Der Zorro des Jihad

Mythos al Sarkawi Amerikaner, Jordanier und Kurden haben ihn gemeinsam geschaffen und damit al Qaida zu einem globalen anti-imperialistischen Credo verholfen

Wie die meisten so genannten Terrorismus-Experten, hörte ich den Namen al Sarkawis erstmals am 5. Februar 2003, als ihn Collin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat als eine Art Verbindungsmann zwischen al Qaida und Saddam Hussein darstellte. Zu dieser Zeit wusste ich bereits, dies war eine Fiktion: Al Qaida hatte zwar 1998 versucht, Saddam über dessen Sohn Udai zu kontaktieren, doch hatte sich der irakische Diktator geweigert, auch nur mit Osama bin Laden zu sprechen. Damals wusste ich allerdings nicht, ob al Sarkawi al Qaida angehörte. So begann ich, jihadistische Websites und Berichte aus den arabischen Medien zu lesen und interviewte per e-mail zahlreiche Jihadisten, so dass die Lebensgeschichte al Sarkawis nach und nach Gestalt annahm.

Daraus ließ sich ersehen, al Sarkawi ist das Produkt zweier Feinde: der USA, die dafür sorgten, dass er zum Mythos wurde, und des Qaidismus, der neuen anti-imperialistischen Ideologie, die aus dem entstand, was von al Qaida nach dem Sturz der Taliban in Afghanistan Ende 2001 übrig blieb. Drei Etappen waren zu erkennen, in denen sich al Sarkawi zu einem internationalen Terror-Führer entwickelt hatte: Seine Kindheit und Jugend, die zusammenfielen mit einer Verhärtung der palästinensischen Diaspora und dem Antisowjetismus des Jihad; seine Inhaftierung Mitte der neunziger Jahre, als al Qaida zu einer terroristischen Organisation mutierte. Schließlich al Sarkawis Mythologisierung, die nach dem 11. September 2001 von den Amerikanern bewirkt wurde, um den Irak-Krieg zu rechtfertigen. Parallel dazu wurde al Qaida zerstört und entstand als globale Ideologie neu.

Chicago des Mittleren Ostens

Al Sarkawi heißt eigentlich Ahmed Fadel al Khalaylah und wurde Ende Oktober 1966 im jordanischen Sarka geboren, der zweitgrößten Stadt des Landes nach Amman. Ein Industrierevier, eingekreist von palästinensischen Flüchtlingslagern, gezeichnet von Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Ihre Bewohner nennen sie gar "das Chicago des Mittleren Ostens". Al Sarkawi teilt dort die Tragödie der palästinensischen Diaspora mit ihren Zehntausenden von Flüchtlingen, unter denen es profilierte Prediger wie radikale Salafisten gibt.

Al Sarkawi wächst in Masum auf, einem der ärmsten Arbeiterviertel, in dem traditionelle Stammeswerte täglich auf eine rigide Modernisierung prallen, und ist sich der palästinensischen Herausforderung sehr bald bewusst. Seine Familie hat beduinische Ursprünge, muss sich aber in Sarka niederlassen, um über die Runden zu kommen. Mit 16 Jahren, nach dem Tod seines Vaters, bricht der Junge die Schule ab, schließt sich einer lokalen Gang an und wird wegen eines sexuellen Übergriffs verhaftet. Er muss für einige Zeit ins Gefängnis, wo er Kontakt zu religiösen Radikalen hat. Nach seiner Entlassung heiratet al Sarkawi eine Cousine und beginnt, die örtliche Moschee zu besuchen, wo er für den anti-sowjetischen Jihad in Afghanistan rekrutiert wird.

Die Vorstellung, Mudschaheddin zu werden, verbindet sich für ihn mit der romantischen Idee vom arabischen Krieger - welche Politik hinter dem Afghanistan-Krieg steht, scheint ihm kaum bewusst. Al Sarkawi ist damals ein sehr einfaches, ungebildetes Individuum. Als er schließlich 1989 in Afghanistan eintrifft, haben die Sowjets das Land bereits verlassen, er muss in keiner Schlacht mehr kämpfen, sondern beginnt, im arabisch-afghanischen Büro von Peshawar zu arbeiten. Dort trifft er al Maqdisi, einen islamischen Intellektuellen, der ihn mit dem radikalen Salafismus in Berührung bringt. Eine Doktrin, die darauf zielt, alle westlichen Einflüsse zu zerstören und zur Reinheit des Islam zurückzukehren - auf al Sarkawi übt der Salafismus eine geradezu hypnotische Wirkung aus.

