Die Eltern des Glücks

Tugenden Ein Wunschzettel zu Dieter Thomäs Behandlung eines "weichen" philosophischen Themas

Die Perioden des Glücks sind, nach einem Wort Hegels, leere Blätter in der Weltgeschichte. Sie bedeuten nicht, dass es kein Glück gäbe. Aber aufgrund des scheinbar fehlenden Dramas ist es für das Geschäft des Historikers nicht relevant. Dies behauptet zumindest ein Philosoph über die Arbeit des Historikers. Ist dieses "weiche" Thema in den modernen philosophischen Schriften selbst über den Status eines Bonmot hinausgekommen?

Spätestens seitdem die erneut geplatzte kapitalistische Wunschökonomie kein geräuschloses Eintauchen in die Konsumwelten mehr ermöglicht, schreiben sich an den Rändern des modernen Alltags neue Autoren über dieses verlorene Thema die Finger wund. Frauenzeitschriften verfassen "Kleine Handbücher über das große Glück"; Büchertische präsentieren Ratgeber, die einem schlankweg mit "Glücksformeln" versorgen möchten. Neben pseudoreligiösen Traktaten finden sich dort auch Schriften von Neuen Philosophen, oft renommierten Wissenschaftlern, die die altehrwürdige religiöse, dann politische Geschichte des Neuen Menschen nun gentechnologisch zu einem definitiv guten Ende schreiben möchten. Im Zuge der seit zwei Jahrzehnten währenden Wiederkehr der praktischen Philosophie ist das Thema aber auch wieder in die Hände derer gelangt, die es lange Zeit nur mit spitzen Fingern anzufassen gewillt waren.

Dieter Thomä, an der Universität St. Gallen lehrend, als Vater in der Lebenswelt fest verankert, ist als Autor einer denkwürdigen Schrift mit dem Titel Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform (1992) für dieses alteuropäische Sujet geradezu prädestiniert. Nach der Beantwortung der leicht boshaften Fragen, warum Menschen Eltern werden, ob Eltern Menschen sind, wie Eltern tätig sind, ob Eltern frei sind, kommt Thomä bereits hier auf die Frage nach dem Glück. Sein letztes Buch Vom Glück in der Moderne beruht auf Aufsätzen, die zwischen 1997 und 2002 veröffentlicht wurden. In überarbeiteter Form sind sie in eine schlüssige Folge gebracht worden.

Die philosophische Einteilung in "harte" Themen hier (sprich: Klarheit und Genauigkeit) sowie "weiche" Themen dort (sprich: Verschwommenheit und Unergründlichkeit) lässt Thomä nicht gelten. Lebensdinge hätten ihre eigene Art von Wahrheit, die sich von derjenigen der Wissenschaft unterscheide. Das Leben habe beim Nachdenken eine Sonderrolle inne, die sich der Vergegenständlichung entziehe. Die philosophische Behandlung des Glücks birgt demnach zwei Gefahren: Dieser Gegenstand muss vor Geringschätzung geschützt werden. Das Nachdenken über ihn muss sich aber als methodisches Vorgehen ausweisen. Die Lösung, die Thomä anzubieten verspricht, ist eine Strategie der Beschreibung. Da es ihm aber gleichzeitig auch um Bewertungen von bestimmten Formen des Glücks geht, ergibt sich eine ungelöste Beziehung von Außenperspektive des Beschreibenden und Binnenperspektive des Handelnden.

Gerade die alltägliche Rede von einem "illusionären Glück" zeigt an, dass auch hier "Wahrheit" ein zentraler Begriff bleibt. Für die Erfahrung des Glücks ist kennzeichnend ein Ineinander von subjektiven und objektiven Momenten. Es ist nicht möglich, unvermittelt eine Fremdzuschreibung von Glück vorzunehmen; Glück ist nur das, was jemand selbst ungezwungen als sein Glück erfährt. Doch im Unterschied zum bloßen Wohlbefinden, sind beim Glück die "harten" Umstände ausschlaggebend. Ein Individuum tritt hier objektiv in eine unverwechselbare Situation des Gelingens: Sie darf nicht auf Täuschungen über relevante Dinge des Lebens beruhen; sie darf nicht auf Kosten anderer gehen; gerade als gelungene subjektive Erschließung ist das Glück gleichzeitig eine gelungene soziale Form der Erschließung von Welt.

Trotz dieser überprüfbaren Bestandteile - erkenntnismäßige, normative und soziale - lässt sich das Streben nach Glück, aus prinzipiellen Gründen, nicht in irgendeine Technik gießen. Das poetisch-überwältigende Moment des Glücks zeigt seine Unverfügbarkeit, aber auch seine Nichtbeliebigkeit. Die philosophische Untersuchung des emphatischen Strebens nach dem guten Leben hat den Status begründeter Ratschläge und vollzieht sich methodisch als reflektierter Subjektivismus. Aus der subjektiven Perspektive beliebiger Personen nimmt er eine kritische Erklärung dessen vor, was sie, und vor allem wie sie, in ihrem eigenen Interesse sinnvoller Weise wollen können.

