Die Hoffnung trog

Doppelstrategie Jürgen Jahns Partisanenunternehmen über Ernst Bloch in der DDR klärt ein beschämendes Kapitel Zeitgeschichte auf

Hans Mayer nannte nach der Wende in einem öffentlichen "Nachdenken über deutsche Literatur" in Berlin die DDR einen "Staat der Schriftsteller". Mayer argumentierte, dass die Exilautoren mehrheitlich nach 1945 im Osten Deutschlands die besseren Chancen gesehen hätten, Gehör für ihre Überlegungen zu finden, wie Deutschland nach Hitler gestaltet werden könne. In den "Osten" kamen die Seghers, Brecht, Becher, Hermlin, Renn, Arnold Zweig. Heinrich Mann ließ sich zum Präsidenten der neugegründeten Akademie der Künste berufen. Es kamen die jüdischen Emigranten Alfred Kantorowicz und Hans Mayer und lehrten deutsche Literatur. Es kam der Philosoph Ernst Bloch mit der - später zum Buch geronnen Formel: "Ich möchte das Meine unter Dach und Fach bringen". Hans Mayer hatte seiner Bemerkung vom "Staat der Schriftsteller" allerdings hinzugefügt: "Damit wird kein Schmuckblatt aufgeschlagen. Eine Geschichte von Widersprüchen, die von Mut und Feigheit handelt". Wie wahr.

Der Professor für neuere deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität, Alfred Kantorowicz, verließ im August 1957 die DDR. Der Philosoph Ernst Bloch kam nach dem 13.August 1961 von einer Reise nach Westdeutschland nicht mehr nach Leipzig zurück, der Literaturprofessor Hans Mayer im November 1963. Kantorowicz nannte seinen Schritt einen "Absprung ins Nichts". Ihm wurde eine von Anna Seghers, Marchwitza, Bredel, Renn, Uhse, Hermlin unterzeichnete Erklärung mit einem Kantorowicz-Zitat aus dem Jahr 1949 hinterhergeschickt: "Je mehr wir von der Sorte loswerden, desto besser für uns." Dass das DDR-Ministerium für Staatssicherheit, MfS, zu gleicher Zeit eine Schar von Emissären aussandte, um Kantorowicz zur Rückkehr zu bewegen, steht auf einem anderen Blatt.

Eine Tragödie erlebten sie alle, die Kantorowicz, Mayer, Bloch. Jeder hatte Fragen bei der Rückkehr mitgebracht, aber keiner sich vorstellen können, eines Tages vor einer solchen Entscheidung zu stehen. Die "DDR" schritt auf ihrem selbstzerstörerischen Weg, sich ihres kritischen Potenzials zu entledigen, voran. Denn die Ausgrenzung von Kantorowicz, Mayer, Bloch war ja kein Fall dreier Alter; die Affäre war Teil der flächendeckenden rigorosen Sicherung des Meinungs- und Ideologiemonopols der SED.

Als die Partei 1956 im Jahr des XX. Parteitags, der antistalinistischen Geheimrede Chrustschows, des Ungarnaufstandes, das Projekt eines menschlichen Sozialismus der Liquidation überantwortete, nahm sie in Leipzig mit den "Alten" Bloch und Mayer die "Jungen" Loest und Zwerenz ins Visier. Zwerenz hatte im Oktober 1956 im Sonntag, einem Vorläufer des Freitag, den Aufsehen erregenden Essay Leipziger Allerlei veröffentlicht. Darin hatten die ketzerischen Worte gestanden: "Sozialismus, das ist eine menschenalte Sehnsucht. Sozialismus, das ist eine moralische Verpflichtung. Sozialismus, das ist das, was wir, die ihn erstreben, und für die er sein soll, aus ihm machen".

Loest wurde 1957 wegen "konterrevolutionärer Gruppenbildung" verhaftet. Zwerenz konnte sich diesem Schicksal durch die Flucht entziehen. Mit dem Jahr 1956 waren Mayer und Bloch ideologische "Gegner". Mit dem Jahr 1956 setzte die Observierung von Bloch und Mayer durch die Stasi ein. Das erste Aktenstück über Bloch fertigte die Leipziger Bezirksverwaltung am 28. November 1956. Aus Berlin war durch den Minister für Staatssicherheit, Ernst Wollweber, ein "zusammenfassender Bericht" über Bloch verlangt worden. Wollweber folgte einer Weisung der Parteiführung. Unverzüglich wurde die Telefonüberwachung eingeleitet. Bis 1961 sammelten sich in den Bloch-Akten 2.500 Seiten Abhörberichte.


