Die Branche schweigt nicht mehr

Nach dem Christopher Street Day in Warschau Die Situation von Lesben und Schwulen in Polen bleibt prekär

In Polen war lange nichts Genaues über die Existenz von Homosexuellen bekannt. "Das Schweigen bestimmte ihr Dasein", so drückte es Julian Stryjkowski (ein polnischer Jude aus der Ukraine, Schriftsteller, Kommunist und Homosexueller) in einer späten Erzählung einmal auf genial einfache Weise aus. Eine wichtige Zäsur in der Geschichte schwuler und lesbischer Emanzipation in Polen stellte allerdings der Sturz des Kommunismus und der Beginn der Demokratie im Jahr 1989 dar. Vor diesem Wendepunkt "gab" es gewiss homosexuelle Menschen, ihre Existenz wurde nicht mehr verleugnet, aber es sind nur wenige Spuren von ihnen erhalten. Nach wie vor fehlen systematische Forschungsarbeiten über die Geschichte von Homosexuellen in der Volksrepublik und in den Zeiten davor.

Ein Teil dieser Geschichte ist die Aktion "Hiacynt", eine geheime Maßnahme der Miliz (vermutlich zwischen 1986 und 1988), die darauf angelegt war, schwule Männer zu überwachen beziehungsweise unter Druck zu setzen. Die Rolle, die "Hiacynt" spielte, ist bis heute noch nicht geklärt. Dass es aber eine solche Aktion gab, zeigt einerseits, dass Homosexualität in der Volksrepublik Polen sehr leicht als Anlass zur Erpressung und Verfolgung dienen konnte (davon war auch Michel Foucault betroffen, der Polen in den sechziger Jahren besuchte). Andererseits zeugt "Hiacynt" aber auch indirekt davon, dass den Schwulen in Polen Ende der achtziger Jahre zunehmend bewusst wurde, dass sie ihre Homosexualität mit einer großen Gruppe von Menschen teilten. Was damals im Rahmen der Aktion jedoch wirklich passierte, bleibt ein Rätsel. Man darf sogar vermuten, dass diese Angelegenheit immer noch gravierende Folgen für die Betroffenen hat. Zu bezweifeln ist, ob sich das "Institut für nationale Erinnerung" (Instytut Pamieci Narodowej), eine Forschungs- und Ermittlungsbehörde für die Verbrechen des Krieges und der kommunistischen Zeit, für diese Aktion jemals interessieren wird. Denn es ist fraglich, ob die Verfolgung der Homosexuellen zum nationalen Gedächtnis gehören darf.

Sozialwissenschaftliche Forschungsarbeiten bestätigen, dass 1989 für die polnischen Schwulen und Lesben, ein wichtiges Jahr der Hoffnung auf eine Wende war. Die Soziologin Dorota Majka-Rostek hat Homosexuelle interviewt, die das sehr deutlich ausdrücken. Sie sagten unter anderem, dass sie überzeugt gewesen seien, die Einzigen ihrer Art auf der Welt zu sein. Das war wohl eine Folge des obligatorischen Schweigens vor 1989.

Anfang der neunziger Jahre änderte sich die Situation. Man darf sogar von einer ersten Welle der Emanzipation sprechen. In vielen polnischen Städten entstanden Organisationen ("Lambda" und informelle Gruppen). Einige, oft kurzlebige Zeitschriften wurden herausgegeben und eine halböffentliche Infrastruktur bildete sich heraus. Doch nach wie vor blieb Homosexualität ins "Ghetto" der Privatsphäre eingeschlossen. In der Öffentlichkeit gab es keine "offenen" Lesben oder Schwule, und die Homosexuellenfrage wurde als eine Kuriosität aus dem Westen abgehandelt. Die Durchschnittspolen lernten einen schwulen Mann nur in amerikanischen Fernsehserien kennen. Gleichzeitig löste der Gedanke, die Homosexuellen könnten ihre Forderungen stellen, Unruhe aus. Das bestätigt die polnische Verfassung von 1997, in der es beispielsweise heißt, dass die Ehe nur zwischen Mann und Frau bestehen kann. Die ursprünglich geplante Formulierung eines Diskriminierungsverbots wurde in der Endfassung so allgemein formuliert, dass die sexuelle Orientierung als Grund für Ungleichbehandlung nicht erwähnt werden musste (was damals inoffiziell auch zugegeben wurde). Das war aber nur eine Reaktion auf das Geschehen im Westen, zum Beispiel die rechtliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften, und nicht auf die polnische Situation.

