Die Geschichte der Geschichte

NAPOLA I Wie der Film von der Historie abweicht - nachgetragener Rat eines historischen Beraters

Mitte Februar 2003 erhielt ich einen Anruf der OLGA-Film München. Ob es zutreffe, dass ich fünf Jahre "Jungmann" an einer "N.P.E.A." ("Nationalpolitische Erziehungsgestalt", in der Umgangssprache "Napola", deren Schüler "Jungmannen" genannt wurden) gewesen wäre und ein Buch über diese Zeit geschrieben hätte. Und ob ich ein Drehbuch zu einem Film über eine solche Napola mit den Augen eines historischen Beraters lesen könnte. Ich bejahte zweimal. Als ich das Drehbuch zu dem Film Napola wenig später erhielt, musste ich feststellen, wie deutlich das dort beschriebene Geschehen von den historischen Realitäten abwich.

Unvereinbar mit den damaligen Gegebenheiten waren der Weg eines 14-jährigen Volksschülers aus Berlin auf eine entlegene N.P.E.A., das Ausklammern der Kriegslage 1942/1943, die einseitige Betonung eines den Gegner "vernichtenden" Boxens und mehrere überspitzte Handlungsstränge. So gab es einen Jungmann, der auf der Napola offenbar über Jahre hinweg Bettnässer war, was tatsächlich nicht geduldet worden wäre: Statt permanent gegängelt zu werden, wäre der Jungmann der Schule verwiesen worden. Erste Wurfübungen wurden hier sofort mit scharfen Handgranaten gemacht, Kinder bewaffnet bei der Jagd auf entflohene Kriegsgefangene eingesetzt. Im Winter sollten die Zöglinge unter der Eisdecke eines Sees schwimmen.

Bei einer Reihe von Arbeitsgesprächen mit dem Regisseur Dennis Gansel, der mit Maggie Peren das Drehbuch verfasst hatte, habe ich auf das Modellbild für die Napola hingewiesen. Sie sollte dem Beispiel der englischen public school folgen, in der Lehrer und Schüler gemeinsam lernten und lebten, um als Erziehungsziel einen gentleman zu formen, gekoppelt mit härtester körperlicher "Ertüchtigung". Nach vielen kritischen Anmerkungen, auch zu Detailfragen, lautete im Mai 2003 mein abschließender Vorschlag, die für Gansel offenbar unverzichtbare Geschichte einer Freundschaft zwischen einem jungen Boxtalent aus einfachen Verhältnissen und dem Sohn einer hochgestellten Persönlichkeit aus der Gebundenheit an die NS-Zeit zu lösen und an einer fiktiven Eliteschule spielen zu lassen. Danach gab es keine weiteren Konsultationen.

Nun habe ich den fertigen Film gesehen. Dem Titel Napola ist der offenbar als werbewirksam empfundene Untertitel Elite für den Führer hinzugefügt worden. Statt des 14-jährigen Protagonisten, der gerade die Volksschule beendet hat, begegnet man nun einem 17-Jährigen, der sich drei Jahre nach Abschluss der Volksschule ohne Lehre, unbehelligt von der gesetzlichen Pflicht zum Berufsschulbesuch wie einer unausweichlichen Einbindung in die "Hitlerjugend" als Gelegenheitsarbeiter in einer Kohlenhandlung ein paar Mark verdient und in einem zivilen (!) "Boxverein Wedding" trainiert - ein in Nazideutschland undenkbarer Fall. Warum seinem Vater erst drei Jahre nach Beendigung der Schule ein Lehrvertrag für den Jungen Friedrich angeboten wird, bleibt ohne Begründung; anscheinend ein Rudiment der früheren Drehbuchfassung.

Auch der weitere Weg der Hauptfigur wird von historisch nicht vertretbaren Darstellungen begleitet. Selbst wenn es einen "Boxverein Wedding" außerhalb der "Hitlerjugend" und außerhalb des "NS-Reichsbundes für Leibesübungen" gegeben hätte (was der Organisation des Sportvereinslebens widersprochen hätte in einem Staat, in dem "Zivilist" ein Schimpfwort war); falls ferner eine Boxstaffel der N.P.E.A. Potsdam existiert haben sollte (tatsächlich gab es keine), dann wäre sie in keinem Falle gegen einen "zivilen Verein" angetreten (und auch nicht 1942 von Potsdam nach Berlin mit einem Kleinbus gefahren worden). Das großsprecherische Auftreten des Hauptgegners von Friedrich im Film, der Streit suchend in die Kabine kommt, wäre undenkbar gewesen, da bei allen Exkursionen ein Erzieher streng auf Disziplin geachtet hätte. Es scheint vielmehr dem vom Kino geprägten Bild des "bösen Nazis" zu entsprechen.

