Die Küste der Kommunisten

Indien Vor über einem halben Jahrhundert kam im Bundesstaat Kerala erstmals ein Linksbündnis an die Regierung und gibt seither im Wechsel mit der Kongresspartei den Ton an

Kennen Sie den? Es war im Mai 1953, die Bergsteiger Norgay Tensing und Edmund Hillary kämpfen sich am Mount Everest hoch, den sie als erste Menschen betreten wollten, und als sie endlich den Gipfel erreichten, kam ein Junge aus Kerala angelaufen und fragte: "Tea or coffee, Sir?" In Kerala, dem kleinen Bundesstaat im Süden Indiens, werden solche Witze gern erzählt. Dort ist man stolz darauf, dass es fast keinen Platz auf Erden gibt, an dem man nicht jemanden aus Kerala treffen kann. Ein Sprichwort besagt, dass es in Kerala kein Familientreffen gibt, bei dem alle anwesend sind - einer fehlt immer.

Groben Schätzungen zufolge leben derzeit über zwei Millionen Keraliten in den Ländern des Nahen Ostens. In Bombay hat ihre Zahl mittlerweile die Millionengrenze überschritten, und auch in anderen Regionen Asiens sind sie gegenwärtig. Von diesen Migranten kamen in den vergangenen Wochen viele nach Hause, um dabei zu sein, als in ihrem Heimatstaat (er ist etwas kleiner als die Schweiz, hat aber knapp 32 Millionen Einwohner) über die Zukunft entschieden wurde. Gerade gab es die letzte Phase der Regionalwahlen, die in Kerala stets einen erheblichen Stellenwert haben.

"Ich stimme immer für die Kommunistische Partei und werbe für deren Kandidaten geworben", meint R. Krishnan*; "jetzt habe ich mir für den Wahlkampf einen Monat frei genommen." Krishnan ist von weither angereist, arbeitet er doch augenblicklich für die Vereinten Nationen in Vietnam. Auch der 68-jährige Annamma Augusty hat eine längere Wegstrecke hinter sich. "Ich bin rechtzeitig aus Bombay hergekommen, um die Kongresspartei zu wählen. Ich wusste zwar, dass sie dieses Mal kaum Chancen hatte, wollte aber trotzdem meine Stimme abgeben."

Was ist das für ein Staat, über dessen Geschick offenbar selbst Leute entscheiden wollen, die dort nicht mehr leben? Wie entstand dieses verblüffende politische Bewusstsein, das allgegenwärtig ist und dazu führte, dass hier in den fünfziger Jahren eine kommunistisches Parteienbündnis gewählt wurde und seither im Wechsel mit der Kongresspartei den Ton angibt (s. Kasten)? Wieso gehören hier Großdemonstrationen zum Alltag? Und warum wird seit Jahrzehnten die jeweils regierende Parteienallianz wieder abgewählt?

Die Gerechtigkeit ist das Brot des Volkes, hieß es

Ein paar Fakten zeigen, dass Kerala nicht irgendein Bundesstaat ist. Nirgendwo auf dem Subkontinent sind Analphabetenquote und Kindersterblichkeit so niedrig wie hier, nirgendwo ist die Dichte an Computerspezialisten so groß. Und nirgendwo liegen Lebenserwartung, Bildungsausgaben und Löhne so hoch. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Die Natur hat den schmalen, rund 500 Kilometer langen Landstrich an der südindischen Küste durchaus begünstigt: Hier wachsen 90 Prozent aller Gummibäume Indiens, 70 Prozent aller Kokospalmen und die Hälfte aller Gewürze. Schönheit und Vielfalt der Region haben Kerala zu einer der wichtigsten Tourismusdestinationen Indiens befördert.

Ebenso außergewöhnlich ist die religiös-ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung. Seit dem Jahre 52 (damals soll der Apostel Thomas an der Küste von Malabar gelandet sein) hängt ein Teil der Keraliten dem christlichen Glauben an; der Anteil der Christen gleicht dem der Muslime (jeweils knapp über ein Fünftel), und die Hindus rekrutieren weniger als 60 Prozent der Bevölkerung - dieses Zahlenverhältnis hat zu einer friedlichen Koexistenz der Glaubensgemeinschaften geführt: Kirchen, Tempel und Moscheen wurden Tür an Tür errichtet, niemand dominiert. Unter indischen Soziologen gilt Kerala als Modell für säkulare Verhältnisse.

