Die Melancholie des Ingenieurs

Hundert Jahre Telefunken Eine Entdeckungsfahrt in den elektrischen Ozean

Am 27. Mai 1903 entstand auf Druck Wilhelm II. die Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H. - eine Gemeinschaftsgründung der erbitterten Konkurrenten AEG und Siemens Halske. Ihr erster technischer Direktor Georg Graf von Arco und Hans Bredow, der spätere Organisator des Rundfunkwesens in der Weimarer Republik, entwickelten diese Firma zum deutschen Hochtechnologiekonzern von Weltgeltung: Telefunken. Jenes Kunstwort ließ sich das Unternehmen mit Anmeldung vom 15.Juli 1903 durch das Kaiserliche Patentamt als Warenzeichen schützen

Entmystifizierung des Äthers

Descartes reduzierte in seiner rationalistischen Nahwirkungstheorie alle Naturvorgänge auf die mechanische Wechselwirkung von Teilchen, die in ihrer Gesamtheit den Äther bilden sollten. Diese Hypothese war in Newtons Mechanik überflüssig, basierte sie doch auf der Fernwirkung toter Massen, deren Wechselwirkung sich mit unendlich großer Geschwindigkeit durch den leeren Raum als Gravitationskraft geltend macht. Setzte Newton in seiner Mechanik auf die Fernwirkungstheorie, so griff er mit seiner Lichttheorie auf das Teilchenbild zurück und drängte Huygens´ Vorstellung vom Licht als Welle für ein Jahrhundert an den Rand naturtheoretischen Denkens zurück.

Maxwell fasste die Optik und Elektrizitätslehre in seinem 1871 veröffentlichten Buch Treatise on Electricity and Magnetism zur Elektrodynamik zusammen - ein revolutionärer Umbruch im Weltbild der Physik, der Newtons Mechanik und Einsteins Relativitätstheorie durchaus ebenbürtig ist. Gleichwohl benötigte Maxwell den Äther, um seine Elektrodynamik mit der klassischen Mechanik zu versöhnen. Auch Helmholtz wollte die Physik auf die Mechanik zurückführen, sie triumphieren lassen, und regte deshalb seinen Assistenten Heinrich Hertz an, sich mit der Maxwellschen Theorie zu beschäftigen. Hertz wies 1888 durch Funkexperimente nach, dass sich elektromagnetische Wellen mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten.

Und der Äther in der Mechanik? Alle Versuche, die Geschwindigkeit eines Bezugssystems, zum Beispiel der Erde gegenüber einem hypothetischen Äther, zu messen, schlugen fehl, wie der Michelson-Versuch gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeigte. 1905 schickte Einstein den Äther mit seiner speziellen Relativitätstheorie ins Exil des Köhlerglaubens.

Gleichwohl hat sich der Äther als Synonym des elektromagnetischen Spektrums in der Umgangssprache erhalten: so trägt der Äther die Wellen des allgegenwärtigen Hörfunks und des Fernsehens von Sendeantennen über drahtlose Funkenstrecken zum Empfänger. In kaum zwei Dezennien entstand seit 1900 in der Erdatmosphäre mit dem unsichtbaren Infrastruktursystem drahtloser Funkstraßen ein sozio-technisches System, dessen Entwurf, Bau und Nutzung nicht nur die Kunst, Wissenschaft und Organisation der technischen Intelligenz auf eine neue Stufe hob, sondern eine Vergesellschaftung des Individuums bewirkte, die ohne Beispiel war.