Der Auswahlprozess für eine Napola verlief mehrstufig und schloss obligatorisch eine "Prüfungswoche" ein, in der die intellektuelle wie die körperliche Leistungsfähigkeit getestet wurde. Jeder Anstalt war ein bestimmtes Territorium als "Einzugsgebiet" zugeteilt. Eine Napola im fiktiven Allenstein, das der Film im Warthegau verortet, hätte also nicht in einer Berliner Turnhalle verbindliche Prüfungen durchführen können, die in Wirklichkeit anspruchsvoller waren, als der Film es glauben machen will, wenn er "rassische Untersuchung", Hallensport und ein markiges Bekenntnis zur herrschenden Ideologie als ausreichend zeigt. Vom Niveau entsprach die Napola dem Realgymnasium, ergänzt um vormilitärische Übungen (wozu auch Segelfliegen und Motorradfahren gehörte), verstärkten Sport- und mitunter Benimm- und Tanzunterricht. Die acht Klassen ("Züge" genannt) umfassende Schulzeit wurde mit zehn Jahren begonnen. Ein Junge wie Friedrich im Film hätte, wenn schon Späteinsteiger, nur im Anschluss an die Volksschule mit 14 Jahren auf eine jener Anstalten gelangen können, die über einen so genannten "Aufbauzug" verfügten - eine zweijährige Sonderausbildung, um das Niveau, etwa im Lateinunterricht, der anderen Jungmannen zu erreichen.

Die Räumlichkeiten der Schule, die im Film in einer Burg residiert, und die Schauplätze in ihrem Umfeld sind so primitiv dargestellt, dass eine elitäre Ausbildung unmöglich scheint. Die Stuben stellen hier eine kasernenähnliche Mischung aus Schlafraum und Kleider-Aufbewahrung dar ohne erkennbaren Platz für Schularbeiten und Freizeitaufenthalt. In den Unterrichtsräumen ist keine qualifizierte Ausstattung für fachlich hochwertiges Lernen (in Biologie, Chemie, Physik, Musik) zu erkennen. Die Darstellung des Unterrichts dient augenscheinlich nicht einer Elite-Ausbildung, sondern nur einer Beweisführung für primitive ideologische Indoktrination.

Darüber hinaus besitzt die "Napola Allenstein" offenbar keinen Sportplatz. Frühsport und normaler Sport (Hochsprungübungen) werden auf dem Kopfsteinpflaster vor der Burg durchgeführt. Einzig eine große Trainingshalle mit einem Boxring wird vorgestellt, als handele es sich um eine Sonder-Napola für Elite-Boxer. Im Speisesaal fungieren nicht, wie es auf den Internaten üblich war, Jungmannen als "Essenholer", sondern es servieren junge Mädchen, was Unsinn ist. Die Mädchen im Film haben überdies keine Funktion, als nachts bei fehlender "Verdunkelung" von 17-Jährigen in ihrem hell erleuchteten Zimmer beobachtet zu werden.

In der Begrüßungsszene zum neuen Schuljahr verkündet der Anstaltsleiter, künftige Gauleiter, ein Parteiamt, für ein NS-Weltreich erziehen zu wollen, die dann nicht in Mecklenburg, sondern in Washington und Kapstadt ihren Dienst tun sollten. So gibt er sich mehr als Chef einer "Ordensburg", einer übergeordneten Weiterbildungsanstalt, von denen es gerade zwei in Nazideutschland gab und auf denen die Spitzen des Parteinachwuchses ausgebildet wurden. Die Napola sollte dagegen, in der Tradition der preußischen Kadetten-Anstalt, vorrangig Nachwuchs für Wehrmacht und Staat heranbilden. Dem widerspricht im Film Napola auch, dass das Kriegsgeschehen 1942/43 (und speziell der Vorstoß an die Wolga mit der Schlacht um Stalingrad), über das in den Schulen regelmäßig informiert wurde, völlig ausgeblendet wird. Ich wurde auf der Napola 1940 etwa mit der Meldung begrüßt, dass die "Inschutznahme des Nordens" geglückt sei.

Ihren Höhepunkt erreicht die historische Fehldarstellung in Napola in der Figur eines Pastors. Er ist dafür zuständig, den Jungen die Nachricht vom "Heldentod" eines nahen Angehörigen zu überbringen. Die Zöglinge dieser Eliteschulen eines nicht-christlichen Regimes wurden jedoch prinzipiell der Kirche entfremdet, erhielten mit 14 Jahren eine feierliche "Schwertleite" und keine Konfirmation (dafür konnte nur auf dringliches Verlangen der Eltern außerhalb des N.P.E.A.-Areals eine Ausnahmeregelung getroffen werden).

Da die in Dennis Gansels Film gezeigte Napola-Erziehung in entscheidenden Punkten nicht den historischen Gegebenheiten entspricht, sondern vielmehr durch eine bewusste Vergröberung die realen Gefahren einer vielschichtig angelegten nationalsozialistischen Indoktrination geringer erscheinen lässt, als sie wirklich war, trägt der Film Napola leider zu einer falschen Sicht auf die Geschichte des Dritten Reiches bei. Deshalb habe ich bei OLGA-Film darauf bestanden, nicht als "historischer Berater" im Abspann genannt zu werden.

Hans Müncheberg, geboren 1929, kam 1940 auf die Napola Potsdam. Mit 15 Jahren wurde er als Kindersoldat in den Krieg geschickt und noch am 2. Mai 1945 schwer verwundet. Er arbeitete als Dramaturg und Autor beim Fernsehen der DDR. Unter dem Titel Gelobt sei, was hart macht schrieb er seine Erinnerungen nieder, die in der DDR aber nicht erscheinen durften. Nach einer ersten, gekürzten Fassung von 1991 ist das Buch mittlerweile in der überarbeiteten, zweiten Auflage beim Nora-Verlag in Berlin erhältlich (www.nora-verlag.de).

00:00 14.01.2005

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