Die Besteigung des Vesuvs

Neapel und Pompeji Von verlorener Zeit, der Lust auf Gladiatoren und den Freiern der Königin Giovanna

Lord Byron, Berlioz, Sainte-Beuve, Lamartine, Theodor Mommsen, Leo Tolstoi, Madame de Staël, Friedrich Nietzsche und Anatole France, Maxim Gorki und Lenin - sie alle haben Neapel besucht und geschrieben über seine Palazzi und Quartieri an einer der schönsten Meeresbuchten der Welt. Sie empfanden, dass sich in der Stadt, die im achten Jahrhundert von griechischen Siedlern gegründet wurde, Schönheit und Hässlichkeit trafen, Hoffnung und Verzweiflung mischten, die Gegenwart als Vergangenheit entladen mochte. Und sie konnten sich eines Eindrucks nicht erwehren: Neapel war der ideale Ausgangspunkt für eine Exkursion hinauf zum Vesuv.

Alexander von Humboldt beschwerte sich in seinem Tagebuch, dass Kriegsherr Napoleon ihm seinerzeit den Weg zu den italienischen Vulkanen versperrt habe, und er deshalb - ohne diese vorher studieren zu können - zu den lateinamerikanischen aufbrechen musste. Auch mir und vielen anderen versperrten einst politische Verhältnisse den Weg dorthin. Dank Alexander von Humboldt "musste" auch ich - privilegiert wie er - zuerst zu den feuerspeienden Bergen Amerikas reisen - um dort einen Spielfilm zu drehen. 1988 hatten sich die beiden deutschen Staaten geeinigt, dass der Humboldt-Film Die Besteigung des Chimborazo eine erste offizielle Co-Produktion sein sollte. Weltbürger Humboldt schien für beide Seiten politisch unverdächtig. Womit man allerdings - sollte es dieses Kalkül gegeben haben - weit daneben lag. Alexander von Humboldt war alles andere als harmlos für Herrscher jeder Art. "Nichts kann die eigene Anschauung ersetzen", schrieb er. Humboldts Denken könnte bis heute nachwirken, es könnte mahnen zu Toleranz und Weltoffenheit, wollte man es denn wahrnehmen und nicht auf marktwirtschaftliche Verwurstung reduzieren, wie neulich das ZDF in seiner Reihe Genies.

Humboldt holte die Visite von Vesuv und Neapel ein Jahr nach der Rückkehr von seiner Südamerikareise nach, er bestieg den Berg mehrere Male und konnte am 12. August 1805 sogar einen Ausbruch des Vulkans beobachten.

Goethe war im Jahr 1787 in Neapel gewesen und hatte darüber geschrieben: "Daß kein Napolitaner von seiner Stadt weichen will, daß ihre Dichter von der Glückseligkeit der hiesigen Lage in gewaltigen Hyperbeln singen, ist ihnen nicht zu verdenken, und wenn auch noch ein paar Vesuve in der Nachbarschaft stünden ... Triebe mich nicht die deutsche Sinnesart und das Verlangen, mehr zu lernen und zu tun als zu genießen, so sollte ich in dieser Schule des leichten und lustigen Lebens noch einige Zeit verweilen und mehr zu profitieren suchen."

In der "Bronx"

Neapel, die ungefähr eine Million Einwohner zählende Hauptstadt des süditalienischen Kampaniens, kippt bis heute die Klischees, an die man als erstes denkt, wenn man den Namen hört: Camorra, Verbrechen und Kriminalität. Das kleine Hotel, das meinem Budget entspricht, liegt in der gefährlichen Nähe des Hauptbahnhofs zwischen "Bronx" und "Porta Nolana", wo die Zuhälter und Nutten stehen. Letztere sind in Neapel ganz natürliche Mädchen, die meisten davon wohl beleibt und keine gestylten Science-Fiction-Wesen, wie sie einem in Berlin an der Straße des 17. Juni ins Auge fallen. Der Kunde bestimmt wohl, was er haben will. Aber darüber will ich nicht schreiben.

