Die Hallstatt-Kopie

Plagiatsinnovation Gilt nicht für Doktorarbeiten: Das chinesische „Shanzhai“ ist ein Form des Nachmachens, bei der das Original lokal verbessert wird

In diesem Jahr gingen zwei Fälle durch die Medien, die in der Welt des Plagiats eine neue Größenordnung zu markieren schienen. Zum einen waren die Pläne eines chinesischen Unternehmens publik geworden, eine Kopie des österreichischen Weltkulturerbe-Dorfes Hallstatt in China als gated community zu errichten. Zum anderen sorgten Fotos von gefakten Apple-Shops für Aufregung. Eine markentreue Konsumentin aus den USA hatte die Geschäfte in der südchinesischen Stadt Kunming entdeckt und Fotos in ihrem Blog gepostet.

Interessant ist nun, mit welchen Akzenten die beiden Fälle diskutiert werden. Über das Vorhaben der chinesischen Firma, alpine Traditionsarchitektur fern der Alpen vermarkten zu wollen, klagten die meisten Berichte. Dabei ist diese Form von Architektur nicht neu, immer wieder wurden nach dem Disney-Prinzip berühmte Bauwerke kopiert. Die Kritik an den Hallstatt-Plänen der Chinesen ging über einen „Fall von Architekturspionage“ hinaus, wurde mit einem „mulmigen Bauchgefühl” verbunden oder als unoriginell abgetan – schließlich sei auf Kuba schon im 20. Jahrhundert eine Kopie des Washingtoner Kapitols gebaut worden.

Lediglich die Tourismusbeauftragte von Hallstatt selbst dachte chinesisch. Sie erkannte das Potenzial und begrüßte das Bauvorhaben als kostenlose Werbung fürs Original. Ein in Hallstatt ansässiger Gastronom sprach zudem davon, dass sein Gasthof bereits in den achtziger Jahren in Japan kopiert worden sei. Zu dieser Zeit boomte die japanische Wirtschaft wie heute die chinesische. Was deutlich macht, dass das „Kopieren“ keine chinesische Erfindung ist, sondern vielmehr die Idee der Kopie in der asiatischen Kultur einen anderen Stellenwert hat als hierzulande: Sie ist schon bei Konfuzius eine Geste der Wertschätzung. Deswegen überrascht es nicht, dass schon das Vokabular komplexer ist, um zwischen verschiedenen Kopien zu unterscheiden. Dem an Autorschaft und Autorität gewöhnten Europäer fällt es dagegen schwer, die andere kulturelle Perspektive einzunehmen.

Das Verblüffende an jeder neuen Kopie ist nämlich, dass die Betroffenen sich vorstellen, ihr Ort oder ihr Produkt würde sich exakt kopieren lassen – ganz so, als spielte der Kontext von sozialen, ökologischen und kulturellen Faktoren für die Wahrnehmung eines Ortes oder eines Produkts keine Rolle. Einen Ort gestalten nicht nur Bauherrn, sondern auch die Spuren der Zeit, die auch beste Restauratoren nicht imitieren können. Selbst perfekt rekonstruierte Innenstädte wie die von Gdansk wirken kalt und glatt wie ein 3D-Rendering.

Sixpack-Pyramide

Weil es nun in Boluo, dem künftigen Standort der Hallstatt-Kopie keine hohen Berge gibt und weitaus mehr Menschen in die neue Siedlung ziehen sollen, als das Originaldorf Einwohner hat, sieht das chinesische Unternehmen die Gefahr der Ununterscheidbarkeit nicht. Für die Bauherren ist der Hinweis auf das Original ein Verkaufsargument, da mit der Behauptung westlichen Lebensstils chinesische Käufer Exklusivität verbinden.

Zum Zusammenhang von Unesco-Weltkulturerbe und Tourismus hatte der Künstler Cyprien Gaillard kürzlich in den Berliner Kunst-Werken türkische Efes-Bier-Sixpacks zu einer Pyramide gestapelt und die Ausstellungsbesucher eingeladen, hinaufzuklettern und sich zu bedienen. Damit fragte Gaillard ironisch nach dem, was übrig bleibt, wenn der Massentourismus einen Ort erreicht. In dem Sinne lohnt die Frage, wie viel Hallstatt von Hallstatt geblieben ist, seitdem es das Unesco-Label trägt.

Wen weiterhin ein Unbehagen angesichts der Vervielfältigung westlicher Architektur-Stereotype in China beschleicht, der sollte sich die Bauschilder für neuere Investorenprojekte in Berlin ansehen. Für die „Kronprinzengärten“ etwa wird internationaler Chic mit bürgerlichen Werten kombiniert: Infinity Pool, französische Fenster, Grammofon und Pferdekutsche bilden Accessoires einer elitären Fantasie von der „Historischen Mitte“ (zuvor Stadtmitte, City Ost).

