Die Atomwaffe des kleinen Mannes

Asymmetrischer Krieg in Afghanistan Seit einem Jahr steigen die Taleban mehr und mehr bei einem florierenden Entführungs-Business ein

Afghanistans Präsident Karzai hat in dieser Woche im Gespräch mit Präsident Bush verlangt, bei Entführungen westlicher Ausländer hart zu bleiben. Es dürfe keine Tauschgeschäfte - gefangene Taleban gegen verschleppte Geiseln - geben. Auch Lösegelder sollten nicht gezahlt werden. Doch fordert der asymmetrische Krieg gerade in dieser Hinsicht immer mehr Opfer - allein seit dem 1. Juni 2007 wurden 34 Frauen und Männer aus den Staaten entführt, die Truppen in Afghanistan stationiert haben.

Als Mansur Dadullah, der neue Taleban-Kommandeur für Süd-Afghanistan, jüngst ein angebliches Ausbildungscamp für Selbstmordattentäter besuchte - der US-Fernsehkanal ABC verbreitete Mitte Juni ein Video darüber, dessen Herkunft und Authentizität fraglich sind -, gab es ein Plakat zu sehen, auf dem in der Paschtunen-Sprache Pashto zu lesen war: "Die Fedayin (wörtlich: die sich selbst Opfernden - vulgo: Selbstmordattentäter) sind die islamische Atombombe." Treffender lässt sich kaum beschreiben, was derzeit unter "asymmetrischer Kriegsführung" zu verstehen ist.

Vor einem Jahr genau hatten die Taleban - erstmals seit dem Sturz ihres Regimes im Oktober 2001 - in der Südprovinz Kandahar versucht, über ihre bisherige Guerilla-Strategie hinaus zu gehen und die gleichnamige Provinzhauptstadt zu erobern. Die dort stationierten US-Truppen und kanadischen ISAF-Verbände befürchteten einen Frontalangriff, der ihren Gegnern im Erfolgsfall einen enormen Prestigegewinn beschert hätte. So wurde ein massiver Präventivschlag - inklusive schwerer Bombardements - geführt, denen über 1.000 Taleban-Kämpfer, aber auch viele Zivilisten zum Opfer gefallen sein sollen. Wohl hatten die Amerikaner zuvor Flugblätter abgeworfen und die Bevölkerung aufgerufen, das betroffene Gebiet zu räumen. Doch war gerade die Traubenernte im Gange, zudem konnte sich unter den Ortsansässigen offenbar niemand vorstellen, welch entfesselte Gewalt mit den Luftschlägen drohte. Amerikaner und Kanadier reüssierten insoweit, als die groß angekündigte Frühjahrsoffensive der Taleban nicht stattfand.

Die Geschlagenen revanchierten sich mit den Waffen des im asymmetrischen Krieg a priori Unterlegenen: Es gab Überfälle aus dem Hinterhalt, mehr einfallsreiche Sprengfallen, es wurden Fahrrad- und Esel-"bomben" eingesetzt; in einem Fall sogar ein zwölfjähriger Junge, der sich aber besann und der Polizei stellte. Dazu kamen immer wieder Autobomben - schließlich Entführungen.

Die "Taleban aus dem Irak"

Beobachter sprechen inzwischen häufiger von einer "Irakisierung" Afghanistans - ein Vergleich, der freilich nur dann schlüssig scheint, gilt er den praktizierten Methoden eines asymmetrischen Krieges und suggeriert keine direkte Beziehung. Der US-Soziologe Mike Davis, dessen Buch Eine Geschichte der Autobombe gerade auf deutsch publiziert wurde, kommt zu dem Schluss: Waffen dieser Art müssten von niemandem verbreitet werden - sie würden sich dank der ihnen immanenten Logik von allein durchsetzen.

