Die andere Seite der Geschichte

Srebrenica im Juli 1995 Die Republika Srpska stellt sich der Mitverantwortung für den Tod von 7.000 muslimischen Männern in der damaligen UN-Schutzzone

Ein düsteres Licht auf das Verhältnis zwischen Bosnien und Serbien werfen nach wie vor die Geschehnisse in den Tagen vor und nach dem Fall der ehemaligen UN-Schutzzone Srebrenica in Bosnien, die am 11. Juli 1995 von bosnischen Serben eingenommen wurde. In den Tagen danach wurden vermutlich 7.000 Muslime exekutiert. Vor kurzem hat nun die Regierung der Republika Srpska erstmals bekannt, dass serbische Einheiten für die seinerzeit begangenen Verbrechen Verantwortung tragen. - In der Freitag-Redaktion gab es vor einigen Wochen eine Kontroverse um die Berichterstattung in Sachen Srebrenica. In der Kritik stand der Autor Jürgen Elsässer, dem vorgeworfen wurde, in einem Text zu den Ereignissen vor neun Jahren die Opferzahlen relativiert zu haben. Sead Husic fuhr deshalb an den Ort des Geschehens, um eigene Recherchen betreiben zu können (s. unten).

Die Tragödie von Srebrenica ist die schwarze Seite der Geschichte des serbischen Volkes", erklärte Dragan Cavic´, der Präsident der Republika Srpska (RS), in einer TV-Ansprache Ende Juni und fügte hinzu: "Derjenige, der diese Verbrechen begangen hat und sich dabei womöglich auf das Volk, welchem er angehört, berief, beging ein Verbrechen gegen das eigene Volk."

Ein derartiges Schuldbekenntnis wäre noch vor einem halben Jahr kaum denkbar gewesen. So fehlten im Oktober 2003 bosnisch-serbische Repräsentanten, als der frühere US-Präsident Bill Clinton auf dem Gelände neben dem ehemaligen Hauptquartier der UN-Blauhelme in Potocari einen Gedenkort für die Opfer des ersten Massenmords in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs einweihte. Nach Klagen von Opfervertretern hatte der bosnische Menschenrechtsgerichtshof die RS-Regierung zuvor zur Zahlung von umgerechnet zwei Millionen Euro verurteilt, die zum Bau der Erinnerungsstätte und des Friedhofs verwendet werden sollten.

Auch wenn bosnische Menschenrechtler und Angehörige von Opferverbänden Cavic´s Aussage als taktisch motivierte Konzession deuten, könnte das Statement aus der Führung der Serbisch-Demokratischen Partei (SDS) dazu führen, dass sich weiterer SDS-Mitglieder von ihrem einstigen Parteigründer Radovan Karadz?ic´ abwenden, den das Jugoslawien-Tribunal in Den Haag beschuldigt, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. Inzwischen hält ohnehin nur noch die Serbische Radikale Partei der Republika Srpska (SRS/RS) an der Leugnung der im Juli 1995 bei Srebrenica begangenen Verbrechen fest.

Bereits vor einem Monat hatte eine von der bosnisch-serbischen Regierung eingesetzte Kommission einen Bericht veröffentlicht, der die extremistischen Kräfte in Banja Luka, die an einer Vergangenheitsbewältigung bis heute kein Interesse haben, auf Dauer schwächen könnte. In diesem Report wird erstmals die Beteiligung von Einheiten der bosnisch-serbischen Armee und Polizei bei der Hinrichtung "mehrerer Tausend Männer und Jugendlicher" zwischen dem 11. und 20. Juli 1995 zugegeben. Außerdem werden 32 Orte genannt, an denen sich Massengräber befinden. Zwölf davon waren bislang nicht bekannt. Die endgültige Version der Untersuchungen der bosnisch-serbischen Srebrenica-Kommission soll Mitte Juli der Regierung in Banja Luka und dem Hohen Repräsentanten der internationalen Gemeinschaft in Bosnien, dem Briten Paddy Ashdown, übergeben und dann veröffentlicht werden. Bislang sind in der Umgebung von Srebrenica annähernd 5.000 Leichen gefunden worden, von denen etwa 1.200 identifiziert werden konnten.