Gefährlich kommt es mir jedenfalls nicht vor in dieser Stadt, selbst dann nicht, wenn ich am späten Abend in der "Bronx" an einem Internet-Point, gelegen auf einem Hinterhof, meine Mails abhole. Dort sitzen nur Schwarze und Araber - manche wohl, um Pornoseiten aufzurufen - in der europäischen Fremde. Beim Eintreten muss man der schwarzen Verwalterin des Etablissements seinen Ausweis hergeben. Mein Auftauchen hat sie anfangs erstaunt, aber ihr Söhnchen nahm meine Hand, brachte mich nach oben zu den Computern und versuchte, mir auf Italienisch etwas zu erklären, was ich nicht verstand.

Dieser Internet-Point war nicht leicht zu finden, es gibt derartige Einrichtungen in Neapel nicht an jeder Ecke wie heutzutage überall in der Dritten Welt. Es gibt allenthalben Märkte für Obst und Gemüse, kleine Fleischereien, Eisenwarenläden, Tabaktrafiken, eine Pizzeria nach der anderen, Bars und Bistros, aber Computershops oder Internet-Cafés nach mitteleuropäischem Muster sucht man vergebens.

Also fragte ich mich durch. An der Kasse eines Supermarktes saß ein bildhübsches Mädchen, das ein schwarzes Kopftuch trug. Ich fragte diese Kassiererin zuerst und ahnte, sie würde es nicht wissen. Doch als Dank für meine Frage schenkte sie mir ein reizendes Lächeln. Später kam ein junger Araber hinterher gerannt, der gehört hatte, wonach ich suchte, und beschrieb mir den Weg, eben bis zu jenem Hinterhof in der "Bronx" von Neapel.

Ansonsten scheinen Neapels Straßenschluchten in Spaccanapoli, der Altstadt, wildromantisch wie Gebirgsklamms, in denen Pulcinella - das "Hähnchen" - der listige, gefräßige, freche Diener süditalienischer Volkspossen und später der Commedia dell´arte herumkraxeln könnte. Genau hier, wo es den Glücksbringer in millionenfacher Version zu kaufen gibt. Doch wer unten wohnt, sieht wohl kaum die Sonne. Das klassisch-touristische Italien, wie man es von Venedig über Genua bis in die Toscana kennt, hat hier ausgesorgt. Neapel pflegt in seiner Altstadt den überaus zwangslosen Umgang mit der Frage, ob es statt in Europa auch in Südamerika liegen könnte. Im Labyrinth der Gassen herrscht überall ein dichtes Gedränge. Mittendrin tauchen plötzlich die nachts hellerleuchteten Schaufenster kleiner Geschäfte auf, die bis zu später Stunde Brokat, Spitzen, Holzschatullen mit prächtigen Intarsien oder Statuetten aus Porzellan feilbieten.

Das Neapel der Bourbonen hingegen empfängt einen weiträumig an der Piazza Plebiscito mit dem Palazzo Reale und der Kirche San Francesco a Paola, deren Säulengänge die westliche Hälfte des Platzes wie Krakenarme umschlingen. Nicht weit entfernt liegen das Teatro di San Carlo, wo Werke von Verdi und Rossini uraufgeführt wurden und einst Enrique Caruso sang, die mondäne Galleria Umberto mit ihren Jugendstildekors und das Castel Nuovo, dessen Eingangsportal von marmornen Renaissance-Reliefs umgeben ist. Dort, wie in allen staatlichen Museen, etwa dem berühmten Museo Archeologico Nazionale, wo die Funde aus den antiken Städten Pompeji und Ercolano ausgestellt sind, haben Personen unter 18 und über 65 Jahre freien Eintritt (den Deutschen zur Nachahmung empfohlen). Allerdings gilt die Großzügigkeit nur für Besucher aus EU-Staaten!

