Die Irren werden immer netter

Alltag Geheimnisvolle Lichtkreuze und alltägliche Diskurs-Erscheinungen in Köln

Vielleicht sind wir tatsächlich nicht geschaffen für die Hitze in Deutschland, in Mitteleuropa, vielleicht führt die Ozonbelastung tatsächlich zu verringerter Denkleistung. Denn ich kann die Uhr danach stellen, dass ich einen Irren treffe, sobald die Sonneneinstrahlung über die 30-Grad-Marke steigt.

Die Irren werden allerdings immer netter, das ist meine Erfahrung. Zumindest im Sommer, der Irrsinn wird dann spielerischer. Denn ich brauche während der Mittagszeit nur an einer Innenstadtkreuzung in Köln entlang zu spazieren, im so genannten belgischen Viertel, und dann steht da täglich ein netter Enddreißiger und fotografiert ein hässliches Siebziger-Jahre-Strafobjekt, an dem keine ästhetische Besonderheit festzustellen ist. Es ist auch nicht museal. Aber der nette Herr tänzelt begeistert und fotografiert und als er mein abweisendes Erstaunen sieht, sagt er nur ein einziges Wort: "Liebe!" Was als Gesprächseinstieg erst mal unschlagbar ist. Der nette Herr ist ursprünglich aus Berlin, ist bei einer befreundeten esoterischen Buchhändlerin zu Besuch in Köln, und wie es der Zufall will ("und er will es!"), darf er auch hier "die Sterne" sehen. So wie in Berlin. Oder in Frankfurt. Und wie es der Zufall will, trägt er ein Fotoalbum unter dem Arm und präsentiert seine gesammelten Schnappschüsse der letzten Wochen, die er selbstverständlich nicht nur mir zeigt oder vielleicht noch einigen anderen Passanten, sondern gleich der ganzen Welt. Denn über alle Ländergrenzen hinweg existiert eine vernetzte Fangemeinde gleichartiger Phänomene. "Liebe", sagt der Berliner dann erneut und das scheint auch der Schlachtruf der weltweiten Community zu sein, die sich wechselweise, wahlweise, je nach esoterischer Grundausrichtung zwischen Weltuntergang, Weltneuausrichtung, Weltschmerz und Weißnicht bewegt.

Vordergründig geht es in der Mittagshitze um so genannte Lichtkreuze, hell wie Sonnenlicht, die nur an einem Fleck auf einer beliebigen Häuserwand konzentriert sind. Es geht dabei um Lichterscheinungen, Sonnenspiegelungen, in zwei Erscheinungsformen: Kreise, in denen sich ein querliegendes Kreuz befindet - wie bei einem Lotto-Zettel - oder Kreise, in denen sich ein weiterer Kreis befindet. Netterweise erscheinen sie immer massenhaft, als einzelnes Sonnenphänomen wären sie öde, aber da nun fünf, sechs, manchmal sogar ein Dutzend Sterne an einer grauen Häuserwand leuchten, ist das ganze recht faszinierend. Und der begeisterte Berliner - "Thomas, wie der Apostel, aber alle nennen mich nur Tom" - weiß zu berichten, dass diese Sonnenflecken seit Ende der Achtziger Verbreitung gefunden haben, zuerst in den USA, danach in einem bespiellosen Siegeszug rund um den Globus: Kanada, England, Schottland, Österreich, Norwegen und Slowenien. Wobei sich die Frage stellt, ob die Amerikaner nicht wieder einmal einfach nur als erste darauf geachtet haben. In Deutschland wiederum seien die Phänomene zunächst im süddeutschen Raum gesehen worden, vorrangig inzwischen aber in Berlin, Frankfurt, München und Köln.

