Die Erfindung des Anti-Amerikanismus

Keine neue Erkenntnis Es ist nicht wahr, dass sich Europa in Freunde und Gegner der USA spaltet

Anfang der sechziger Jahre gab es in der Bundesrepublik, lanciert von der westdeutschen Filmindustrie, eine Pressedebatte über angeblich »antideutsche Filme«. Von »deutschfeindlichen Elementen« war die Rede, die »Hetzfilme« produzierten und eine »antideutsche Kampagne« betrieben. Tatsächlich handelte es sich um künstlerische Werke renommierter Regisseure wie Rosselini, Visconti und andere, die den NS-Terror im besetzten Europa zum Thema hatten. Der Hintergrund: Die Filmwirtschaft pokerte gerade um Fördermittel aus Steuergeldern.

Die gegenwärtige israelische Regierung begleitet ihre Besatzungspolitik in den palästinensischen Gebieten, die durch massiven Militäreinsatz, sogenannte »prophylaktische Hinrichtungen« und eine planmäßige Zerstörung der zivilen Infrastruktur seit einem Jahr eine neue Qualität erreicht hat, mit einer PR-Offensive, die jede ausländische Kritik, die die Dinge beim Namen nennt, als antiisraelisch, mehr noch: antisemitisch abtut.

Es ist auch kein Zufall, dass neuerdings wieder der Vorwurf des »Antiamerikanismus« erhoben wird, der schon zu Zeiten des Krieges der USA in Vietnam gegen die weltweite Protestbewegung zu hören war. Hier wie dort hat die Diffamierung des politischen Gegners den Vorteil, dass einem auf diese Weise eine Widerlegung seiner Argumente erspart bleibt.

Antifaschistisch, antisowjetisch, antizionistisch oder antiimperialistisch waren immerhin noch Begriffe, die eine Gegnerschaft zu einer bestimmten Ideologie oder dem sie repräsentierenden politischen System relativ präzise bezeichneten, was freilich eine missbräuchliche Verwendung durch Anhänger wie Gegner nicht ausschloss. Bezeichnungen wie antiisraelisch oder antiamerikanisch dagegen haben nur dann Sinn, wenn damit eine kollektive Feindschaft gegen eine bestimmte Nation und ihre Bevölkerung gemeint ist. Tatsächlich gibt es stets auch Minderheiten, die solche Auffassungen vertreten, ohne freilich diese Begriffe zu benutzen. Eingesetzt werden sie als polemische Defensivworte von Regierungen, die internationale Kritik an ihrer Politik als Demütigung des von ihnen regierten Volkes und als feindlichen Angriff auf den Staat ausgeben.

Aber der Einspruch gegen die imperialen Ambitionen und Praktiken der USA ist noch nicht »antiamerikanisch«. Ebenso wenig ist es »antiisraelisch« (und schon gar nicht »antisemitisch«), wenn man konstatiert, dass die Unterdrückungs- und Annexionspolitik dieses Staates in den okkupierten Territorien einen permanenten Verstoß gegen das Völkerrecht und die Menschenrechte darstellt.

Freilich ist es wahr, dass die Protagonisten einer verurteilungswürdigen Politik durch ihre Taten dazu beitragen, Klischeevorstellungen und Vorurteile gegen die Völker zu stärken, die sie repräsentieren. Das haben die Deutschen nach 1945 erfahren, die Franzosen während des Algerienkrieges, die Serben in den neunziger Jahren und die Amerikaner gestern wie heute wieder.

Aber es ist nicht wahr, dass sich Europa in Freunde und Gegner der USA spaltet. Sowohl Kriegsbefürworter wie Kriegsgegner fühlen sich jeweils einem bestimmten Segment der amerikanischen Gesellschaft verbunden. Hier wie dort handelt es sich um eine Freundschaft, die auf gemeinsamen Überzeugungen und Interessen beruht.

Die Erkenntnis ist nicht neu: Der Riss, der durch die Welt geht, verläuft nicht entlang der Grenzen von Staaten und Kontinenten, sondern geht mitten durch die Völker hindurch.

In diesen Tagen, da die gewaltige Kriegsmaschine der USA ein ausgeblutetes und verelendetes Land erobert, denken viele Menschen auf der ganzen Welt an die Bewohner des Irak und hoffen, dass die Zahl der Menschenopfer klein bleiben möge. Gleichzeitig haben sicher viele wie ich den starken Wunsch, allen Freunden in Übersee zu sagen, dass sie nicht einer Propaganda glauben sollen, die ihnen einreden will, wir alle, die die Hybris der gegenwärtig in Washington regierenden Administration als ein Unglück für die Welt ansehen, wären Feinde Amerikas. Wir sind es so wenig wie jene Amerikaner, denen ihre Regierung den Patriotismus abspricht, nur weil sie ihr Recht bestreiten, in ihrem Namen zu handeln. Wir wissen sehr gut, dass wir weder unter Clinton noch unter Al Gore je in eine solche oder ähnlich gefährliche Situation geraten wären.

Wir bewundern das Amerika Roosevelts, der Kennedys und Martin Luther Kings oder des ehrwürdigen Senators Robert C. Byrd, der die besten Traditionen des Landes verkörpert. Wir lieben seine großen Schriftsteller und Maler, Komponisten und Sänger, Filmregisseure und Schauspieler, die uns dieses faszinierende Land und seine Menschen nahe gebracht haben. Und wir bewundern und lieben Jane Fonda und Harry Belafonte, Barbara Streisand und Dustin Hoffman, die vielen prominenten Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler, aber auch die ungezählten einfachen amerikanischen Bürger, die gegen den Krieg und die Einschränkung der Bürgerrechte protestieren. Sie sind die wahren Patrioten der USA, denn sie verteidigen die Werte, die Amerikas Ruf und Ruhm begründet haben.

Ich weiß nicht, welche Veränderungen die internationale Staatengemeinschaft erwarten, wenn sich die Doktrin einer Neuen Weltordnung durchsetzt, diktiert von einer Macht, die sich als das neue Rom versteht. Aber ich weiß auch nicht, wohin die USA selbst noch treiben werden. Deshalb denke ich heute nicht nur an die Zivilisten und Soldaten beider Seiten, auf die der Tod wartet. Ich denke auch an die Freunde von New York bis San Francisco und drücke ihnen die Hand. God bless America!

00:00 11.04.2003

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