Deus

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Claudias Mutter kam zu Besuch. Es dauerte eine Weile, bis ich mit ihr warm wurde, weil sie mir nicht zu registrieren schien, dass ich kein Portugiesisch verstand. Claudia hatte gesagt, ihre Mutter spreche Französisch, aber darauf sprang sie nicht an und ich kam mir reichlich blöd vor mit meinen bockig hervorgestoßenen französischen Höflichkeiten, si vous voulez. Weihnachten in der Fremde. Man vermisst die Behaglichkeit automobiler Abläufe, denen man allenfalls lächelnd sekundieren darf mit einer Handreichung beim Baumschmücken oder Plätzchenbacken. Stattdessen die wolkige Frage, warum wieder Weihnachten in der Fremde? Und wenn dort dann doch jemand bereit ist, meine in letzter Minute hervortretenden Geselligkeitsbedürfnisse zu stillen, wird er mir natürlich irgendwann an dem Abend genau diese Frage stellen, der ich durch die Reise aus dem Weg zu gehen glaubte: was machst du hier? Und dann sehe ich doch wie jemand aus, der die Familie vermisst, wie jemand, dem das dürre Weihnachten in der Fremde von einem Dienstplan aufgenötigt wurde. Ein Fernfahrer, dem die Schicht zugelost wurde, die keiner wollte.

Der Kabeljau schmeckt. Pedro und Claudia mühen sich redlich, die Schieflage zwischen ihren beiden Gästen zu begradigen, und übersetzen eifrig alles, was die Mutter unter Kabeljaubrocken hervorzubringen imstande ist. Aber erst, als ich meinen Kaffee und die Mutter ihren Joint bekommen haben, geht es uns allen gut. Wir sitzen in Decken gehüllt im Wintergarten und führen Konversation dreisprachig. Die Mutter erzählt von einem Ehepaar, das sie im Zug nach Porto getroffen hat - sie Portugiesin, er Ägypter - die in Deutschland leben und sich dort wie Fremde und nicht gemocht fühlen. Die Mutter gibt wieder, wie die beiden wohnen, aber ich verstehe die Pointe nicht, ob sie nun in einer Reihenhaussiedlung als einziges ausländisches Ehepaar isoliert und ignoriert leben, oder ob in einer kulturell gemischten Nachbarschaft, wo aber jede Ethnie eine Clique bildet. Ich mache zur Sicherheit eine seriöse Miene, aber als Claudia mich dann fragt, ob das typisch sei für Deutschland, muss ich mir die Wohnsituation dieses Ehepaars doch noch einmal genau erklären lassen. Isoliert und ignoriert also, und anderen Isolierten gehe es in Deutschland ebenso. Ich gebe zu, dass das typisch klingt, wüsste aber gerne, um mich nicht zu sehr in meinen eigenen Klischees zu verheddern, wo genau die beiden denn leben in Deutschland. Das weiß die Mutter nicht. Also steht im kühler werdenden Wintergarten die Behauptung, Deutsche seien typischerweise nicht besonders gastfreundlich und die Mutter rundet das Thema mit der Bemerkung ab, Deutsche und Amerikaner seien wohl die am wenigsten gemochten Völker der Welt.

Es wird der Plan gefasst, in die Kirche zu gehen.

Wir gehen durch die fast völlig verlassenen Straßen, vorbei an matt, irgendwie erschöpft beleuchteten Schaufenstern und an Cafés, in denen zwar die Stühle noch hoch gestellt, aber die Schinken nicht mehr aus den Vitrinen genommen wurden, weil irgendwann plötzlich alles vorbei war und egal und endlich Frieden einkehren sollte in den Hütten. Es ist 20 vor 12 und nichts deutet darauf hin, dass hier an diesem Abend die Geburt des Weltenerlösers noch gefeiert werden würde. Wir gehen zum Kloster hinauf. Es kommt mir vor, als suchen wir zur Unzeit noch ein offenes Café oder an einem unwirtlichen Ort eine Herberge oder als wolle man morgens um 4 noch ein kleines Steak essen. Das Kloster liegt dunkel, in Schweigen und Bauplanen gehüllt, aber die Stadt ist schön von da oben, wie eine schlafende Löwin, der wir im Fell herum steigen.

Ein paar Straßen weiter huschen auf einmal mehrere Schatten über die Straße, Menschen, vereinzelte zwar, als Ganzes genommen aber doch eine Gruppe offenbar mit demselben Ziel, streben über einen Platz, durch ein Tor und dahinter, das ist nun klar, wird eine Kirche sein und das Keyboard wird warm gespielt und das Scharren der Mäntel auf den Betleisten wird im Raum hängen unter einer Kuppel aus Zierrat aus besseren Zeiten.

In einer Ecke neben einer Kollektenbox mit der Bitte ´für den armen Mann´ liegt ein übel zugerichteter Jesus in einer Glasvitrine auf Polster gebettet. Ich trete näher heran und sehe, dass der Brustkorb auf Höhe des Jochbeins eingebrochen ist, so dass der obere Teil, an dem auch der Kopf hängt, etwas tiefer im Polster liegt. Ich stelle mir vor, dass was jetzt nur noch Puppe ist, einmal, für einen Moment, etwas anderes war und einen einzigen Atemzug tat, der dann die spröde Modelliermasse sprengte.