Und doch änderte sich auch in Polen die Lage der Schwulen und Lesben, die Emanzipation zog immer weitere Kreise. Der erste polnische CSD sollte 1998 in Warschau stattfinden, doch die Veranstalter bekamen dafür keine Bewilligung. Drei maskierte schwule Männer demonstrierten trotzdem und wurden deswegen von mehreren Nazi-Skinheads beschimpft. Doch mit der Zeit nahm die Zahl der Demonstrierenden zu.


Die Schwelle zum 21. Jahrhundert ist die Zeit der zweiten Emanzipationswelle. Die im Szene-Jargon so genannten "Branchenzeitschriften" (polnische Lesben und Schwule nennen ihre Community gerne "Branche") sind verschwunden oder haben sich in Porno-Hefte verwandelt. Die Internet-Ära hat begonnen, und das Netz ist zum wichtigsten Kommunikationsmittel geworden, mit dem Veranstaltungen und Aktionen geplant werden. Im August 2002 fand in der größten meinungsbildenden Tageszeitung Polens, der Gazeta Wyborcza, eine Diskussion über die Homosexuellenrechte statt. Sie dauerte fast den ganzen Monat und war die erste Debatte dieser Art im Land. Die Resonanz war riesig. Ein emanzipatorischer Diskurs war geboren! Anschließend wurde die Diskussion im Internet fortgesetzt - mit einer deutlichen Vormachtstellung für die homofreundliche Position, es wurde gegen homophobe Angriffe Einspruch erhoben, und es entstanden lange Artikel über Homo-Rechte. In der anonymen Atmosphäre des elektronischen Mediums besteht große Bereitschaft, für die eigenen Rechte zu kämpfen, während Homosexuelle im öffentlichen Diskurs dagegen kaum agieren, weil sie immer noch Angst haben.

Parallel dazu entwickelte sich in der genannten Debatte ein bestimmtes Muster, das später mehrfach reproduziert wurde. Während die Gazeta Wyborcza als bedeutendste liberale Tageszeitung Polens niemals einen antisemitischen Artikel als Diskussionsbeitrag publizieren würde, entschied sie sich bei der Diskussion über die "homosexuelle Frage" für ein anderes Verfahren. Das Bemühen dieser Zeitung (und anderer liberaler Medien) um Ausgewogenheit sah folgendermaßen aus: Es wurden zwei Artikel nebeneinander abgedruckt, auf der einen Seite eine positive Stellungnahme zur Emanzipation von Homosexuellen und auf der anderen Seite ein Artikel, der Homophobie als rationale und sogar notwendige Haltung darstellt. Dieses Muster wurde häufig wiederholt. Die homophoben Artikel konnten somit in die Mitte des liberalen Diskurses in Polen vorstoßen.

Im Jahr 2004 fand mit der Ausstellung "Sollen sie uns doch sehen" (Niech nas zobacza) und einer sie begleitenden Informationskampagne gegen Homophobie eines der wichtigsten Ereignisse für die polnische Homosexuellenbewegung statt. Diese Ausstellung, die noch in den letzten Wochen für Turbulenzen am Collegium Polonicum an der deutsch-polnischen Grenze gesorgt hat, besteht aus 30 Fotos von gleichgeschlechtlichen Paaren (15 männliche und 15 weibliche). Die Fotografin, Karolina Bregula, und die Veranstalter, die "Kampagne Gegen Homophobie" (Kampania Przeciw Homofobii), berichteten über die Schwierigkeiten, Menschen zu finden, die bereit waren, ihr Gesicht zu zeigen. Fast bis zum letzten Moment war nicht entschieden, ob es gelingen würde. Doch es gelang, auch wenn nur zwei Paare einwilligten, dass ihre Porträts auch außerhalb von Galerien als Außenwerbung in polnischen Großstädten veröffentlicht wurden.