Entscheidender noch ist die politische Kultur - nirgendwo sonst, mit Ausnahme von Westbengalen vielleicht, wurden die Landreform- und Umverteilungsgesetze so energisch befolgt wie hier. Die von den Kommunisten angeführten Linksallianzen haben zahllose Programme zugunsten der Armen entworfen. Sie förderten Gewerkschaften, unterstützten Arbeiterkooperativen, vergesellschafteten Firmen, gründeten Staatsunternehmen und sorgten für ein weit verzweigtes System der Mitbestimmung. Die Entfaltung der Gesellschaft muss von unten kommen, nicht von oben, sagt die Linke und stützt sich auf eine alte Tradition. Schon während der Feudalzeit, vor der Unabhängigkeit Indiens, riefen die Dorfältesten vor wichtigen Entscheidungen die Gemeinschaften zur Beratung zusammen. Diese Kultur des Mitredenwollens, des Engagements, des Einmischens ist immer noch vorhanden.

Heute gehören politische Debatten und Aktionen zu den Lieblingsbeschäftigungen nicht nur der Kommunisten. Am neunten Fünfjahresplan im Jahr 1996 waren Hunderttausende beteiligt. Die damalige Regierung hatte rund 600 Schulungskader und 10.000 Technikexperten ausgeschickt, die 15.000 Trainer ausbildeten, denen es wiederum aufgetragen war, über die Dörfer zu ziehen und über die Wirtschaftsziele zu informieren sowie Kritik aufzugreifen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgte über Jahrzehnte hinweg die Bücherei-Bewegung, die viele Alphabetisierungskampagnen betrieb, oder die Wissenschaftsbewegung Kerala Shastra Sahitya Parishad. Im kleinen keralischen Dorf Pattuvam entstand so 1998 ein Projekt, das mittlerweile etliche Nachahmer fand: Die Dorfbevölkerung erklärte sich zur alleinigen Eigentümerin aller Gene und Genstrukturen, die auf dem Gemeindegebiet vorkommen, ließ sie registrieren und entzog sie so der Patentpiraterie der Großkonzerne. Und das Dorf Koorachundu im Bezirk Calicut rief sich im Jahr 2000 zu einer palmölfreien Zone aus, nachdem billige Palmölimporte aus Malaysia und Indonesien die heimische Kokos- und Senfölproduktion zu gefährden begannen.

Ihr sollt das Brot essen, das ihr gebacken habt, hieß es weiter

Über Jahrzehnte hinweg war die Umverteilung von oben nach unten das zentrale Ziel der Linken. Der Erfolg, den sie dabei hatte, erweist sich nun jedoch auch als Manko. So liegen etwa die vertraglich vereinbarten Löhne derzeit weit über denen der Nachbarstaaten. Während Arbeiter in Kerala zwischen 200 und 300 Rupien am Tag verdienen (umgerechnet 4,10 bis 6,50 Euro), erhalten Beschäftigte in Tamil Nadu nur zwischen 30 und 50 Rupien für die gleiche Tagesarbeit. Infolge des hohen Lohnniveaus ziehen mittelständische Agrarbetriebe ertragreiche Anpflanzungen von Kokos und Gewürzen dem arbeitsintensiven Anbau von Reis vor.

Die Regierung hat zwar versucht, die weitere Umstellung auf lukrativere Agrarprodukte zu verhindern, und die Verlagerung von Jobs in die Billiglohngebiete jenseits der Grenzen von Kerala untersagt, war bisher damit aber kaum erfolgreich. Mittlerweile investieren Unternehmen eher in Tamil Nadu und Karnataka als in Kerala. So reicht die Agrarproduktion zur Selbstversorgung nicht mehr aus. Da auch die Industrieproduktion schwächelt, steigt die Arbeitslosigkeit wie selten zuvor (sie liegt derzeit bei zwölf Prozent). Kein Wunder, dass die Migration in die arabischen Staaten und die großen indischen Metropolen stetig wächst. Inzwischen ist die Ökonomie des Bundesstaates von den umgerechnet mehr als drei Milliarden Euro abhängig, die zwei Millionen Keraliten aus den arabischen Staaten überweisen.