Von 1989 bis 1993 bleibt er in Afghanistan, eine Zeit, in der sich bei al Qaida bedeutende Veränderungen vollziehen. Einst hat Scheich Azzam die Organisation als wilde Avantgarde internationaler Mudschaheddin-Brigaden gegründet. Nach dessen Ermordung übernehmen Osama bin Laden und Ayman al Zawahiri die Führung, letzterer ist Physiker und Mitglied des Islamischen Jihad, einer bewaffneten Formation aus Ägypten. Beide verwandeln al Qaida Mitte der neunziger Jahren in eine bewaffnete Organisation, die vorrangig über Selbstmordkommandos in Aktion tritt. Der erwähnte al Maqdisi - al Sarkawis Lehrer - bewundert al Zawahiri und unterstützt dessen Theorie, wonach die Mudschaheddin Terrortaktiken einsetzen sollten, um die arabischen Regimes zu stürzen. Al Sarkawi beeindruckt diese Idee: Zusammen mit al Maqdisi kehrt er nach Sarka zurück, gründet eine jihadistische Zelle zum Sturz des Regimes und wird wenig später festgenommen.

Streit um den 11. September

Die zweite Etappe auf dem Weg al Sarkawis zum internationalen Terrorführer beginnt in einem jordanischen Gefängnis. Folter und Einzelhaft können ihn nicht brechen; im Gegenteil, die Härte eines arabischen Strafvollzugs steigert seine Entschlossenheit, die Autoritäten herauszufordern. Er legt sich mit den Aufsehern an und schützt seine Freunde. Erstmals offenbart er nicht nur Führungsqualitäten, sondern auch ein bemerkenswertes Organisationstalent. Die Häftlinge wählen ihn zu ihrem Sprecher - dem "Emir". Sie sind beeindruckt von seinem Willen - al Sarkawi lernt in der Zelle den Koran auswendig - und seiner Solidarität mit anderen Gefangenen. Einmal badet er persönlich einen verletzten Mudschaheddin, der beide Beine verloren hat. Doch bleibt al Sarkawi ein einfacher Mann, der sich stark von einem Intellektuellen des Typs al Maqdisi unterscheidet. Als er 1998 - noch im Gefängnis - davon hört, dass bin Laden und al Zawahiri darüber nachdenken, gegen die "zionistischen Kreuzfahrer" zu kämpfen, um damit den weit entfernten Feind USA zu treffen, lehnt er diese Ideen in der Überzeugung ab, der Jihad müsse lokalisiert und auf den nahen Feind fokussiert werden, die korrupten oligarchischen Regimes Arabiens.

Als al Sarkawi 1999 durch eine Amnestie des neuen jordanischen Königs Abdullah frei kommt, geht er wieder nach Afghanistan und trifft dort erstmals Osama bin Laden, der ihm und seinen Anhängern anbietet, sich al Qaida anzuschließen. Al Sarkawi verweigert sich, er will nicht die Amerikaner, sondern weiter das jordanische Regime bekämpfen. Die Taliban wie auch moderate Kräfte innerhalb von al Qaida zeigen sich unterdessen besorgt über mögliche Konsequenzen der geplanten Anschläge in den USA, sie versuchen, bin Laden von der Attacke abzubringen, da sie den amerikanischen Gegenschlag fürchten. Hingegen bemühen sich Hardliner, den al-Qaida-Chef zu bewegen, Massenvernichtungswaffen für den Fall zu akquirieren, dass die US-Armee nach dem 11. September 2001 in Afghanistan interveniert - doch Osama bin Laden hält nichts von derartigen Waffen und verwirft die Idee.

Al Sarkawi kann den internen Streit bei al Qaida insofern nutzen, als er die Taliban davon überzeugt, ein Lager in Herat an der Grenze zum Iran einzurichten, das als Camp für Palästinenser, Jordanier und Syrer dazu dient, Selbstmordattentäter auszubilden. In Herat baut al Sarkawi Kontakte zu radikalen Salafisten im Iran sowie zu einer jordanischen Gruppe auf, die ins irakische Kurdistan geht, um sich der Ansar al Islam anzuschließen, einer bewaffneten Formation im Dunstkreis von al Qaida. Al Sarkawi verdankt es diesen Beziehungen, dass er sich nach dem Fall des Taliban-Regimes Ende 2001 über den Iran nach Irakisch-Kurdistan absetzen kann.

