Elmar Altvater
06.05.2010 | 10:30 41

Die nächste Welle

Geordnete Insolvenz Griechenland sollte durch geregelte Schuldenstreichung entschuldet werden. Sonst bleibt nur der Teufelskreis, alte mit neuen Schulden zu bezahlen

Seit Ausbruch der globalen Finanz- krise im Herbst 2008 sind mindestens 375 Fonds und Banken, darunter auch „systemrelevante“ wie Lehman Brothers oder Northern Rocks, bankrott gegangen. Damit sich die Pleite einzelner Institute nicht zu einem Kollaps der Finanzmärkte auswächst, haben die Staaten ­inzwischen Billionen-Bürgschaften übernommen, das verspekulierte Eigenkapital von Fast-Pleitebanken ersetzt oder den Austausch „toxischer“ – also wertloser – Wertpapiere gegen gutes Geld der Zentralbanken organisiert.

Im Euro-Raum addiert die Europäische Zentralbank (EZB) die verschiedenen Staatshilfen und gibt ihnen den schönen Namen „implizite Eventualverbindlichkeiten“ und kommt auf einen Betrag von 20,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der EU im Jahr 2009. Die „expliziten Eventualverbindlichkeiten“ – die von den Banken tatsächlich in Anspruch genommenen Garantien – machen gut die Hälfte aus, nämlich 9,4 Prozent des BIP; dreimal mehr für die Banken als das nach Maastricht-Kriterien zulässige Staatsdefizit.

Perverser Kreislauf

Woher kommt das Geld für diese Hilfen? Im Prinzip aus drei Quellen. Erstens, so hofft man, aus künftigem Wachstum. Die Banken finanzieren Investitionen und aus den Überschüssen der wachsenden Wirtschaft werden die Bankkredite durch solvente Schuldner bedient, so dass die Banken die Bürgschaften und sonstigen Hilfen ablösen können. Also nichts da mit einer ökologisch nachhaltigen „De-Growth“-Wirtschaft. Wachstum, besser noch: eine gesetzlich verordnete „Wachstumsbeschleunigung“, wird zur Grundbedingung der Finanzstabilität.

Wenn das Geld nicht aus Überschüssen der wachsenden Wirtschaft stammt, kann es zweitens nur mit Hilfe von Steuern oder Kürzungen bei Staatsausgaben aufgebracht werden. Der griechische Fall ist instruktiv: Um Mittel für den Schuldendienst frei zu bekommen, werden der Massenkonsum beschnitten und öffentliche Ausgaben radikal gekürzt. Die Umverteilung wird in der Krise offen politisiert: der Staat – das Dreigestirn aus Nationalstaat, EU und IWF – verantwortet eine Spar-Politik, die dazu dient, die Leistungen an die Finanzwirtschaft aufrechtzuerhalten.

Das erinnert an die Reparationsverpflichtungen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg. John Maynard Keynes plädierte einst in seinem Artikel The German Transferproblem dafür, die Schulden Deutschlands zu streichen, um die schlimmen Folgen für den Schuldner, aber auch die Gläubigerländer und die Weltökonomie insgesamt abzuwenden. Diesen Text von 1929 sollten alle lesen, die 2010 über Griechenland und die Griechen herfallen.

Zinssätze nahe Null

Die Umverteilung wird drittens dadurch unterstützt, dass die Finanzinstitute sich bei den Zentralbanken zu Zinssätzen nahe null mit Geld voll pumpen. Freilich benötigen sie für das Geschäft des Investment-Banking nicht nur billiges Geld, sondern auch neue Schuldner. Diese Funktion erfüllen die Staaten mit dem Ergebnis, dass von den 16 Ländern der Eurozone heute 13 einem Defizitverfahren wegen Überschuldung unterworfen sind. Die Staaten mussten sich verschulden, um Banken und Fonds aus ihren prekären Engagements herauszuhauen. Zur „Belohnung“ müssen die Staaten den privaten Banken viel höhere Zinsen zahlen als die Banken bei einer öffentlichen Einrichtung, der EZB, für das Geld entrichten, das sie einer anderen öffentlichen Einrichtung, der Regierung, leihen. Das ist zwar pervers, doch die Finanzierung von Staatsausgaben durch Kreditaufnahme nicht bei Geschäftsbanken, sondern der EZB, ist den EU-Staaten untersagt. Es gibt die neoliberale Befürchtung, dass die Regierungen mit EZB-Hilfe die Geldmenge inflationär aufblähen.

