Marion Kraske
17.07.2011 | 16:00 11

Die Anti-Sarrazin-Schule

Bildung Im Hamburger ­Problembezirk Wilhelmsburg leben ­Migranten aus aller Welt – doch die Stadtteilschule dort erhält Bestnoten. Eine Erfolgsgeschichte

Der Weg führt vorbei an hässlichen Hochhäusern inmitten von ausgedehnten Feldern, so hat man sich das vorgestellt, ein Stadtteil – verloren, verpönt. Dann kommen kleine Einfamilienhäuser, die das Bild vom Viertel der Underdogs ein wenig sanfter zeichnen. In den Gärten wehen fast trotzig ein paar Deutschlandfahnen, gegenüber, neben einem Döner-Laden, bietet der türkische Supermarkt „Emres“ seine Waren an, früher, es ist schon etwas her, war der Laden eine Aldi-Filiale. Willkommen in Hamburg-Wilhelmsburg.

Die Stadtteilschule Kirchdorf ist gelb getüncht, oben, im dritten Stock, steht die Tür zu Bodo Gieses Büro sperrangelweit offen. Das ist kein Zufall, alle sollen zu ihm können, jederzeit. Giese sitzt an seinem Schreibtisch und ordnet noch schnell ein paar Akten. Er sieht aus wie einer dieser amerikanischen Road-Movie-Darsteller, rotes Gesicht, grauer Haarkranz, blau-kariertes Hemd, Jeans.

Eigentlich müsste Giese einer dieser frustrierten Pauker sein, die ausgebrannt aus dem Dienst scheiden und mit einer Mischung aus Groll und Selbstmitleid auf ihre Laufbahn zurückblicken. Giese ist das genaue Gegenteil: Er strahlt einen Elan aus, einen Optimismus, wie man ihn bei Lehrern wohl eher selten erlebt. Dabei sind die Voraussetzungen an seiner Schule denkbar schlecht: Hamburg-Wilhelmsburg gilt als Problemstadtteil schlechthin, ein klassisches Arbeiterviertel, heute fest in der Hand von Migranten. Der Ausländeranteil liegt bei 40 Prozent. „Da wohnt man nicht“, sagen sie in den feinen Stadtteilen nördlich der Elbe.

Träume und Realismus

Auf den Fluren von Gieses Schule in Wilhelmsburg huschen Mädchen mit Kopftuch und engen Jeans vorbei, die Jungen tragen viel Gel im Haar, dazu dunkle Lederjacken. 90 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund. Insgesamt lernen hier mehr als 50 Nationen aus allen fünf Kontinenten. Viele sind in Deutschland geboren, dennoch sprechen gerade mal 22 Prozent der Fünftklässler Deutsch als Erstsprache, mehr als 55 Prozent aber Türkisch. „Klar, das ist nicht immer einfach“, sagt Giese. „Aber wir machen was daraus.“ Und weil die Frage seit einigen Monaten immer wieder gestellt wird, antwortet Giese schon im Voraus: „Thilo Sarrazin und Konsorten haben schlicht keine Ahnung.“

Drei Stockwerke tiefer gibt Lidia Bauer vor einer elften Klasse Englisch-Unterricht. Bauer hat, wie die meisten ihrer Schüler, ebenfalls ausländische Wurzeln. Geboren wurde sie im polnischen Swinemünde, achtjährig kam sie zusammen mit ihren Eltern nach Deutschland, studierte Russisch und Englisch auf Lehramt. „Unsere Arbeit ist wichtig“, sagt die schlanke Frau mit dem Pagenschnitt fröhlich. „Es geht darum, Schülern mit schlechteren Startbedingungen Chancen für die Zukunft zu eröffnen.“

Bauers Kurs ist eine Art Sonderunterricht für jene Schüler, die erst seit ein paar Jahren in Deutschland leben. In ihren Herkunftsländern stand Englisch nicht auf dem Lehrplan, diese Lernlücke soll nun geschlossen werden. So gut es eben geht in dieser bunten Truppe aus allen Ecken der Welt: Die 17-jährige Mozgan aus Afghanistan, die 19-Jährige Simona aus Litauen, der 18-jährige Boris von der Elfenbeinküste. Es läuft ein deutsch-englischer Film über eine deutsch-türkische Liebesgeschichte. Lidia Bauer schreibt Vokabeln an eine elektronische Tafel. Manchmal kichern die Mädchen, dann geht der Unterricht weiter.