Ein Mythos wird erschaffen

Nach dem 11. September 2001 beginnt die dritte und vorerst letzte Etappe von al Sarkawis Reise aus den Slums von Sarka zum Terror-Führer. Der Fall des Taliban-Regimes im Oktober 2001 erschüttert al Qaida, zerstört dessen Infrastruktur und zwingt die Führung, sich in Pakistan zu verbergen. Für al Sarkawi trifft das nicht zu, er hat al Qaida niemals direkt angehört und entscheidet sich für das Refugium Kurdistan.

Im Januar 2002 warnt der kurdische Geheimdienst die US-Regierung, al Sarkawi sei der al-Qaida-Statthalter im irakischen Kurdistan. Die Amerikaner wissen zunächst gar nicht, vor wem sie gewarnt werden, kontaktieren die jordanischen Behörden, die zwar keine Beweise haben, aber einen Sündenbock für eine Reihe unaufgeklärter Terroranschläge brauchen. Die kurdische, von Saddam Hussein weitgehend autonome Regionalregierung hat ein anderes Motiv für die Kooperation mit den Amerikanern - sie will die Jihadisten loswerden. Weder die einen, noch die anderen verfügen auch nur über Indizien für al Sarkawis al Qaida-Bindungen, doch sie haben ein Interesse daran, dass genau diese Version verbreitet und der Mythos al Sarkawi geschaffen wird.

Der Bush-Regierung kommt dies gerade recht, braucht sie doch einen Grund, um gegen den Irak Krieg zu führen. Da keine Massenvernichtungswaffen gefunden werden, wird die Invasion durch Saddams mutmaßliche Kollaboration mit al Qaida gerechtfertigt - der Verbindungsmann heiße al Sarkawi.

Heute wissen wir, Collin Powells Rede vor der UNO am 5. Februar 2003 basiert größtenteils auf Falschinformationen, doch als er al Sarkawi als neuen internationalen Terror-Führer erwähnt, glaubt ihm die ganze Welt. Von diesem Augenblick an wird aus einem völlig unbekannten Chef einer sehr kleinen, eher unbedeutenden Gruppe von Jihadisten das neue Monster - Geheimdienste, Politiker und Medien schreiben ihm alle größeren Terrorattacken nach dem 11. September zu.

Der UN-Auftritt Collin Powells ist nicht zuletzt für die jihadistische Bewegung von Vorteil - sie wird mit einem neuen, dringend benötigten operativen Führer versorgt. Da Osama bin Laden und al Zawahiri in Pakistan festsitzen, wird al Sarkawi zur neuen Ikone des islamischen anti-westlichen Kampfes. Sein Mythos befördert al Qaidas Übergang von einer kleinen, hoch integrierten bewaffneten Elite zu einem globalen anti-imperialistischen Credo. Alle rund über die Welt verstreuten Jihadisten - darauf bedacht, den 11. September nachzuahmen - wollen mit al Sarkawi in Verbindung gebracht werden. Es entsteht ein ausgedehntes Netzwerk aus Familien und Freunden, aus radikalen Salafisten, Jihadisten und al Qaida-Sympathisanten. Geld und Menschen, potenzielle Selbstmordattentäter, strömen aus dem Nahen Osten und aus Europa in den Irak zu al Sarkawi.

Während der neue Mythos dessen Popularität außerhalb des Irak anfacht, bleibt er dort zunächst bezeichnenderweise unbekannt oder wird mit Argwohn betrachtet, da er Ausländer ist und eine kleine Gruppe arabischer Jihadisten führt. Darauf deutet auch der Umstand hin, dass al Sarkawi bis zum August 2003 wartet - also bis zum Ende des offiziellen Krieges -, bevor er in die Kampfarena tritt. Zu dieser Zeit befindet sich der schiitische Aufstand schon in vollem Gange, die Bevölkerung wendet sich mehrheitlich gegen die Koalitionstruppen. Al Sarkawi hat nicht über die Mittel verfügt, die Amerikaner während der Kampfhandlungen im März und April 2003 zu attackieren. Auch sucht er ab August 2003 die Anerkennung Osama bin Ladens, da es ihm an der nötigen Legitimität fehlt, die sunnitische Bevölkerung zu sammeln - schließlich ist er kein religiöser Führer, sondern eine Figur aus dem jordanischen Subproletariat. Und tatsächlich nominiert ihn bin Laden im Dezember 2004 als Führer al Qaidas im Irak.

