Daniela Zinser
17.06.2012 | 18:40

Deutscher mit Bienchen

Neid Martin Hyun gilt als Musterbeispiel gelungener Integration. Umso mehr kämpft er gegen Vorurteile der „Einheimischen“

Deutscher mit Bienchen

Martin Hyun

Foto: Jan Kopetzky

Der Vorzeigemigrant spielt Gitarre. Er singt „What’s so funny ’bout love, peace and understanding“ von Elvis Costello, ein bisschen schief, sehr charmant. „Liebe, Friede, Verständnis, keine schlechten Voraussetzungen für Integration“, sagt Martin Hyun und grinst. Er sitzt in der Bertelsmann-Repräsentanz in Berlin gemeinsam mit dem Journalisten Kemal Hür, der mit ihm über sein Buch sprechen wird: Ohne Fleiß kein Reis – Wie ich ein guter Deutscher wurde.

Das Paradebeispiel für gelungene Integration trägt schwarze Brille, schwarzes Hemd, in der ersten Reihe sitzen seine Eltern. Koreaner, die in den Siebzigern als Bergarbeiter und Krankenschwester nach Krefeld kamen, wo Martin Hyun 1979 geboren wurde. Dieser beginnt seine Buchpräsentation mit dem Lied und mit einem selbst gemachten Film, der seine Eltern zeigt, damals: der erste Ausflug mit den koreanischen Bergarbeiter-Kollegen, die Mutter als junge Frau, später die Familie im Garten des eigenen kleinen Häuschens, drei Kinder, ein Hund.

Mehr Fluch als Segen

Vorzeigemigrant, Paradebeispiel für gelungene Integration, diese Etiketten bekommen Koreaner gerne angeheftet. Endlich mal was zum Angeben: Seht ihr, es geht doch, sich im deutschen Schulsystem durchzusetzen, man kann es schaffen hier, man muss nur wollen. Und lernen. Martin Hyun hat vor allem gelernt, dass es nicht reicht. „Leider ist es keine Fußball-Bundesliga-Tabelle, durch die den Koreanern und Vietnamesen eine automatische Teilnahme an der Champions League garantiert wäre“, schreibt Hyun in seinem Buch. Und er kommt zu der Erkenntnis, „dass es mehr Fluch als Segen ist, ein Musterbeispiel gelungener Integration zu sein, dass die vielen Nettigkeiten und gesellschaftskonformen Gesten sich leider nicht in Brot, Lohn und Arbeitsstellen umwandeln“.

Martin Hyun hat seit 1993 die deutsche Staatsbürgerschaft. Den Einbürgerungstest, der erst später eingeführt wurde, hat er online nachgeholt und mit null Fehlern bestanden. „Ich bin ein Deutscher mit Bienchen“, sagt er.

Er war der erste deutsch-koreanische Profi in der Deutschen Eishockey Liga, hat für die Krefeld Pinguine gespielt und war Junioren-Nationalspieler für Deutschland. In Belgien und den USA hat er Politik und Internationale Beziehungen studiert, er hat zwei Bücher über Integration geschrieben und arbeitet nun als Referent für die Wirtschaftsjunioren Deutschland. Hyun lebt in Berlin-Friedrichshain und hat Freunde aus aller Welt.

Schon der Buchtitel kokettiert mit seiner Musterintegration. Er packt, was er erlebt hat, in Anekdoten. Wenn er sie erzählt, spürt man, dass er stolz ist. Stolz darauf, seine Eltern stolz gemacht zu haben. Und gleichzeitig weiß er, dass er auch als Alibi herhalten muss, und will sich dafür nicht vereinnahmen lassen. Seine Geschichten erzählen auch, dass gelungene Integration eben nicht genug ist. Für ihn nicht und erst recht nicht für alle, die nicht so leicht durchs deutsche Bildungssystem gleiten.

Von alldem berichtet auch sein Buch, in kurzen Kapiteln, witzig, ironisch, manchmal polemisch, unterhaltsam und auch sehr erhellend. Etwa wenn er von einer Einladung des Bundespräsidenten Horst Köhler zur Konferenz „Vielfalt leben – Gemeinsamkeit gestalten“ erzählt. Die, die Erfahrung mit Integration hatten, Leute wie er, saßen am letzten Tisch. Ganz hinten, damit all die Direktoren, Senatoren und Botschafter unter sich bleiben konnten.

