Die Balance mit der Angst halten

Die palästinensische Bir-Zeit-Universität zu Zeiten des Aufruhrs Im Sog des Zerberstens und Aufgebens

Schon bis zur Universität vorzudringen, ist in diesen Tagen ein kleiner Triumph. Wenn die Dämmerung des Ortes Bir Zeit in den Morgen kriecht, sind es Silhouetten von israelischen Panzern, die sich als brauchbare Wegmarken erweisen. Im Halbdunkel der frühen Stunde, in der das weiße Licht noch überwiegt, haben alle Formen etwas Ungewisses, auch die Bedrohlichkeit dieser Kolosse verschwimmt und beruhigt sogar. Als wollten sie die Welt gegen das Aufschreien der Verwundeten und das Schreien der Sterbenden auf ewig abschirmen. Und sich deshalb nicht mehr vom Fleck rühren, einen Paravent des Vergessens anbieten auch für die Rückzüge, die es auf diesen Straßen der Intifada gab und denen man ihre Endgültigkeit nicht ansah. Unter dem Weg zum Campus der Bir Zeit-Universität mögen Energien des Überlebens verschüttet sein. Man wird sie vorläufig nicht finden.

Nur einen Monat Politiksemester hat Rasheed unter normalen Bedingungen studiert. Ende September 2000 brach die Al-Aqsa-Intifada aus. Fast auf den Tag genau zwei Jahre danach steht Rasheed auf einem Tisch vor dem kleinen Kalksteingebäude der Studentenvertretung an der Bir Zeit-Universität und hält mit einem Megaphon vor dem Mund eine Rede: "Tretet vor, ihr Kämpfer für unseren freien und unabhängigen Staat Palästina! Reiht euch in unseren Marsch ein!". Den Hintergrund grundiert leiernd die palästinensische Nationalhymne. "Die Intifada", ruft Rasheed etwas heiser, "wird weitergehen! Bis zum Sieg!". Es werden Widerstandslieder gespielt, dann ist der kurze Protestmarsch quer über den Campus, zu dem Rasheed mit seinen Freunden von der Fatah-Jugend aufgerufen hat, auch schon wieder zu Ende.

Natürlich wissen alle, dass der Marsch von ein paar Dutzend Studenten über eine Distanz von 500 Metern der Geschichte nicht ins Mahlwerk greift. "Es kommt darauf an, dass wir unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren", glaubt Rasheed. "Auch das gehört zur Intifada. Intifada, das heißt nicht nur Steine werfen und Tote begraben."


"Genau hier", sagt Rasheed nicht ohne Stolz und deutet zum Campus, "hat der Al-Aqsa-Aufstand begonnen"

Die idyllisch auf einem von Olivenbäumen gesäumten Hügel gelegene Bir Zeit-Universität, entstanden aus einer 1924 gegründeten Schule, ist ein Mythos. Sie war ein Gravitationszentrum der ersten Intifada Ende der achtziger Jahre. Viele palästinensische Politiker haben hier studiert oder gelehrt: die Friedensaktivistin Hanan Ashrawi oder Ghassan Khateeb, der jetztige Arbeitsminister in der Autonomiebehörde, auch der arabische Knesset-Abgeordnete Azmi Bishara. Bir Zeit ist berühmt für seine geistige Unabhängigkeit - auch gegenüber der Autonomiebehörde und Yassir Arafat. Der israelischen Armee ist es nie gelungen, die Anstalt zu disziplinieren. Mehr als zehn Jahre lang war sie auf Befehl der Militärverwaltung offiziell geschlossen - doch ist hier nie auch nur ein einziges Semester ausgefallen. Während der ersten Intifada haben Professoren verhafteten Studenten in den Besucherzellen israelischer Gefängnisse noch Examina abgenommen. Wer auf diesem Hügel studiert, der weiß, in welcher Tradition er steht.

"Genau hier", sagt Rasheed nicht ohne Stolz und deutet mit einer ausladenden Armbewegung zum Campus, "hat der Al-Aqsa-Aufstand wirklich begonnen". Den aller ersten Protest nach der Provokation von Ariel Sharon auf dem Haram al-Scharif - dem Vorplatz der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem - den gab es hier.