Jürgen Jahn, Literaturwissenschaftler, einst Lektor Blochs im Aufbau-Verlag, hat in zwei profunden Untersuchungen die verdeckten und einen Teil der offiziösen Vorgänge um Bloch in der DDR durchschaubar gemacht. Jahn hat die viereinhalbjährige "operative Bearbeitung" Blochs durch das MfS einer minutiösen Darstellung in dem im letzten Bloch-Jahrbuch erschienenen Aufsatz Ernst Bloch im Visier der Staatssicherheit unterzogen und Blochs Geschäftskorrespondenz mit dem Berliner Aufbau - Verlag 1946 - 1961 als ein zeitgeschichtliches Dokument erster Ordnung in dem Buch Ich möchte das Meine und Dach und Fach bringen" aufgearbeitet.

Zur im November 1956 angeordneten Telefonüberwachung Blochs kam im Dezember 1956 die Postüberwachung. Die Stasi mobilisierte ihren ganzen Kontrollapparat. Bei der ersten Gelegenheit wird im Januar 1957 die "Raumüberwachung" organisiert. Die Wohnung der Blochs wird "verwanzt". Im Mai 1957 wird der Überprüfungs - Gruppenvorgang "Wild" installiert. Er erfasst neben dem Ehepaar Bloch auch Hans Mayer und Blochs Schüler Jürgen Teller und Lothar Kleine. Den Vorgangsnamen "Wild" bildete das MfS nach Blochs Leipziger Adresse: Ernst-Wilhelm-Wild-Straße 8. "Die Bezeichnung assoziiert freilich auch, daß es sich um Wild handelt, das gejagt wird", bemerkt Jahn. Im Januar 1959 nimmt das MfS eine "konspirative Hausdurchsuchung" vor. Bloch und seine Frau sind in Berlin. Die Schlüssel händigt die Haushälterin, "Geheimer Mitarbeiter Helga", aus. Durchsucht wurden "das Arbeitszimmer von Prof. Bloch und von Frau Bloch, das Schlafzimmer des Ehepaares Bloch, das Musikzimmer und der Keller und der Flur", heißt es im Stasi-Bericht. Man kopiert einige Briefe Wolfgang Harichs. "Sonst konnte in den Räumen keinerlei belastendes bez. feindliches Material gefunden werden."

In den ersten Überwachungsmonaten tarnt die Stasi die Protokolle der Telefonüberwachung als angebliche Berichte "Geheimer Informatoren" aus direkten Kontakten mit den Blochs. Sie legendiert die Protokolle mit Tarnbezeichnungen wie GI "Architekt", GI "Anna", GI "Professor", GI "Ohr". Später werden die Abhörprotokolle neutral als "Info-Berichte" bezeichnet. Mit dem Heranführen von Spitzeln, hat die Stasi Schwierigkeiten, verfügt aber im Umfeld Blochs über Willfährige. Der "Vorgang Wild" eskaliert. Ihn treibt die krude Logik an, dass die Stasi die vorgebliche Kriminalität ihrer Opfer für Rechtfertigung der realen Kriminalität des eigenen Handelns braucht.

Im Dezember 1956 wird dem Philosophen unterschoben: "Während der Ereignisse in Ungarn sollte auf Betreiben Blochs und dessen Ehefrau Lucac [Lukács] mit einem Flugzeug durch JANKA aus Budapest in die DDR geholt werden." Im Dezember 1957 schickt Erich Mielke, nach Wollwebers Sturz Minister für Staatssicherheit, der Ulbricht unterstehenden "Sicherheitskommission" des ZK einen Bericht, der darin gipfelt, dass Bloch "mit Hilfe des Revisionismus eine ideologische Diversionstätigkeit durchzuführen gedenkt". Anfang 1958 geht es schon darum, juristisches Beweismaterial gegen Bloch "über seine staatsfeindlichen Ansichten und Bestrebungen zu beschaffen." Bloch ist das Zentrum einer "feindlichen Plattform". Eigentlich wäre der nächste Schritt nun ein Gerichtsverfahren gewesen. Doch zu einem Prozeß gegen Bloch, wie gegen Harich, wie gegen Janka, wie gegen die Redakteure des Sonntag Zöger und Just, kommt es nicht. Die Partei organisiert die blamable Entfernung Blochs aus dem Leipziger Lehramt, seine Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben, die Verunglimpfung seines philosophischen Werkes. Die Stasiakten zeichnen die Vorgänge nach, als wüssten die Verantwortlichen nicht, was sie festgelegt haben. Ein Posten ist aber auf der Rechnung mit Bloch noch offen. Die Publikation seines Werkes läuft, wenn auch stockend, in der DDR weiter. Es bestehen Verträge und Verabredungen, die Bloch nicht aufzugeben gedenkt. In der kranken Perspektive der Stasi im Januar 1957: "Zu einem taktischen Schachzug gegen die DDR gedenkt Bloch die Herausgabe seines philosophischen Werkes zu machen". Blochs Autorschaft in der DDR neigt sich ihrem Ende zu. Sie hatte 1946 mit einer ostdeutschen Einladung begonnen.