Hula-Hoop im Stacheldraht

Auch im Palazzo delle Arti kostet es nichts, wohin sich freilich nur wenige Leute verirren. Es gibt eine Sonderausstellung zu sehen: Heroes! Like us - Schreckensbilder der Gegenwartskultur. Im fotorealistischen Stil bildet die russische Künstlergruppe AES + F schön anzuschauende, halbnackte Kinder und Jugendliche ab, die sich gegenseitig die Klinge an den Hals setzen, einander abstechen, Baseballschläger herunter sausen lassen, auf jede nur mögliche Weise quälen und killen. Das Endlos-Video einer israelischen Künstlerin zeigt ein nacktes Mädchen am Strand, das mit einem Reifen aus Stacheldraht Hula-Hoop vorführt. Der Kasache Yerbosin Meldibekow erinnert mit gestellten Gräuelfotos an das kambodschanische Pol-Pot-Regime der Schreckensjahre 1975 bis 1979. Meldibekow zeigt eingegrabene Menschen, von denen nur die Köpfe herausschauen. Neben angespitzten Baumstämmen sind zwei Männer mit Pistolen im Mund zu sehen, die sie aufeinander gerichtet haben.

In den unzähligen Kirchen Neapels gibt es die bekannten Heiligen zu sehen. Was mich fasziniert, sind die schwelgerischen Marmor-Intarsien, sei es in San Paolo Maggiore oder bei den Jesuiten in der Chiesa del Gesú. Zu welcher Erbauung haben die Künstler diese symmetrisch abstrakten Muster geformt und damit den christlichen Kult unterlaufen? Sie entsprechen jenen Strukturen, die man sieht, wenn man mit Hilfe heiliger Pflanzen in andere Welten fliegt.

Einmal fuhr ich mit einem Stadtbus bis zur Endstation im Vorort Possilippo, wo die Villen der Reichen stehen, teilweise direkt in den steilen Hang gebaut, dass man kaum an die Küste gelangen und nur wie von Ferne das monotone Tosen des Tyrrhenischen Meeres hören kann, das an die Küste brandet. Dahinter breiten sich die Ruinen und Reste des Industriegebiets von Bagnoli aus. Touristisch schien das nicht weiter von Interesse, so dass ich erstaunt war, als mich eine Dame ansprach: "Are you a tourist too?" - "Ja", sagte ich. - "Ach schön, ein Deutscher. Und woher kommen Sie, wenn ich fragen darf?" - "Aus Potsdam, bei Berlin." - "Ich weiß doch, wo Potsdam liegt, ich bin aus Leipzig." Die Dame war den ganzen weiten Weg, zehn Kilometer mindestens, zu Fuß spaziert, alle Achtung. Und ich erfuhr, dass sie geschäftlich in Neapel sei und im Fünf-Sterne-Hotel Excelsior wohne, direkt dem Castel dell´Ovo gegenüber und Capri am Horizont vor Augen. Eingeladen sei sie von einer großen und berühmten Schreibwarenfirma, welche sie in Leipzig vertrete - drei Geschäfte in der Mädlerpassage seien ihr eigen. Gleich 1989 habe sie sich selbstständig gemacht, eine harte Zeit sei das gewesen damals, aber wenn man nun von allen Seiten Anerkennung in Form solcher Einladungen erfahre, hätte es sich doch gelohnt. Sie beliefere viele große Leipziger Firmen mit Schreibwaren, die Geschäfte gingen gut, und die Designerprodukte seien der Punkt auf dem I. Einen Traum ihres Lebens habe sie sich damit erfüllt.

Ich sagte ihr, dass es schön sei, jemanden aus dem Osten zu treffen, der nicht jammert. Sie hatte keinen Grund dazu.

Lange ist nichts passiert

Die Napolitaner zählen zu den rücksichtsvollsten Autofahrern, die mir je begegnet sind, obwohl es so wenige Regeln zu geben scheint wie etwa im kambodschanischen Phnom Penh. Anfangs zögerte ich am Zebrastreifen, dann bekam ich mit, dass die Autos nicht nur dort anhielten, sondern überall, wo ein Fußgänger auch nur Anstalten machte, eine Straße zu überqueren.