Drahtlose Kunst wird Wissenschaft

Sieht man von den künstlich erzeugten Funkenschlägen von Hertz und anderen ab, so war der elektrische Ozean Slabys bis 1900 ein stiller Ozean. Das änderte sich, als die imperialistischen Nationen auf den Meeren gegeneinander kreuzten und ihre Kriegsschiffe kommunikativ zu Verbänden vernetzten. So geriet die drahtlose Telegraphie alsbald in den gefährlichen Strudel der Flottenprogramme ehrgeiziger Admiräle. Schon 1897 notierte Slaby: "Ich bin häufig gefragt worden, in welcher Richtung und Ausdehnung eine Verwendung der Funkentelegraphie möglich sein wird. (...) Ich werde mich hüten, vor Ihnen Zukunftsbilder zu entrollen, doch glaube ich mit Sicherheit behaupten zu können, dass die neue Telegraphie für gewisse Verwendungszwecke heute schon reif und beachtenswert ist. Die wichtigsten scheinen auf militärischem Gebiet zu liegen."

Im selben Jahr wohnte Slaby auf Geheiß Wilhelm II. Marconis Funkversuchen in England bei, wo dieser erstmals den Sender von Hertz, bestehend aus einem Funkeninduktor, die Empfangsröhre von Branly mit Empfangsapparat und die vertikale Sende- und Empfangsantenne von Popow zu einem funktionierenden drahtlosen Kommunikationssystem integrierte. Damit ist auch das bekannteste deutsche Warenzeichen Telefunken physikalisch gedeutet, wird doch das Präfix Tele mit Fern übersetzt.

Schon bald wurde der Wettlauf in der empirischen Erforschung der drahtlosen Telegraphie zum Wettlauf der Systeme: das System Slaby-Arco (AEG) gegen das System Braun (Siemens Halske) und - nach deren Integration - das System Telefunken gegen das von Marconi: Telefunken gegen Marconi hieß Deutschland gegen England. Beide Systeme sollten sich in wenigen Jahren den Weltmarkt auf dem Gebiet der drahtlosen Telegraphie zu Land, Wasser und selbst in der Luft kolonialistisch teilen. 1912 entfielen von den weltweit ca. 3.000 Funkstationen 45 Prozent auf Telefunken, den Rest teilten sich etwa zehn andere Firmen.

Voraussetzung der Verwissenschaftlichung von Sendersystemen zu einer weltumspannenden Infrastruktur von drahtlosen Funkstraßen war die Technisierung der Elektrophysik. Die Entwicklung der Hochvakuumröhre bei Telefunken für Sender, die Entdeckung der später vom Kurzwellenfunk zum Spiegel funktionalisierten Ionosphäre durch Heaviside und schließlich die Entdeckung der Kurzwelle für das Fernfunken durch nordamerikanische Radioamateure leiteten in den zwanziger Jahren eine Ära ein, von der Hörfunk und Fernsehen lange zehren sollten.

Die Kathedrale der Hochfrequenztechnik

1906 ließ Telefunken die noch heute existierende Großfunkstation 50 Kilometer westlich von Berlin bei Nauen errichten. Hans Bräkerbohm von der Stahlbaufirma Hein, Lehmann Co. erfand hierfür den auf einem Marmorblock als Isolator gelenkig gelagerten, abgespannten Fachwerkmast dreieckigen Querschnitts. Die drei Fachwerkebenen waren auf der gesamten Masthöhe von Vertikaldrähten in engem Abstand durchzogen. Der mit Drähten geschirmte Mast bildete so eine selbststrahlende Vertikalantenne mit großer Dachkapazität für Langwellen. Das war neu. Denn die in der Heldenzeit der drahtlosen Kunst gebauten Antennen auf Schiffen, Landstationen und Zeppelinen arbeiteten im Bereich kurzer Wellen mit starker Dämpfung. Dies hinderte vorerst den Wettkampf Marconis und Telefunkens um immer größere Reichweiten.