Nur wenige Leute finden sich in der kühlen Kirche ein, es ist mir recht so, die Gesellschaft der zufällig Anwesenden, die sich in den Bänken verlieren. Das an Zeltlager erinnernde Zupfen einer Gitarre und das profane Treiben der Jugendlichen, die wohl dem Priester assistieren müssen, sich davon aber nicht haben uncool machen lassen und in Jeans und Tommyhilfiger erschienen sind. Es kennen sich hier die Wenigsten, scheint mir, und wenn dann nur vom Treppenhaus oder vielleicht aus einem Café, wo eine die andere auf einen Krümel im Mundwinkel aufmerksam machte, als diese schon gezahlt hatte. Aber wahrscheinlich dichte ich da eine urbane Vereinsamung, die es hier so nicht gibt, und die ich auch so nicht gesehen habe. Was ich gesehen habe in den Cafés sind Leute, die sich wiedererkennen ohne viel Aufhebens, die reinkommen und ihren Platz einnehmen. Und die dann mit dem Kopf in die Ecke grüßen, den Nachbarn, dem Nebenmann die Hand reichen und dabei den Blick in den Spiegel werfen in das Gesicht der Kellnerin an der Kaffeemaschine und nicken, sie seien da und bereit für das Übliche.

Claudias Mutter weint während der ersten Gebete, was sie allerdings nicht davon abhält, sich geräuschvoll flüsternd mit ihrer Tochter über den Sprachfehler des Priesters zu amüsieren. Auch ich höre gleich, dass mit der Stimme des Priesters etwas nicht stimmt, kann es aber nicht benennen, da ich ja kaum etwas verstehe, und schon gar nicht sagen kann, wie es sich auf die Feierlichkeit der Messe auswirkt. Ich habe Lust, etwas Ruhe und Besinnung zuzulassen, den Zickzack-Kurs des Abends, des Jahres, zwar folkloristisch, aber doch irgendwie Sinn gebend in die spartanischen Momente einer nicht beheizbaren Kirche in Porto münden zu lassen. Aber der Sprachfehler des Priesters und das Kichern der Anderen blasen hart auf das schwächliche Flämmchen Feierlichkeit, das ich da in mir brennen lassen will. Ich frage mich, was es zu bedeuten hat, ausgerechnet in einer Kirche gelandet zu sein, wo der Jesus am Verwesen und der Priester ein Stotterer ist, und ob die anderen Leute das auch denken, ob sie sich verarscht fühlen, peinlich berührt, schlecht bedient, oder einfach heimelig, weil das Stottern des Priesters ihnen die grenzenlose Milde Gottes beweist. Probleme bereiten dem Priester vor allem Worte, die mit D beginnen, was er dadurch zu kaschieren versucht, dass er die selbst einem guten Redner zugestandenen Luftholpausen möglichst vor die Ds legt. Prominentester Stolperstein ist natürlich das Wort Deus, das ja nun nicht gerade selten kommt in so einer portugiesischen Predigt. Der Versuch, gleichzeitig vor dem Deus Luft zu holen, und das Wort, das das höchste ist, auch noch mit der ihm gebührenden Weihe auszusprechen, führt dazu, dass der Priester vor jedem Deus eine extra lange Pause macht und das Wort dann quasi nach unten hin aushaucht, als wolle er den Eindruck erwecken, das schiere Gewicht des Wortes Deus laste auf seiner Rede, sei für die vielen Atempausen verantwortlich und letztlich der Grund, warum ihm vor jedem D die Luft ausgeht. Aus Schreckstarre nämlich vor der Befürchtung, aus dem D folge ein Deus. Deus wird zur Lästerung auf der störrischen Zunge des Priesters, und es stellt sich zumindest bei mir eine flüchtige, aber innige Solidarität mit dem Mann und seinem schweren Amt ein. So wenig ich von der Predigt verstehe, fällt mir doch auf, dass der Priester vor allem von Leiden, Sterben und Tod des Senhor Jesus spricht und nicht von der Geburt, um die es ja eigentlich heute geht. Das Wort nascimento steht einsam und alleine im letzten Satz des Priesters, in dem er darauf hinweist, man möge sich doch bitte noch in der Sakristei die dort aufgebaute Szene ansehen, in der die Geburt des Erlösers dargestellt werde, die sich in dieser Nacht wieder einmal jähre.

Und so geht denn ein jeder, eine jede vielleicht nur aus Mitleid mit dem Priester durch die Hintertür aus der Kirche und in die Sakristei, um sich dort eine Krippeninstallation aus Laubsägearbeiten und Wiese, Fluss und Weide darstellenden farbigen Planen anzusehen. Es gibt Hirten und den Erzengel, sehr viele Schafe, vielleicht weil jemand den Einfall mochte, Schaffell auf ein Stück Brett zu kleben. Es gibt Ochs und Esel und natürlich die heilige Familie in einem Stall etwa von der Größe einer Hundehütte.

Claudias Mutter nimmt an der Sakristei vorbei gleich den Hauptausgang und hat ihren Joint bereits halb aufgeraucht, als auch ich schließlich von meinem Krippenumweg kommend wieder ins Dunkle, Kalte, aber wenigstens Freie trete.

Tobias Hering lebt als freier Autor in Berlin. Der abgedruckte Text ist während eines zweimonatigen Aufenthalts in Porto im Winter 2003/4 entstanden


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00:00 24.12.2004

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