Für Besucher ist in Neapel kein Auto nötig, man kann mit den Nahverkehrsmitteln reisen, sie kosten nicht viel, mit der Metro, mit Bussen, mit den Funicolares, den Drahtseilbahnen, oder ins Umland mit der Meeresmetro, der Circumvesuviana und Circumflegrea. Es handelt sich um S-Bahn ähnliche Zügen, deren Waggons und Stationen Graffiti-Gesamtkunstwerken gleichen. Manchmal sind auch die Fenster zugesprüht, obwohl es die Landschaft wahrlich verdient hätte, betrachtet zu werden.

Klar, dass ich zum Vesuv fahre, aber ich reite nicht hinauf, gehe auch nicht zu Fuß, wie es Humboldt und Goethe taten. Heute stehen am Bahnhof von Ercolano Shuttle-Busse bereit, um die Touristen hoch zu bringen, vorbei an neben der Straße aufgestellten Kunstwerken aus Lava-Gestein, bis zu einem Parkplatz nicht weit vom Kraterrand, so dass man lediglich einen Aufstieg von etwa 20 Minuten vor sich hat.

Ich habe es völlig unangemessen eilig, denn der Shuttle lässt nur eine reichliche Stunde bis zur Rückfahrt. Der Weg nach oben ist ungefähr so voll und belebt, wie es einst die Wanderwege durch die Hohe Tatra im Sommer waren. Ich steige weit schneller hinauf, als das in Ecuador am Chimborazo oder Cotopaxi möglich wäre, der Vesuv ist ja nur 1.281 Meter hoch und bringt es damit auf 5.000 Meter weniger als der Tayta Chimborazo. Es droht keinerlei Gefahr, von "Soroche", der Höhenkrankheit, befallen zu werden.

Die Landschaft bleibt die ganze Zeit über in Dunst gehüllt, so dass nur schemenhaft Konturen der Küste zu erkennen sind. Knapp über dem Krater wabert ein Wolkengebirge. Dann der beeindruckende Blick hinein! Man sieht in braunen und grauen Tönen die Lava-Schichten der verschiedenen Ausbrüche. Ganz unten grünt es, ein paar Bäumchen haben sich herausgewagt. Aus einer einzigen Fumarole steigt blasser Rauch.

Es ist am Vesuv relativ lange nichts passiert, zur letzten Eruption kam es im Jahr 1944, aber es dürfte irgendwann wieder etwas geschehen, höre ich die Prophezeiung, doch sei der Vesuv der am besten bewachte Vulkan der Welt. Italien verfügt über eine exzellent ausgebaute Protezione Civile, die bei regelmäßigen Alarmübungen einen für die 18 Gemeinden der Gegend geltenden Evakuierungsplan durchspielen lässt. Sollte der Vesuv ausbrechen, können die Menschen, die im dicht besiedelten Gebiet rund herum leben - 600.000 sollen es direkt an den Hängen sein - nur schnell die Flucht ergreifen, denn der Gewalt Einhalt zu gebieten, ist unmöglich. Ein Ausbruch kann jederzeit genauso verheerend sein wie der, welcher Pompeji und Ercolano im Jahr 79 in Schutt und Asche legte.

Wegen der Eile des Aufstiegs vergesse ich, dem Berg meine Ehrerbietung darzubringen, ich habe auch keinen Schnaps dabei - weder Rum noch Grappa -, um dem Vesuv zuzuprosten. Andererseits, wäre ich zu irgendeiner Art von Meditationshaltung am Kraterrand entschlossen gewesen - man hätte mich wohl für verrückt gehalten. Überall standen Touristen, die sich nicht stören ließen, eifrig in ihre Handys zu quasseln. Es begann zu regnen, und ich musste schneller wieder hinunter, als ich geglaubt hatte.

Ganz schrecklich fett

Auf der Rückfahrt nach Neapel gerate ich in einen Waggon, der von einer Horde sich wüst gebärdender Jugendlicher besetzt ist. Sie brüllen, kreischen, ziehen sich gegenseitig über die Bänke. Ein Art Anführer unterhält seine Kompagnons lautstark mit Witzen, die man wohl nicht verstehen muss. Die meisten sind fett, und viele sind ganz schrecklich fett. Pizza und Pasta quellen überall in Speckfalten hervor. Kaum zu fassen, wie man sich schon in frühen Jahren so wenig lieben und offenbar nur das große Fressen im Sinn haben kann.

