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Medientagebuch Demokratie-Spiel: Die TV-Show "American Candidate" sucht Kandidaten für die Präsidentenwahl

Jürgen W. Möllemann wäre sicher begeistert und würde liebend gerne mit dem Fallschirm über den Präsidentenköpfen am Mount Rushmore abspringen und mitspielen. Doch leider muss der verhinderte Kanzlerkandidat in Nordrhein-Westfalen ums schnöde politische Überleben kämpfen. Nicht besser ergeht es Medienmogul Rupert Murdoch. Weil auch er nicht in Amerika geboren wurde, bleibt ihm die Möglichkeit versagt, 2004 zum dortigen Präsidentschaftskandidaten aufzusteigen.

Mitmischen will Murdoch dennoch: Für seinen Kabelsender FX hat er die TV-Show American Candidate eingekauft. Einen von 100 Mitspielern küren die Zuschauer vor Ort und an den Bildschirmen zu ihrem Präsidentschaftskandidaten. Sie werden von einer vom Sender besetzten Jury ausgewählt und sollen ab Januar 2004 in mehreren Sendungen vor historischen Kulissen wie der Freiheitsstatue oder Mount Rushmore miteinander debattieren und Aufgaben bewältigen. Das Finale der besten Drei steigt am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag, in der Nähe des Weißen Hauses. Politik entpuppt sich als attraktivste Plattform und Zielpunkt von Reality-TV.

So sieht es Autor R. J. Cutler, dessen Dokumentarfilm The War Room über Bill Clintons Präsidentschaftskampagne 1992 für den Oscar nominiert war. "Wir sind eine Nation, in der jeder Präsident werden kann", meint Cutler. Der amerikanische Traum in neuem Gewand: Vom Tellerwäscher zum Präsidenten. Suggestiv lockt der Sender FX auf der Homepage im Internet mit dem Slogan "Could you be a candidate?" Wer kann da noch widerstehen. Fragt sich nur, wie der Sieger den folgenden Wahlkampf finanzieren will - Bush und Gore verfügten über Budgets in Höhe von knapp 200 Millionen Dollar.

Doch diese und andere Fragen, die auf eine tatsächliche Kandidatur des Siegers und dessen Chancen abzielen, verfehlen das clevere Konzept der TV-Show, die nicht die erste ihrer Art sein wird. Die Argentinier können bereits für die Wahl am 1. Dezember 2003 via Bildschirm einen Kandidaten der "People´s Party" küren. Cutler und sein Co-Autor Jay Roach, Regisseur der Austin Powers Filme, spielen mit den Versatzstücken politischer Geschichte, um Emotionen und Neugier auf unverbrauchte Gesichter zu wecken. Wer an die Freiheitsstatue denkt, erinnert sich vor allem an den Film Independence Day; bei Mount Rushmore zieht Hitchcocks North by Northwest - Der unsichtbare Dritte am inneren Auge vorbei. Die Wahrzeichen amerikanischer Geschichte haben ihren Realitätsgehalt eingebüßt. Sie sind universelle mediale Zeichen, hochaufgeladen mit neuen Bedeutungen aus der Traumfabrik Hollywood. Dort ist der Präsident längst als filmische Figur angekommen, mit der sich trefflich verdienen lässt. Als Fliegerpilot in Independence Day ist er ein Jedermann mit Potenzial zum Helden.

In Hollywood liegen die Wurzeln der neuen TV-Show, die kommerziellen Erfolg verspricht, auch wenn der Kabelsender FX über keine große Reichweite verfügt. Die fiktive Welt sei manchmal unterhaltsamer als die reale, meint Mark Mellman, politischer Berater der Demokraten. Da erscheint es nur konsequent, auch die Politik endlich als Spektakel zu inszenieren - frei von allen moralisch-ethischen Fesseln. Und frei nach Marshall McLuhans Marschroute "The medium is the message". Das wird der Demokratie in den USA nicht mehr schaden als ihr amtierender Präsident George Bush, den der Dallas-Darsteller Larry Hagman jüngst in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung als nicht nur gefährlich, sondern auch noch dumm titulierte.

McLuhans Diktion zum Trotz gehen die Journalisten amerikanischer und englischer Zeitungen der von Cutler gelegten Fährte auf den Leim. Der verkauft seine Show munter mit politischen Botschaften. Die Kandidaten in den vergangenen Jahrzehnten seien nicht viel mehr als Puppen an den Fäden größerer Interessen gewesen. Seine Show würde jetzt die wirkliche Offenheit der US-Demokratie auf die Probe stellen. Und: Sie könne bei den Zuschauern wieder Interesse für politische Themen wecken. American Candidate als Geburtshelferin einer neuen Demokratisierung - welch ein phantastischer Plot und was für ein wunderbarer Nonsens.

Doch in den Printmedien wird letzteres für bare Münze genommen und sie bieten damit der Show genau jenes öffentliche Forum, das ihre Autoren und nicht zuletzt Rupert Murdoch sich wünschen. Kulturkritisch wird etwa im Observer das alte Orwellsche Gespenst vom Big Brother reaktiviert. Es treibt auch in anderen Blättern sein Unwesen. "Can TV make a President?", fragt das Time Magazin in bedenklichem Ton und mit Blick auf das Italien Berlusconis. Die Chicago Sun-Times sieht Murdoch "playing with democracy". Und die Washington Post meint, der Medienmogul habe endlich einen Weg gefunden, in Washington das zu erreichen, was er wolle.

Es ist die alte Idee von der manipulativen Kraft der Medien, die hier fröhliche Urstände feiert. Dabei bildet American Candidate nur den Höhe- und Endpunkt der Kreation von Stars im Reality-TV. American Idol war der erfolgreiche Vorläufer für die Musikbranche und NBC plant gemeinsam mit dem Produzenten von Lethal Weapon, Joe Silver, eine Show mit dem Titel The Next Action Star. Von zwölf Finalisten sollen ein Mann und eine Frau über Nacht zu Helden der Leinwand aufsteigen.

Mit American Candidate wird sehr wahrscheinlich nicht die Demokratie ausgehöhlt und zu Grabe getragen. Die Show schließt eine letzte Marktlücke auf der maßlosen Jagd nach Quoten, indem sie den ultimativen Star verspricht: einen Kandidaten für das Weiße Haus. Rupert Murdoch spielt nicht mit der Demokratie, er spielt Demokratie. Die Vorstellung, dass er als Big Brother einen Präsidenten nach seinem Willen ins Amt heben kann, taugt bestenfalls als Story für Filmtrash made in Hollywood. Austin Powers, übernehmen Sie!

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00:00 18.10.2002

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