Zwei Jahre sind seither vergangenen, über 1.800 Palästinenser, über 700 Israelis sind tot, Dutzende Studenten der Universität verhaftet, verletzt, einige deportiert, in besetzten Städten interniert. Zu Beginn der Intifada fuhr Rasheed noch oft mit seinen Kommilitonen nach Ramallah, um gegen die israelische Besatzung zu protestieren. Doch die Intifada ist militärischer geworden. Die Abriegelung durch Bulldozer und Panzer erlaubt kein Durchkommen mehr. Jeder Widerstand birgt ein tödliches Risiko.

Die spartanische Kämpfernatur mag man Rasheed in seinem eleganten lavendelfarbenen Hemd, der modischen Brille und dem akkuraten Haarschnitt ohnehin nicht zumuten. Der 20-Jährige, der im zwei Kilometer entfernten Städtchen Bir Zeit lebt, hat sich noch nicht einmal für das gerade begonnene Wintersemester einschreiben können. Noch fehlt das Geld für die Studiengebühren. Rasheeds Vater ist arbeitslos, seine Geschwister müssen unterstützt werden. Entweder wird die Hochschule seine Gebühren für ein weiteres Semester stunden oder aus Saudi-Arabien und Abu Dhabi gehen - so hofft man - wieder Stipendiengelder ein. Zwischen 17 und 25 jordanische Dinar kostet je nach Studienfach eine Unterrichtseinheit - umgerechnet etwa 30 bis 40 Euro. "Von zehn Studenten kann das zur Zeit nur einer bezahlen", sagt Muhammad Abbasi, der Sprecher der Studentenvertretung. "Von den Eltern sind zwei Drittel ohne festes Einkommen." Die Mehrheit der Studenten hat deshalb Beihilfen, Stipendien oder Gebührenstundungen beantragt und kalkuliert mit der Hilfe begüterter arabischer Brüder aus den Golfstaaten. Bleibt die aus, werden wenigstens Lebensmittel an bedürftige Kommilitonen verteilt - Konserven, Mehl, Milch, Öl. Den Studenten, die keine Verwandten in der näheren Umgebung haben, richten die Kaufleute Schuldkonten ein - ab 25 Dinar werden die Händler reserviert, bei 50 ist Schluss, das sind gerade einmal 80 Euro.

Die Universität selbst existiert mit einem Nothaushalt, denn die Autonomiebehörde ist faktisch bankrott. Seit mittlerweile sechs Monaten kann den Dozenten nur noch die Hälfte der Gehälter ausgezahlt werden. Im vergangenen Jahr etwa versuchte man, es den Abgängern leichter zu machen, deren Eltern wegen der Abriegelung ihrer Städte nicht nach Bir Zeit zur großen Abschlussfeier kommen konnten. Besonders die Studenten aus Gaza waren seinerzeit davon betroffen. So wurde eine große Videowand aufgebaut, und in Gaza-Stadt versammelten sich die Eltern und gratulierten ihren Töchtern und Söhnen winkend und weinend über Videotelefon. 2002 blieb der Campus leer, es gab keine Leinwand mehr , es gab nicht einmal genügend Geld für eine Feier zum Abschied.

Eine Zeit der Provisorien ist angebrochen und wird nie mehr enden, verzweifeln manche Professoren und versuchen, mit ihren Studenten in den abgeschotteten Orten zu chatten und Prüfungen per e-mail abzunehmen. Rasheed meint, die vergangenen beiden Jahre seien für ihn "eigentlich gar kein richtiges Leben" mehr gewesen. "Da sitze ich am Schreibtisch, und ängstige mich zu Tode, während nebenan die Granaten der Israelis einschlagen. Wenn es vorbei ist, renne ich nicht auf die Straße, werfe keine Steine und rufe nicht, Allah ist groß. Wer glaubt, dass es irgend etwas nützt? Vielleicht irre auch ich mich gewaltig, wenn ich am Schreibtisch bleibe."

Den meisten Studenten fällt es schwer, über solche Gefühle zu sprechen, sagt Mahmud Buyud vom Psychologischen Beratungsdienst der Universität. "Sie können nicht darüber reden, weil sie alle diese Zerrissenheit in sich tragen."