So finden die Geschäftsbanken auf einmal ein lukratives Geschäftsfeld. Bei der EZB wird das Geld zu Zinssätzen bei Null geliehen, um mit diesem Geld „arbeiten“ zu können – etwa griechische Staatsanleihen zu kaufen. Die sind zwar mit gewissen Risiken verbunden, dafür aber können die Banken einen Risikoaufschlag auf den Marktzins erheben. Der Kredit wird für Griechenland teurer und für die Banken zum guten Geschäft: hohes Risiko, hohe Zinsen, hohe Bankgewinne. Haben also die Schulden Portugals, Italiens, Griechenlands und Spaniens (PIGS) und die Gewinne der Banken etwas miteinander zu tun? Sie haben. Der Chef der Deutschen Bank verkündet im April 2010 einen Quartalsgewinn von 2,8 Milliarden Euro, das wären auf das Jahr umgerechnet mehr als elf Milliarden. Zugleich werden durch Rating-Agenturen die griechischen Schulden herabgestuft, so dass sich die Zinsbelastung für den dortigen Staat, letztlich also für die Steuern zahlende Bevölkerung stark erhöht.

Seit der Liberalisierung der globalen Finanzmärkte in den siebziger Jahren hat es mehrere Schuldenzyklen gegeben, in denen jeweils die Schuldner ausgetauscht wurden. Letztere waren oft überfordert oder verschwanden nach einem Konkurs sogar vom Markt. Das war schon mit der Schuldenkrise der Dritten Welt in den achtziger Jahren so. Als die ausbrach, waren die Schulden zu 80 Prozent privat – gegen Ende des Jahrzehnts zu fast 100 Prozent staatlich. Der Staat hatte den Schuldendienst übernommen, und der IWF war es, der die Regeln bestimmte, nach denen die Schulden eingetrieben wurden. Damals wurden Maßnahmepakete entwickelt, wie sie heute Griechenland oktroyiert werden.

Finanzrallye der Haie

In den Neunzigern fanden die Geldvermögen neue Schuldner in den Schwellenländern, bis auch die unter dem Druck der Rendite hungrigen Finanzinstitute zusammenbrachen. Das geschah in der Mexiko-Krise 1994/95, in der Asienkrise 1996, der Russland- und Brasilien-Krise zwei Jahre später, besonders spektakulär in der Staatspleite Argentiniens 2001 (s. unten). Zwar machten auch die Finanzinstitute Verluste. Aber sie hatten noch genug Geldvermögen in petto, um den New-Economy-Boom in den USA auszulösen, bis die Internet-Startups zusammenbrachen und nun ihrerseits als Schuldner ausfielen. Wieder mussten neue Schuldner her, sonst konnte das Geld ja nicht „arbeiten“. Die boten sich mit fürsorglicher Hilfe der Bush-Regierung an. Es waren die Häuslebauer, die einen Immobilienboom auslösten, der 2007 zusammenbrach. Die Subprime-Krise war da. Und die ist bis heute nicht überwunden. Geldvermögen müssen abgeschrieben werden. Aber nur als „hair cut“, der nicht weh tut. Also werden wieder neue Schuldner gesucht. Das sind nun die Staaten, die sich in aller Welt verschulden und dabei übernehmen. Die Krise kann so nicht überwunden, nur fortgesetzt werden. Was könnte die nächste Anlagesphäre sein? Die Energiewirtschaft, die Gen- und Biotechnologien, die gemeinhin als „grün“ bezeichnet werden, und deren Finanzierungsbedarf mit mehr als 40 Billionen beziffert wird? Eine Antwort ist schwer möglich.

