Die Landesverräterin

NS-Zeit Cato ist zweiundzwanzig, als sie am 5. August 1943 in Plötzensee hingerichtet wird
Regina Griebel | Ausgabe 45/2015
Die Landesverräterin

Bild: Archiv/der Freitag

Cato ist neunzehn, als sie auf die Idee kommt, mitten im Berliner Berufsverkehr Kontakte zu französischen Kriegsgefangenen zu suchen. Eile vortäuschend, springt sie, gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Mietje, ins verbotene letzte Abteil der S-Bahn und hat dort "Feindberührung“.

Sie ist zwanzig als sie ihrem Bruder Tim schreibt, sie habe eine interessante Bekanntschaft gemacht. Die Dame sei Dramaturgin der Reichskulturfilmzentrale und wolle ihr Übersetzungsarbeiten verschaffen. Dass es sich um Libertas Schulze-Boysen handelt, durch die sie direkte Verbindung zu einer Gruppe des Widerstands bekommt, erwähnt sie nicht. Bezeugt ist ihre sofortige Bereitschaft zur Mitarbeit. Überliefert ist, dass sie oft mehrere Verabredungen an einem Tag hatte und die Schwester bat, keine näheren Fragen zu stellen, denn jeder in dieser Familie wusste schon genug und hatte seinen Teil zu verantworten. Erwiesen ist ihre Liebe zu dem jungen Lyriker Heinz Strelow und dass sie mit ihm gemeinsam Flugblätter schrieb. Ob sie Kenntnis von den Funkkontakten der Roten Kapelle nach Moskau hatte, ist mehr als zweifelhaft. Sicher ist, dass sie in einem Gespräch zu besorgten Verwandten sagte: „Ihr redet nur und tut nichts. Wenn ihr Alten nichts tut, dann müssen eben wir Jungen handeln.“

Sie ist einundzwanzig, als sie mit ihrem Vater Jan Bontjes van Beek in der gemeinsamen Charlottenburger Wohnung verhaftet wird. Es ist ein Sonntagmorgen im September 1942. Ihren Geburtstag im November verbringt sie im Polizeigefängnis am Alexanderplatz. Ende Dezember wird der Vater aus der Haft entlassen. lm Januar wird Cato zum Tode verurteilt.

Sie ist zweiundzwanzig, als sie am 5. August 1943 in Plötzensee hingerichtet wird. Sie hieß Cato – mit Betonung auf der letzten Silbe. Noch die allerletzten Fotos für die Verbrecherkartei der Gestapo zeigen sie lachend, mit offenem Blick. Mietje, die Schwester, breitet die Arme aus: So ist Cato auf alle zugegangen, schon als Kind!

Kindheit in Fischerhude bei Bremen. wo die Familie heute noch lebt. Gleich hinter dem Haus beginnt die Heide, die Catos Mutter in vielen Farben gemalt hat. Olga Bontjes van Beek ist heute einundneunzig. Beim Spaziergang zur einstigen Badestelle der Kinder an der Wümme zeigt sie mit lebhafter Geste auf ein Gelb, das sie demnächst malen will. Catos Großvater Heinrich Breling war der erste Maler in Fischerhude. Hier lebten die Modersohns, hier verkehrten Rilke, Hoetger, Fritz Mühsam. Hier saß Gieseking am Klavier, der Olga auf ihren frühen Tanztourneen begleitet hatte.

In diesem Garten nahm Theodor Lessing Abschied von Deutschland, an dieser Tür drehte sich Heinrich Vogeler noch einmal um und sagte: „Kinder, wollt ihr nicht alle mitkommen nach Russland? Hier werdet ihr schrecklichen Zeiten entgegengehen.“

Jan Bonties van Beek, der gebürtige Holländer, war auf Vogelers Barkenhof gewesen, ehe er 1920 nach Fischerhude heiratete und mit seiner Schwägerin Amelie Breling eine Keramikwerkstatt aufbaute. Der Vater ist viel unterwegs, aber auch, als er nach der Scheidung 1933 in Berlin lebt und wieder heiratet, bleibt der Kontakt freundschaftlich. Die Seele des Hauses sind die arbeitenden Frauen. Ihr Haus ist offen für Freunde und politische Debatten, hier wurzelt Catos Urvertrauen in die menschliche Gemeinschaft.

Cato besuchte bis 1935 die Fischerhuder Volksschule. Die meisten Mitschüler sind längst in der HJ oder im EdM und haben samstags schulfrei. Der Lehrer kommt dennoch nicht auf seine Kosten, eine Handvoll Außenseiter musste er trotzdem unterrichten.

Mietje erinnert sich an seinen Satz, man könne nicht gegen den Strom schwimmen, und an Catos selbstbewussten Widerspruch: „Doch wir können!“ Das ist gefährlich, ein Dorf erfährt alles. Die Regeln der Nachbarschaft und die Spielfreundschaften der Kinder aber haben ihr eigenes Maß, Cato ist beliebt, sie kann Chaplin so nachmachen, dass alle lachen müssen. Sie kann auch Hitler so nachmachen, „doch das durfte niemand wissen“, sagt ihre Mutter, die die Szene noch verblüffend imitieren kann.

Cato liest und liest und liest, Dostojewski, Gorki, die großen Franzosen und immer wieder Laotse. 1937, als sie für acht Monate als Haustochter in England lebt, führt sie in einem Taschenkalender Tagebuch und notiert täglich: „Gelesen und geschrieben“. England ist für sie amerikanisches Kino und Shakespeare-Theater, erste Liebe und der Traum vom Fliegen. Schon in Fischerhude hatten die Mädchen sich in ein Pilotendasein geträumt und schickten sich fiktive Briefe aus Odessa.

