Die Dynastie der Hippieschwaben

Mittelalterforschung Missbraucht einst von tumben Nationalisten, heute von Regionalmarketing-Agenturen verklärt: Die Staufer-Kaisern im kalten Licht der Geschichtswissenschaft

Konradin war noch ein Jüngling, als er nach Italien zog, um sein Erbe in Besitz zu nehmen, das Königreich Sizilien. Dort hatte Karl von Anjou die Regierung an sich gerissen, der Konradin gefangen nehmen und kurzerhand am 29. Oktober 1268 enthaupten ließ. Das war, aus Karls Sicht, eine kluge Tat. Mit Konradin tötete er den letzten männlichen Nachkommen der staufischen Dynastie, die seit mehr als hundert Jahren das Heilige Römische Reich und seit der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert auch Süditalien regiert hatte.

Die Staufer als Dynastie starben damals und starben doch nicht. Ob in Kunst, Literatur oder Wissenschaft, kein Kaisergeschlecht des Mittelalters hat ein Nachleben aufzuweisen wie sie. Wie viele Dichter hat das Schicksal Konradins inspiriert? Schiller, Ludwig Uhland, Conrad Ferdinand Meyer, August von Platen, um nur eine Handvoll zu nennen. An der Sage vom bergentrückten Kaiser Friedrich Barbarossa, auch er ein Staufer, der in einem thüringischen Hügel seiner Wiederkehr harren sollte, kristallisierten sich im 19. Jahrhundert nationale Hoffnungen. Nach der Reichsgründung setzten ihm die Deutschen auf dem Kyffhäuser ein Denkmal, ihm und Wilhelm I., dem sie damals den ehrenden Beinamen „Barbablanca“ gaben.

Dessen Enkel, Wilhelm der Zweite, war ein großer Staufer-Fan. Er ließ ihren Baustil nachahmen und unternahm Mittelmeer-Kreuzfahrten auf ihren Spuren. 1898 zog er – als Stifter der protestantischen Erlöserkirche – feierlich in Jerusalem ein, mit einem Tross aus Maultieren und Domestiken, der einen mittelalterlichen Kaiser neidisch gemacht hätte, womöglich auch Kaiser Friedrich II., der, selbst ein Liebhaber orientalischen Prunks, 1229 als Kreuzfahrer ins Heilige Land gezogen war.

Diesen zweiten Friedrich, den Enkel Barbarossas, nannten Zeitgenossen „das Staunen der Welt“, später war er für Jakob Burckhardt der „erste moderne Mensch auf dem Thron“ und der „erste Europäer“ nach Nietzsches Geschmack. Das wiederum vernahm man im Dichterkreis um Stefan George, aus dem 1927 Ernst Kantorowicz’ Biographie Friedrichs II. hervorging, ein Werk, das selbst zur literarischen Legende geworden ist. Heinrich Himmler soll es auf dem Nachttisch liegen gehabt haben.

Die wirren Träume der deutschen Nationalseele

Die Staufer also, Kaiser in einer Epoche, in der das Hochmittelalter und mit ihm das Rittertum seinen glanzvollen Zenit durchlief; als letzte ernsthafte Verfechter eines Universalreichs von römischem Format – außer den Päpsten, die diese Idee bis heute verfolgen – gründlich gescheitert und damit der ideale Stoff für die mitunter wirren Träume der deutschen Nationalseele: Die Staufer sind also wieder da.

Bei Göppingen im Schwabenland liegt der Hohenstaufen, ein bewaldeter Hügel am Rand der Schwäbischen Alb, auf dem die Staufer ihre Stammburg errichteten. In Göppingen gibt es daher eine Stauferstiftung, die einen begehrten Wissenschaftspreis verleiht, und eine Gesellschaft für staufische Geschichte, die mit ihrer wissenschaftlichen Tagung jedes Jahr die Stadthalle füllt.