Doch gibt es eine Möglichkeit, der Sequenz von neuen Schuldnern ein Ende zu setzen. Der – heute würden wir sagen – Reformpolitiker Solon setzte 594 v. Chr. in Athen die „Abschaffung der Schuldknechtschaft“, die „Lastenabschüttelung“ (seisáchtheia) durch. Die Entschuldung der Schuldner und gleichzeitige Reduzierung der Ansprüche der Reichen hielt Aristoteles 200 Jahre nach Solon für wichtiger als die Athener Verfassung: Mit der „Lastenabschüttelung“ wurde Frieden im Gemeinwesen gestiftet. Und das ist die Grundlage für jede Verfassungsordnung. Solons und Keynes Vorstellungen weisen einen höchst aktuellen Ausweg. Insolvente Schuldner werden durch geregelte Schuldenstreichung entschuldet. Die dazu notwendigen Regeln können nicht die Marktakteure setzen, da sie private Partikularinteressen verfolgen. Regeln, die dem Wohl der Allgemeinheit dienen, können nur durch soziale Bewegungen erkämpft und politisch durchgesetzt werden. Attac, übernehmen Sie!

Kommentare (41)

thinktankgirl 06.05.2010 | 14:03

Schöner Artikel. Für jemand Unbedarftes wie mich, waren die Aussagen gut nachvollziehbar.

Die Gewinne der Banken zahlen die Bürger durch höhere Steuerlast, geringere Löhne, Einschnitte ins Soziale Netz, weniger Kaufkraft. So ähnlich hatte ich mir das vorgestellt.

Die Rating-Agenturen setzen die Bonität der Staaten fest, die direkt den Zinssatz für Kredite beeinflußt.
Gestern haben die Ratingagenturen Schrottpapiere mit AAA bewerteten, heute lassen sie Griechenland und morgen Spanien über die Klinge springen.
Honi soit qui mal y pense,

gweberbv 06.05.2010 | 14:38

Mit der Forderung nach einem Schuldenerlaß für Griechenland stößt Altvater ins gleiche Horn wie die letzten aufrechten "Marktradikalen", die ja von der aktuellen Rettungsaktion auch nicht viel halten. Und von einem grundsätzlichen Standpunkt kann man sich da eigentlich nur einreihen, denn es ist kaum vorstellbar, wie die Griechen von ihrem stetig wachsenden Schuldenberg jemals wieder herunterkommen sollen. In den nächsten Jahren wird es da auf jedenfall einen teilweisen Verzicht der Gläubiger geben müssen. Mit dem aktuellen Hilfspaket werden ja erstmal nur Altschulden von privaten Gläubigern in Neuschulden von staatlicher Seite getauscht.

Entfernt man sich aber vom Grundsätzlichen und nähert sich der komplizierten, widersprüchlichen Realität, dann gilt es festzuhalten, dass es auf der ganzen Welt kaum einen Staat gibt, der der auf die ständige Neuaufnahme von Krediten verzichten kann. Fänden sich keine Kreditgeber mehr, wären sie alle zahlungsunfähig (bzw. müssten sich ihr Geld selbst drucken). Zwischen der Normalität der letzten Jahrzehnte und "dem Ende der Welt" steht also nur das Vertrauen und die Fähigkeit der Kreditgeber, den stetigen Strom neuer Staatsanleihen aufzunehmen und so die finanzielle Handlungsfähigkeit der Regierungen aufrechtzuerhalten.

Würde Griechenland unkontrolliert in den Bankrott gehen, kämen hohe Abschreibungen auf die Gläbuiger zu. Und fast noch schlimmer: Eine längere Phase der Unsicherheit, wie groß die Verluste nun wirklich sein werden. Argentinien beispielsweise streitet heute noch, also fast 10 Jahre nach dem Bankrott, mit den privaten Gläubigern darüber, wie hoch deren Forderungsverzicht ausfallen wird.

