Die Mitte Europas ist das Ende der Welt

Ostwind Kolumne

Nachdem es Martin Leidenfrost bei seiner Tour durch Osteuropa zuletzt in die Gemeinde Hlboké nad Váhom und damit in eine Art slowakisches Nationalreservat mit einer großen Anhängerschaft der extrem nationalistischen Partei SNS verschlagen hatte (Freitag 43/06), ist diesmal Transkarpatien sein Ziel. Der Region fehlt es kaum an abwechslungsreicher Nachbarschaft. Auch kann sie für sich in Anspruch nehmen, im Herzen Europas zu liegen. Was nichts daran ändert, dass hier eine vergessene Gegend verloren vor sich hindämmert.

"Constant, precise, eternal place", verspricht die Tafel an der Straße nach Rachiv. Im Hintergrund rauscht munter die Theiß, untermalt vom dunklen Gestöhn durchfahrender Sowjet-Laster und dem hellen Gekicher knipsender Schülerinnen. In englischer, ukrainischer und lateinischer Sprache steht geschrieben: "Das Zentrum Europas, sehr präzise ermittelt mit Hilfe eines speziellen Apparats, 1887 hergestellt in Österreich-Ungarn."

Europa hat Dutzende gemessener, gefühlter, behaupteter Mitten, aber keine Mitte fühlt sich so randständig an wie die in Transkarpatien. Für den Autofahrer hat diese Gegend eine sedierende Wirkung: Konzentriert auf Schlaglöcher, dösende Köter, volltrunkene Radfahrer und träge Hühner, entschleunigt sich sein ganzer Kreislauf. Die Dörfler der Waldkarpaten sind still und furchtlos. Niemand weicht dem Wagen aus. Nicht die Kinder, die auf klapprigen Erwachsenenrädern herumkurven, nicht die Fußgänger, die ungerührt auf der Fahrbahn gehen, nicht die wandernden Kühe, die mich gleichmütig eingemeinden. Die Alten sitzen vor den bunt gestrichenen Zäunen ihrer Holzhäuser. Sie sehen her, sie bleiben ungerührt, sie drehen nicht den Kopf nach mir.

Es ist vielleicht der ärmste und rückständigste, jedenfalls einer der multinationalsten Winkel Europas. Transkarpatien ist im Norden durch Polen, im Westen durch die Slowakei und Ungarn, im Süden von Rumänien begrenzt. Der Rest der Ukraine ist ausschließlich über Gebirgspässe zu erreichen.

Transkarpatien hat im 20. Jahrhundert sechs Mal die Staatszugehörigkeit gewechselt. Mehrheitlich von der ostslawischen Ethnie der Rusinen besiedelt, war der Landstrich fast ein Jahrtausend Bestandteil Ungarns und der ungarischen Hälfte der Habsburger Monarchie. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebiet der Tschechoslowakei zugeschlagen. Es folgte ein kurzer Winter der Unabhängigkeit, ehe Transkarpatien 1939 an das faschistische Ungarn fiel, 1944 an die Wehrmacht, danach an die Sowjetunion, und seit 1991 gehört es zur Ukraine und ist deren westlichste Region.

Dass sie vor über 60 Jahren der osteuropäischen Zeitzone zugeschlagen wurden, haben die Bewohner dieser Region bis heute nicht akzeptiert, genauso wenig wie die Einführung der Sommerzeit. Als handelte es sich um eine vorübergehende Erscheinung der Mode, sprechen sie abschätzig von der "Kiewer Zeit". Im Winter sind sie eine Stunde, im Sommer zwei Stunden hinten nach.

Sooft ich durch Transkarpatien ziehe, sammle ich Völker. Auf dem Gebirgspass Jabluniza - dort, wo Transkarpatien an die wahre Ukraine grenzt - sehe ich Huzulen. Man hat ihnen gewisse Bräuche nachgesagt - außer seinem Pferd sei der Huzule niemandem treu. Die Huzulen, die ich sehe, stehen in Trachten vor ihren Ethno-Shops und bieten Ethno-Ware an. Die kunstvoll geschmiedeten Huzulen-Schwerter sind Made in China.

Leicht sind die Ungarn auszumachen. Sie siedeln kompakt im pannonischen Flachland, und es gibt ihrer 160.000, gespalten in Calvinisten und Katholiken, wie auch die Slawen gespalten sind in Orthodoxe, Griechisch-Katholische und Konfuse.

Überall dort, wo Rumänen leben, wachsen in rauer Zahl Palast-Rohbauten an der Fernstraße hoch: mehrstöckige Disney-Schlösschen mit verdrechseltem Schmiedewerk, Türmchen, Säulen und massiven Rundbogen-Fenstern. Kaum einer der Paläste ist fertig, durch die meisten fegt seit Jahren der Wind. Dann sagt mir einer, dass diese pompösen Gerippe im Volksmund "Zigeuner-Paläste" heißen. Wie das? Meine ethnische Verwirrung steigt.

Im Bergland sehe ich zwei Dörfler, die auf einer Wiese lungern, die weit ins breit und sanft mäandernde Tal fällt, zum nächsten Weiler hin, der von der Anhöhe oben nicht auszumachen ist. Der eine kommt aus dem Lada, dessen Türen offen stehen, nicht heraus. Schweigend raucht er filterlose Zigaretten auf dem Beifahrersitz. Der andere will mich kennen lernen.

Der Mann mag 50 sein, seine Haut ist ledern braun, und seine rudernde Ekstase lässt darauf schließen, dass er sich an diesem Nachmittag einen Rausch erarbeitet hat. Er stammt aus dem nächsten Dorf und trägt Retro: Turnschuhe, Anzughose, Siebziger-Sakko, darunter ein ebenfalls im Stil der Siebziger gestreifter Strickpullover. Da seine Sprache weder russisch noch ukrainisch klingt, frage ich ihn, ob er vielleicht ein Rusine sei. Der Mann runzelt die Stirn, schnappt nach einer Antwort, in seinem Mund blitzen die unsystematisch gesetzten Goldzähne auf. Er fixiert mich mit großem Ernst: "Ich bin ein Ukrainer."

Ich begreife, er hält das Thema für abgehakt. Es hat keinen Zweck, ihn zu fragen, ob er die Rusinen für eine eigenständige Nation hält. Ob es ihn stört, dass der ukrainische im Gegensatz zum slowakischen Staat von dieser Volksgruppe nichts wissen will. Ob er denn überhaupt vernünftig Ukrainisch kann.

Der Ukrainer, der kein Rusine ist, sieht die Enttäuschung in meinem Gesicht und sucht mich aufzumuntern, indem er mir von einem Schulfreund erzählt: "Ich habe einen Genossen, mit dem bin ich zur Schule gegangen, mit dem war ich in der Kolchose, mit dem habe ich mich 30 Jahre lang vollkommen normal unterhalten. Nach der Unabhängigkeit sagt er mir plötzlich, dass er ein Pole ist."

Der Mann lächelt spöttisch. "Und", frage ich unzufrieden, "ist er denn kein Pole?" "Ach, was weiß ich!", versetzt der Ukrainer mit einer wegwerfenden Handbewegung, die unseren Diskurs nationaler Identitäten ein für alle mal beendet: "Bitteschön, habe ich gesagt, von mir aus! Soll er ein Pole sein!"


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00:00 10.11.2006

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