Die Reaktion war spektakulär. In nur etwa drei Städten war es überhaupt möglich, die Fotos als Außenwerbung zu zeigen. Rasch wurden sie beschädigt oder mit Farbe übergossen, so dass sie überhaupt nur wenige zu Gesicht bekamen. Die Galeriebesitzer, die die Ausstellung zeigten, erhielten Drohbriefe. Obwohl die Ausstellung nur von einem kleinen Publikum besucht wurde, war sie in aller Munde. In den Medien erschienen Informationen, Analysen und Artikel, und die homosexuelle Minderheit wurde in der Öffentlichkeit plötzlich zu einem ernst zu nehmenden Gegenüber. In den Reaktionen auf die Ausstellung zeigte sich deutlich eine konservative Grundhaltung mit der Hauptthese, dass damit die Grundlagen "unserer" Kultur infrage gestellt würden. Die nationale beziehungsweise europäische Kultur sei vom Untergang bedroht. "Wir" müssten uns wappnen und sie verteidigen.

Allerdings wurde diese außerordentlich wichtige Ausstellung auch von Queer-Theoretikern kritisiert, jedoch ohne denunzierende Absicht. Die Kritik verwies auf die vielleicht unvermeidlichen Beschränktheiten der Homosexuellenemanzipation in Polen. So beobachtete etwa Tomasz Basiuk, dass nur eine einzige abgebildete Person behindert sei, nur eine einzige nicht weiß, dass alle junge Erwachsene seien und immer vor einer Großstadtkulisse posierten, während in Wirklichkeit 70 Prozent der Bevölkerung auf dem Land oder in Kleinstädten leben. Auch ließen sich keine Personen finden, die nicht eindeutig als Mann oder Frau identifizierbar seien. Daraus schließt Basiuk, dass der emanzipatorische Diskurs in Polen eine Strategie der Anpassung verfolge. Die Ausstellung drücke aus: wir sind genauso wie alle anderen auch.

Ein wichtiges Element der zweiten Emanzipationswelle in Polen wurden die Märsche und Paraden. Zuerst sehr spärlich, werden sie seit Anfang dieses Jahrzehnts immer deutlicher sichtbar. Die Medien, die in den späten neunziger Jahren die Paraden noch ignoriert hatten, präsentieren sie heute als Nachricht des Tages. Andererseits werden die Märsche immer gefährlicher, denn sie werden zunehmend von rechtsextremistischen Schlägern angegriffen und nicht selten auch verboten. So attackierten rechtsnationalistische Kampftruppen die Parade in Krakau 2004.

Neben der körperlichen und verbalen Gewalt spielt auch das zwiespältige Verhältnis von Seiten der (vorwiegend rechten) Politiker, der Kirchenoberen und des Staatsapparates eine wichtige Rolle. Nach der Krakauer Parade äußerte der als liberal geltende Bischof Tadeusz Pieronek, dass "die Stimmung in der Gesellschaft nach eigenen Gesetzen funktioniert" und "man sich, wenn man jemanden reizt, über die Folgen nicht wundern sollte." Das rechtfertigt die Gewalt gegen die Opfer und lädt ihnen selbst die Schuld an den Ausschreitungen auf. An dieser Stelle sollte auch angemerkt werden, dass Homophobie in Polen legal ist. Es ist erlaubt, ohne Scham oder Angst vor dem Gesetz Hass gegen Homosexuelle in den Medien zu verbreiten.


Die Aggression der Gegner wird oft zum Hauptargument gegen die Demonstrationen erhoben. 2005 verbot der damalige Bürgermeister von Warschau, Lech Kaczyn´ski, der heutige Staatspräsident, dreimal in Folge die Parade, die aber trotzdem stattfand. Die Versuche, die demokratischen Rechte einzuschränken, trieben viele Menschen auf die Straße, so dass diese Parade angeblich zur größten demokratischen Demonstration für Menschenrechte in Polen nach 1989 wurde.