Auf dem Hohenstaufen kam vor etwa zehn Jahren ein Grüppchen von selbsternannten „Stauferfreunden“ auf die grandiose Idee, dem Kaiser Friedrich II. aus Anlass seines 750. Todestags ein Denkmal zu weihen. Und so wurde am 13. Dezember 2000 bei Castel Fiorentino, einer Ruine in der einsamen Landschaft Apuliens, eine Stele enthüllt, eine Stele aus geschliffenem Travertin, achteckig, keine drei Meter hoch, monumental und doch dezent. In ihre Seiten waren Worte des mittelalterlichen Chronisten Matthäus Paris eingehauen worden: „Um diese Zeit aber starb Friedrich, der größte unter den Fürsten der Erde, das Staunen der Welt und ihr wundersamer Wandler.“

Doch dies war nur der erste Streich. Mit Hilfe privater Spender und großem persönlichem Einsatz haben die Stauferfreunde seither ein knappes Dutzend dieser Monumente an staufischen Erinnerungsorten in halb Europa aufgestellt, von Apulien bis Hagenau im Elsass, von Klosterneuburg bei Wien bis zum Trifels in der Pfalz und natürlich auch auf dem Hohenstaufen bei Göppingen. Weitere Stelen warten auf ihre behördliche Genehmigung. So überzieht allmählich ein Netz von Denkmälern den Kontinent, das den staufischen Mythos weiterspinnt. Und seine Fäden laufen in Schwaben zusammen.

Ebenfalls in Schwaben, in Stuttgart, wurde 1977 eine große Staufer-Ausstellung gezeigt, die als Wende in der bundesdeutschen Erinnerungskultur betrachtet wird, nicht nur weil sie den bis heute anhaltenden Boom historischer Großausstellungen einleitete. Sie wurde von vielen als wohltuende Wiederentdeckung der identitätsstiftenden Wirkung von Geschichte erlebt. Aber es war nicht mehr die nationale Identität, die die Staufer stiften sollten, sondern eine regionale. Die Ausstellung von 1977 feierte die Gründung des Bundeslandes Baden-Württemberg, die damals 25 Jahre zurücklag.

Die nächste große Ausstellung zu den Staufern wird wieder im Südwesten Deutschlands stattfinden, in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim ab September 2010, und wieder soll der Glanz der Dynastie eine Region erhellen. Diesmal ist es das Rhein-Main-Neckar-Gebiet, das als „Innovationsregion“ des mittelalterlichen Europa inszeniert und zu zwei anderen Landstrichen in Beziehung gesetzt werden soll, die ebenfalls eine Geschichte mit den Staufern haben: das Königreich Sizilien, wo sich im 12., 13. Jahrhundert in Ansätzen der erste moderne Verwaltungsstaat ausbildete, und die Lombardei, Wiege des modernen Kapitalismus, die sich allerdings dem staufischen Herrschaftsanspruch zu widersetzen wusste. So wird wieder ein Bogen geschlagen von der Gegenwart in die Vergangenheit, von der „Europäischen Metropolregion“, wie sich das Rhein-Neckar-Gebiet seit 2005 nennen darf, ins blühende Stauferland, das einst bis Palermo reichte.

In Italien kennt man die Staufer immer noch als „Svevi“, als Schwaben. Sie sind mithin eine schwäbische Erfolgsgeschichte von europäischen Dimensionen. Eine solche Geschichte nicht zu erzählen, wäre eine Dummheit, zumal heutzutage, wo jede Kleinstadt ihre PR-Berater unter Vertrag hat und Regionen sich als Marken verstehen müssen. Die tüchtigen Schwaben haben das früh erkannt und sie setzen diese Erkenntnis unbefangener in die Tat um als andere, oder um mit Roman Herzog zu sprechen: unverkrampfter. Das Ländle ist auch im Fach Geschichte ein Musterschüler. Die Frage ist nur, ob es wieder – wie 1977 – Vorreiter eines allgemeinen Trends ist.

Zwar kein Kosmopolit, aber immerhin ein Vogelkundler

Und die Wissenschaft? Die profitiert natürlich von all dem, nicht nur weil im Vorfeld der Mannheimer Ausstellung mehrere wissenschaftliche Tagungen über die Bühne gehen, sondern weil die Historiker Gelegenheit erhalten, ihre in mühsamer Kärrnerarbeit gewonnenen Erkenntnisse an den Mann und die Frau zu bringen. Vor zwei Jahren zeigte das Landesmuseum Oldenburg eine Ausstellung über Friedrich II., die ein beachtliches Echo in der Öffentlichkeit hervorrief.