Streitpunkt ist nicht mehr das Auftreten solcher Sonnenflecken, sondern der Auslöser. Während die esoterischen Bewunderer, deren harter Kern einem etwas obskuren Sektenführer namens Matraya angehört, von wissenschaftlichen Rätseln sprechen, sehen berufsbedingte Skeptiker, also Wissenschaftler, das Ganze nicht so mystisch. Was aber den netten Enddreißiger aus Berlin in Köln nicht weiter umtreibt. "Nein", sagt Thomas, als könne er auch Gedanken lesen, "eine einfache Reflexion durch gegenüberliegende Fensterscheiben scheidet aus, denn ein Kreuz könnte nur von den Fensterrahmen herrühren, die aber spiegeln kein Licht. Fensterscheiben dagegen spiegeln nur entsprechend ihrer Form, also rechteckig, oder quadratisch, nicht aber kreisförmig. Meistens spiegeln Fensterscheiben - aufgrund ihres leicht welligen Profils - nur irgendwas Diffuses." Das klingt logisch und zumindest eines hat Thomas tatsächlich bewirkt: Wir stehen und glotzen auf die Betonwand der gegenüberliegenden Straßenseite. Gemeinsam mit einer älteren Dame, die wohl auch gern steht und starrt, und einer Gruppe von Schulkindern, die Eis schlecken und unser Glotzen lustig finden. "Alle Theorien über das Phänomen scheitern schon daran", sagt der begeisterte Berliner, der mit zunehmender Lebensfreude auch nachdrücklicher zu hüpfen beginnt, "dass sie die plötzliche explosionsartige Zunahme des Phänomens nicht erklären."

Er schwenkt seine Fotosammlung und entfaltet eine stattliches Arsenal an Bildern und Texten. "Na, wenn es doch einen höheren Bezug gibt", meine ich, "dann doch wohl die allgemeine Krise in der deutschen Gesellschaft ..."

"Nein", antwortet der begeisterte Berliner ohne Lächeln.

"Nein?"

Er schüttelt den Kopf. "Keine gesellschaftliche Begleiterscheinung ..." Dabei tippt er auf das Fotoalbum und rückt die einzelnen Beweisstücke näher an meine Iris, als gewönnen sie dadurch an Überzeugungskraft. Hunderte Fotos, aus etlichen deutschen Städten, Kreuze, Kreuze, Kreuze, in allen Größen und aus allen Blickrichtungen, einzeln, gruppiert, vermessen. "Auch geben sie keine Erklärung dafür", setzt Thomas nach, "warum häufig eines oder mehrere Fenster Lichtzeichen oder Lichtkreise reflektieren, andere daneben liegende Fenster gleicher Bauart jedoch völlig normal reflektieren."


Nun zeigt sich in seiner umfangreichen Lichtkreuzdokumentation - die inzwischen auch begeisterten Zuspruch, meint: vielstimmiges Kreischen und Schreien bei der erwähnten Schulklasse findet - dass es sogar eine tiefgreifende Untersuchung zu diesem Phänomen am Institut für Didaktik der Physik der WWU Münster gibt, mit Dutzenden Grafiken, Berechnungen und Tabellen. Und diese Formelhieroglyphen muten sogar noch esoterischer an als Toms brisantes Brabbeln. Der Physik-Professor Schlichting erklärt sich das Phänomen seinem Namen entsprechend eher simpel: Meist werfe die Sonne nun mal ein mehr oder weniger getreues Abbild eines rechteckigen Fensters auf die Straße oder die gegenüberliegende Häuserwand. Durch verschiedene Umstände könne aber auch ein Lichtkreuz mit einer kreisförmigen Umrandung entstehen. Voraussetzung dafür sei, dass das die Sonnenstrahlen reflektierende Fenster unter einem leichten Druck stehe. Dieser Druck habe zur Folge, dass das Glas auf Grund physikalischer Gesetze das Licht so (de-)fokussiere (bündele/streue), dass die Reflexion ein Kreuzmuster ergebe. Was den das Kreuz umgebenden Kreis angehe, meint Schlichting, liege die Vermutung nahe, dass sich die Wirkungen zweier Scheiben überlagern. Schlichting zufolge könnten die Lichtkreuz-Reflexe nur dann auf der gegenüberliegenden Häuserwand auftreten, wenn der Abstand zwischen den Häusern der Brennweite des spiegelnden Fensters entspreche, die Sonne relativ niedrig stehe und der Straßenverlauf nicht zu stark von einer Nord-Süd-Richtung abweiche. Das Phänomen der Spannungen in den Fenstergläsern nennt man in Physikerkreisen übrigens "kissenförmige Verzeichnung". Besonders bei älteren Fenstern, aber auch bei Doppelscheiben solle dies häufiger vorkommen.