Aus der Korrespondenz zwischen beiden lässt sich ablesen, wie gut der Jordanier den internen irakischen Konflikt begriffen hat und damit umzugehen weiß. Er ist von Anfang an entschlossen, einen Keil zwischen Sunniten und Schiiten zu treiben, damit es keine nationalistische Front gibt, die säkular wäre und daher von Nachteil für die arabischen Jihadisten. Er führt seinen Kampf an zwei Fronten: gegen die Schiiten und gegen die Koalitionstruppen. Dabei verwendet er die Taktiken des Terrorismus: Selbstmordattentate gegen die Schiiten und die Koalitionstruppen, die Entführung und im Internet übertragene Enthauptung westlicher Geiseln. Diese Gräueltaten verstärken und bestätigen seinen Status als unbarmherzigen Terrorführer. Jetzt erst wird wahr, was Collin Powell vor der UNO behauptet hat.

Globalisierung und Starkult

Al Sarkawi wird zur machtvollen Ikone, weil er in den Slums von Sarka geboren und dort aufgewachsen ist, weil er über keine Ausbildung verfügt und eine Vergangenheit als Kleinkrimineller hat. Er ist ein Mann der Massen. Viele Jihadisten glauben gar, die jihadistische Bewegung habe wegen dieser Biografie eine Art Demokratisierung unterlaufen. Sie sei wirklich egalitär. Ein Trugschluss, denn al Sarkawi hat den Gipfel der jihadistischen Hierarchie vor allem deshalb erreicht, weil ihn Kurden, Jordanier und Amerikaner dorthin gehievt haben. Er ist ein Produkt der Globalisierung und eines obsessiven Starkults der modernen Gesellschaft. In einem surrealen Zusammenspiel wird ein erfundener Mythos zur Realität - und heute kämpft der Westen gegen einen von ihm selbst inspirierten Aufstand.

Könnte al Sarkawis sozialer Hintergrund die Demokratisierung der jihadistischen Bewegung ermöglichen? Neues und armes Blut einbringen? Wird dadurch Osama bin Ladens und al Zawahiris Führung geschwächt? Eindeutig zielt al Sarkawis "Demokratisierung" auf weitere Radikalisierung. Er ist vollkommen auf das zerstörerische Gesicht seiner revolutionären Mission fokussiert. Sein Motto lautet totaler Krieg.

Dennoch bietet sich dem Westen heute die einmalige Gelegenheit, den Bruch innerhalb der jihadistischen Bewegung auszunutzen, der durch den Starkult um den Proletarier aus Sarka provoziert wird. Die jüngst von Leuten wie al Zawahiri, al Maqdisi und selbst Abu Qatada - intellektuellen Führern der jihadistischen Bewegung - geäußerte Kritik an al Sarkawis Einsatz von Selbstmordattentätern im Irak, ist ein klares Zeichen, dass die alte Elite die Kontrolle verliert. Die USA könnten diesen Bruch offen legen und bin Laden anbieten, er solle den Beweis antreten, den Irak befrieden und al Sarkawi stoppen zu können - er solle den Aufstand für zehn Tage unterbrechen. Die Amerikaner könnten dann entweder erleben, ob bin Laden dieses Angebot in Erwägung zieht, oder zusehen, wie die jihadistische Führung zerbricht, wenn er es annimmt. Aber derartige strategische Manöver sind für die Regierungen Bush und Blair keine Option. Ihr Motto gleicht dem al Sarkawis: totaler Krieg gegen die Terroristen.

Bei diesem Text handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Vortrags. Wir danken Loretta Napoleoni für die Abdruckgenehmigung.

Aus dem Englischen von Steffen Vogel


Loretta Napoleoni...

... geboren in Rom, studierte an der John Hopkins Universität und der London School of Economics. Als Wirtschaftswissenschaftlerin war sie für Banken und internationale Organisationen in Europa und Nordamerika tätig. Loretta Napoleoni arbeitet zudem als Korrespondentin für diverse europäische Wirtschaftsmagazine und Zeitungen. Sie verfasste das Standardwerk Die Ökonomie des Terrors (Kunstmann Verlag 2004). Zuletzt erschien von ihr das Buch Insurgent Iraq. Al-Zarqawi and the New Generation.

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00:00 10.02.2006

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