Die Geburt des Helden

Glasnost hinter Rahmen Eine Ausstellung des Moskauer Künstlers Grisha Bruskin in Emden

Emden? Derzeit 51.000 Einwohner, 9,4 Prozent Arbeitslose, ein Landesmuseum, eine Rüstkammer, in der neben vielen altertümlichen Waffen der Bürgerwehr aus dem Dreißigjährigen Krieg eine veritable Moorleiche ausgestellt ist, zwei Kinos, kein Theater. Zu Zeiten der Hochkonjunktur Verlade-Hafen für VW nach Übersee, denn Emden liegt am äußersten ostfriesischen Rand der Republik. Danach kommt nur noch die Nordsee.

"Mein Emden" pries der berühmte stern-Chefredakteur Henri Nannen seine Vaterstadt. Und schenkte ihr als pensionierter "Spätheimkehrer" 1986 die "Kunsthalle", vulgo: das Henri-Nannen-Museum. Der moderne Bau aus dem regional typischen, rotgeflammten Klinker, in dem nun in wechselnden Ausstellungen die Exponate des weltgereisten Emder Sammlers gezeigt werden, hat sich zur ersten Kunst-Adresse an der Waterkant gemausert. Tatsächlich heißt die Straße "Hinter dem Rahmen", was sich wie ein gelungener PR-Gag liest, obwohl deren erste urkundliche Erwähnung 1675 nicht auf die Malkunst, sondern auf die Rahmen der Weber in der damals florierenden Textilwirtschaft verwies. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Aber immer noch geht der Blick weit über das platte Land, immer noch biegt der Westwind die Bäume gen Osten, und immer wieder türmen sich die Wolkenberge am Himmel, die vom Wind weiter getrieben und neu formiert werden oder sich abrupt durch häufige Regengüsse entladen.

Emden ist also für Überraschungen gut. Ausgerechnet hier, wo die Zeit still zu stehen scheint, wird ein aufregender Bogen zwischen Alter und Neuer Welt, jüdischer und sowjetischer Lesart, Moskau und New York gespannt. Neben der ständigen Ausstellung expressionistischer und zeitgenössischer Kunst des 1996 verstorbenen Museumsstifters Nannen, der Schenkung der Sammlung moderner Kunst des Münchner Galeristen van de Loo, der zeithistorischen Sonderausstellung von Fotos des im Kosovo-Krieg ermordeten stern-Fotografen Volker Krämer widmet man in diesem Sommer dem gebürtigen Moskauer Grisha Bruskin eine "Sonderpräsentation" seiner Werke. Der 47-jährige Künstler, der zur "Glasnost"-Ära zählte und dann doch unter Druck eher zwangsläufig 1988 nach New York übersiedelte, wurde schon Mitte der achtziger Jahre von Nannen während einer seiner journalistischen Politreisen entdeckt und mit anderen russischen Avantgardisten kurz nach ihrer Eröffnung in seiner "Kunsthalle" der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt. 14 Jahre später folgt jetzt "die erste Einzelausstellung in Westeuropa" des vor allem in den USA und Russland Furore machenden Künstlers Grisha Bruskin.

Ist die Kunsthalle Emden damit "Hinter dem Rahmen" heimlich zum Haus der deutsch-sowjetischen Freundschaft mutiert?

