Die Bar als Beute

Transgender In Zürich ist die erste große Einzelausstellung des Künstlers, Performers und Filmemachers Wu Tsang in Europa zu sehen. Ein Arbeitstreffen
Marcel Bleuler | Ausgabe 50/2014

In den USA zählt Wu Tsang spätestens seit seinem Film Wildness (2012) zu den wichtigsten Newcomern des Kunstbetriebs. Im Zentrum des Films steht die Bar Silver Platter in Los Angeles. Der familiäre Ort ist ein safe place für Trans-Frauen, viele mit illegalem Migrantenstatus, die ein Randdasein in der Latino community führen. Die essayistische Dokumentation stellt eine erstaunliche Nähe zu den schillernden Latinas her. Und sie erzählt davon, wie Tsang mit dem Ort zu arbeiten begann. Der 32-Jährige bezeichnet sich selbst als transgender, auch er hat Migrationshintergrund. Im Unterschied zu den Frauen ist er jedoch privilegiert. Er verfügt über einen Abschluss der renommierten University of California und ist international gut vernetzt. Aus dieser Position heraus veranstaltete er mit anderen Kunstschaffenden eine wöchentliche Partyreihe im Silver Platter. Tsang produzierte Videos in der schummrigen Bar, und er gründete ein drop-in, das den Latinas medizinische und juristische Beratung anbot.

Not in my language heißt nun seine erste große Einzelausstellung in Europa, im Zürcher Migros-Museum. Sie zeigt sechs multimediale Arbeiten, von denen drei aus dem Silver Platter stammen. Der Film selbst ist ein guter Einstieg in Tsangs Werk – und eine Gratwanderung. Strittig ist, ob er den Trans-Frauen eine Stimme gibt oder sie zur Schau stellt. Und man kann ihn auch als Zeugnis der Gentrifizierung lesen: Ein hipper Künstler findet in einem noch nicht aufgewerteten Viertel eine authentische Bar und macht sie zum Schauplatz seiner Kunst und zum Partyort der Kunstszene von L. A..

Verletzt ihn diese Sicht auf seinen Film? „Nein“, sagt Tsang, der zur Eröffnung nach Zürich reiste. „Ich mag die Kritik. Ich mag alle Diskussionen, die Wildness ausgelöst hat.“ Optisch könnte Tsang der Modestrecke eines Lifestylemagazins entsprungen sein, zugleich strahlt er eine ungekünstelte Freundlichkeit aus. Ebenso gut könnte man ihn beim Entenfüttern im Park treffen. Aber macht er das Silver Platter und seine Community nicht für einen nach Authentizität lechzenden Kunstbetrieb konsumierbar? Die Sorge teilt er: „Als Aktivist wollte ich, dass der Film Erfolg hat. Ich will, dass die Geschichten rausgehen und sichtbar werden. Aber ich war auch sehr kritisch, wo dieser Weg des Sichtbarmachens hinführen würde.“ – „Dokumentarfilme“, setzt er nach, „sind irgendwie böse. Man benutzt das Leben von Menschen, um Kunst zu machen. Das ist die Kunst der Ausbeutung.“

Wie die Dinge klingen

Die Gefahr der Ausbeutung, der exploitation, ist ein zentraler Streitpunkt feministischer und queer-aktivistischer Debatten. Dass Tsang diesen Begriff verwendet, deutet auf sein Studium bei Mary Kelly hin, die die Ideengeschichte rund um die Politik der (bildhaften) Repräsentation mitgeprägt hat. Im Gegensatz zu Kelly, die phasenweise jegliche Darstellung von Körpern ablehnte, versucht Tsang das Problem jedoch so zu lösen, dass er die Menschen, über die er Kunst macht, in den Arbeitsprozess einbezieht und sie beeinflussen lässt, „wie die Dinge aussehen, klingen und sich anfühlen“.

Leise und filigran wirkt das Video Shape of a Right Statement (2008), das in Großaufnahme nur den Künstler mit Haarnetz und schlichtem Make-up vor dem glitzernden Bühnenvorhang des Silver Platter zeigt. Mit Tränen in den Augen spricht Tsang in einer monotonen, leicht verzerrten Stimme einen Text. Es handelt sich um das Manifest der Autismusaktivistin Amelia Baggs, die nur mithilfe eines Computers eine menschliche Sprechstimme erzeugen kann. Beim Zitieren imitiert Tsang die Computerstimme und erreicht damit einen irritierenden Effekt, der seiner Rede Drastik verleiht: „Unless I’m not speaking your language, you’re not going to see me as a real person. I’m not allowed to speak in my own language.“

Tsangs Performance und seine Präzision beim Sprechen sind berührend. Trotz dieser Intensität drängt sich die Frage auf, ob er legitimiert ist, sich das Autismusmanifest anzueignen. „Es ist superproblematisch“, sagt er offen. „Ich bin nicht autistisch, ich kann also niemals volles Verständnis für diese Erfahrung haben.“ Das Manifest habe ihn aber dazu gebracht, zu sozialen Bewegungen allgemein zu forschen. Ihm fiel auf, dass die Autismusbewegung Forderungen von der Schwulenbewegung entlehnt hatte. Etwa das Recht, nicht als krank zu gelten und nicht medizinisch behandelt zu werden.

Als Minoritätenkünstler will Tsang aber nicht gelten. Inwiefern hat sein Erfolg in der Kunstwelt mit seiner Trans-Identität zu tun? Zum ersten Mal zögert er. „Zurzeit fallen mir so viele Transgenderkünstler und -kreative in der Öffentlichkeit auf, dass ich von einem Trend sprechen würde. Ich habe aber kein Interesse, ein Repräsentant zu sein.“ Kein Repräsentant, aber Aktivist. Was will er bei seinem Publikum verändern? „Es liegt nicht an mir, das zu kontrollieren. Ich kann nicht die Art verändern, wie jemand denkt. Ich hoffe, ein paar Leute lernen etwas über Menschen mit Trans-Identität und finden eine sensiblere Sprache. Das ist dann aber mehr eine Reflektion dessen, wer sie selbst sind, und hat weniger mit mir zu tun.“

Wu Tsang: Not in my language Migros Museum Zürich, bis 8. Februar

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06:00 24.12.2014

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