In einem stabilen Gesamtumfeld könnten die meisten Gläubiger die Verluste aber sicher wegstecken und Griechenland wäre ein bedauerlicher Einzelfall. Momentan haben viele Banken und Versicherungen aber ohnehin Zahlungsausfälle von Schuldnern sowie Kursverluste von Anlagen zu verkraften, deren finanzielle Lage ist also zum Teil sehr angespannt. Und dazu kommt, dass Griechenland eben kein Einzelfall ist, sondern nur das schwächste Glied in einer Reihe von Staaten, die das Vertrauen der potentiellen Gläubiger verlieren könnten.

Und falls große Staaten wie Spanien oder Italien sich nicht mehr finanzieren könnten, droht das ganze Finanzsystem umzukippen. Einerseits weil große Verluste anfallen, andererseits weil niemand, der Geld hat, mehr bereit ist, es denen zu leihen, die es bräuchten. Auf diesen stetigen Fluß von Liquidität ist das Finanzsystem aber angewiesen. Wenn da alle erstmals ihre Geldbörse zuhalten und ein paar Wochen warten wollen, bis sich der Nebel gelegt hat, ist schon nach zwei, drei Tagen nichts mehr übrig.

So, und genau deswegen sind die EU-Staaten bereit, Griechenland in Windeseile viele Mrd zukommen zu lassen (bzw. durch Bürgschaften) abzusichern, owbwohl es sehr, sehr wahrscheinlich ist, dass ein bedeutender Teil davon letztlich verloren sein wird.

Wollen wir hoffen, dass es funktioniert.

gweberbv 06.05.2010 | 14:53

Noch zwei Anmerkungen:

a) Wenn Regierungen zur Finanzierung ihrer Ausgaben auf die Notenpresse zurückgreifen (also z. B. ihre Notenbanken die Anleihen aufkaufen lassen), ist die Geldwertstabilität definitiv gefährdet. Da braucht man nicht das Emblem "neoliberal" draufkleben. Die Knappheit von Geld ist schlichtweg eine der Voraussetzungen für dauerhafte dessen Werthaltigkeit.

b) Dass Banken sich bei den Notenbanken günstig refinanzieren können, um damit dann höher verzinste Staatanleihen zu kaufen, halte ich für zu einfach dargestellt. Es kommt für den Leser rüber, wie eine Lizenz zum risikolosen Gelddrucken. Zu bedenken ist jedoch, dass mit steigenden Zinsen die alle früher zu niedrigeren Zinsen ausgegebenen Anleihen an Wert verlieren. Gleichzeitig bekommt man bei den sichersten Schuldnern immer weniger Zinsen, da dort immer mehr potentielle Kreditgeber um ein begrenztes Anleihevolumen konkurrieren.

Giuseppe Navetta 06.05.2010 | 20:13

Vielen Dank für den Artikel!

Was die Welt nicht braucht: Private Rating-Unternehmen, die kurzerhand zusammen mit der Journaille und wie schon seit Jahrzehnten üblich, nicht nur Entwicklungs- und Schwellenländer sondern inzwischen auch Industriestaaten für "pleite" erklären und auf unverantwortliche Weise unter Druck setzen. Solcherlei Erklärungen sind in höchstem Maße interessengesteuert, was selbst für einen Laien relativ leicht zu erkennen ist, und marxistischer Systemkritiker muß man dafür erst recht nicht sein. Und ganz abgesehen davon, das Staaten nicht im einem betriebswirtschaftlichen Sinne insolvent werden, auch unter der Berücksichtigung der fehlenden Liquidität nicht. Setzt man aber das Etikett an, so stellt sich durchaus die Frage, warum nicht einige andere Staaten ähnlich etikettiert bzw. bewertet werden: In Japan entspricht die Gesamtverschuldung fast dem doppelten Bruttoinlandsprodukt und in Italien liegt sie seit Jahrzehnten anhaltend, wenn ich mich recht erinnere, etwas höher als in Griechenland bei ca.120 %.