So hob das Zeitalter der Lang- und Längstwellen an, dessen Herz man der ehrfürchtigen Welt in Form gewaltiger Hochfrequenzmaschinen in Kathedralen der drahtlosen Telegraphie präsentierte. Der größte Sakralbau der Hochfrequenztechnik konnte 1920 bei Nauen von Hindenburg und seinem Gefolge eingeweiht werden. Dem Grundriss des Sendehauses gab der Werkbundarchitekt Hermann Muthesius eine kreuzförmige Gestalt. Über der Vierung, wo sich bei Kathedralen die Kuppel spannt, stiegen hier aus einem niedrigen Turmaufsatz die Antennendrähte bis 250 Meter in den Himmel. Getragen wurde die 2.500 Meter lange A-Antenne zur Versorgung von Gegenstationen in der Neuen Welt von drei- bis vierfach abgespannten Masten mit bis zu 260 Metern Höhe. Senkrecht hierzu entwickelte sich die B-Antenne in Ost-West-Richtung für die drahtlose Kommunikation mit dem alten Europa.

In den frühen zwanziger Jahren ließen es sich führende Politiker der Weimarer Republik nicht nehmen, den Genius loci dieser gewaltigen Anlage als Segen auf die zeitgenössische Hochtechnologie in Deutschland protokollarisch zu zelebrieren. So avancierte die Großfunkstelle Nauen nach dem Vertrag von Versailles zum politischen Aushängeschild der nach Gleichberechtigung strebenden jungen Republik.

Funkingenieure im Zwiespalt

Wurde die Stille des elektrischen Ozeans schon während des Ersten Weltkrieges durch Funkaktivitäten militärischer Verbände gestört, so geriet er bald zum Medium eines totalen Kommunikationsmittels, zunächst des Hörfunks und später des Fernsehens, welches einen tiefen Einschnitt in die Vergesellschaftung des Individuums nach sich zog. Doch zu welchem Zweck die Funkerei? Zur Verständigung?

Graf Arco kämpfte zeitlebens für Verständigung, technisch-wissenschaftlich und weltanschaulich-politisch. Schließlich war er 1905 Berliner Vorsitzender des von Wilhelm Ostwald und Ernst Haeckel geführten und darwinistisch orientierten Monistenbundes, dem Kern der deutschen Freidenkerbewegung, die eine Brücke vom liberalen Bildungsbürgertum zur Arbeiterbewegung schlug. Während die Fettcreme des deutschen Bildungsbürgertums - Ostwald und Haeckel eingeschlossen - den Griff Deutschlands nach der Weltmacht zur kulturellen Sendung dieses Sonderlings unter den imperialistischen Nationen umdeuteten, wahrten wenige deutsche Intellektuelle im "Krieg der Illusionen" (Fritz Fischer) ihre Würde.

Zu ihnen gehörten Einstein und sein Pendant in der Technik, Graf Arco. Beide wurden zu Kriegsgegnern und kämpften im Bund neues Vaterland (aus dem später die Liga für Menschenrechte hervorgehen sollte) gegen die von den Produktivkräften in ihrer damaligen Entwicklungsform entfesselten Destruktivkräfte, deren Zeughaus von Konzernen wie Telefunken und Marconi immer wieder mit neuen Kriegsmitteln ausgestattet wurde.

Diesen Zweck bekämpfte der Direktor von Telefunken, Graf Arco, indem er die ihm verbliebene Kraft in die Waagschale der Organisationen der Verständigung warf. So arbeitete er für die Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland, die behördlicherseits bespitzelt wurde. Wurde Einstein von der von ihm so genannten Anti-Relativitätstheorie GmbH und Co. malträtiert, avancierte auch Arco zum Angriffsobjekt heruntergekommener, würdeloser Subjekte der völkischen Presse.

In Einstein und Arco fokussierte sich der Zwiespalt des Naturwissenschaftlers und Ingenieurs: Der gesellschaftliche Zweck löst sich vom technischen Mittel, durch das er sich immer verwirklichen muss. Heute scheint sich die allem Technischen zugrunde liegende Umkehrung der Zweck-Mittel-Beziehung im Prokrustesbett des Mittels, dessen herrschender Zweck Mehrwert heckender Wert (Marx) ist, totzulaufen. Sollte die mit dem Australanthropus vor weit über 500.000 Jahren einsetzende Evolution der Technik doch noch an der Antiquiertheit des Menschen (Anders) scheitern?

00:00 11.07.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare