Die geheimen Friedhöfe der Fazendeiros

Brasilien Arbeitsbeschaffung am Amazonas - eine Regionalmacht mit viel Sinn für Anachronismen

In Brasilien, dem Schauplatz des Zweiten Weltsozialforums, sind die sozialen Gegensätze in manchen Bundesstaaten so extrem, dass sich Großfarmer auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts Zehntausende von Landarbeitern wie Sklaven halten können. In der neuntgrößten Wirtschaftsnation der Erde spiegelt sich der Turbokapitalismus der Metropolen in der neofeudalen Willkür des ländliches Raumes. Am Amazonas werden Landarbeiter wie Freiwild behandelt. Jeglichen Widerstand ersticken Privatmilizen, deren Terror immer wieder auch Spitzenpolitiker der linken Arbeiterpartei (PT) zum Opfer fallen.

Manuel Ferreira dos Santos, Analphabet und Landarbeiter, ahnt nicht, dass er sich für eine berüchtigte Sklavenfazenda anwerben lässt. Eine Woche später wird er tot aufgefunden, Arme und Beine gefesselt. Wie erste Ermittlungen ergeben, hat ihn der Posten einer Privatmiliz in den Rücken geschossen. Alles deutet darauf hin, dass Manuel fliehen wollte. Die Aktivisten der katholischen Comissão Pastoral da Terra (CPT) hätten ihn warnen können, doch die kannte er nicht.

Gerade 22 Mitglieder zählt im extrem dünn besiedelten Amazonas-Teilstaat Parà dieser CPT, der den Latifundista Josèlio Carneiro seit Jahren anklagt, "Sklavenarbeiter" zu beschäftigen. 1996 entdeckte die Bundespolizei auf dessen Anwesen - der Parà-Fazenda - einen geheimen Friedhof. Doch die Ermittlungen wurden bald eingestellt, die zuständige Staatsanwältin war die Tochter Carneiros und wusste, was sie dem Clan schuldig war.

Die andere Tochter, die von Manuel Ferreira dos Santos, lieh sich Geld von Verwandten und fuhr Tausende Kilometer mit dem Bus, um auf eigene Faust nach den Mördern ihres Vaters zu suchen. Zwei Monate war sie unterwegs, vergeblich. Die Familie des Getöteten lebt verelendet in Imperatriz, der zurückgebliebensten Region Brasiliens - eine Randexistenz, die früher oder später in Kriminalität, Prostitution oder die Sklaverei des Josèlio Carneiro getrieben wird.

Aus Süd-Parà hat sich der Staat verabschiedet


Chavier Plassat, der Rechtsanwalt aus Frankreich und Dominikaner, hätte gut in Lyon bleiben können. Stattdessen riskiert er für umgerechnet 500 Euro monatlich seit zehn Jahren in Brasilien sein Leben, weil er die neofeudale Sklaverei dort angreift, wo sie am unverschämtesten ist. "Aus Süd-Parà hat sich der Staat verabschiedet, so erhalte ich regelmäßig Morddrohungen und stehe auf der Liste lokaler Todesschwadronen, wie viele vom CPT." Plassat spielt auf jene zehn Gewerkschafts- und Landlosenführer an, die 2001 in Parà ermordet wurden, weil sie sich gegen den unverhüllten Menschenkauf auflehnten. Verstreut auf dem Riesenterritorium Brasiliens gibt es nur 225 Aktivisten wie Plassat, darunter Anwälte, Priester und einige Landarbeiter. Ausnahmslos die bestgehassten Existenzen ihres Distrikts, können sie doch einem bonapartistischen Fazendeiro erheblichen Ärger verschaffen. Keine Linkspartei, keine Gewerkschaft, keine NGO - nur der kirchliche CPT wagt es, stetig Beweise dafür vorzulegen, wie in einem Land, das als die Regionalmacht Lateinamerikas gilt und - verglichen mit anderen Ländern des Subkontinents - die meisten deutschen Investitionen erhält, bis heute der Escravidão funktioniert: Anwerber - im Volksmund Gatos (Kater) - genannt, versprechen nomadisierenden Landarbeitern, oft auch Minderjährigen, aus den Nord- und Nordost-Teilstaaten respektable Löhne und Unterbringung auf entfernten Riesenfazendas. Springen die Gutgläubigen nach tagelanger Fahrt vom Truck, erwarten sie Pistoleiros mit scharfen Hunden und lassen keinen Zweifel, dass ab sofort hart gearbeitet und jeder Fluchtversuch unerbittlich bestraft wird.

Die auf der Fazenda Gestrandeten werden in dem Glauben gelassen, der Patron werde zum Monatsende zahlen. Der jedoch verzögert das immer wieder, während seine Privatmiliz die Leute in Schach hält. Einklagen lassen sich die Löhne nicht, denn die nächste Polizeiwache liegt oft Hunderte von Kilometern entfernt, auch sind die Beamten selten bereit, armselige Kreaturen überhaupt anzuhören.