Die Welt benötigt auch keine Institutionen wie den IWF, der vordergründig der allgemeinen Wohlfahrt dienend, immer wieder unter denselben angebotstheoretischen, monetaristischen Prämissen und zum Teil ganz wissentlich mit falschen Zahlen operierenden bzw. betrügend, die nationalstaatliche Souveränität der jeweiligen Länder klauend die immer wieder ähnlichen unnützen wie schädlichen neoliberalen wirtschaftspolitischen Direktiven vorgibt. Eines der ersten Länder, welches dieser überflüssigen Organisation trotzte, war das kleine Trinidad Tobago in den Achtzigern: Aufgrund eines Kündigungsschreibens eines Mitarbeiters des IWF tauchten die manipulierten Statistiken in der Öffentlichkeit auf. Für diese Erkenntnis benötigt man im übrigen inzwischen auch keine Verschwörungstheorien mehr, da sie nicht nur in diesm Fall hinreichend belegt sind ( Hier ein Auszug des Schreibens: www.naomiklein.org/files/resources/pdfs/budhoo.pdf ).

gweberbv 06.05.2010 | 20:40

@Navetta

Japan mit Griechenland zu vergleichen, ist schon recht mutig. Japan verfügt a) die Souveränitat über seine Währung (die Regierung kann also zur Not ihr Geld selbst drucken) und b) kontrolliert mit den staatlichen Banken de facto einen großen Teil der Ersparnisse seiner Bürger, die - wen wunderts - vornehmlich in minimal verzinste, japanische Staatsanleihen investiert werden.

Die griechische Regierung muss sich dagegen die benötigten Mittel hauptsächlich im Ausland besorgen, in einer Währung, die es nicht kontrolliert. Und ja, Italien (oder Belgien) ist womöglich auch bald fällig - allerdings würde man in dem Fall vermutlich auf die Stabilität des Euro pfeifen und die Staatsanleihen von der EZB aufkaufen lassen.

Grundsätzlich ist nicht einzusehen, warum die Staatsverschuldung abgehoben von Wirtschaftskraft und Steuereinnahmen eines Landes über alle Grenzen wachsen können sollte. Irgendwann entstehen zwangsläufig Zweifel daran, dass sich in diesem Schneeballsystem immer neue Kreditgeber finden lassen (Ausnahme: staatliche Organe übernehmen das), um die Zinszahlungen und Tilgung der Altschulden finanzieren.

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Ehemaliger Nutzer 06.05.2010 | 22:29

@thinktankgirl

lies doch den von mir gelinkten Beitrag.
Habe aktuell keine Zeit persönlich auf die gröbsten Fehler einzugehen.
In den Artikeln von Lutz Herden und einigen Kommentaren dazu ist doch schon wesentliches gesagt worden. Man kann doch nicht immer wieder auf denselben Murks eingehen.
Und wer sich den herrschenden und mörderischen "Standpunkten" (Zwecken) von Geschäft und Gewalt zu seinen eigenen macht, hat halt auch mit deren Opfern kein Problem und scheint selbst einige nun verlustig gehende Euro auf der
Naht zu haben (wahrscheinlich leider irgendwo "festgezurrt"), die auf Kosten und mit der Verelendung ganzer Völkerschaften zumindest vorläufig "gerettet" werden sollen, indem die fast 10 Billionen Euro Schulden der Finanzwirtschaft verstaatlicht wurden und nun "vergesellschaftet" werden sollen.
Warum sollen "die Griechen" ihre Verelendung zur nützlichen
Grundlage der Gelbesitzer machen, der sie ihre Verelendung zu verdanken haben. Innerhalb aller Szenarien die die marktwirtschaftliche Agenda einer Volkswirtschaft offeriert ist ihnen die Herabstufung auf Dritte-Welt Niveau gewiss.

Und Kurzfristig geht es in Sachen öffentliche Propaganda tatsächlich und in erster Linie darum, Panik und "Euroflucht" der Anleger (gerade auch der Nichtinstitutionellen) zu verhindern. In Brüssel, Paris und Berlin liegen tatsächlich die Nerven blank.

