Die drei E weisen den Weg

Sackgasse Erforschung der Kernfusion ist ein Milliardengrab – das Geld könnte man sinnvoller in den Klimaschutz investieren und für den Ausbau der Erneuerbaren Energie einsetzen

Es ist ein vergleichsweise winziger Posten im Bundeshaushalt, aber an ihm zeigen sich diametral entgegengesetzte Vorstellungen über die Zukunft der Energieversorgung. Sollen die im Etat eingestellten elf Millionen Euro für Projektförderung in der Kernfusions-Forschung noch einmal um drei Millionen aufgestockt – oder soll stattdessen der gesamte Etatposten der Forschung über Erneuerbare Energien zugeschlagen werden? Das eine haben CDU/CSU/FDP beantragt – das andere will die grüne Bundestagsfraktion. Am 19. März stimmt das Parlament darüber ab.

Doch es geht um mehr als diesen Etatposten. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit bekommt die Fusions-Forschergemeinde 2010 mit 135 Millionen Euro allein ein Drittel des gesamten Energieforschungsetats des zuständigen Bundesministeriums. Seit 1973 hat die Regierung 3,3 Milliarden Euro für die Forschung zur Kernfusion ausgegeben. Für Photovoltaik-Erkundung wurde nur ein Drittel davon investiert.

Das internationale Hauptprojekt der Fusionsforschung wird derzeit im südfranzösischen Cadarache gebaut. Mit dem Reaktor ITER soll erstmals demonstriert werden, dass mit Fusion Energie gewonnen werden kann. Beteiligt sind die EU, Japan, die USA, Russland, China, Südkorea und Indien. Mitte der achtziger Jahre wurde ein solches Projekt von Ronald Reagan und Michail Gorbatschow angestoßen – 2018 soll ITER fertig sein. 2026, acht Jahre später, ist die erste Fusion geplant. Anschließend soll der Nachfolgereaktor DEMO gebaut werden und ab 2035 im Versuchsmaßstab Elektrizität generieren. Wenn DEMO seine Tests besteht, kann es an den Bau eines Strom liefernden Fusionsreaktors gehen. Bis dahin – frühestens 2055, wenn überhaupt – werden die Forschungskosten insgesamt vermutlich auf 100 Milliarden Euro geklettert sein. Einstweilen explodieren die Kosten bei ITER. Für große Aufregung sorgt gerade, dass sich allein der europäische Anteil inzwischen auf 5,6 Milliarden Euro verdoppelt hat. Die Belastungen dürften ab 2014 auf den Bundeshaushalt durchschlagen.

Radioaktivität und Atommüll

Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP behandelt die Kernfusion als „Zukunftstechnologie“. Auf Seite 26 heißt es: „Die Fusionsforschung kann eine neue umweltfreundliche und sichere Energiequelle erschließen“. In Wahrheit steht es in den Sternen, ob die Fusion jemals sichere Energie bereitstellt. Dass Kernfusion umweltfreundlich sei, ist eine sehr gewagte Behauptung. Zwar kann es bei einem Fusionsreaktor keine Kernschmelze geben – eine radioaktive Kontamination der Umgebung sehr wohl.

Nach einer Studie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag befindet sich in einem Fusionsreaktor genauso viel radioaktives Inventar wie in einem vergleichbaren Atomkraftwerk. Nach der EU-Sicherheitsstudie SEAFP enthält ein 1.000-MWe-Fusionsreaktor etwa zwei Kilogramm Tritium. Das entspricht einer Aktivität von 700 Billiarden (7 * 1017) Becquerel. Radioaktives Tritium kann durch Materialien diffundieren. Es ist möglich, dass radioaktive Substanzen durch einen Unfall oder eine terroristische Attacke freigesetzt werden können. Dass zudem Tritium im menschlichen Körper Krebs hervorrufen kann, steht außer Frage.

Wenn Kanzlerin Merkel in ihrem Video-Podcast vom 30. Januar 2010 behauptet, dass „nach heutigem Kenntnisstand keine radioaktiven Abfälle dabei entstehen“, ist das barer Unsinn. Die radioaktive Kontamination ist in Wirklichkeit eines der Hauptprobleme der Fusions-Wissenschaftler. Durch die freigesetzten Neutronen werden im Inneren des Reaktors die Anlagenteile radioaktiv kontaminiert. Die inneren Wände – das so genannte Blanket – verlieren dabei an Konsistenz und müssen immer wieder ausgetauscht werden.

Eine erste Kernfusion wurde am 31. Oktober 1952 in einer Wasserstoff-Bombe vollzogen. Mit anderen Worten: Die Gefahr, dass die „friedliche Nutzung der Kernfusion“ künftig eine militärische Versuchung darstellt, ist groß. Das in Fusionsreaktoren vorhandene Tritium lässt sich für Kernwaffen vielfältig einsetzen. Mit einigen Gramm Tritium kann die Zerstörungswirkung einer Atombomben bis zum Zehnfachen verstärkt werden. Man braucht demnach nur ein Zehntel des spaltbaren Bombenstoffs, um eine gleichstarke Atomwaffe zu bauen. Zudem befürchten Wissenschaftler, dass in einem Fusionskraftwerk durch die starke Neutronenstrahlung „nebenbei“ spaltbare Stoffe wie Plutonium erbrütet werden können.