Bundesrepublik: Ein "klasse Land"

Die meisten Schüler aus Lidia Bauers Kurs fühlen sich wohl in der neuen Heimat. Dimitri aus Lettland will Schiffsmechaniker werden, Robert aus Polen Graphiker, Ali interessiert sich für Informatik und die blonde Donata aus Litauen träumt von einem eigenen Beauty-Salon. Und Nauid, dessen Eltern als politische Flüchtlinge aus dem Iran flohen und der mit ihnen bis vor kurzem in einem Asylbewerberheim lebte, möchte Bauingenieur werden. Deutschland, sagen sie alle, sei ein „klasse Land“, gut organisiert, jeder habe die Freiheit, etwas daraus zu machen.

Schulleiter Giese bleibt trotz der ambitionierten Träume seiner Schüler Realist: Von 1.000 Schülern schaffen jährlich nur rund 20 Prozent den Sprung in die Oberstufe. Immerhin weit mehr, als jene drei Prozent, die bei ihm mit Gymnasialempfehlung ankommen. Der Pädagoge empfindet seine Arbeit dennoch nicht als Mangelverwaltung, ganz im Gegenteil: „Wir entdecken im Laufe der Jahre bei den Schülern vielfältige Kompetenzen.“ Es gebe einen klaren Trend hin zu einer höheren Zahl qualifizierter Abschlüsse, die Richtung also stimme. „Unser Erfolgsrezept ist denkbar einfach“, sagt Giese. Wir holen die Schüler da ab, wo sie stehen, dann erst sind wir in der Lage, beim Lernen Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.“

Einer der zentralen Bausteine im Lehrplan ist die durchgängige Sprachförderung, die mit sozialer Betreuung kombiniert wird. An Gieses Schule kümmern sich vier Sozialpädagogen um die Schüler: Mädchen, denen zu Hause ein traditionelles Frauenbild vorgelebt wird, werden gezielt angesprochen. Das Pendant dazu heißt „Boy’s Club“, hier lernen die Jungen, dass Machogehabe nicht alles ist. Eines der wichtigsten Themen an der Schule aber ist der Rassismus, der sich hier jeden Tag aufs Neue, im Kleinen, abspielt.

In der Pause spricht jeder wie er will

Schüler aus türkischen Familien versuchen ihre zahlenmäßige Übermacht auszuspielen, Schüler anderer Nationalitäten sehen sich an den Rand gedrängt. Sie fühle sich oft als Außenseiterin, klagt Mozgan aus Afghanistan. Boris aus Afrika nickt zustimmend, immer wieder habe er sich Witze über seine Hautfarbe gefallen lassen müssen. Nun halte er dagegen, das zeigt Wirkung. Außerdem helfen die strikten Regeln, die überall in der Schule aushängen: Während im Unterricht Deutsch gesprochen wird, kann auf den Pausenhöfen jeder so sprechen wie er will. Mit einer Ausnahme: Kommt eine andere Nationalität hinzu, gilt Deutsch als höfliches Muss, die Nicht-Einbeziehung des Anderen dagegen als Verstoß. Doch Aushänge, Workshops und die Teilnahme an der bundesweiten Initiative „Schule ohne Rassismus“ helfen nicht immer.

Im Lehrerzimmer sitzt Lidia Bauers Kollege Erwin Goßlar an einem langen Tisch, ein hagerer Mann mit Brille und flinken Augen. Der Pädagoge kommt gerade von einem Krisentreffen mit seiner Klasse, es ging um die Dominanz der türkischen Mitschüler. „Ich habe ihnen klar gesagt“, erzählt Goßlar, „dass das Rassismus ist und nicht akzeptiert wird.“ Er arbeitet seit 1986 an der Schule. Und er tut es gern – allem Spott, den die Stelle in Wilhelmsburg mit sich bringt, zum Trotz. „Ich habe selber langsam gelernt“, sagt Goßlar. „Daher habe ich Verständnis für unsere Schüler.“

Das Problem des Stadtteils hält Goßlar zu einem großen Teil für hausgemacht. Die Politik habe jahrelang die falschen Akzente gesetzt und Ausländer in jene Viertel gelenkt, in denen ohnehin schon viele wohnten. So sei Wilhelmsburg zu einem Synonym für Ghettobildung geworden. „Wir federn die Folgen dieser verfehlten Politik ab“, sagt Goßlar. Aber es ist kein Groll in der Stimme. Im Gegenteil.