Autos zur Batterie

Anders verhält es sich dagegen mit den gefakten Apple-Geschäften. Sie gehören zu keiner globalisierten Immobilien-Mode. Unter der Überschrift „Are you listening, Steve Jobs“ hatte die beflissene Amerikanerin die Shops an den Herstellergott verraten. Nur kleine Abweichungen wie die Schaufenster-Beschriftung „Apple Store“ und der schlechte bauliche Zustand der Läden hatten die Bloggerin mit Namen Bird­Abroad skeptisch werden lassen. Sonst stimmte alles: die Holzart der Einrichtung, das Blau der Verkäufer-Shirts. Material und Funktionen der Produkte sowieso.

Der in China lebenden Amerikanerin war dabei ein zentraler Begriff des chinesischen Kopierverständnisses durchaus geläufig: Shanzhai. So erklärte sie nach der Meldung an Apple, dass Shanzhai für Fake, Konterfei steht. „Manche haben sogar gesagt, dass Apple die Shanzhai-Läden verdient habe, da die Produkte absurd teuer sind, obwohl sie direkt hier in China hergestellt werden.” Weiter gedacht hätte man in den nicht-lizenzierten „Apple Stores“ das nächste Level für die chinesische Shanzhai-Telefonindustrie erkennen können: Die nachgemachten Läden vervollständigen das Marketing für die in China erfolgreichen Fake-Produkte.

Zurückzuführen ist dieser Erfolg auf das chinesische Ministerium für Industrie und Informationstechnologie, das im Oktober 2007 die Lizenzvergabe für portable Geräte wie Mobiltelefone aufgehoben hatte. Ungefähr zu dieser Zeit hatte die taiwanesische Firma MediaTek den All-in-one-Handychip erfunden, was zu einer extremem Senkung der Produktionskosten führte. Die kleinen und flexiblen Shanzhai-Firmen begannen, sich die Kosten für Forschung und Entwicklung zu teilen – das Spezifische an diesem Produktionsmodell ist, dass Technik als Open Source behandelt wird. So kommt es, dass schon bei kleiner Stückzahl Gewinne verzeichnet werden können.

Zur Produktpalette gehören bei Shanzhai Spaßgeräte wie Zigarettenschachtel- oder Apfeltelefone; das Design ironisiert selbst die Welt des Fakes. Shanzhai-Produkte können so erfinderisch sein, weil sie nur auf einen Nischenmarkt abzielen, während die internationalen Marken für den Massengeschmack produzieren.

Nicht nur Telefone gibt es als Shanzhai, sondern auch Elektroautos für 2.000 bis 3.000 US-Dollar. Die Firma BYD Auto (Build your Dream) etwa war zuerst mit der Entwicklung von Autobatterien erfolgreich. Der Investor Warren Buffet kaufte sich im Jahr 2008 mit einer großen Summe ein. Inzwischen gibt es verschiedene Elektroautomodelle zur Batterie. Produziert wird in Shenzhen, der Hauptstadt der Elektronikhersteller, ob für den westlichen Markt oder den Shanzhai-Markt. Verkauft werden die Autos vor allem in kleinen Städten in den Provinzen Shandong oder Anhui, fernab der politischen Kontrollzentren und Lizenzvergabestellen. So erklärt sich auch der Name Shanzhai, was wörtlich übersetzt „Bergdorf“ oder „Bergfestung“ bedeutet. Shanzhai-Firmen zielen auf die weniger entwickelten Binnenmärkte, ländliche Regionen und drittrangige Städte ab.

Ökonomische Pointe

Die Anpassung an lokale Bedürfnisse beschreibt das Shanzhai-Phänomen am treffendsten. So unterscheiden sich die nachgemachten Geräte von Markentelefonen durch für den lokalen Gebrauch relevante Funktionen. Mit einer eingebauten Lampe können etwa Geldscheine auf Echtheit geprüft, mithilfe einer anderen Anwendung chinesische Schriftzeichen handschriftlich eingegeben werden. Solche Innovationen haben mittlerweile zum umgekehrten Fall von Plagiierung geführt: Ein großer Mobiltelefonhersteller hat technische Merkmale eines Shanzhai-Produkts übernommen wie die Steckplätze für zwei Sim-Karten. Zwei Sim-Karten braucht in China, wer zwischen verschiedenen Provinzen und damit Vorwahlgebieten unterwegs ist, Wanderarbeiter etwa.

Die Pointe der chinesischen Kopie ist also eine ökonomische. Wurde Shanzhai in westlichen Medien zuerst kulturell als subversive Geste gegenüber staatlichen Autoritäten gelesen, hat es heute durch den Open-Source-Gedanken, chinaspezifische Anwendungen sowie das hohe Produktionstempo seine internationale Strahlkraft im Wirtschaftssektor entfaltet. Die Revolution von Shanzhai besteht darin, dass gewöhnliche Leute Technologien benutzen können, die nur eine Elite bezahlen kann, weil Shanzhai die globale Produktion lokalisiert. Solange es für die überteuerten westlichen Originalprodukte an Kaufkraft mangelt, so lange lebt der Schatten-Markt. Und je weiter sich die Shanzhai-Produkte vom Ausgangsprodukt entfernen, desto eigenständiger geraten die Kopien – bis sie den Status von Originalen erreichen. In einem westlichen Sinne.

Vera Tollmann ist freie Autorin und Kuratorin. Zuletzt veröffentlichte sie: China. Der deutschen Presse Märchenland 2

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10:50 21.12.2011

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