Die Beute im Schnabel

Patrouille über dem Indischen Ozean Deutsche Marineflieger als logistisches Hilfskorps der Amerikaner am Horn von Afrika

"Enduring Freedom" für Ostafrika hieß es vor acht Monaten, als die Anti-Terror-Operationen auf den Indischen Ozean ausgedehnt wurden. Unter Teilnahme auch deutscher Marine-Einheiten werden seither am Horn von Afrika Seegebiete, Schifffahrtsrouten und Häfen überwacht. Die bis heute andauernde Observierung dieser Region erhält vor dem Hintergrund eines möglichen Angriffs auf den Irak militärisch einen besonderen Stellenwert.



Die aufgehende Sonne bricht durch Wolkentürme und zaubert 4.500 Meter über dem Indischen Ozean Lichtreflexe in den Himmel. Ein Anblick, den Michael W. (*) an seinem Arbeitsplatz genießen könnte, säße der 32-jährige Hauptbootsmann nicht in der Plexiglaskapsel eines Maritime Patrol Aircraft der deutschen Marine vom Typ Breguet Atlantik BR 1150. Wie die anderen 13 Besatzungsmitglieder hat er kaum Augen für das Naturschauspiel: Die Soldaten sind angehalten, Seegebiete und Schiffsrouten zu inspizieren, sie gehören zum Marinefliegergeschwader Graf Zeppelin aus Nordholz und sind seit dem 14. März 2002 (zusammen mit 151 Soldaten) als Teil eines deutschen Marinekorps in Mombasa (Kenia) stationiert. Die globale Anti-Terror-Operation Enduring Freedom und die Entscheidung der Regierung Schröder vom Dezember 2001, sich daran zu beteiligen, weist ihnen diese Mission zu: Überwachung des Schiffsverkehrs am Horn von Afrika und damit mutmaßlicher Nachschublinien terroristischer Netzwerke, wie die Order besagt.
Schiffe auf der Fahndungsliste
Die Suche von Bord der Turbopropellermaschinen aus den sechziger Jahren ist ein Puzzlespiel, nicht zuletzt ein zäher Kampf gegen betagtes Material. Hier vor der Küste Ostafrikas wird mehr als deutlich, wie viel Diskussionsbedarf über eine globale Rolle der Bundeswehr eigentlich bestehen müsste - namentlich, nachdem die deutsche Marine jüngst die Führung über die Task Force 150 in einer Zeit übernommen hat, da sich die Anzeichen für einen bevorstehenden Waffengang gegen den Irak verdichten.
Gegen zwei Uhr ist für die Equipe um ihren Technischen Offizier - kurz TO genannt - Thomas D. stets die Nacht zu Ende. Es geht vom eigens für das deutsche Kontingent angemieteten Hotel vorbei an heruntergekommenen Wohnhäusern und Elendshütten zum außerhalb Mombasas gelegenen Flughafen. In nur vier Tagen wurde hier vor sechs Monaten der Flugbetrieb aus dem Boden gestampft und eine karge Halle zum Fliegerhorst umgebaut. Der Hitze wegen arbeiten die Techniker nachts unter Flutlicht. Zwar wurde noch kein Start abgesagt, doch kommen auf eine Flug- zwischenzeitlich mehr als 55 Technikerstunden. Es gehe mit der Luftbeobachtung um eine Art Bestandsaufname des regionalen Schiffsverkehrs, erklärt der stellvertretende Kontingentführer, ein Fregattenkapitän. Alle Schiffe im Einsatzgebiet würden fotografiert und ins Hauptquartier weitergemeldet. Bislang seien etwa 200 registriert. Nicht alle würden als "verdächtig" gelten, aber übertünchte Schiffs- und unklare Reedernamen müssten sofort gemeldet werden. Erhärtet sich ein Verdacht, so bekämen Schiffe den so genannten "Titel", das bedeute, sie tauchten auf der so genannten "Fahndungsliste" der Operation wieder auf.