Im Dezember 1946 war der damalige Leiter des Aufbau-Verlages, Kurt Wilhelm, an Bloch in seinem amerikanischen Exilort Cambridge mit der Bitte herangetreten, Blochs Werk Freiheit und Ordnung. Abriß der Sozialutopien drucken zu dürfen. Bloch nahm den Vorschlag an. Im Oktober 1947 erschien das Buch. Verlagsrechtliche Ansprüche Dritter, in den Wirrnissen der Nachkriegszeit vernachlässigt, schufen Probleme, aber man überwand sie. Bloch hatte sehr unangenehme Erfahrungen mit Verlegern in den USA gemacht. An dem ostdeutschen Verlag fand er Gefallen. Bloch bot ihm im April 1947 eine Reihe von Manuskripten an, darunter der Text von Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel. Das Buch brauchte bis zum Erscheinen im September 1951 dreieinhalb Jahre. Das System der ideologischen Kontrolle hatte sich installiert. In einem "Gutachten" waren Bloch "Verleumdungen der Klassiker des Marxismus-Leninismus" vorgeworfen worden. Bloch, mittlerweile in der DDR, ließ im Mai 1951 in Leipzig durchblicken, er werde die "Sowjets" um Vermittlung bitten. Einige Zeit später wurde das Buch gedruckt.

Die Veröffentlichung seines Opus Magnum, des Prinzips Hoffnung, läuft 1952 besser an. Verlagsleiter Erich Wendt hat mit dem Ideologie-Sekretär des ZK der SED, Kurt Hager, am 10. März ein Gespräch geführt, dass er einen Tag später in einem Brief an Hager zusammen fasst, man sei übereingekommen, das Werk "im Hinblick auf die politisch wichtige Mitarbeit von Prof. Bloch ... in einer kleinen Auflage (2 bis 3.000 Exemplare) herauszubringen". Es regiert die Opportunität. Beim Werk in kleiner Auflage, gegenüber der Person in großen Gesten. Im März 1955 wird Bloch Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, im Oktober bekommt er einen Nationalpreis. Zweiter Klasse.


Das Jahr 1956 regiert der Machterhalt der SED. Der Aufbau-Verleger Walter Janka und der Bloch-Gutachter Wolfgang Harich werden verhaftet, den Bloch-Lektor Jürgen Jahn belehrt im Januar 1957 ein Stasi-Hauptmann, "Denken dürfen Sie, was Sie wollen, aber machen dürfen Sie nischt." Bloch wird als Antimarxist und Revisionist entlarvt. Die SED fährt bei der Drucklegung von Blochs Werk eine Doppelstrategie. Die Publikation soweit wie möglich verhindern. Es darüber aber möglichst zu keinem internationalen Eklat kommen zulassen. Seit Anfang 1959 steht der Suhrkamp-Verlag als verlegerische Alternative Bloch in Westdeutschland zur Verfügung. Im August 1958 druckt der neue Aufbau-Chef und Bloch-Zuträger bei ZK und MfS, Klaus Gysi, eine Miniauflage des 3. Bandes des Prinzip Hoffnung, die der eloquente Verleger weder auf der Leipziger Buchmesse im Herbst ausstellt noch in den Verlagskatalog aufnimmt. Bloch weiß, von diesem Verlag ist nichts mehr zu erwarten. Außer der Ruhigstellung. Im April 1961 kündigt er alle Verträge. Bloch weiß, von diesem Land ist nichts mehr zu erwarten. Außer der Isolation. Im August 1961 kehrt er von einer Westdeutschlandreise nicht mehr in die DDR zurück.