Dieser Trend hat Kritik von rechts lauter werden lassen - Kerala sei investitionsfeindlich, habe die Globalisierung verschlafen, würde seine Ressourcen verschleudern (viele Arbeitslose seien viel zu gut ausgebildet!) und bedürfe dringend weitgehender Reformen, argumentieren Unternehmer und konservative Intellektuelle. Sie übersehen, dass nicht erst die Linke dem Gemeinwohl viel Aufmerksamkeit schenkte und ins Bildungs- und Gesundheitswesen investierte, sondern dies bereits vor der Unabhängigkeit teilweise der Fall war. Die Linke hat insofern nur eine Tradition aufgegriffen und verstärkt.

Und sie wird an vielen der "investitionsfeindlichen" Errungenschaften festhalten, denn niemand kann es sich angesichts des Drucks von unten derzeit politisch erlauben, das Sozialsystem zu demontieren oder auch nur Entscheidungsprozesse abzukürzen. Jedes größere private oder öffentliche Vorhaben durchläuft eine Vielzahl von Stadien, in denen jeweils diskutiert, geprüft, verändert, verworfen oder gutgeheißen wird - ein Albtraum für alle, die dem Markt das letzte Wort überlassen wollen.

Gleichwohl hat die Kommunistische Partei/Marxisten (CPM) eine Wende vollzogen. Sie setzt nicht mehr allein auf Umverteilung und begrüßte auf ihrem zweiten internationalen Kongress Ende 2005 in Keralas Hauptstadt Thiruvananthapuram ausdrücklich auch ausländische Anleger (gegen den Widerstand einer Minderheit in der Partei). Warum sich gegen diese Investoren wehren, wenn diese Arbeitsplätze schaffen, wurde gefragt. Warum keine Einkaufszentren zulassen, wenn die arbeitslose Jugendliche beschäftigen? Die CPM will nun in fünf Cities, 25 Städten und 100 Dörfern Gewerbezonen für die IT-Branche einrichten.

Immerhin wird die Partei mittlerweile selbst wie ein Unternehmen geführt. Keine andere politische Gruppierung hat so viel Vermögen und Grundbesitz, keine verfügt über eine so große Medienmacht (ihr gehört mit Kairali TV ein Satellitenkanal und mit Deshabhimani die drittgrößte malayalam-sprachige Tageszeitung). Die entscheidende Frage der nächsten Jahre wird sein, ob sich der neue Kurs angesichts der hohen Erwartungen der so anspruchsvollen wie rebellischen Wähler auch durchsetzen lässt.

(*) In Südindien werden die teils sehr langen Vornamen nie ausgeschrieben / Übersetzung aus dem Englischen von Pit Wuhrer.


Keralas Pendeldemokratie

Alles andere als ein haushoher Sieg der Linksdemokratischen Front (LDF) bei den Regionalwahlen in Kerala wäre eine große Überraschung gewesen. Zu groß war die Differenz in den Meinungsumfragen zwischen LDF und der United Democratic Front (UDF). Der LDF gehören unter anderen die einst an Peking orientierte Kommunistische Partei/Marxisten (CPM), die früher eher prosowjetische und kleinere Kommunistische Partei Indiens (CPI) und die Revolutionäre Sozialistische Partei (RSP) an. Die UDF besteht vorwiegend aus der von Christen unterstützten Kongresspartei und der Muslimliga. Diese beiden Blöcke haben jeweils die Hälfte der vergangenen zwölf Parlamentswahlen gewonnen - und zwar immer im Wechsel. Auf Bundesebene kooperieren diese beiden Allianzen und bilden in Delhi gemeinsam die Regierung. Die hinduistisch-chauvinistische Volkspartei (BJP), die Indien in Gestalt des Premierministers Atal Bihari Vajpayee jahrelang regierte, spielt in Kerala hingegen keine Rolle. Die Linksallianz hatte schon bei den nationalen Parlamentswahlen 2004 19 der 20 Kerala zustehenden Mandate gewonnen. In den folgenden Gemeindewahlen blieb die UDF unter 25 Prozent.

Das Programm der LDF enthält große Versprechungen, unter anderem soll es Gratiswohnungen für die Armen, eine kostenlose Stromversorgung für Bedürftige, die Streichung aller Schulden von Kooperativen sowie neue Antidiskriminierungsgesetze geben, um Gerichte in die Lage zu versetzen, Gewalt gegen Frauen sofort zu bestrafen. Sollte die LDF diese Vorhaben nicht umsetzen, dürfte sie wieder nur eine Legislaturperiode lang regieren.

J. K.

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00:00 19.05.2006

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