Ein kleines, schüchternes Mädchen mit hoch gestellten Hasenohren, dem Pioniertuch der Sowjetjugend um den Hals und einem knallroten Sowjetstern in der Hand, den es wie eine gerade Pappmachéblume hochhält, begrüßt die Besucher. Eine von 15 knallweiß formalisierten, auf Puppenmaß reduzierte Skulpturen, die allesamt unter dem Titel Die Geburt des Helden firmieren. Hasenfüßigkeit kommt einem da in den Sinn, die Lächerlichkeit eines ganzen Systems, das auf der Uniformität, Farblosigkeit und Angepasstheit seiner Untertanen beharrte. Den real existierenden Sozialismus hat Grisha Bruskin in solch surreale Erscheinungs-Formen gegossen, andere bedeutungsschwere Embleme wie den Kreml, einen Spaten, Hammer und Sichel oder ein Lenin-Porträt im Spielzeug- Format in ihre Hände gesteckt. Der Blick geht ganz klar nach Osten, zurück in die Sowjet- Sozialisation von Grisha Bruskin. Auf 128 gleichförmigen Bildtafeln breitet er sein Fundamentales Lexikon über die Mythen der sowjetischen Ideologie aus und entkleidet sie gleichsam durch ihre serielle Funktionalität dem ideologischen Zauber. Simplifizierende, in zwei Posen gefrorene männliche, weibliche, kindliche, weiß getunkte Figuren, die jeweils einzeln in einem Rechteck mit Symbolen sowjetischer Errungenschaften und Leitbilder in den Händen dastehen, ein jeder statt auf einem Podest auf einem (Vorsicht! Rutschgefahr!) Hügel, auf jedem Bild ein gelber Abklatsch-Mond im Hintergrund, ein jedes Teil einer in doppeldeutiger Absicht hergestellten Fließband-Produktion. Jeglicher ideologischer Überhöhung wird durch das Gleichmaß abgeschworen. Sarkasmus und Ironie brechen den Ernst der Anliegen, wenn zum Beispiel in der 13. Reihe von links, 4. Reihe von oben ein Flaschendeckel von "Pepsi Cola" (mit kyrillischen Buchstaben) wie ein Schutzschild von der Mädchenfigur gehalten wird.

Noch augenfälliger wird der Widersinn starrer Bewusstseinsbildungsprogramme im "ABC der Wahrheit" demaskiert. Bruskin hat hier die Tradition der bemalten Speise-Kinderteller aufgenommen, auf denen das Alphabet durchdekliniert wird. Nur, dass, wie auch in der Reihe der "Fibel", bei ihm das fotografisch gemalte Bild weder zum Buchstaben noch gar zum dazu geschriebenen Satz gehört. Es ist eine Kunst, die mit Worten, Formen und der Geschichte im wörtlichen Sinne spielt, aber mitnichten verspielt ist. Im Gegenteil.

In einem zweiten Themenkreis versucht Grisha Bruskin, sein anderes Erbe, das kulturelle Judentum, aufzuarbeiten. Die ab 1983 einsetzende Werkreihe Alefbet (hebräisch für Alphabet) hat einen noch stärkeren enzyklopädischen Charakter als die Serie über die sowjetische Ideologie. Auf ebenso gleichförmigen Bildtafeln hat der areligiös aufgewachsene russische Jude Grisha Bruskin alles hineingepackt, was es an Chiffren, Symbolen, Gestalten und Anspielungen auf jüdisches Leben und jüdische Religion geben kann. Gebetsriemen, Scheitelkäppi, Gebetsmantel, Weinrebe, Schaf, Schlange, Fisch, Thorarolle, das dritte Auge, Gebetstafeln undundund. Kunst, die zum Studium einlädt. Keine "schöne" Dekoration, sondern eine intellektuelle Herausforderung.

Wie in der jüdischen Tradition üblich, heißt es anhand des zahllosen künstlerischen Inventars auf diesen Bildern Fragen stellen, sich vertiefen, weiter fragen. Auch das eine Allegorie: das Leben ist ein einziger Lernprozess. Ikonographische, russisch-orthodoxe Assoziationen stellen sich ein. Einzig Seraphin taucht regelmäßig auf, meist flammend? teuflisch? Blut?rot, mal als gefallener Engel, mal durch seine Schwerter eingezwängt, mal eingemenscht. Man steht stundenlang vor diesem aufgeschlagenen Lexikon, das - im Gegensatz zur Sowjetkritik - ein bunt bebildertes, zwischen Himmel und Erde figurierendes, vollgeschriebenes Tafel-Werk darstellt. Vier Wandtafeln sind es insgesamt, zwei als Leihgabe des Sammler-Konkurrenten Ludwig aus Köln, der sie zeitgleich mit Nannen noch in Moskau erstanden hat. Jetzt hängen sie zum ersten Mal komplett. Erkenntnis kommt von Kennen lernen. So ist das in Emden.

Die Sonderausstellung "Grisha Bruskin" ist noch bis zum 20. Oktober in der Kunsthalle Emden zu sehen. Katalog 18 E.UR

00:00 27.09.2002

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