Hyun redet viel über seinen Vater, den er „die chinesische Mauer“ nennt, der bis heute nur gebrochen Deutsch kann und der Fleiß und Disziplin über alles stellte. Selbst in den Ferien musste Martin um sechs Uhr aufstehen, kalt duschen, dann ran an die Matheübungen. Beim Joggen fuhr der Vater auf dem Rad hinterher, nicht selten mit einem Stock in der Hand als Antrieb. Seine Eltern haben alles geopfert, Zeit, Geld. Die Kinder sollten eine bessere Ausbildung haben, Karriere machen. Als sie in die Schule kamen, bekamen sie deutsche Namen. Aus Jong-Bum wurde Martin. Aber ein Deutscher war er dadurch nicht.

Wenn Martin Hyun sich nach dem Weg erkundigt, kommt die Frage: „Wo ist denn der Rest der Reisegruppe?“ Fragt er im Berliner Supermarkt nach Sojasoße, kommt die Antwort: „In der rechten Ecke, wo das Hunde- und Katzenfutter ist!“ Man hält ihn für einen vietnamesischen Zigarettenhändler oder einen chinesischen Produktpiraten. Japaner oder Koreaner, egal, Hauptsache Asien. Der alltägliche Rassismus. „Die Einheimischen“, wie Hyun die Deutschstämmigen nennt, hätten all die Klischees im Kopf: Asiaten, Fleiß, Disziplin, das Lakaienhafte, immer Ja und Amen sagen. „Das ist bei der Bewerbung ein Nachteil. Da wird der Personalchef davon ausgehen, dass man sowieso nicht durchsetzungsfähig ist“, sagt Hyun.

Wie viele seiner Freunde kam er, top ausgebildet, nach Deutschland zurück und dachte, alle Türen stünden ihm offen. Doch sich nicht nur in Deutschland auszukennen, wurde eher zum Problem. Hyun erzählt von einem Bewerbungsgespräch bei der UNO. „In Ihrem Lebenslauf steht sehr viel über Korea. Sie haben sich aber für eine deutsche Stelle beworben. Wie steht es mit Ihrer Loyalität?“, wurde er da gefragt. Auch der Deutsche Olympische Sportbund sah Loyalitätsprobleme.

Top-Positionen für Adoptierte

„Nach dieser Logik“, wirft Moderator Kemal Hür an dem Abend ein, „dürften Deutsche auch nicht über Innenpolitik berichten“. Die seien da doch auch befangen. Das Publikum – Freunde, Verwandte, Interessierte – klatscht. Nachfragen kommen keine. Und Martin Hyun spricht und schreibt so, dass wenige Themen offenbleiben. Thilo Sarrazin, die Integrationsbeauftragte des Bundes, Philipp Rösler, alle kommen vor. Dass der asiatisch aussehende Minister nun den Weg ebnet in Top-Positionen, glaubt Hyun nicht. Rösler verbessere die Chancen für Deutsch-Vietnamesen unter der Voraussetzung, „dass sie sich von deutschen Eltern adoptieren lassen“. Seine Freunde gehen lieber nach Korea oder in die USA.

Hyun weiß, dass seine Geschichte nicht für alle steht. Im Buch erzählt er von türkischen Freunden, die unterfordert waren in der Schule, aber nie eine Chance aufs Gymnasium hatten. Er fordert, im Schulunterricht auch die Geschichte der Gastarbeiter zu behandeln, so wie er es aus den USA, wohin er nach der elften Klasse ging, kennt. Dort lernte er, wie Chinatown entstand, wie die Italiener und Iren nach Amerika kamen. Damit alle das Gefühl bekommen, dass es auch ihr Land ist.

„Mit dem Buch versuche ich zu vermitteln: Wir sind eine Gesellschaft, egal, wie wir aussehen. Je früher alle das begreifen, desto eher können wir uns anderen Dingen zuwenden, der Umwelt zum Beispiel“, sagt er. Zum Abschluss singt er noch ein Lied: „People have the power“ von Patti Smith. Jeder einzelne kann Brückenbauer sein, da ist Martin Hyun sich sicher. Brückenbauer, das Etikett gefällt ihm.