Die Leinwand wird zum Bildschirm

Video killed the radio star Aber wen verdrängt die Digitalisierung im Filmgeschäft aus der traditionellen Reihenfolge der Auswertung?

Die Digitalisierung der Kinolandschaft kommt voran - wenn auch im Schneckentempo. Gab es 1999 erst zwei digitale Leinwände weltweit, so belief sich deren Zahl im Herbst 2002 bereits auf 94, davon zwei in der Bundesrepublik. Mittlerweile sollen alleine in den USA rund 120 Säle mit digitaler Technik arbeiten - dem wirtschaftlichen Abschwung zum Trotz ein Wachstum von über sechzig Prozent in den vergangenen zwölf Monaten. In Deutschland jedoch stagniert die Zahl der Säle weiterhin; die vor rund einem Jahr von Analysten der Investmentbank Credit Suisse First Boston von 2004 auf 2006 verschobene Erreichung einer Marktdurchdringung von fünf Prozent ist mit solchen Wachstumsraten nicht zu schaffen.

Andererseits funktioniert auf Produktionsebene ohne digitale Technik heutzutage kaum noch etwas - wenn nicht beim Dreh selbst, so spätestens beider Bearbeitung. Der anschließende Transport der Filme in die Kinos kostet mit allem Drumherum in den USA jährlich etwa 1,5 Mrd. Dollar - da eine Digitalisierung bis zu 90 Prozent dieser Summe einsparen könnte, ist eine langfristige Durchsetzung kaum in Frage zu ziehen. Die wichtige Einigung über technische Standards wird noch im Laufe dieses Jahres erwartet.

Nach Angaben von Christiane von Wahlert, Geschäftsführerin bei der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V. (SPIO), sind die Auswirkungen einer Digitalisierung der Produktionskette auf die Filmwirtschaft bislang noch nicht klar absehbar. In den USA seien Tendenzen zu beobachten, die auf eine Verkürzung des zeitlichen Auswertungsfensters für Kinos hinarbeiten. Die Filmbranche hebt sich durch eine zeitlich gestaffelte Abfolge der Verwertung von anderen Kulturzweigen ab, Spielfilme werden nach der Kinovorführung auf Video und DVD vermarktet, es folgt das Bezahlfernsehen und schließlich die übrigen TV-Programme. Nach Angaben Wahlerts dringen in den USA die DVD- und Video-Vertreiber zunehmend auf frühere Starttermine - zu Lasten der Kinos. Die von manchen Stimmen befürchtete Bedrohung für die Filmtheater durch eine digitale Direktauswertung vermag der Branchenverband derzeit nicht zu erkennen, allerdings sei es für konkrete Aussagen noch zu früh. Auf dem DVD-Markt habe sich beispielsweise gezeigt, dass sich Rekordverkäufe nur bei den Filmen einstellen, die zuvor im Kino erfolgreich waren. Ein Indiz dafür, dass die Auswertung von Spielfilmen auch zukünftig die mit dem Kino verbundene kulturelle Sphäre aus Festivals, Stars und Medienberichten benötigt.

Auf eine generelle Bedrohung des Kinos durch eine Veränderung der Auswertungskette angesprochen, verweist auch Dr. Andreas Kramer, Geschäftsführer beim Hauptverband Deutscher Filmtheater e.V. (HDF) in Berlin, auf die Einmaligkeit des Kinobesuchs, die nach seiner Ansicht die Position der Filmtheater absichert. Da ist die Größe der Leinwand, die soziale Komponente und nicht zuletzt der Erlebnischarakter. "Der Zuschauer verlässt das Haus, betrachtet mit anderen zusammen einen aktuellen Film auf einer großen Leinwand - da kann der heimische Fernsehapparat nicht mithalten", so Kramer, und verweist auf die Musikindustrie. Trotz Internet, CD, Radio oder Fernsehen gehen Leute noch immer in Konzerte. Die Digitalisierung biete für modern ausgestattete Kinos auch die Chance, sich neue Einnahmequellen zu erschließen - etwa durch die Übertragung von Sport- oder Show-Events.