Ganz vorn bei der Inspektion

Goßlar ist nicht allein: Überall im Lehrerzimmer sitzen gut gelaunte Kollegen. So bunt wie die Schülerschaft, so bunt ist das Kollegium. Die Pädagogen kommen aus Ungarn, Ghana, der Türkei. Und eben diese Buntheit will Giese nun zu einem Markenzeichen machen. Die Schule soll fortan den Namen „Nelson Mandela“ tragen.

Lange und hitzig wurde darüber debattiert, nicht wenige fanden den Namen des Friedensnobelpreisträgers zu abgehoben, andere hätten sich eine türkische Persönlichkeit gewünscht. Am Ende einigte man sich auf Mandela. Der Südafrikaner, so meinen viele hier, werde die Schule wieder einen Schritt voranbringen, Identitätsbildung und Miteinander auf den Fluren und im Stadtteil fördern. So wie an den Kulturtagen der Schule, an denen die Schüler ihre Theaterstücke erst auf Deutsch und dann auf Türkisch spielen, albanische Volksmusik geboten wird und man Geschicklichkeitsspiele der Inuits ausprobieren kann.

Anfang des Jahres gehörten die Wilhelmsburger bei der Schulinspektion zu den Besten unter allen 80 geprüften Lehranstalten. Schulleiter Giese schiebt stolz die Bewertung über den Tisch. „Das hier“, sagt er, „ist ein Beleg für unsere Stärke“.

Von der Stadtteilschule zur Doktorarbeit

Es ist Freitagabend, die kleine Aula im Dachgeschoss der Schule ist geschmückt, Salzstangen und Pappbecher stehen auf Tischchen, hinter einer provisorischen Bar schenken Jungen und Mädchen Getränke für die Gäste des Abends ein – die Ehemaligen. Birol Ünlü schreitet im Anzug von Tisch zu Tisch. Er ist in Deutschland geboren, seine Eltern stammen aus der Türkei. Was Birol heute mache? „Ich studiere Flugzeugbau.“ Neben ihm steht Ibrahim, dessen Eltern aus Anatolien kamen und der heute dank Wilhelmsburger Schulabschluss als Ladungssicherer im Hafen arbeitet. Ein paar Schritte weiter erzählt eine schlanke junge Frau von ihrer Erfahrung an der Schule. „Sehr interkulturell. Wo gibt es das schon in dieser Form?“ Elvin ist Kurdin, momentan schreibt sie an ihrer Doktorarbeit in Medizin. Ihr Thema: Leukozyten in menschlichen Tumoren.

Mittendrin in all dem Trubel steht Schulleiter Giese und blickt in die Runde. An solchen Tagen weiß er, warum sich die Mühe lohnt. Und dass auch hier in Wilhelmsburg Erfolge möglich sind. Größere vielleicht als anderswo.

Marion Kraske arbeitet als freie Autorin und Kolumnistin. Zuletzt erschien ihre Analyse

Ach Austria. Verrücktes Alpenland

im Molden Verlag

Kommentare (11)

wwalkie 17.07.2011 | 22:03

Traurig ist das Leben, ach, und ich habe alle Bücher gelesen, dichtet Mallarmé. Vor gut zwei Jahren schrieb ich an dieser Stelle einen kleinen Beitrag zur "Narratologie von Reformschulberichten", weil mir die vielen Jubelartikel über die neoliberalen Schulreformen/Reformschulen auf den Geist gingen. Und dann wieder solches im Freitag der letzten Woche. Ich kopiere deshalb einfach meinen damaligen Beitrag - und bin wahrlich nicht erfreut darüber, mal wieder bestätigt worden zu sein. Vielleicht sollte man Journalisten einmal zumuten, ein Jahr an einer "Reformschule" zu arbeiten - und erst dann darüber zu berichten. Sie sind dann nicht ganz so auf die Meinung des Schulleiters verwiesen und nehmen nicht alles für bare Münze. Es folgt also der Beitrag vom Mai 2009:

"wwalkie

10.05.2009 | 16:38
Von einem, der auszog. Zur Narratologie von Reformschulberichten

Liebe Leserin, lieber Leser,

Ich möchte Ihnen meine Freude kommunizieren, denn ich habe eine neue literarische Gattung entdeckt. Glauben Sie nicht? Nun, dann lesen Sie mal.

