Die dritte Hälfte der deutschen Frage

Polen und die Mauer Für die Kriegsgeneration waren die Teilung Berlins und die deutsche Zweistaatlichkeit nicht unbedingt ein »Unglücksfall der Geschichte«

Eines Oktobertages im Jahr 1961 stand ich am Fenster der Weltbühne-Redaktion und schaute - wie Ernst Reuter es gefordert hatte - von oben »auf diese Stadt«, sah allerdings, was da in der Mitte Berlins, an der Ecke Friedrich- und Zimmerstraße, vor sich ging, aus gänzlich anderer politischer Perspektive. Die Sherman-Panzer jenseits des Checkpoint Charlie und die T-54 auf östlicher Seite, dazu die GIs auf MG-bestückten Jeeps - ich kam mir vor wie ein Kriegsberichterstatter und äußerte mich in diesem Sinne gegenüber Maud von Ossietzky, von deren Arbeitszimmer aus wir das Geschehen beobachteten. »Das würde Ihnen gefallen?« fauchte mich die damalige Herausgeberin des renommierten Blattes an; sie war aufgebracht und sehr traurig ...

Nein, antworte ich, gefallen würde mir das ganz und gar nicht, Kriegsberichterstatter sein zu müssen. Ich hatte den Krieg als kleiner Junge miterlebt, war zwei Mal verschüttet und wurde jahrelang das Stottern nicht los.

Gärende »kritische Masse« Deutschland

Ja, es roch damals, im Spätsommer und Herbst vor 40 Jahren, nach Krieg. Seit Chruschtschow 1958 mit seinen Friedensvertragsplänen die europäische (Un-)Ordnung noch mehr durcheinander bringen wollte, das Potsdamer Abkommen in Frage stellte und nach Lösungen strebte, die für den Westen unakzeptabel waren, hing über uns allen ein großes Fragezeichen. »Die Welt hält den Atem an«, hieß es immer wieder. Als polnischer Reporter sah ich, wie die später so bezeichnete »Staatsgrenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Selbständigen Einheit West-Berlin« gesichert wurde. Ein NVA-Presseoffizier fuhr mit mir den Stacheldraht und die Betonklötze in der zerrissenen Innenstadt entlang und erklärte mir die Lage. War sie das »kleinere Übel«?

Mögen die Befürworter und Gegner dieser These so lange darüber diskutieren, wie sie es aushalten, für die Menschen in Berlin und zwar in allen Sektoren - so jedenfalls habe ich das außerhalb streng politischer Kreise in der DDR-Hauptstadt immer erfahren - war die Mauer ein Ungeheuer, das sich auch dann nur schwer fassen ließ, wenn man den gesamten Nachkriegskontext zur Kenntnis nahm. Ich habe diese »Dritte Hälfte der deutschen Frage« polnischen Lesern in meinem 1973 erschienen Buch Po udnik zero (Meridian Null) zu erläutern versucht, wusste aber kaum, ob ihnen die Lage einer geteilten Stadt wirklich begreiflich war.

Dass die - von 1871 bis 1945 - 74 Jahre lang gärende »kritische Masse« Deutschland nach zwei Kriegen nicht mehr existierte, erschien den Polen der Kriegsgeneration als »Glücksfall der Geschichte«, sie wussten, das politische Klima auf dem Kontinent hing irgendwie vom Gordischen Knoten an der Spree ab. Dass die Teilung Deutschlands keinesfalls ewig dauern würde, auch dieser Gedanke war ihnen nicht fremd. Die Polen brauchten dazu nur auf ihre eigene Geschichte zu blicken: Ging man von der ersten Teilung 1772 aus, dann war unser Land bis 1918 fast 150 Jahre lang von der Landkarte verschwunden, um doch wieder aufzutauchen! Im Analogieschluss wurden Gegenwart und Zukunft Deutschlands gesehen, doch stets mit der Hoffnung »je später, desto besser«. Öffentlich wurde das nicht artikuliert, Polens »Staatsräson«, damals völlig auf das sozialistische Lager eingeschworen, wurde von der Zensur streng beobachtet.