Die Kuratoren um Mamoun Fansa hätten Friedrich II. gern als toleranten Protagonisten eines Ausgleichs zwischen Christen und Muslimen gefeiert, doch die zu Rate gezogenen Wissenschaftler erhoben Einspruch. Zwar stimmt es, dass dieser wohl schillerndste aller mittelalterlichen Kaiser sich eine Leibgarde aus muslimischen Sarazenen hielt, dass er mit dem Sultan al-Kamil höfliche Briefe wechselte und mit demselben 1229 einen Vertrag schloss, der die Stadt Jerusalem für zehn Jahre in christliche Hände gab.

Aber Friedrich II. sympathisierte deshalb nicht mit dem Islam. Er ging bloß pragmatisch mit muslimischen Herrschern um und respektierte ihre reale Macht, wie es im übrigen auch die Byzantiner und andere Christen taten, die regelmäßig mit Muslimen zu tun hatten. Der Einspruch der Experten zeigte Wirkung, das Konzept der Oldenburger Ausstellung wurde abgeändert, ihr Untertitel von „Der Sultan von Lucera“ – nach der apulischen Stadt Lucera, wo der Kaiser seine sarazenischen Schergen angesiedelt hatte – in das unverfänglichere „Welt und Kultur des Mittelmeerraumes“ umgeändert, statt dem „multikulturellen Wunderkaiser“ (Olaf Rader) rückte der passionierte Vogelkundler, der Friedrich II. auch war, in den Fokus.

Ähnlich dekonstruktiv verhielten die Historiker sich auf einer Tagung im vergangenen November, die der geplanten Ausstellung in Mannheim den nötigen wissenschaftlichen Anstrich verleihen sollte. Sie stellten nämlich klar, dass die Region Rhein-Main-Neckar im Mittelalter, verglichen mit der Lombardei und Sizilien, in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht allenfalls als „Entwicklungsland“ anzusehen ist. Von wegen „Innovationsregion“! Und dann warnten die Fachleute davor, den staufischen Mythos allzu laut zu beschwören. Ein Kunsthistoriker etwa wies nach, dass rund die Hälfte jener Skulpturen und Büsten, die in Ausstellungen gemeinhin als Porträts der Staufer und ihrer Höflinge präsentiert werden, Fälschungen der Neuzeit sind.

Herrschaft, die auf Inszenierung beruht

Auch von anderen liebgewonnenen Bildern hat sich die Wissenschaft verabschiedet, etwa dem vom mittelalterlichen Herrscher als einem souveränen Tatmenschen, der nach einer klaren Idee sein Zeitalter formte und am Maßstab seines Erfolgs gemessen werden kann. Heute betont man, dass Könige und Kaiser eingebunden waren in politische Rituale und Spielregeln; ihre Herrschaft beruhte auf Inszenierung, sie waren auf den Konsens ihrer Fürsten angewiesen und sie entschieden meistens eher situativ als visionär, wobei es ihnen stets darum ging, ihre „Ehre“ zu wahren und zu mehren.

Neuere Arbeiten zu den Staufern interessieren sich weniger für die Herrscher selbst als für die sozialen Netzwerke, auf die sie sich beim Aufstieg von einer schwäbischen Adelsfamilie an die Spitze des Heiligen Römischen Reiches und später als Könige stützen konnten, ihre „Ministerialen“. Und sie wenden sich bisher eher stiefmütterlich behandelten Mitgliedern der Dynastie zu, wie dem lange als „Versager“ geschmähten Konrad III., der die Staufer 1138 überhaupt erst auf den römischen Königsthron brachte, oder den unglücklichen Philipp von Schwaben, der 1208 im „deutschen Thron­streit“ ermordet wurde.

Dabei kommen mitunter erstaunliche Dinge zutage. So stellte ein junger Historiker unlängst auf einer Tagung die begründete These in den Raum, dass die Staufer gar keine echten Schwaben waren, sondern ursprünglich aus dem Elsass stammten.

Christian Jostmann ist Historiker, Journalist und Buchautor mit Wohnsitz in Österreich. Seine Studie Sibilla Erithea Babilonica. Papsttum und Prophetie im 13. Jahrhundert wurde 2008 mit dem Göppinger Stauferpreis ausgezeichnet

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16:45 27.08.2009

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