Kramer ebenso wie Wahlert sehen als erste und potenziell sehr bedrohliche Auswirkung der Digitalisierung die Problematik der Raubkopie, deren massenhafte Verbreitung sich negativ auswirken könne. Insbesondere der Vertrieb von Spielfilmen auf DVD werde leiden, so eine Vielzahl von Stellungnahmen nicht nur dieser beiden filmwirtschaftlichen Verbände, wenn das Raubkopieren von Filmen ähnliche Ausmaße annehmen werde wie im Musikbereich. Über eine verschlechterte Refinanzierung der Filmproduktion könnten sich solche Tendenzen auf die Filmproduktion und über diesen Umweg dann auch auf die Kinos niederschlagen. Größtes Problem der deutschen Kinobetreiber sei jedoch auch laut HDF die unklare technische Entwicklung. Solange es noch offene Fragen über Standards und die Kompatibilität gebe, mache eine Umrüstung wenig Sinn. Die Rückmeldungen, die der HDF von den letzten Fachmessen erhalten habe, hätten überwiegend abwartenden Charakter gehabt. Deshalb vermag Kramer keine zeitliche Schätzung der auch von ihm für unausweichlich gehaltenen Digitalisierung geben und fordert Planungssicherheit für die Betreiber. Denn auf die kommen hohe Investitionen zu - nachdem in den vergangenen Jahren bereits 2,5 Milliarden Euro in Neubau und Modernisierung deutscher Kinos investiert wurden. Zwischen 80.000 und 130.000 Euro liegen die Kosten pro Kinosaal, die nun nochmals nötig wären. Während bei Kinoketten, die zu großen Konzernen gehören, wohl die Majors die Finanzierung der Umrüstung übernehmen dürften, will eine europäische Initiative Programmkinos eine Alternative bieten.

Wenn schon für große Kinos die Umstellung auf digitale Technik ein finanzieller Kraftakt werden wird, was sollen dann die finanziell in der Regel nur schwach ausgestatteten alternativen und Programmkinos machen? Mehr Dokumentarfilme zeigen ist eine Antwort, die Björn Koll, Geschäftsführer bei der Edition Salzgeber, geben könnte. Koll macht sich derzeit für das europäische Netzwerk Docuzone stark. Ziel ist die Ausstattung alternativer Kinos mit digitaler Infrastruktur - neuen Projektoren, aber auch der zugehörigen IT-Infrastruktur. Das kann bis zum Einbinden der Kassen- und weiterer Warenwirtschaftssysteme gehen und soll den finanzschwachen Kinos "fast umsonst" angeboten werden. Für Deutschland sind 100 Projektoren vorgesehen, womit laut Koll eine flächendeckende Verbreitung erreicht werden kann - wenn auch keine Versorgung aller Alternativkinos. Die Gegenleistung: Die Kinos verpflichten sich auf fünf Jahre hinaus, einen Abend in der Woche Dokumentarfilme zu zeigen. Hinter der Initiative stehen verschiedene Verleihfirmen, so Koll, die Finanzierung erfolge aus derzeit über 30 verschiedenen Quellen, darunter auch "technische Partner". Außerdem soll das Projekt auch die Funktion einer Einkaufsgenossenschaft bekommen - hohe Rabatte erwartet sich Koll durch das große Abnahmevolumen. Als europäische Initiative sei man von Schottland bis Portugal aktiv, der Start sei in circa einem Jahr geplant.

Gäbe es keine Kinos mehr, würde Hollywood wohl auf den Rang eines beliebigen TV-Produktionsorts zurückfallen. Schon allein deshalb bleiben die traditionsreichen Lichtspielpaläste wohl noch eine Weile erhalten. Das vergleichsweise neue Medium DVD sieht seine Zukunft dagegen durch Download- und Pay-per-View-Angebote bedroht. Wenn nicht tatsächlich doch die schwärzesten Visionen der Verbände wahr werden und die Raubkopierer die Finnzierung der gesamten Industrie auf den Kopf stellen. Oder sollte man angesichts der Höhe mancher Stargagen vielleicht eher sagen: Zurück auf die Füße?

00:00 26.09.2003

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