@gweberbv
...das mit dem Obst einkochen ist als Tipp doch mal ein vernünftiger und angemessener Beitrag zum Thema.

thinktankgirl 06.05.2010 | 23:19

@phineas

Habe ihn gelesen, auch dass die Opfer eigentlich streiken wollten....

Mir ist klar, was da abgeht, und mir wirds kalt ums Herz, wenn ich dran denke, wieviel Opfer der Widerstand kosten wird, denn die griechische Bevölkerung wird nicht nachgeben.
Wenn der Bürgerkrieg in GR aufflammt und die griechische Regierung keinen Ausweg mehr sieht, können innereuropäische Truppen zur "Befriedung" eingreifen, während die größenwahnsinningen Investoren weitermachen, da sie sich für allmächtig halten, um das nächste Land schlucken.
Und war da nicht was im Lisabon-Vertrag mit erlaubten Tötungen bei Aufständen? Oder war das nur eine urban legend im Internet?

mh 07.05.2010 | 14:52

der ansatz der betrachtung ist ein anderer. ich beurteile solche situationen generell aus dem berstehenden system heraus, da es keinerlei anhaltspunkte gibt, dass sich dieses system demnächst verändern wird.

altvater will im endeffekt einen wechsel des jetzigen und nachdem könnte es dann auch sinn machen. ich fürchte nur er unterschätzt etwas den paradigmenwechsel, den er da fordert ... z.b. würde man in dieser rein entlastungsfixierten darstellung schnell die bonität aller wackelkandidaten runterprügeln, da eine staatspleite als möglichkeit manifestiert würde. zugleich steigert man die möglichen renditen für den fall einer staatspleite .. d.h. der ganze prozess, vom problem zur pleite, würde sich erheblich beschleunigen und nicht mehr tröpfchenweise über 6 monate hinweg erfolgen.

mfg
mh

Bildungswirt 08.05.2010 | 01:26

Altvaters allgemeiner Einschätzung stimme ich weitgehend zu, nur das ist inzwischen nichts Neues mehr. Schon vor ihm schrieben in der Community mehrere Blogger in ähnlicher Richtung, u.a. ich selbst:

"50%-iger Schuldenverzicht gäbe dem Land eine Perspektive. Die Spekulanten und Notfeuerwehren würden zu normalen Kapitalanlegern mutieren, die in diesem Fall auf ihre Rendite verzichten und froh sind, wenigstens ihr eingesetztes Kapital auf Dauer zurückzuerhalten. Immerhin geht es nicht nur um Land G, sondern vor allem um wirtschaftliche und finanzielle Stabilität aller."
ausführlich hier: www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/das-internationale-casino-geht-weiter

Wozu keiner bisher nur im Ansatz eine Lösung hat: Machtpoltik und Gegenstrategie jenseits von eruptiver Gewalt.

misterl 08.05.2010 | 01:41

dass:

"ich beurteile solche situationen generell aus dem berstehenden system heraus, da es keinerlei anhaltspunkte gibt, dass sich dieses system demnächst verändern wird"

lieber mh kann sich relativ schnell also irrtum erweisen, wenn die griechenland-, sorry, euro-, noch einmal sorry . gläubigerrettung nicht gelingt. etwa deshalb nicht gelingt, weil das gieriger volk der verzinsungsjäger sich auf andere länder in europa mit und/oder ohne euro stürzen. von den sogenannten PIGSi bis UK ist am ende jeder to big to fall - aber alle kann man nicht stützen.

"d.h. der ganze prozess, vom problem zur pleite, würde sich erheblich beschleunigen und nicht mehr tröpfchenweise über 6 monate hinweg erfolgen."

das system ist derzeit genau auf diesem kurs...