Es gibt das Wort, dass eine Regierung weniger dem Wirken der Opposition, als ihren eigenen Fehlern unterliegt. Die 40 Jahre DDR-Geschichte sind eine 40-jährige Geschichte der Selbstzerstörung. Die Staatspartei diskreditierte wirkungsvoller als jeder ihrer Gegner die Idee des Sozialismus und machte den Marxismus zu ideologischem Schrott. "Mit wem seid ihr, Meister der Kultur?" hatte der geistige Scharfmacher Alexander Abusch mit Maxim Gorki im November 1949 "jeden deutschen Kulturschaffenden" gefragt und gewusst, dass man bei Lenin zu stehen habe. Nie in all den ostdeutschen Jahrzehnten schaffte es die Partei, mit den "Meistern der Kultur" zu sein. Immer war es gerade die "Avantgarde", gegen die sie vorging. Die Vorgänge in Kunst und Denken waren eine Abbreviatur der allgemeinen Entwicklung. Das Kapitel "Bloch" davon ein Kapitel. Allerdings eines der schmählichsten. In der Person Blochs desavouierte sie den Teil der ostdeutschen Identität, der sich im antifaschistischen Exil des Westens gründete. Und sie wies mit der Zurückweisung von Blochs Philosophie einen großartigen Beweis der Zukunftsfähigkeit des Marxismus ab. Bloch hatte die Marxsche Philosophie in einen Traditionslinie gestellt, die von den frühchristlichen Denkern über Thomas Müntzer, von Hegel zu Marx reichte, ein beständiger Weg in die Zukunft, eine beständige Arbeit an der "Vermenschlichung der menschlichen Verhältnisse", seine "Hoffnungsphilosophie" war ein Teil dieser Arbeit.


Jahn sind zwei zeitgeschichtliche Dokumente erster Ordnung zu verdanken, aufklärerische Materialsammlungen zum Schicksal Blochs in der DDR. Innenansichten der SED, des MfS, des Verlagswesen der DDR, der Machtausübung in Ostdeutschland. Sorgfältig kommentiert, essayistisch erläutert. Jahns Arbeiten sind Partisanenunternehmen, denn weder ein Geldgeber noch ein Honorar stützten die jahrelange Recherche. Für den Band Ich möchte das Meine unter Dach und Fach bringen wurden die 126 Briefe und Gegenbriefe, die fast lückenlos erhaltene Korrespondenz Blochs mit dem Aufbau-Verlag, erstmals erschlossen und Hintergrundmaterialien aus dem ZK der SED und MfS hinzugefügt. Für den Aufsatz Ernst Bloch im Visier der Staatssicherheit hat Jahn den inflationären Aktenbestand der Birthler-Behörde minutiös aufgearbeitet und ihn 2006 in den Aufsatz Ernst Bloch im Visier der Staatsicherheit eingehen lassen.

Im März dieses Jahres glaubte der Spiegel, trotz der von Jahn bereits enthüllten Legendierung von Abhörprotokollen einer Sensation auf der Spur zu sein, als er den Herausgeber des vor dem Erscheinen stehenden Buches Der Fall Hans Mayer. Dokumente 1956 - 1963, Mark Lehmstedt, zitierte, die "Stasi ging dazu über, Abhörgeräte in Wohnungen und Telefonen mit Decknamen zu versehen, sie sogar mit einer fiktiven Identität auszustatten, als handle es sich um reale Personen". Das war nicht nur schlecht recherchiert, sondern eines der vielen schlechten Zeichen der Wahrnehmung von Geschichte und Zeitgeschichte. Ohne Eventcharakter sind ihre Chancen gering. Das sensible Thema "Stasi" marschiert in vorderster Reihe. Mundgerecht in den Bonbonfarben eines Films wie Das Leben der anderen hat es eine Wochenchance. Oder eine Tageschance in den Bezichtigungen und Selbstbezichtigungen eines mittelmäßigen Schauspielers, dem während seiner Armeezeit die "Stasi" die Mitarbeit abgepresst haben soll. In der allgewärtigen Pseudogegenwart von Zeitgeschichte und Geschichte verschwinden Geschichte und Zeitgeschichte in der Gewöhnung an Events. Was sie so lautstark zu besorgen vorgeben, ruinieren sie zutiefst. Dass Jürgen Jahn bei diesen Arbeiten allein war, bedrückt. Das er sie unbeirrt aller Umstände dennoch gemacht hat, stimmt zuversichtlich. Wir brauchen solche Arbeiten. Und solche Ermutigungen.

Bloch-Jahrbuch 2006 Heimat in vernetzten Welten Hrsg. von Francesa Vidal Thalheimer Verlag, Mössingen-Thalheim 2006, 224 S., 20 EUR

"Ich möchte das Meine unter Dach und Fach bringen ..." Ernst Blochs Geschäftskorrespondenz mit dem Aufbau-Verlag Berlin 1946-1961 Hrsg. von Jürgen Jahn. Harrassowitz-Verlag, Wiesbaden 2006, 208 S., 40 EUR


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