1938/39 in Fischerhude – das ist die Ruhe vor dem Sturm. Catos Briefe und Aufzeichnungen zeugen von einer mit Spannung geladenen Aktivität. Intensiv befasst sie sich mit „Russischer Nationalliteratur“, mit Buddhismus und dem „Wesen der Religion“, macht Übersetzungen und eigene literarische Versuche, korrespondiert mit dem englischen Freund John und mit den Berliner Segelfliegermädchen, denen sie pausenlos Literaturtips gibt. In Streitgesprächen mit dem Cousin Ulrich verteidigt sie ihr Menschheitsideal gegen die Übermacht einer nationalen Verblendung. Früher als er ahnt sie die dramatischen Konsequenzen seines geistigen Irrtums und sieht sich in einer Kassandra-Situation: „Mir träumte, ich sei zum Tode verurteilt. Zusammen mit noch anderen ...“

Im März 39 erlebt die Achtzehnjährige im Traum ihre eigene Hinrichtung. 1943 werden die Namen von Ulrich und Cato im Totenbuch von Fischerhude stehen. Man wird einen Pfarrer verhaften, weil er die Totenglocken nicht nur fur die Gefallenen läutete, sondern auch für das hingerichtete Mädchen. Im Frühsommer 39 hofft Cato noch auf eine Rückkehr nach England, im August ist sie fassungslos über den Hitler-Stalin-Pakt. Im Oktober schreibt sie an ihre Tante Louise Modersohn: „Seit Wochen wütet jetzt schon der Krieg. Nie wollten die Menschen sich wieder bekämpfen, so schwor man 1918. Alle Feinde lagen sich in den Armen, und unter Tränen gelobten sie es sich. 1933 wusste man, dass ein neuer Krieg kommen würde. Er ist nun da. Wie lange er dauern wird, weiß niemand. Alle guten Kräfte und Instinkte werden wieder verlorengehen, alle bösen Kräfte und Instinkte werden wieder aufkommen. Da redet man noch von der großen Zivilisation und der hochstehenden Kultur der weißen Rasse. Eine Handvoll erbärmlicher Menschen jagte Völker in den Krieg. Wir selbst aber müssen immer und immer an unserem Ideal festhalten. Ich glaube, Du kennst meine Weltanschauung ... “

In ihrer Weltanschauung existieren verschiedene Hoffnungen nebeneinander: Christentum und Kommunismus, Tao-te-king und Anthroposophie. Auf Steiners Lehre stößt sie durch einen Töpfergesellen in der Berliner Werkstatt. Die Ereignisse überstürzen sich. 1940 kommt die Einberufung zum Arbeitsdienst nach Ostpreußen. In dem militärisch organisierten Lager gewinnt Cato mit ihrem Humor, ihrer Fröhlichkeit, ihrem resoluten Rechtsbewusstsein rasch die Sympathien der Mädchen. Das ist zwar ein Trost, aber das Heimweh nach der geistigen und politischen Heimat, nach ungefilterter Information, wird immer stärker. Der Irrsinn des Krieges kann wegen der Postkontrolle kaum benannt werden. Doch es gibt Briefe von den Soldaten, von Ulrich, von dem Jugendfreund Helmut Schmidt. Aber schon lange keine Nachricht mehr von John aus England. Doch mit den polnischen und französischen Hilfsarbeitern beim deutschen Bauern nebenan kann sie ein paar Worte wechseln. "Weißt Du Mama, ich kann mich gar nicht mehr richtig freuen. Früher konnte ich mich so freuen, dass ich das Gefühl hatte, irgend etwas platzt in der Brust, aber das scheint schon so lange zurückzuliegen. Gewiss, ich freue mich nach außen hin, aber inwendig ...“

Nach außen bleibt Cato immer ein Mutmacher. Das hilft auch innerlich. „Berlin ist schon 1940 ein Hexenkessel“, berichtet Mietje, die damals ihr Studium beginnt und mit Cato in der Familie des Vaters lebt. In seiner Keramikwerkstatt finden jüdische Freunde Asyl. Nebenan, auf dem Fabrikgelände von Schering, sieht Cato das Elend der russischen Zwangsarbeiterinnen. Im Charlottenburger Treppenhaus stehen die Schwestern eines Morgens vor der versiegelten Wohnungstür jüdischer Nachbarn, ohnmächtig vor Entsetzen. Das muss 1941/42 gewesen sein. „Da war Cato schon im Widerstand“, sagt Mietje und meint die Zeit der Flugblattaktionen.

Dieser beiläufige Satz könnte Deutschland so passen. Als ließe sich Widerstand von seinem lebensgefährlichen Ende her definieren, vom äußersten Wagemut, den niemand verlangen kann und der den Zufall einer Gelegenheit braucht, wie sie sich für Cato aus der Bekanntschaft des Vaters mit dem Ehepaar Schulze-Boysen ergab. Cato hatte die Gelegenheit gesucht, als sie mit ihrer Schwester Mietje in das verbotene letzte S-Bahn-Abteil gesprungen war, zu den französischen Kriegsgefangenen.

„Das war einfach unser Leben“, sagt Mietie, Catos jüngere Schwester, während sie mit Tim den Küchentisch deckt. „Cato hat mit ihren Liedern sogar noch im Gefängnis Lebensmut verbreitet, selbst bei den Wärterinnen ist sie beliebt gewesen.“ Der Staatsanwalt, der in diesem Prozess sieben Todesurteile beantragte, vertrat noch in den fünfziger Jahren die Auffassung, es habe sich um Landesverräter gehandelt.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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07:00 09.11.1990

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