Im Abteil wagt es eine einzige alte Dame, auf sehr freundliche Weise Einspruch gegen den Lärm zu erheben. Sie fürchte um die "Zukunft der Gesellschaft", soviel kann ich verstehen. Die Gruppe beklatscht und bejohlt dieses Statement so ausgelassen, als hätte der SSC Neapel gerade das Tor zur Meisterschaft geschossen. Minutenlang springen sie herum. Die alte Dame zieht wie eine in Maßen amüsierte Mutter Oberin den Anführer rügend am Ohr. Niemand sonst hätte das wagen dürfen.

Als ich ein anderes Mal mit der Circumvesuviana aus Pompeji zurückkehre, sitzt neben mir ein älteres taubstummes Ehepaar, das unablässig gestikulierend schwatzt. Ein Junge mit einem Akkordeon vor der Brust zieht durch den Zug und hält allen sein Geldschälchen hin. Ich gebe ihm zu verstehen, er möge doch zunächst spielen, bevor er ein Salär einzustecken wünsche. Prompt setzt er sich auf die Bank mir gegenüber und lässt ein paar Takte hören. Als Virtuose kann er sich nicht empfehlen, dafür lässt er mich keinen Augenblick aus den Augen, als gelte es, den Zuhörer zu hypnotisieren. Als ich schließlich mein Portemonnaie zücke, geraten die beiden Taubstummen völlig aus dem Häuschen wegen meines Leichtsinns, die Geldbörse in offener Jacke herum zu tragen, und wollen mir am liebsten alle Reißverschlüsse persönlich zunähen. Auf der Nebenbank beobachtet ein Chinese die Szene, den der Harmonikaspieler zuvor schon mit erkennbar geringer Zuversicht angesprochen hat und bis auf ein Lächeln leer ausging. Der verhinderte Spender hat selbst nicht viel. Zwei große Tüten, in denen sich offenbar seine Handelsware befindet, stehen im Abteil und lassen vermuten, dass er noch am gleichen Tag neben Marokkanern, Senegalesen, Äthiopiern, Vietnamesen oder den eigenen Landsleuten irgendwo in Neapel am Straßenrand auf Kunden hoffen wird. Als die Taubstummen aussteigen, ahmt der Chinese ihre paranoische Pantomime nach - wir lächeln uns zu.

Bei einer anderen Fahrt im überfüllten Zug steht neben mir ein blondes Mädchen mit feinem Gesicht, geistesabwesend vertieft in Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus. Das Cover des italienischen Taschenbuchs bildet, nicht ganz passend, Picassos Absinth-Trinker ab. Eine jener italienischen Superfrauen, wie man sie aus Fellini-Filmen kennt, drängelt die Lesende unsanft beiseite und gibt sich dann alle Mühe, dahinter zu kommen, um welch spannende Lektüre es sich handeln mag. Als sie es herausfindet, drückt ihr Blick tiefste Verständnislosigkeit aus.

Rülpsen, kotzen, schreien

Pompeji, Stabia und Ercolano - man muss sich vorstellen, dass dort im Jahr 79 unserer Zeitrechnung, als der Ausbruch des Vesuvs ihren Untergang und ihre Konservierung für die Nachwelt bewirkte, Menschen lebten wie wir. Sie besuchten Theater und Thermen oder gingen in die große Arena zu den Gladiatoren.

Überall an den Straßen gab es kleine Bars zum Verweilen, viele Häuser waren mit Mosaiken, Wandgemälden und Skulpturen geschmückt. Wie man sehen kann, lebte die Gemeinschaft vor beinahe mehr als zwei Jahrtausenden mit einer höheren Kultur als das volkstümliche Neapel heute, zwar ohne Television, Telefon und Computer, aber wo - manche diese Häuser gehörten freigelassenen Sklaven - findet man sonst Zeichen einer solchen Lebensart? Die Schriftsteller Lukian und Petronius, der Philosoph Seneca waren im Jahr 79 noch nicht lange tot. Es sei nicht vergessen, sie starben keines natürlichen Todes, sondern wurden von Kaiser Nero wegen ihrer "Unbotmäßigkeit" in den Selbstmord getrieben, auch der Despot war gerade einmal zehn Jahre verschwunden, als für Pompeji jedes Zeitmaß erstarb. Nero war gleichfalls nichts anderes übrig geblieben, als sich selbst zu entleiben.