Als Student hatte ich das spannende Vergnügen, mich mit der Morphology of Folktales (1928) des russischen Formalisten Wladimir Propp beschäftigen zu müssen. Es geht in diesem Werk um die Funktion der dramatis personae im russischen Volksmärchen. Propp stellte eine sehr beschränkte Zahl von Funktionen fest, die im Märchen immer wieder vorkommen. Die Verknüpfungen und die zeitliche Reihenfolge dieser Funktionen sind quasi-gesetzlich geregelt. Propp kommt zu dem Schluss: "Alle Märchen sind in ihrer Struktur ähnlich."

Und nun zu meiner Entdeckung. Es gibt ein Narrativ, das - die These Propps bestätigend - nur aus repetitiven Elementen besteht: der REFORMSCHULBERICHT. Ich werde diesbezüglich demnächst mein Buch "Reform der Märchen oder Märchen der Reform. Der massenmediale Schulbericht" veröffentlichen. Hier das relativ verständliche Kurzexposé:

Hauptakteur: Ein Journalist (Varianten: Praktikantin, Schriftsteller) hat von dem guten Ruf einer Reformschule gehört (konnotatives Feld (KF): Heiliger Gral, Aventure-Roman, Schulpreis, also Goldenes Vlies) und begibt sich zu dieser Schule. Vor dem Tor hält er inne (KF: Bürde der eigenen Vergangenheit als Schüler). Er betritt sie (KF: Hortus closus des Mittelalters, Höhle, Transzendenz, erotische Tabus) und ist von der Atmosphäre eingenommen (Variante: scheinbar normal). Stille umgibt ihn. Manchmal erklingen fröhliche Kinderstimmen (KF: Vogelgezwitscher in heiler Natur, Paradies, Unschuld). Er bekommt einen Führer durch den Lerngarten, in der Regel den Schulleiter ( Varianten: attraktive Leiterin, Schüler, die natürlich nicht ausgesucht worden sind, gerne mit Migrantengeschichte). Der Schulführer erklärt dem Journalisten, was in diesem Paradies anders ist als dort, wo man im Schweiße seines Angesichts arbeiten muss:

Im Reformlerngarten gibt es ein Zauberwort (KF: Harry Potter, Herr der Ringe). Der Führer verrät es dem Journalisten: KULTUR heißt es. Man hat eine Lernkultur, eine gegenseitige Unterrichtsbesuchskultur, eine gegenseitige Hilfskultur, kulturelle Riten, eine Öffentlichkeitsarbeitskultur, eine Guten-Draht-Zur-Wirtschaft-Kultur und viele andere (komplementär). Das zweite Zauberwort ist Kompetenz. Es gibt tausendundeine Kompetenzen (KF: Tischleindeckdich, Dukatenesel, Sindbad). Der Journalist ist überrascht (KF: Moment der Überwältigung), fasst sich aber wieder (KF: kritischer Journalismus) und fragt nach. Er fragt den Führer nach seinen Motiven (KF: lange Geschichte, Bildungsroman, Saulus wird Paulus, Achtundsechziger wird Liberaler, Varianten möglich). Er fragt den Stellvertreter, oft der eher rustikale Typ in Jeans und Holzfällerhemd (KF: Sancho Pansa, der treue Hans, Gewerkschaftler, Erdverbundenheit). Arbeiten die Lehrer nicht mehr als andere, beuten sie sich nicht selber aus? Die guten Menschen lächeln bescheiden: Natürlich arbeiten sie länger, härter und für wenig Geld. Aber... (suspensives Moment) ... aber sie arbeiten sinnvoll. Der Journalist ist's zufrieden (KF: naiver Tölpel). Er fragt Schülervertreter (KF: Kinder sagen die Wahrheit). Er besucht Unterricht. Es ist wie ein schöner Traum (KF: zahlreiche Traummotive). Und er versteht die Welt nicht mehr: Warum, fragt er sich und später seine Leser, warum ist nicht jede Schule eine solche Reformschule? Herrscht nicht überall große Not (KF: Märchen als soziale Utopie)?