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Ehemaliger Nutzer 08.05.2010 | 02:08

@mh: was ich nicht ganz begriffen habe (oder bei den vielen Texten und Kommentaren schlichtweg vergessen habe) ist, es wird immer gesagt die Wirtschaft Griechenlands relativ klein ist und am BIP der EU nur einen kleinen Beitrag hat (2,4%?). Wieso hat dann die "Rettung" Griechenlands einen stabilisierenden Einfluss auf den Euro? Das zwar die Gläubiger nun durch das Kapitalpaket ruhig gestellt wurden und somit die Bonität Griechenlands nicht ins bodenlose rutscht, erklärt für mich noch nicht den Zusammenhang mit der Stabiltät der Eurpäischen Währung, hat das was mit der Signalwirkung auf andere EU Staaten zu tun?

misterl 08.05.2010 | 02:09

es ist am ende gleichgültig warum die leute am ende irrational handel. sie werden es in massen in irgendeine richtung tun.

entweder weil das bestehende system auf crashkurs die leute dazu bringt ihre sogenannten spargroschen unters kopfkissen zu stecken und damit den crashkurs beschleunigen oder ob sie auf grund von steigender inflation mit ihren sogenannten spargroschen nichts mehr anfangen können oder weil ihnen soziale bewegungen die basis ihrer bisherigen wahrnehmungs.-, lebens.- und wertegrundlagen nehmen und sich nicht nehmen lassen wollen.

was jetzt um und mit der sogenannten griechenlandrettung so alles passiert ist wohl der letzte schuss - vielleicht der vorletzte - um kurz vor schlag 12 im bekannten system. geht das alles schief, brechen dämme. was dann passieren wird, dürfte nicht mehr beherrschbar sein.

misterl 08.05.2010 | 02:32

ein nachtrag dazu. und aus dem "archiv" geholt ein spiegel titel von 11.2008 der resümiert:

"Und wie so oft in einer Krise wehren sich Notenbanken und Regierungen mit immer neuer Geldzufuhr, immer neuen Staatsgarantien, immer neuen Milliarden, mit Billionen gegen das Platzen der finanziellen Superblase. Als wäre es eine letzte große Wette auf den Erhalt und gegen den Untergang der bestehenden Weltordnung."

nur 18 monate später sieht man die welt wiedrum vor einer finanzkrise der grössenordnung von 2007/2008. nur mit viel weniger spielraum für neue staatsgarantien.

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Ehemaliger Nutzer 08.05.2010 | 11:34

Dann bin ich für das Platzen dieser Blase. Da Politik und Finanzwelt nicht lernen und lernen wollen, muss wohl erst alles gründlich den Bach runtergehen. Auch wenn man, wie mh sagt, angeblich keine so rechte Alternative zu dem jetzigen System habe, abgesehen von radikalen Umstürzen/Revolutionen und diese gehen meist schief. Das ungleiche Geldverteilung und abwälzen von Problemen auf die Bevölkerungen, zu sozialen Konflikten führt, welche auch die eigenen Geschäfte stark behindern, scheint man geflissentlich auszublenden.

Armut und Ungerechtigkeit haben immer schon zu hohen Kriminalitätsraten und schwacher innerer Sicherheit geführt. Aber die Finanzwelt scheint in ihrer Gesamtheit, trotz ihres angeblichen Wissens über Geld, zu kurzsichtig um sich a) an Geschichte zu erinnern und b) wenigstens ein Mindestmaß an normativen Ansprüchen an sich selbst zu genügen.

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Ehemaliger Nutzer 08.05.2010 | 11:59

"Wozu keiner bisher nur im Ansatz eine Lösung hat: Machtpoltik und Gegenstrategie jenseits von eruptiver Gewalt."

Weil die Situation so festgefahren ist und die Strukturen total verkrustet, Korruption und Vetternwirtschaft sind nicht nur ein Problem Griechenlands. Wie soll man dagegen ankämpfen? Eine Revolution fällt ihren Urhebern häufig selbst auf den Kopf und sind leider auch kein Garant dafür, dass hinterher nicht der gleiche Menschenschlag wieder an den Hebeln der Macht hockt. Die Machthabenden wissen sie müssten eigentlich Kapital und Einfluss abgeben, aber stattdessen ziehen sie sich in ihr Schneckenhaus zurück und hoffen der Sturm würde sich legen.

Fritz Teich 08.05.2010 | 22:20

Find ich eine gute Idee. Wenngleich wir Griechenland im Hinterkopf behalten koennen. Faelle beleben die Anschauung.