Im ersten Teil seines Buches führt Thomä die Auseinandersetzung mit den Glücksverächtern (namentlich dem Utopisten, dem Moralisten, dem Aktivisten und dem Funktionalisten) und mit falschen Liebhabern des Glücks. In den Schriften der Kelly, Freeman, Dyson und Kurzweil feiert auf naive und radikale Weise der Glaube an den Neuen Menschen und den Fortschritt Wiederauferstehung. Ihm stellen die von Thomä im zweiten Teil vorgestellten Denker des 20. Jahrhunderts (Benjamin, Wittgenstein, Horkheimer, Adorno, Blumenberg) das Glück als Gegenentwurf entgegen, freilich immer auf restriktive Weise. Bildet im zweiten Teil die Kritik der Zeiterfahrung des Subjekts den roten Faden, so im dritten Teil die Kritik des Lebensvollzugs: Besteht Glück in der Selbsterhaltung, verstanden als Perfektionierung der Bedürfnisbefriedigung, oder ist es das Ergebnis der Selbstbestimmung? Die Grenze dieser Auffassungen, die das offizielle Selbstverständnis der Moderne prägen, zeigt Thomä mit Blick auf die Entwicklung des Utilitarismus auf. In politischer und biopolitischer Hinsicht treiben seine Konzeptionen die Subjekte letztlich in einen Zustand notorischer Überforderung, glücksfeindlicher Selbstdisziplinierung und sozialer Ausschließung.

Als Alternative zu den Theorien der Selbstbestimmung, die der Allmachtsphantasie der Verfügbarkeit des Glücks anhängen, rehabilitiert Thomä überraschenderweise das Konzept der Selbstliebe. Die Entkräftung möglicher Einwände des Narzißmus und des Egoismus (traditionell Merkmale der Eigenliebe im Unterschied zur Selbstliebe) kann im Zusammenhang dessen gelesen werden, was andernorts unter dem Stichwort der spielerischen Selbstbeherrschung (Josef Früchtl) oder der dezentrierten Autonomie (Axel Honneth) versucht worden ist zu lösen.

Hier ergeben sich nun Verzweigungen zu den vorausgehenden Büchern Thomäs. Unter dem Gesichtspunkt des Imperativs Erzähle dich selbst (1998) bot der Autor eine ausführliche Begründung des praktischen Selbstverhältnisses der Selbstliebe gegen prominente philosophische Vertreter der Selbstbestimmung (Kierkegaard, Habermas, Rawls), der Selbstfindung (MacIntyre) und der Selbsterfindung (Nietzsche, Rorty). Das komplementäre Unternehmen lieferte Thomä zwei Jahre später in seiner Einleitung zur Aufsatzsammlung Analytische Philosophie der Liebe. Sie hat das Verdienst, neun englischsprachige, hierzulande fast durchweg noch unbekannte zeitgenössische Philosophinnen und Philosophen zu präsentieren, die einen erfrischenden Zugang zu diesem Thema finden.

Gerade weil Thomä in der Auseinandersetzung mit anderen Philosophen überzeugende Argumente ins Spiel bringt, weckt er Wünsche nach mehr. Das Nachwort Vom Glück in der Moderne über den Charakter philosophischer Probleme bringt aber so wenig wie die Einleitung methodisches Nachdenken über das Glück als philosophisches Problem. Ähnlich gelagerte Studien wie Martin Seels Versuch über die Form des Glücks (1995) oder Holmer Steinfaths Orientierung am Guten (2001) bieten zwar Ansätze zu einem reflektierten Subjektivismus, haben aber mit Thomä gemeinsam, dass sie die aktuellen Bemühungen um die Rückgewinnung des Tugendbegriffes ignorieren. In der Tradition der Tugenden ist der Bezug zum Glück konstitutiv. Dieser Gedanke wirkt heute zunächst abwegig. Solange auch in der akademischen Öffentlichkeit die Tugenden oft mit theologischen Denkweisen in Verbindung gebracht werden; solange in der politischen Öffentlichkeit das Vorurteil regiert, die Tugenden sollten subjektiv die Schäden ersetzen, die durch die Deregulierung des Marktes und Abbau des Wohlfahrtsstaates entstehen; solange auch ein Thomä den Tugendbegriff nur im Kontext einer konservativen Lesart von Tradition erkennen kann, solange kreisen zwei Debatten beziehungslos nebeneinander her.

Aber bewegt sich Thomä nicht auf Schritt und Tritt schon im Nachbargarten? Wenn Selbstliebe das angemessenste praktische Selbstverhältnis ist und wenn Aristoteles und Rousseau die beiden wichtigsten Gewährsmänner des Konzepts der Selbstliebe sind, so bleibt nur daran zu erinnern: In deren ethischen und politischen Theorien, haben die Tugenden eine tragende Rolle inne. Wichtige Philosophinnen wie Onora O´Neill oder Martha C. Nussbaum konnten gegen gut gepflegte Vorurteile darlegen, dass die erneuerten Tugenden die modernen Lebensformen am aussichtsreichsten erschließen. Im Sinne Thomäs ließe sich dann sagen: Selbstbestimmung ist nicht die beste Verfassung des menschlichen Lebens. Selbstliebe sowie das unter Selbstbestimmung Erhoffte kommen erst in einem Netzwerk der Tugenden zur Entfaltung. Die Tugenden sind gleichwohl keine Glücksmaschine, aber in den wechselnden Gezeiten des Lebens sind sie die vorzüglichsten Eltern des Glücks.

Dieter Thomä: Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform. Mit einem Nachwort nach zehn Jahren. Beck, München 2002, 231 S., 12,90 EUR

Dieter Thomä: Vom Glück in der Moderne. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, 326 S., 12 Eur

Dieter Thomä: Erzähle dich selbst. Lebensgeschichte als philosophisches Problem. Beck, München 1998, 353 S., 34 EUR

Dieter Thomä (Hrsg.): Analytische Philosophie der Liebe, Mentis-Verlag, Paderborn 2000, 233 S., 24,80 EUR


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00:00 08.07.2005

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