Um etwas gegen die verbreitete Depression zu tun, hat Buyud so genannte "Unterstützungsgruppen" gegründet, in denen Studenten einander von ihren Ängsten erzählen. Das Schlimmste aber, so fürchtet er, komme erst noch: "Nach der Intifada werden sich die Traumata entladen. Im Augenblick verdrängen die meisten ihre schlimmen Erlebnisse noch." Die Bir Zeit-Universität ist dafür bekannt, dass sie im stillen Einverständnis aller Beteiligten den zivilen Widerstand gegen die Besatzung sucht. Als Anfang des Monats plötzlich drei israelische Jeeps vor den Toren des Campus standen, dauerte es nicht einmal eine Viertelstunde, bis sich Professoren und Studenten zu einem friedlichen Marsch zusammenfanden und die Soldaten wieder verschwanden.


Überleben und nicht sterben. "Auch das", findet Rasheed, "ist Intifada ..."

Für den 21-jährigen Politikstudenten Tariq allerdings ist friedlicher Widerstand kein Weg. Der ernste junge Mann mit dem sorgfältig gestutzten Bart verkauft auf dem Universitätsgelände Schreibblöcke, Stifte und Bücher zu Großmarktpreisen, eine Geste des Islamischen Blocks - einer der Hamas nahestehenden Studentengruppe. Immerhin hat ungefähr die Hälfte aller Bir Zeit-Studenten bei den letzten Campuswahlen den Islamischen Block angekreuzt. Tariq steht nicht nur zur Hamas, er bekennt sich auch zu ihrem militanten Arm, den Izz-al-Din Qassam-Brigaden, die für Selbstmordanschläge in Israel verantwortlich sind. "Das Schönste", sagt er, "ist der Märtyrertod. Das Wichtigste während der Intifada ist es, eine Balance mit der Angst zu halten."

Die Israelis sollten sich genau so vor den Palästinensern fürchten wie die Palästinenser jetzt vor den israelischen Soldaten. Für Tariq ist Diya Al-Tawil, der bisher einzige Bir Zeit-Student, der einen Selbstmordanschlag verübte und dabei seinen Körper sprengte, nicht nur Märtyrer, sondern Idol. "Die Intifada ist ein religiöser Krieg Es gibt keinen Unterschied zwischen Anschlägen auf Zivilisten und Angriffen auf israelische Soldaten oder Siedler."

Niemand weiß, wer in Bir Zeit mittlerweile ähnlich denkt. Seit 1999 hat es keine studentischen Wahlen mehr gegeben, weil man verhindern wollte, sich in solchen Zeiten wegen einer Abstimmung gegenseitig anzugreifen. Mit Sicherheit lehnen in Bir Zeit mehr Studenten Selbstmordanschläge ab als anderswo in Palästina. Aber seit Arafats Amtssitz pulverisiert ist, seit so viele Unbeteiligte entlang der Panzerkeile auf Ramallah und Gaza starben, straft Hilflosigkeit all jene, die an einen Ausgleich mit den Israelis glaubten.

Rasheed ist gegen Gewalt. "Alles andere hieße, sich selbst auszuliefern. Mit Religion hat das alles hier wenig zu tun. Es geht um Land, es geht darum, dass wir die Besatzung endlich als Gott gegeben hinnehmen sollen."

Die Intifada jedenfalls dauert an, die Bir-Zeit-Studenten stehen längst nicht mehr an der Spitze des Aufruhrs. Die Ausgangssperren in der Westbank verhindern die traditionellen Freitagsdemonstrationen in Ramallah, zu denen sonst immer viele aus der Universität fuhren. Die Militarisierung der Intifada schnürt den zivilen Widerstand ein. Vielleicht reicht es schon, dass solche wie Rasheed, die kaum vernehmbar sind, den Verfolgungen entgehen und nicht in die Falle der Gewalt geraten.

Studentisches Leben zu Zeiten der Intifada, studieren und nicht aufgeben. Überleben und nicht sterben. "Auch das", findet Rasheed, "ist Intifada ..."

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00:00 18.10.2002

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