Heroen der Antike wie Homer, Aristoteles, Platon und Sophokles hatten Jahrhunderte früher gelebt. Es war viel nachgedacht worden in jener fernen Zeit. Was hat es der Menschheit gebracht, was ist geschehen seither? Welch relativer Begriff Fortschritt doch ist, wird einem klar, wenn man durch Pompeji läuft. Die Fortschrittsexplosion der vergangenen 100 Jahre, die vor 2.000 Jahren ihren fatalen Anfang nahm, als das Christentum den Menschen zur Krone der Schöpfung erklärte und die Götter aus ihrem Olymp vertrieb - was hat sie am Menschen tatsächlich verändert? Hat sie ihn wirklich vorangebracht? Oder hat sie ihn nur verführt, ausgerechnet seine Unternehmungen vor allen anderen als Akt des Fortschritts zu loben? Und das solange, bis die gequälte Erde nicht mehr weiter kann?

Die Schamanen der kolumbianischen Kogi-Indianer haben sich diesbezüglich gegen Ende der achtziger Jahre aus ihrer traditionellen Abgeschiedenheit bemerkbar gemacht: "Mutter Erde leidet, die Menschen haben ihr die Zähne ausgebrochen, stießen ihr die Augen aus und schnitten ihr die Ohren ab. Sie kotzt. Sie hat Durchfall. Sie ist krank."

Es war Zufall, dass ich als Reiselektüre Huxleys Schöne neue Welt mitgenommen hatte. Als ich das Buch vor Jahrzehnten zum ersten Mal las, da schien mir noch Orwells 1984 als der wahrscheinlichere Albtraum. Jetzt fiel mir auf, dass ich vergessen hatte, dass Huxleys Zukunfts-Horrorvision, zumindest in der deutschen Fassung, in Berlin spielte - seine zentrale Abtreibungsklinik zum Beispiel befand sich in Sanssouci. Kinder wurden nicht mehr natürlich ausgetragen, sondern vor der Geburt schon für ihr späteres Leben genormt. Die Soma-Droge gestattete es allen, immer zufrieden zu sein. Sex war purer Genuss, der nichts mehr mit Gefühlen zu tun hatte. Kaufen und genießen galten als das höchst Erstrebenswerte. Der Mensch als eine Mixtur aus genormtem Arbeitstier und genormtem Verbraucher, geschrieben 1932.

An einem kleinen Bordell von Pompeji stehen Touristengruppen Schlange, um sich die über steinernen Bettnischen abgebildeten "Stellungen" anzuschauen. Besser kann man derartige Motive im Archäologischen Museum von Neapel betrachten, freilich nur in einem Cabinete Segreto, für das sporadisch Einlass gewährt wird, weil sonst die kleinen Räume den Ansturm kaum fassen könnten.

Warum eigentlich sind die Besucher so erpicht darauf, wenn man das heute doch viel direkter in Journalen, Sex-Shops und im Internet sehen kann? Der Führer einer deutschen Reisegruppe erregt sich, wie sensationsgeil es sei, diese Objekte in einem besonderen Kabinett auszustellen - Erotik und Sinnlichkeit seien während der Antike das Normalste von der Welt gewesen. Damit mag er recht haben, ob ihn jedoch die Touristen verstanden, war nicht auszumachen. Die Frauen guckten aus den Augenwinkeln auf die riesigen Phalli, und die Männer starrten weit unverfrorener auf zur Nachahmung anregende "Positionen". Ob sie es auch mal mit einer Ziege versuchen würden?