Ashdown meinte zum erwähnten Bericht, es gebe "gewisse Fortschritte" gegenüber bisherigen Erkenntnissen, doch seien sie "in keiner Weise" ein Ersatz für die volle Zusammenarbeit mit dem UN-Tribunal, "der Grundvoraussetzung für Fortschritte Bosniens auf dem Weg in die euro-atlantischen Institutionen". Neu sei jedoch, dass erstmals die Verwicklung jugoslawischer Truppen in die damaligen Geschehnisse erwähnt werde. In einem früheren Regierungsreport war das Massaker lediglich als Folge des Kriegsgeschehens behandelt worden. Der jetzt vorliegende Regierungsbericht der Serben enthält darüber hinaus Dokumente, die zeigen, dass der als Operation Krivaja bezeichnete Angriff auf die im Juli 1995 mehrheitlich von bosnischen Muslimen bewohnte Enklave in drei Phasen geplant wurde: Nach der Einnahme Srebrenicas sollten zunächst Frauen und Männer getrennt und dann die Männer liquidiert werden.

Die Tatsache, dass in diesem Dokument der Begriff "Genozid" auftaucht, könnte darüber hinaus Auswirkungen auf das Verfahren Bosnien-Herzegowinas gegen Serbien-Montenegro vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag haben, bei dem es um Völkermord während des Bosnien-Krieges geht. Erst im April hatte das Tribunal für das ehemalige Jugoslawien im Revisionsverfahren gegen den bosnisch-serbischen General Radislav Krstic festgestellt, in Srebrenica sei Völkermord begangen worden. Inwieweit die seinerzeit mit Truppen-Kontingenten in Bosnien präsente UNO über die serbischen Angriffspläne informiert war und nichts dagegen unternommen hat, ist trotz vieler Untersuchungsberichte - nicht zuletzt über die Rolle der niederländischen UN-Soldaten, die in der UN-Schutzzone Srebrenica eingesetzt waren - bis heute nicht abschließend geklärt.

Wegen ihrer Verwicklung besonders in diese Ereignisse sollen der frühere Präsident der Republika Srpska, Radovan Karadz?ic´, und General Ratko Mladic´ seit Jahren vor den Haager Richtern stehen, doch ist es bis heute SFOR-Kommandos (*) in Bosnien nicht gelungen, sie festzunehmen. Eine Beteiligung jugoslawischer Truppen oder serbischer Polizeikräfte würde auch Auswirkungen auf den Prozess gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten SlobodanMilos?evic´ haben, der bislang eine Beteiligung jugoslawischer Einheiten an den Massenexekutionen stets ausgeschlossen hatte.

(*) Unter NATO-Befehl stehende Stabilization Force mit 12.000 Mann Stärke

Der Bosnien-Krieg in den Jahren 1994/95

März 1994 – die bosnische Regierung und die bosnischen Kroaten gründen eine gemeinsame Föderation. Juni 1994 – zwischen der bosnischen Regierung und den bosnischen Serben wird ein Waffenstillstand vereinbart, kurz darauf beginnen bosnische Regierungstruppen mit einer Großoffensive. August 1994 – die NATO fliegt erste Luftangriffe auf serbische Stellungen bei Sarajevo. Januar 1995 – durch die Vermittlung des ehemaligen US-Präsidenten Carter vereinbaren die Konfliktparteien in Bosnien-Herzegowina eine viermonatige Waffenruhe. März 1995 – die bosnische Regierung beginnt vor Ablauf der Frist eine Offensive. Die Serben nehmen wenig später erstmals UN-Soldaten in Bosnien als Geiseln, um sich gegen weitere NATO-Luftangriffe zu schützen. Juli 1995 – serbische Verbände erobern die UN-Schutzzone (*) Srebrenica, wenige Tage danach die Schutzzone Zepa. Im Raum Srebrenica kommt es bis zum 20. Juli zu Massenerschießungen muslimischer Männer. August 1995 – der US-Unterhändler Holbrooke beginnt Gespräche mit Jugoslawien (Serbien/Montenegro), Kroatien und der Regierung in Sarajevo über eine Verfassung Bosniens und dessen territoriale Aufteilung. November 1995 – Beginn der Friedensverhandlungen (1. November) in Dayton, die am 21. November zur Paraphierung eines Friedensabkommens zwischen Jugoslawien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina führen.

Die UNO fasste am 16. April und 6. Mai 1993 den Beschluss, sechs Städte in Bosnien – Sarajewo, Srebrenica, Zepa, Gorazde, Bihac und Tuzla – zu Schutzzonen zu erklären, in denen UN-Einheiten stationiert wurden.


00:00 09.07.2004

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