Aufschlussreich war der Umstand, dass beim Thema »deutsche Teilung« (Berlin inklusive) auch die polnischen Exilzentren in London und Paris eine gewisse Zurückhaltung übten. Sogar das von den USA abhängige Radio Wolna Europa (polnische Sektion von Free Europe) ließ das Thema links liegen. Wie mir später einer der Mitarbeiter, der Schriftsteller Tadeusz Nowakowski, anvertraute, durfte die »deutsche Teilung« nur Aufmerksamkeit beanspruchen, wenn es um die imperialen Interessen der Sowjetunion ging und mit deren Eindämmung zu tun hatte. Auch die Publikationen des in Polen sehr aktiven Oppositionellen Jan Jozef Lipski (ein Sozialist), der viele Jahre vor dem Fall der Mauer für die Einheit Deutschlands plädierte, waren in diesem Kontext zu sehen. Lipski wollte seine Thesen stets nur im Sinne des Vermächtnisses der Wartburg-Feste im 19. Jahrhunderts, Motto: »Für Polens und Deutschlands Freiheit«, gedeutet wissen.

Flugzeugentführung nach Tempelhof

Für einen reisenden Journalist war die Mauer rings um Westberlin allenfalls unbequem. Egal, ob man über den Kontrollpunkt Dreilinden oder den Bahnhof Friedrichstrasse in den größeren Teil Berlins wollte, es gab oft Ärger, teilweise dumme Fragen. Nur manchmal, im Wagen mit dem CD oder CC-Kennzeichen (im Westen gab es seit 1945 eine Polnische Militärmission mit konsularischen Befugnissen), ging es über den Checkpoint Charlie ganz einfach. Als polnischer Staatsbürger brauchte ich für Westberlin kein Einreise-Visum. Nach dem Viermächte-Abkommen vom September 1971 allerdings hatte man auf einer Polizeistelle gleich in der Nähe unserer Botschaft Unter den Linden um eine Reisegenehmigung für den Westen der Stadt - also ein Ausreisevisum - nachzusuchen, was ich überflüssig fand und dies auch dort, bei aller Achtung für die Souveränität der DDR, zum Ausdruck betrachte. Seitdem wurde mir bei jeder Grenz-Passage eine intensive Durchleuchtung zuteil.

1983 landete ich an Bord einer (von polnischen Luftpiraten) entführten LOT-Maschine des Typs Tu-134 in Tempelhof, deren Flugziel eigentlich Berlin-Schönefeld sein sollte. Was folgte, geriet zur bleibenden Erfahrung. Nach eingehenden Verhören durch die Amerikaner und die Westberliner Polizei, war es schwierig, in die Hauptstadt der DDR zu kommen, weil mir der Stempel eines DDR-Grenzübergangs für die Ausreise nach Westberlin fehlte.

1963 muss es gewesen sein, als ich mit dem Zug um den Süden der geteilten Stadt herum nach Potsdam fuhr zum Besuch bei Walter Hagemann, einem Zentrumspolitiker aus der Zeit des Reichskanzlers Brüning. Der Gastgeber war vor einiger Zeit aus Westfalen in die DDR übergesiedelt, ich wollte ihn über das Ende der Weimarer Republik befragen. Für die Hin- und Rückfahrt brauchte man praktisch den ganzen Tag. Im vergangenen Jahr war ich wieder einmal in Potsdam bei einer von der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisierten Podiumsdiskussion zu Thema Deutschland und die Ostpolitik. Nach dem gemeinsamen Abendessen nahm ich auf dem Weg zu meinem Hotel einen älteren Herrn mit, der zum Bahnhof wollte. Der war offenkundig nervös, schaute ständig auf die Uhr, er dürfe seinen Zug auf keinen Fall verpassen. »Weshalb?«- fragte ich. Vor 22.00 Uhr müsse er sich melden, war die Antwort, ansonsten werde gegen ihn eine Disziplinarstrafe verhängt. Mein Begleiter diente früher als General der Nationalen Volksarmee, hatte in einem Gefängnis außerhalb Berlins eine Strafe wegen seiner Mitverantwortung für das Grenzregime abzusitzen und war an diesem Tag für zwölf Stunden beurlaubt. Bis 2004 soll er Zeit haben, über die Welt und den lieben Gott nachzudenken. Wir haben uns dann zum Interview verabredet.

Am nächsten Tag trat ich von Potsdam über Berlin in meinem alten Polonez die Heimreise an, fuhr einfach so vor mich hin, nur an den ausgeschilderten Ausfahrten wahrnehmend, ob es noch »Westen« oder schon »Osten« war - überhaupt keine Spannung. Schließlich meint ein chinesischer Spruch: »Mögest Du in interessanten Zeiten leben ...«

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00:00 10.08.2001

Ausgabe 41/2021

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