Natürlich konnte ich Neapel nicht wieder verlassen, ohne Capri einen Besuch abzustatten. Der kleine Hafen dort empfängt die vielen Fähren verheißungsvoll, Busse stehen bereit, eine Zahnradbahn gibt es auch, um die Touristen hinauf zur Piazzetta zu verfrachten. Auf dem kleinen Plätzchen, das nicht schöner ist als Tausende solcher Plätze in Italien, kann man sich vor Menschen kaum bewegen. Vor der Bergkulisse gegenüber sind Großporträts der Hollywood-Stars Liz Taylor, Audrey Hepburn, Mel Ferrer und des aus Neapel stammenden italienischen Komikers Totó aufgestellt, dem im Castel Nuovo eine Ausstellung gewidmet ist. Unvergessen sein Auftritt in Pasolinis Große Vögel - kleine Vögel.

Die Küstenstraße zwischen Positano und Amalfi an der Südseite der Sorrentiner Halbinsel scheint eine der schönsten und spektakulärsten Pisten der Welt zu sein, hinter jeder Kurve wartet ein neuer atemberaubender Blick auf das schäumende Meer in der Tiefe und auf die wie Nester an der Steilküste klebenden Orte. Die Straße wurde einst keinesfalls für größere Autos oder gar Busse gebaut. Die schieben sich nun in Zentimeterabständen nahe dem Abgrund aneinander vorbei. Linienbusse genießen gewisse Vorrechte gegenüber den unzähligen Reiseunternehmen. Sie hupen vor der Kurve, um ihr Kommen anzukündigen, freilich ohne das Tempo zu drosseln. Sonst aber, etwa aus Wut oder Übermut, hupt kaum jemand.

Über die Klippe gestoßen

Es gibt in dieser Gegend durchaus Refugien, die nicht vom Tourismus überrannt sind. Die kleine Insel Procida etwa - schon die Marina, wo einige der Schiffe, die nach Ischia fahren, anhalten, beglückt mit ihrem vergammelten Charme, dem blassen, nicht frisch getünchten Pastell der Häuser, der gelben Kirche, den winzigen Läden. Geht man hinauf nach Terra Murata, der mittelalterlichen Festungsanlage, gerät man in die Oase eines kleinen Hofes mit alten Häusern, wo das Leben noch so abzulaufen scheint, wie man es menschlich nennen möchte. Man wird belohnt mit einem Blick über den Golf von Neapel, auf dessen Oberfläche sich kleine weiße Schaumkronen kräuseln.

Auf der Rückseite von Procida liegt der Fischerort Corricella, dessen Häuser sich gelb und blau, rosa und weiß stapeln wie am Rande eines arabischen Souks. Ein Fischer strich gerade sein Boot mit grasgrüner Farbe an. Man musste gar nicht weit gehen, um solch stille Orte zu finden. Es gibt sie noch in Europa, sogar in Italien.

Weil ausnahmsweise einmal die Sonne schien, fuhr ich von Sorrent weiter hinaus zur Punta del Capo. Auf der ins Meer hinausragenden Spitze fand ich die Reste römischer Ruinen, man konnte den Blick am Vesuv, an der Steilküste von Sorrent, den Lattari-Bergen dahinter, dem fernen Neapel, Ischia und Procida laben. Ich meditierte und legte mich auf den Klippen der Bagni della Regina Giovanna in die Sonne. Die Königin Giovanna soll hier im 14. Jahrhundert ihre Liebhaber empfangen und danach über die Klippen gestoßen haben.

Außer ein paar Anglern war niemand dort.

Rainer Simon drehte den eingangs erwähnten DEFA-Spielfilm über Alexander von Humboldt Die Besteigung des Chimborazo mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle 1988 in Ecuador. Es war eine seiner bedeutendsten Regie-Arbeiten nach Streifen wie Till Eulenspiegel (1973/ 74), der Verfilmung der Novelle von Leonhard Frank Die Frau und der Fremde (1984) sowie des Gegenwartsfilms Jadup und Boel (1980/81). Im Jahr 2000 kehrte Simon nach Ecuador zurück, um dort nach einer Legende der Chachi-Indianer den Spiefilm Der Ruf des Fayu Ujmu zu drehen. Es folgte 2005 der Roman Regenbogenboa über einen Deutschen, der 30 Jahre in einer indianischen Gemeinde Amazoniens lebt.


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00:00 10.08.2007

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