Auch der Marsch in Posen 2005 wurde vom Bürgermeister mit der Begründung verboten, die Stadt könne den Schutz der Demonstration bei einem eventuellen Straßenkampf mit rechtsradikalen Gegendemonstranten nicht gewährleisten. Das geschah vor dem Hintergrund der politischen Wende, die sich kurz nach den Wahlen vollzogen hat. Zur damaligen Zeit war das polnische Parlament bereits von rechtskonservativen Parteien dominiert und der neue Staatspräsident stammte aus einer dieser Parteien (PiS = Recht und Gerechtigkeit). Dem Verbot zum Trotz gingen die Demonstranten und Demonstrantinnen auf die Straße. Sie wurden von der Polizei eingekesselt und nach der Abschlusskundgebung brutal gefangen genommen. Insgesamt wurden über 70 Personen festgenommen und mit hohen Geldstrafen und monatelanger Haft bedroht. Als Antwort auf diese Aktion gab es in vielen Städten Polens Kundgebungen und Märsche unter dem Motto: "Wiederbelebung der Demokratie" (Reanimacja demokracji). Erst 2006 entschied das Posener Verwaltungsgericht, dass das vom Bürgermeister erlassene Demonstrationsverbot gesetzeswidrig war. Das Verfassungsgericht erklärte darüber hinaus, dass eine eventuelle Gefahr durch Gegendemonstranten keine Grundlage für das Verbot einer friedlichen Demonstration sein könne.

Und doch ist die Lage der polnischen Homo- und Transsexuellen nach dem rechten Kurswechsel alles andere als gut. Dieser Stand der Dinge lässt sich vielleicht mit einem Blick auf den polnischen Nationalismus relativ gut erklären, so die Analyse von Adam Ostolski in seinem Artikel Homosexuelle als Ersatzobjekt des Antisemitismus. Ostolski behauptet, dass die Art und Weise, über Homosexuelle im dominanten katholisch-nationalen Diskurs zu denken und zu schreiben, viele Analogien mit der Darstellung der Juden im katholisch-nationalen Diskurs der dreißiger Jahre aufweist. Sowohl die Juden als auch die Homosexuellen würden ihre "Ziele" verfolgen, sich "hinterlistiger Methoden" bedienen und "Lobbys organisieren", um die christliche Zivilisation zu vernichten. Die "Nation" und die "polnische Familie", in deren Namen die polnische Rechte zu sprechen beansprucht, brauchen also Feinde. Damals seien es die Juden gewesen, heute seien es die Schwulen. Und deswegen sagt Ostolski: "Homophobie ist Antisemitismus, der unter neuen Bedingungen mit erprobten Methoden fortgesetzt wird." Tatsächlich hat in der neuen politischen Landschaft die Figur des oder der Homosexuellen einen besonderen Status gewonnen, nämlich den des Feindes, der eine Gefahr für das "Polentum" und die "nationale Moral" darstellt. Homophobie wird bewusst und absichtlich politisch benutzt. Im sprachlich, ethnisch und religiös sonst so homogenen Polen wird sie instrumentalisiert, um Modernisierungsängste zu schüren.

Deswegen legte schon vor längerer Zeit die Liga der Polnischen Familien (Liga Polskich Rodzin), die rechtsextremistische Partei von Roman Giertych, seinerzeit Gründer der faschistoiden Allpolnischen Jugend (Mlodziez Wszechpolska) und heute Vizepremier und Bildungsminister, einen Gesetzesentwurf vor, der Homosexuellen und andere Menschen, die die Ehe nicht ausschließlich als Bund von Mann und Frau ansehen, vom Lehrberuf ausschließt. Wird sich die Liga der Polnischen Familien jetzt, da sie zur Regierungspartei aufgestiegen ist, mit diesem Entwurf konsequent beschäftigen? In dem EU-Land mit der höchsten Arbeitslosigkeit sind Homosexuelle als spektakuläre Feinde sehr nützlich. Deswegen speist sich die aktuelle polnische Mainstream-Politik aus homophoben Einstellungen. Diese Atmosphäre macht Angst. Wir fragen uns, was noch geschehen kann. Inwiefern sind die öffentliche Stigmatisierung der Homosexuellen und die Panik vor sexuellen Minderheiten symbolisch?

Aus dem Polnischen übersetzt von Darek Balejko

Blazej Warkocki ist Polonist an der Universität Poznan (Posen). Der Text wurde auf im Rahmen einer Informationsveranstaltung zu Homophobie in Polen am 13.5.06 in Berlin vorgetragen.


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00:00 23.06.2006

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