Mansur Dadullah meinte in einem Interview, das bereits vor einiger Zeit geführt wurde, die "Taleban aus dem Irak" habe er vorzugsweise "durch das Fernsehen" kennen gelernt. Erst bei späteren Medienauftritten war plötzlich von nicht näher erläuterten "Direktkontakten zu irakischen Mudschahedin" die Rede. Was offenkundig mehr auf den propagandistischen Effekt zielte, um mit der behaupteten Tuchfühlung zu phantomhaften al-Qaida-Führern wie Osama bin Laden und al-Zawahri den Gegner zu schrecken. Im Gegensatz zu Mulla Dadullah steht die Mehrheit der Taleban-Bewegung dem islamistischen Netzwerk nicht sonderlich nahe. Zwar bleibt die Führung um Mulla Omar von externer Alimentierung abhängig, die jedoch gewährt nicht allein al-Qaida - private Spender aus den Golfstaaten und mit großer Wahrscheinlichkeit der pakistanische Geheimdienst ISI sind gleichfalls rege. Eine politische Unterordnung folgt daraus freilich nicht. Die Taleban - als Afghanen sind sie Indo-Europäer und keine Semiten - verweigern sich traditionell jedem arabischen Führungsanspruch und tun dies in Treue zu ihrer nationalen Agenda. Überdies sind afghanische Kämpfer bislang weder im Irak, noch in Palästina noch auf anderen Schauplätzen des Clash of Cultures gesichtet worden. Als al-Qaida jüngst einen neuen Geschäftsträger für Afghanistan ernannte, beeilte sich Taleban-Führer Mulla Omar dennoch, einen Eid der Treue - die so genannte Baya - zu leisten.

Gefängniszellen für Entführte

Geiselnahmen - die Entführung von Ausländern allemal - gehörten bisher nicht zum Kriegshandwerk der Taleban. Wurde zuweilen darauf zurückgegriffen, traf es zumeist indische, pakistanische oder türkische Bauarbeiter und Ingenieure, von denen man zu wissen glaubte, dass ihre Regierungen wenig Einfluss auf die politischen Vorgänge in Afghanistan hatten oder haben wollten. (Die beiden am 21. Juli entführten deutschen Ingenieure arbeiteten für eine kleine Privatfirma, die auf Nischenaufträge aus war und dabei auch gefährliche Gegenden akzeptierte.) Andererseits floriert seit Jahren eine regelrechte Kidnapping-Industrie, bei der kriminelle Gangs, oft mit der aus ehemaligen Mudschahedin-Milizen rekrutierten Polizei im Bunde, willkürlich Landsleute "verhaften", in diversen Privatgefängnissen internieren und Lösegelder von Angehörigen oder Clans erpressen. Nicht selten dienen die Arrestzellen auf Polizeistationen dazu, die Verschleppten festzuhalten.

In der Regel trifft es reiche Geschäftsleute wie vor Jahren den Erben der bekannten Tee-Importfirma Alikozai. Trotz eines ansehnlichen Lösegeldes - makabrer Weise auf einem Friedhof übergeben -, fand man später nur noch die Leiche des Entführten.

Als im Herbst 2004 mitten in Kabul drei UN-Mitarbeiter gekidnappt wurden, trugen die Täter Polizeiuniformen. Bis heute kursieren Spekulationen, ob sie im Auftrag einer Taleban-Splittergruppe namens Jaish-e Muslimin (Heer der Muslime) - oder aus eigenem Antrieb handelten und die Geiseln später Jaish oder den Mainstream-Taleban zum Kauf anboten. Seinerzeit geführte Untersuchungen führten bis in den Dunstkreis afghanischer Warlords, die stets ihre Unterstützung für die Karzai-Regierung erklärt, nun aber - möglicherweise - die Entführer protegiert hatten. Deren Spur führte in die Provinz Wardak und damit genau dorthin, wo am 21. Juli die beiden deutschen Ingenieure verschwanden. Es gibt Indizien und Hinweise - die gleiche Connection könnte auch diesmal am Werk gewesen sein.

Die erwähnten drei UN-Geiseln kamen Ende 2004 nach angestrengten Verhandlungen und - daran gab es kaum Zweifel - der Zahlung eines ansehnlichen Lösegeldes frei.

Thomas Ruttig arbeitete zwischen 2000 und 2006 in Kabul für die Vereinten Nationen und die deutsche Botschaft. Derzeit ist er Gastwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.


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00:00 10.08.2007

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