Und er geht ins Leben zurück, vorbei an Unreformschulen, nach Hause (KF: gefährliche Welt der Realität, des Egoismus, der Disharmonie) und schreibt nostalgisch (KF: Verlust der Kindheit): "Evangelo-katholische Gesamtschule Formhausen - Es geht auch anders!"

Und so lesen wir sie und glauben ihnen noch heute: Reformschulberichte in den Medien, jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr - in FR, FAZ, SZ, ZEIT, Focus (sowieso) - und leider auch im Freitag."

Selbst das Hemd und die Jeans des schulleitenden Ärmelaufkremplers kommen vor! Das Leben ist traurig, ach, ...

Achtermann 18.07.2011 | 11:47

Eine Ergänzung zu wwalkie

Der Bericht liest sich wie eine Seifenoper des deutschen Schulalltags. Dort, wo Fakten aufscheinen sollen, werden persönliche Merkmale der Akteure zum Besten gegeben (Haarkranz, schlank, Pagenschnitt, enge Jeans). Am Eigentlichen, angekündigt in der Unterschrift, wird vorbeigeschrieben. Dort heißt es:

"Im Hamburger ¬Problembezirk Wilhelmsburg leben ¬Migranten aus aller Welt – doch die Stadtteilschule dort erhält Bestnoten. Eine Erfolgsgeschichte"

Beim Nachforschen im Text findet sich nur eine Stelle, die zu diesem Thema Auskunft gibt: "Anfang des Jahres gehörten die Wilhelmsburger bei der Schulinspektion zu den Besten unter allen 80 geprüften Lehranstalten. Schulleiter Giese schiebt stolz die Bewertung über den Tisch. 'Das hier', sagt er, 'ist ein Beleg für unsere Stärke'."

Interessant wäre zu erfahren: Was macht eine Schulinspektion? Welche Leute sitzen da? Von wem werden sie bezahlt? Nach welchen Kriterien arbeiten sie? Doch nichts dergleichen ist zu finden. Stattdessen erfahren wir, dass lauter fröhliche Pädagogen sich im Lehrerzimmer tummelten, die zwar um die verfehlte Integrationspolitik wüssten, aber nicht jammerten, wie das Lehrer sonst täten, diese "frustrierten Pauker", "die ausgebrannt aus dem Dienst scheiden und mit einer Mischung aus Groll und Selbstmitleid auf ihre Laufbahn zurückblicken."

Wir erfahren von einer Lehrerin Banalitäten: "Es geht darum, Schülern mit schlechteren Startbedingungen Chancen für die Zukunft zu eröffnen.“ Welchem Politiker würde ein solcher Satz nicht über die Lippen kommen? Wir lesen vom Schulleiter ein anderes Versatzstück preisgekrönter Rhetorikwelt des dt. Schulalltags: "Wir holen die Schüler da ab, wo sie stehen, dann erst sind wir in der Lage, beim Lernen Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.“ Soap Opera, nichts als Soap!

Chryselers 18.07.2011 | 13:45

Nu seid man nicht gar so grantig über diesen Bericht. Ist vielleicht genau so mit dem gut gemeinten Auftrag eines Friedenserziehers "Kinder, Krieg ist böse, malt mal ein Bild für den Frieden. " Und dann gibt es immer dieselben Bilder von grünen Wiesen und bunten Blumen und grasenden Kühen und netten Kirchtürmen... So sieht das hier auch aus.

Dass Journalisten nicht so ganz dolle darin sind zu erfassen, was in der Schule so passiert, ist ja nun auch nicht neu. www.freitag.de/positionen/0935-landtagswahl-bildung-bildungswesen und www.freitag.de/community/blogs/chryselers/ueber-lehrer. Oft scheinen die schulpädagogischen Kenntnisse nicht zu reichen, auch die didaktik- und schulgeschichtlichen sind dünne. Und alles, was diesen Journalisten als neu daher kommt, muss schon deshalb gut sein, auch wenn es bei näherer Betrachtung schon längst da war.