Gewöhnlich wird Neuankömmlingen auf der Fazenda eröffnet, dass vor irgendwelchen Löhnen zunächst die Kosten für Antransport, Unterbringung und Verpflegung sowie das Arbeitsgerät abgetragen werden müssten. Und wer nicht rechnen kann, glaubt schließlich, was ihm da an "Schulden" präsentiert wird. Der Fazendeiro setzt das Leistungspensum extrem hoch an, so dass die Angeworbenen oft Monate interniert bleiben, bevor sie den ersten Real sehen und am Ende froh sein dürfen, ungeschoren davon zu kommen.

Ein "lebendes Archiv" muss verbrannt werden


Isidoro Revers, Historiker in Sao Paulo, meint dazu: "Viele Sklavenarbeiter werden oft schon beim ersten Fluchtversuch zur Abschreckung getötet. Doch auch von denen, die sich befreien, kommen nur die wenigstens zum CPT, um über ihr Schicksal auszusagen. Manchmal muss ein entlaufener Sklave bis zu 200 Kilometer durch den Urwald, so dass viele, die entkommen, auf der Flucht an Krankheiten oder Hunger sterben. Außerdem, wer erlebt hat, wie an einem Entflohenen ein Exempel statuiert wurde, der gilt als "lebendes Archiv", das irgendwann verbrannt werden muss.

Du bist ein Nichts


"Das Leben des Volkes misst man nicht nur in materiellen, sondern auch in moralischen Kategorien. Man leidet nicht nur, wenn man statt der benötigen 3.000 Kalorien nur 1.500 essen kann. Das Leiden, das noch dazukommt, ist das an der sozialen Ungleichheit, das ständige Sich-Erniedrigt-Fühlen und Herabgesetztsein in seiner Natur als Mensch, weil einen niemand respektiert. Sie sehen einen an wie eine Null, halten einen für unbedeutend: Dieser da ist alles, du bist ein Nichts ..."

(Fidel Castro im Gespräch mit dem brasilianischen Dominikaner-Pater Frei Betto, einem der führenden Vertreter der Theologie der Befreiung in Lateinamerika, Mai 1985)

Inzwischen kennen Revers und Plassat die verrufensten Fazendas, stellen Ermittlungen an und aktivieren über vertrauliche Kontakte sofort Justizministerium und Bundespolizei. Das kann bis zu einem gesetzlich vorgeschriebenen Einsatz der Spezialeinheit Equipe movel führen. Weil diesen Formationen aber 2001 das Personal und die Gelder für ihre Helikopter gekürzt wurden, kommt die Equipe inzwischen oft erst dann zum Zuge, wenn ein "Arbeitgeber" in der Tiefe des Amazonas-Raums längst seine Vorkehrungen getroffen hat. Dennoch gäbe es Erfolge, meint Isidoro Revers: "Allein in Süd-Parà wurden in den vergangenen zwölf Monaten etwa 1.500 Sklavenarbeiter befreit. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn auf jeden befreiten Sklaven kommen drei, die weiter auf diesen Farmen festgehalten werden. Die geforderten Bußgelder (umgerechnet 100 Euro - K.H.) pro entdecktem ›Escravo‹ werden ohnehin nie bezahlt, obwohl sie lächerlich sind. An Prozesse wegen Menschenhandel ist gleich gar nicht zu denken - unsere Kultur der Straflosigkeit verhindert auch das." Der Interamerikanische Gerichtshof in Washington hat auf Betreiben des CTP seit 1999 drei Verfahren gegen Brasilien wegen "Sklaverei" eingeleitet, allerdings eher aus optischen Gründen, Konsequenzen blieben aus, die "Sklaverei" grassiert weiter.

Plassat ist oft in Deutschland und Frankreich unterwegs, um durch Vorträge aufzuklären und dabei unter anderem mit Erstaunen zu vermerken, dass die rotgrüne Bundesregierung den Großagrarier und Präsidenten Cardoso unbeeindruckt hofiert: "In Berlin hält sich allen Ernstes die Auffassung, Brasilien sei doch eine Demokratie, mit einem erlauchten Sozialdemokraten an der Staatsspitze. Doch der Kontrast zwischen Cardosos Selbstdarstellung und der Realität ist enorm." Mitte des Jahres 2000 hatte Gerhard Schröder gemeinsam mit dem brasilianischen Präsidenten die Expo in Hannover eröffnet, während bereits 1996 ein Internationales Tribunal der UNO und des Weltkirchenrates Cardoso als politisch Hauptverantwortlichen für die Massaker an Landlosen bezeichnet hatte. "Wir wissen, dass in Pará mit den gut bewaffneten Fazendeiro-Milizen", erklärte Bischof Tomas Balduino, Präsident des CPT, Ende 2001, "Zustände erreicht sind, als stünde ein Bürgerkrieg bevor."

Siehe auch Klaus Hart: Unter dem Zuckerhut - Brasilianische Abgründe, Picus Verlag Wien, 2001

00:00 01.02.2002

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