"Nein!", triumphiert nunmehr Thomas, als könne er erahnen, dass mich wissenschaftliche Beweisführungen oft beeindrucken und zückt einen kurzen Artikel aus einer Münchener Tageszeitung, in der Glasermeister Heinz Mietzke erläutert: "Zwischen doppelglasigen Scheiben ist kein Vakuum, wie Physiker behaupten." Nur trockene Luft. Deshalb würde sich das äußere Glas auch nicht wölben. Reflektionen kämen bei der Ursachenforschung zwar schon in Frage, aber eine richtige Lösung fehle auch ihm.

Dies wiederum ist das Stichwort für einen Kölner Straßenflaneur, dem unsere angeregte Unterhaltung nicht entgangen ist ("ich sach mal so") und der die Chance ergreift einzuhaken und prinzipiell weitgehend auszuholen. Für ihn hätten die Lichtkreuze eine tiefere Bedeutung: "Wissenschaftlich orientierte Menschen wollen mit mystischen Erklärungen nichts zu tun haben. Der mystisch orientierte Mensch hingegen mag die Wissenschaft nicht, da sie ihm kalt und hart erscheint." Wie jeder Rheinländer ist er "quasi mit der Muttermilch" der Meinung, "dass quasi alles zusammenjehört", um ein vollständiges Bild zu bekommen. Und das ist eben der Vorteil in einer rheinischen Gegend zu wohnen: Hier weiß jeder auf Knopfdruck - und meist auch noch ohne diesen - zu parlieren und zu argumentieren und überhaupt das Große Ganze bis zur Beliebigkeit zu vermengen.


Was wiederum Thomas aus Berlin eher ängstigt, denn er sieht die Ernsthaftigkeit des Sternenflimmerns in Gefahr. Also ruft er erneut den obskuren Guru Matraya ins Feld, dem wir angeblich diese Lichterscheinungen zu verdanken haben. "Der Meister!" Je mehr der Berliner von Matraya schwärmt, desto größer wird meine Sympathie für den Guru, denn es hat ihn noch niemand je lebendig gesehen. Vorbildlich, ein ganz neues Phänomen der Zunft. Schickt Lichtkreise, die eine besondere Kraft ausstrahlen sollen, weshalb Menschen wie der Thomas Beton anstarren, über Stunden, führt andererseits aber auch zu einem generationenübergreifenden Dialog. Die Schulklasse blödelt, die Nachkriegsgeneration knödelt, und Thomas schwitzt. "Eines der ersten Lichtkreuze, das Ende der achtziger Jahre zum Vorschein kam", missioniert er, "ist das aus Altadena, Kalifornien. Die Nachricht über das plötzliche Erscheinen eines Kreuzes aus Licht ließ Hunderte von Menschen zum Haus von Reverend Pierce und seiner Familie pilgern. Sie wollten das Kreuz, das sich im kleinen Badezimmerfenster der Wohnung manifestiert hatte, mit eigenen Augen sehen. Den Berichten der lokalen Presse zufolge, die auch mehrere Fotos von dem Kreuz veröffentlicht hatte, soll das Kreuz von außen durch das Fenster ins Innere der Wohnung leuchten. Wenn man dann aber auf der Suche nach der Ursache dieses Phänomens nach draußen geht, ist nichts Außergewöhnliches zu erkennen."

Der Kölner Straßenflaneur nickt. "Ich sach mal so!", setzt er energisch nach und wirbelt mit einem phallisch anmutenden Zeigefinger vor unseren Köpfen herum, "das Außergewöhnliche!", um letztlich doch nur über Lukas Podolski und die Bestandsgarantie des 1.FC Köln in der Bundesliga zu schwadronieren. Zu allem Überfluss schiebt sich auch noch eine Wolkengruppe vor die Sonne und dunkelt die geheimnisvollen Lichtkreuze ins Nirvana. Die Schulklasse zieht gelangweilt weiter.

"Nicht traurig sein", versuche ich den erschöpften Berliner aufzumuntern, lächelnd, "morgen ist auch noch ein Tag."

Er nickt dankbar.


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00:00 12.08.2005

Ausgabe 38/2020

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