätze mehr, eine Renaissance lange verfemter Indígena-Kulturen und eine selbstbewusste Außenpolitik, die das Menschenrecht auf Wasser als Völkerrecht deutet und US-Botschafter, ohne mit der Wimper zu zucken, als Persona non grata nach Hause schickt. Mit Morales hat die Nation zu sich selbst finden können.

Die Vita des 54-Jährigen – mal mit Liebe, mal mit Abscheu nur „Evo“ gerufen – spiegelt die Geschichte einer durch Armut und die Hinterhof-Politik der USA erniedrigten Gesellschaft. Geboren 1959 im staubigen Nest Isallavi, das über 3.700 Meter hoch im Bergbau-Departamento Oruro liegt, wuchs der Junge in der kargen Welt des Altiplano auf. Erinnerungen seiner Schwester Esther lassen wissen, warum die Sozialprogramme des Bruders nach der Nationalisierung der Gas- und Ölvorkommen im Jahr 2006 gebraucht wurden. Die gewonnenen Milliarden umzuverteilen duldete keinen Aufschub. „Unser Dorf lebte ohne medizinische Versorgung“, erzählt Esther. „Meine Mutter behandelte unser Fieber allein mit Koka und Zucker. Manchmal heilte uns das. Wenn das Fieber so hoch war, dass es wehtat, bekamen wir Koka und Zucker unter die Achseln gedrückt, um unsere Füße wurde ein schwarzes Tuch gewickelt. Was so viel bedeutete wie: Du wirst durchkommen oder musst sterben.“ Sieben Kinder brachte die Mutter von Evo Morales im Ayllu Sullka (Kanton Orinoco) zur Welt – nur drei überlebten.

Kritik von Rechten wie radikalen Linken begleitet den Präsidenten seit jeher. Die einen geißeln eine interventionistische Wirtschaftspolitik und bürokratischen Staatssozialismus, der Investoren verschrecke. Anderen geht der von Morales proklamierte „Prozess des Wandels“ nicht weit genug. Es wird ein „rot lackierter Staatskapitalismus“ beklagt. Morales begehe Verrat an der Natur, weil die Abhängigkeit vom Weltmarkt mit schwankenden Gas- und Mineralienpreisen nicht überwunden sei und die Umwelt weiter zerstört werde. Andere beklagen, die Gewaltenteilung sei von Politisierung bedroht, da über die Richterschaft im von Korruption und Rassismus geprägten Justizwesen bis hoch zum Verfassungsgericht inzwischen direkt an der Wahlurne entschieden wird.

Morales sei ein Populist, wie er im Buche steht, befindet die oppositionelle Presse. Wenn er sich für einen steigenden Mindestlohn einsetze, die Gehälter im öffentlichen Dienst anheben oder die Altersgrenze für den Rentenbezug senken wolle, den Bau von Straßen und Hospitälern verspreche, sei das auch einem irrationalen Wahn zur Machterhaltung geschuldet. Fehlt nur, dass Boliviens beliebtestem Präsidenten aller Zeiten die Schuld für die Zerstrittenheit der traditionellen Eliten angehängt wird. Durften Indigene und Bauern vor der bürgerlichen Revolution von 1952 überhaupt nicht wählen, gehen heute so viele Menschen wie nie zuvor zu den Voten über den Präsidenten oder das Parlament. Letzte Umfragen sehen den bisherigen Hausherren im Palacio Quemado bei beeindruckenden 59 Prozent.

 

Benjamin Beutler ist freier Journalist und Autor des Bolivien-Buches Das weiße Gold der Zukunft

06:00 07.10.2014

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