Punkt sechs Uhr hebt die mit 13,5 Tonnen Sprit betankte Maschine ab. Einer der beiden nebenan auf dem Rollfeld abgestellten britischen Aufklärer vom ebenfalls in die Jahre gekommenen Typ Canberra wird eine Stunde später folgen. Doch die Briten denken daran, ihre Maschinen bald abzuziehen. Ein untrügliches Signal dafür, "dass Somalia aus dem Fokus gerät", wie es unter den Militärs heißt. Ungeachtet dessen fliegen die drei Breguet Atlantic ihre Patrouillen mindestens bis November weiter. Solange ist dieser Teil der weltweiten Anti-Terror-Operationen befristet - zunächst.
Heute wird durch die Crew ein Gebiet observiert, das in etwa die Hälfte der Fläche Deutschlands umfasst - das heißt zehn Stunden Flugzeit. Unterwegs kann der Besatzung kaum etwas entgehen: Die bauchige Maschine ist im abgedunkelten Mittelteil vollgepackt mit Elektronik, unterteilt in Über- und Unterwasserortung. Doch nach U-Booten wie im Atlantik zur Hochzeit des Ost-West-Konfliktes wird nicht gesucht. Während die Besatzungen seinerzeit im Skagerrak bei einem Überwachungsflug bis zu 100 Bewegungen registrieren konnten, sind es über dem Indischen Ozean im Durchschnitt zehn - sonst nichts als tiefblaues Meer, Wellenkronen und Küste. Stunde um Stunde verrinnt bis das Radargerät erste Kontakte meldet. Aber das "Objekt" befindet sich innerhalb der somalischen Zwölf-Meilen-Hoheitszone und wird ausgespart. Die Frage nach dem Sinn der Aktion in dem schier endlosen und verkehrsarmen Seegebiet drängt sich auf. "Wir sammeln hier wie andere Verbände Informationen und geben sie weiter. Das Gesamtbild werden vermutlich nur die Amerikaner kennen", so Vizekommandeur Peter B., "die Frage nach dem Sinn können wir erst später beantworten."
Ein Nebeneffekt der Patrouillen: Die Piraterie ist zurück gedrängt worden. "Denkbar wäre es, in einem zweiten Schritt die Flotteneinheiten, die jetzt unter Führung deutscher Seestreitkräfte in Djibouti stehen, zur Kontrolle der georteten Schiffe heranzuführen", meint Fregattenkapitän B. Freilich: Das könnte auf Konfrontationen und ein "robustes Auftreten" hinauslaufen und auch die Anforderungen an die betagten Breguets nochmals erhöhen.
Zwischenfall mit der "Emden"
Gegen Mittag geht es zurück. Das erste Schiff im Operationsgebiet erscheint als Strich auf dem Radar. Tactical Coordinator und Navigator lotsen den Kommandanten zum Ziel. Mit seiner Digitalkamera entstehen Aufnahmen 100 Meter über dem Meeresspiegel, besonders das Heck mit dem Schiffsnamen und Heimathafen interessiert. Auch mehrere Dhaus, die traditionellen Küstensegler, werden erfasst. Spätestens seit dem Zwischenfall mit der deutschen Fregatte Emden Anfang April weiß man um das Gefahrenpotenzial derartiger Aktionen. Die Fregatte näherte sich an diesem Tag einigen Seglern, als von dort Schüsse abgegeben wurden. Der Kommandant vermied schließlich eine "unnötige Eskalation", wie es von Marineseite offiziell heißt, und ließ abdrehen.
Zwölf der 40 mit dem Radar aufgefassten Objekte werden im Verlauf des Fluges fotografiert, ein normales Ergebnis, ein "verdächtiges Schiff" war nicht dabei, meint die Besatzung. Kurz vor 16 Uhr ist wieder Mombasa in Sicht. Nach der Landung muss sofort die Bodencrew in Aktion treten, da ein mehrstündiger Testflug angesetzt wurde. Das Crewmotto an den Fliegerkombinationen stammt noch aus den Zeiten des Kalten Krieges, "It´s enough for todady" ist da auf dem Button zu lesen. Darüber prangt eine Art Pelikan, der seine Beute im Schnabel hat: Es sind U-Boote.

(*) Nachname aus militärischen Gründen abgekürzt.


00:00 09.08.2002

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