Was willst Du denn regulieren, den "Markt" oder bestimmte Akteure?

An welchen Markt und welche Akteure denkst Du?

Wir muessen nicht gleich mit dem Weltmarkt anfangen, denken wir mal an europaeische Banken. Solche, denen wir dann auch gerne helfen wollen, oder nicht? Amerikanischen Banken doch eher nicht.

Wie auch immer scheint mir, dass der Einfluss des "Marktes" masslos ueberbewertet wird. Jedenfalls wenn es um Schuldner wie Griechenland geht. Entsprechend wird auch die Regulierungsfrage ueberbewertet.

Fritz Teich 08.05.2010 | 22:24


Argentinien beispielsweise streitet heute noch, also fast 10 Jahre nach dem Bankrott, mit den privaten Gläubigern darüber, wie hoch deren Forderungsverzicht ausfallen wird.
>>

Das ist doch wohl kein Wunder und auch noch kein Grund fuer ein Staatenkonkursrecht. Grund fuer ein Staatenkonkursrecht koennte nur sein, dass alle Glaeubiger die gleiche Quote bekommen. Dass nicht beispielsweise chinesische Banken alles zurueckbekommen und die anderen nichts. Aber wer soll den Konkursfall feststellen?

Fritz Teich 08.05.2010 | 22:38


Diesen Text von 1929 sollten alle lesen, die 2010 über Griechenland und die Griechen herfallen.
>>

Den Text besitze ich IMHO, find ich aber nicht gleich, um meine Behauptung zu belegen. Gibt es nicht um Reparationsschulden? Kann man die mit Griechenlands Bankschulden vergleichen? Doch eher nicht. Heutzutage werden Reparationsansprueche gar nicht mehr geltend gemacht. Was muessten denn die Amis und Co dem Iraq bezahlen, wenn man mal den Masstab eines voelkerrechtlichen Deliktes anlegen wuerde? Bremer hat doch absolut ALLES plattgemacht. Was muessten sie an Afghanistan bezahlen?

B.V. 12.05.2010 | 13:32

Mh: " ich beurteile solche situationen generell aus dem berstehenden system heraus, da es keinerlei anhaltspunkte gibt, dass sich dieses system demnächst verändern wird."

Das klingt vernünftig, bzw. auch realistisch. Ich fürchte nur, wenn wir diese "Einschränkung" vornehmen mögen viele nicht mehr mit diskutieren, weil es ihnen um den Systemwechsel geht.
Eigentlich müßte man mal versuchen diese beiden Diskussionsstränge strikt zu trennen, soweit das möglich ist.
Ich bin ja auch kein Befürworter des jetzigen Finanzsystems, wäre für Verbote und Regulierungen in diesem Bereich, spiele also gerne das Spiel "Wünsch dir was" mit, man hat ja so seine Träume, etc. pepe...
Aber die Frage, was ist realistisch sollte einen schon immer mal wieder wach rufen, auch wenn´s weh tut.

"altvater will im endeffekt einen wechsel des jetzigen und nachdem könnte es dann auch sinn machen. ich fürchte nur er unterschätzt etwas den paradigmenwechsel, den er da fordert ... z.b. würde man in dieser rein entlastungsfixierten darstellung schnell die bonität aller wackelkandidaten runterprügeln, da eine staatspleite als möglichkeit manifestiert würde. zugleich steigert man die möglichen renditen für den fall einer staatspleite .. d.h. der ganze prozess, vom problem zur pleite, würde sich erheblich beschleunigen und nicht mehr tröpfchenweise über 6 monate hinweg erfolgen."

Fordert er nun zu wenig oder ist es grundsätzlich illusorisch?
Wenn also die Konsequenz Staatspleite sowieso kommt (was sind schon 6 Monate?), wieso gehen die Griechen nicht gleich in die Staatspleite (und alle folgenden Dominosteine, zuerst die PIIGS, auch)?
Wenn würde es was mehr oder weniger Kosten?