Nur: Daraus folgt nicht, dass es nicht Schulen gibt, die erfolgreich bei der Lösung der Probleme ihrer Schüler gibt. Ich kenne Leute, die in den Schulen in HH weit rumkommen, die sagen, es gibt Schulen, in denen es bei 80% Kindern ausländischer Herkunft regelmäßig ordentlichen Unterricht gibt, bei dem auch ordentlich was rauskommt. Es gibt Schulen, die können es.

Und ich gehe mal davon aus, dass diese Schule besser ist als der Artikel. Wobei ich noch nicht mal weiß, ob man der Autorin einen Vorwurf machen kann: Das Gute ist viel schwerer zu beschreiben.

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2011 | 17:56

Also mir hat der Artikel recht gut gefallen. Die Lösung vieler gesellschaftlicher Probleme erfolgt ja eigentlich immer über die Bildung.
Folgendes entnehme ich dem Artikel als Quintessenz:
- kleine Klassenstärken
- Lehrer unterschiedlicher Herkunft die sehr gut Deutsch
können und ihre Muttersprache beherrschen
- Betreuung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen auch
außerhalb der Schule (was im übrigen auch wunderbar bei
"Deutschen" funktioniert hat, siehe Sachsen), durch
Vermittlung freiheitlich, kritischen Denkens und Ablehnung
archaischer Strukturen (egal woher obs nun christliche
"Werte" oder der Islam ist)
- Einbindung der Kultur
- eine ausgewogene Klassenzusammensetzung, möglichst
ohne sprachliche Mehr- und Minderheiten inklusive einer
Verbundsprache (hier gemeinsame Sprache Deutsch)

Für diesen Intensivplan würde man natürlich Geld benötigen. Geld was die Kommunen dank Ferkel und Co nicht mehr haben.

wwalkie 18.07.2011 | 19:24

Und gerade weil die Regierenden andere finanzielle Prioritäten haben, braucht es Schulinspektoren (deren hanseatischer Internetauftritt exemplarisch ist - auch in seiner Peinlichkeit), eine task-force mit der Mission, so genannte Qualitätsstandards zu "implementieren" (von der Army lernen, heißt siegen lernen). Bei möglichst geringem Input möglichst viel herausholen, d.h. möglichst wenig Lehrer, möglichst große Klassen und Kurse, um das eine Ziel zu erreichen: die "zukunftskompatible" Arbeitskraft, billig, flexibel und teamfähig.

Das ist natürlich Lichtjahre entfernt von den Bildungszielen Autonomie und Solidarität, worunter auch das freiheitliche und kritische Denken fällt, von dem Sie sprechen. Aber die im Text gepriesene hamburger Schule mit ihrem lustigen Kollegium scheint doch zu beweisen, dass die Ziele des bildungsindustriellen Komplexes durchführbar sind. Die Autorin war schließlich mindestens einen Tag da und weiß es.

Chryselers 18.07.2011 | 19:40

Sei doch nicht immer so skeptisch: Schule hat ihre völlig eigene Logik, die durch noch so viele Regulierungen nicht gekippt werden kann: Die Kinder wollen, wenn sie nach Hause sagen, was Neues mitbekommen haben, und Lehrer, die das im Blick haben, samt entsprechender Unterrichtsinszenierung, können da auch was hinbekommen, egal, wie die offizielle Rethorik auch lautet. Die eh kaum interessiert.

Wie es der berühmte fiktionale Lateinlehrer bei seiner Pensionierung sagte: "Ich habe zig Reformen erlebt und keine einzige mitgemacht." Und genau deshalb war er ein guter Lehrer: Er urteilte selbst. Mit Blick auf seine konkreten Klassen, seine konkreten Schüler.

Bitte mehr Profi-Optimismus!

Waldemar Maurer 18.07.2011 | 22:53

Die ist ein guter, wichtiger und mutmachender Artikel. Einziges Manko: Die Überschrift! Der geschilderte Sachverhalt widerspricht nicht Sarrazin. Sicherlich ist sein Buch "Deutschland schafft sich ab" gemeint. Der geneigte Leser möge bitte unvoreingenommen in diesem Buch das Kapitel 6 "Bildung und Gerechtigkeit" lesen. Es ist mit 68 Seiten das längste Kapitel im Buch. Und der Autor wollte auch bewusst dort einen Schwerpunkt legen.