Fusionsforschung ist extrem teuer. Das erwähnte Büro für Technikfolgen-Abschätzung erwartet für den Reaktorbau Kosten von fünf bis sechs Milliarden Euro – ein kapitalintensives Großprojekt also. Billiger Kernfusionsstrom ist damit nicht zu erwarten. Insofern scheint klar, sollte die Kernfusion irgendwann funktionieren, wäre sie in der Hand des reichen Nordens. Der große Energiehunger der nächsten Jahrzehnte ist jedoch vorrangig in den Ländern des Südens zu erwarten, für deren Sozial- und Wirtschaftsstrukturen die überkomplexe und hochzentralisierte Form der Energieerzeugung nicht geeignet ist. Allein schon der militärische Aspekt wird es letztlich ausschließen, dass die Fusionstechnik weltweit einsetzbar wird – mit der Verbreitung der Fusionstechnologie ist schließlich auch die Möglichkeit gegeben, an „die Bombe“ zu gelangen.

Totalausfall beim Klimaschutz

Als Fusionskonstante bezeichnet man selbst innerhalb der Fusionsgemeinde scherzhaft die Erscheinung, dass die Energiegewinnung aus der Kernfusion von der Gegenwart aus gerechnet immer 20 bis 40 Jahre in der Zukunft liegt. Auf der UN-Atomkonferenz 1955 sagten Experten voraus, innerhalb von zwei Jahrzehnten könnten Fusionsreaktoren unendlich viel billige Energie liefern. Dann freilich wurde man vorsichtiger und sprach wenig später von drei Jahrzehnten. Seit Ende der achtziger Jahre ist der Zeithorizont für den Energielieferanten Kernfusion auf 40 bis 50 Jahre gewachsen.

Was bedeutet das für den Kampf gegen den Klimawandel, der bekanntlich nicht in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, sondern in der unmittelbar vor uns liegenden Zeit entschieden wird? Die Industriestaaten haben sich zu einer 80-prozentigen Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 verpflichtet. Die Frage nach dem Beitrag, den die Kernfusion dabei leisten könnte, lässt sich klar beantworten: Keinen. Sie spielt sogar eine negative Rolle, weil dadurch Finanzen gebunden sind, die bei der Abwehr des Klimawandels gebraucht werden. Im günstigsten Fall könnten Fusionsreaktoren im letzten Drittel dieses Jahrhunderts in merklichem Ausmaß eingesetzt werden. Danach aber sind sie nicht mehr nötig, weil – hoffentlich – regenerative Energien die Bedürfnisse abdecken.

ITER heißt übersetzt der Weg und zeigt die vorgestrige Hybris der Fusionsgemeinde. Die Hoffnung, mit Atomspaltung und Kernfusion unerschöpfliche Energiequellen zu finden, war die Utopie des Industrie-Zeitalters von gestern. Längst ist es an der Zeit, eine auf Großtechnik fixierte Sichtweise bei der Energieversorgung zu überwinden. Dieser Abschied ist nicht nur nötig, sondern auch möglich. Mit den „drei E“ – Erneuerbaren Energien, Effizienz- und Einspartechnologien – stehen die Mittel für einen zukunftsfähigen Energiehaushalt zur Verfügung. Dass Erneuerbare Energien am Ende dieses Jahrhunderts den Energiebedarf decken können, bestreitet niemand ernsthaft. Die spannende Frage ist, ob der Umbau des Energiesystems noch rechtzeitig vonstatten geht, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels im Griff zu behalten.

Die Fusionsgemeinde hat nichts vorzuweisen als ein vages Versprechen auf die Zukunft. Dagegen wirken Erneuerbare Energien und Effizienztechniken hier und heute schon klimaschonend. 16 Prozent des Stroms werden in Deutschland schon regenerativ erzeugt. Das Wachstum übertrifft die Prognosen vergangener Jahre deutlich. In der Fusionsforschung hingegen wird nur Strom verbraucht, Forschungskapazität gebunden und kaum ein Arbeitsplatz geschaffen.

Kernfusionsreaktoren sind zudem nur für eine zentralisierte Stromversorgung in der Grundlast geeignet. Genau diese Art der Kraftwerke wird durch die Erneuerbaren Energien überflüssig und kontraproduktiv. Grundlastkraftwerke alter Prägung verstopfen das Netz. Gebraucht werden flexibel einsetzbare Kraftwerke und Speichertechniken, mit denen auf Bedarf und Bereitstellung reagiert werden kann. AKWs und Fusionsreaktoren vermögen das nicht. Auch deshalb bringt es nichts, weiter sowohl Erneuerbare Energien als auch Kernfusion zu fördern. Es ist an der Zeit, zukunftsfähige Wege einzuschlagen.

Wir wollen die Kernfusion nutzen. Aber dazu bauen wir keine Fusionsreaktoren. Die natürliche Kernfusion in der Sonne schickt uns genügend Energie auf die Erde. Unsere Intelligenz und die Intelligenz unserer Wissenschaftler müssen wir nur darauf konzentrieren, diese üppig verfügbare Gabe effektiv zu nutzen.

ist seit 2005 Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/ Die Grünen. Sie ist atompolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Als Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung ist sie direkt mit den Entscheidungen zur Kernfusion befasst

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12:45 21.03.2010

Ausgabe 38/2020

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