Die Ökonomie der Angst

Geisterhaus Bret Easton Ellis, geistiger Vater der Pop-Literatur, nimmt in "Lunar Park" nach siebenjähriger Schreibabstinenz den Sicherheitswahn des Kleinfamilien-Amerikas ins Visier

Der literarische Trend der jüngsten Vergangenheit schien Science Fiction zu heißen. Noch bis vor kurzem stand das Genre wie kein anderes unter dem Generalverdacht des Trivialen. Doch 2005 erlagen die literarischen Größen der Welt wie Dominosteine dem Charme der Zukunftsliteratur. Michel Houellebecq machte sich gegen viel Protest im Genre bequem. Phillip Roth nahm eine nur wenig verkleidete Vergangenheit als Bild für die Zukunft eines sanften, amerikanischen Faschismus. Selbst Elegiker Michael Cunningham, bekannt für Die Stunden, katapultierte die Leser seines neuen Romans Specimen Days ins New York des Jahres 2155. In einer Zeit, die von so starken Umbrüchen geprägt ist wie die unsrige, einer Zeit, in der sich die Gewissheit manifestiert, dass man Abschied nehmen muss von liebgewonnenen Lebensstandards, politischen Übereinstimmungen und selbstverständlichen Sicherheiten, scheint für Literaten kaum etwas verführerischer zu sein als die Imagination der Zukunft. Besonders wenn diese Heraufbeschwörung die narrativen Fäden weiterspinnt, in deren Netz wir uns jetzt schon verfangen zu drohen.

Auch Bret Easton Ellis, zwanghaftes enfant terrible, legendärer Meister der belletristischen Oberfläche und Emphatiker von Coolness und High-End-Konsum, ist nun dem Sci-Fi-Genre verfallen, wie sich in seinem neuen, mit Spannung erwarteten Roman Lunar Park zeigt. Darüber hinaus hat Ellis dem potenten Text in seiner unnachahmlich sorglosen Weise auch noch ein paar kräftige Portionen Horror und Fake-Autobiografie beigemischt und damit zwei weitere Gesetze der hohen Literatur gebrochen. Als Krönung des Ganzen posaunt Ellis bei jeder Interviewgelegenheit heraus, dass er mit Lunar Park eine Hommage an Stephen King schreiben wollte, und ließ für die Figuren seines Romans Publicity wirksame Webseiten wie "jaynedennis.com" einrichten, die nicht nur die im Buch ausgelegten falschen, biografischen Fährten fortführen, sondern die auch die Trennlinien zwischen Autor, Erzähler und Paranoiker Bret Easton Ellis noch weiter verwischen und natürlich dem literarischen Establishment kräftig auf die Füße treten sollen.

Lunar Park spielt in einer Zeit, in der auf dem Kinderkanal Werbespots mit Botschaften wie "Wenn du nicht reich bist, verdienst du es, erniedrigt zu werden!" laufen, einer Zeit, in der sich Selbstmordattentäter in Burger Kings, Starbucks, Wal-Marts und U-Bahnen in die Luft jagen, ganze Stadtteile mit Stacheldraht versiegelt sind und Zeitungen Luftaufnahmen von hoch gestapelten Leichenbergen inmitten verschmorter Betonreste drucken. Eine Welt, in der Ich-Erzähler Ellis bei der morgendlichen Zeitungslektüre das Gefühl bekommt, dass das Überleben der Menschheit auf lange Sicht nicht von besonderer Bedeutung ist. Wegen dieser Terror-Szenarien - und einer profunden lebenstechnischen Sackgasse, in der er sich nach mehrmonatigen Chrystal Meth-, Kokain- und Alkohol-Exzessen wiederfindet - trifft er die Entscheidung, sich mit der halbberühmten Hollywoodschauspielerin Jayne Dennis und ihren beiden Kindern, von denen er zufällig eines gezeugt hat, in einer Vorstadt irgendwo außerhalb New Yorks niederzulassen. Aber auch die Idylle mit ihren komplett vorgefertigten Luxusvillen, abfällig McMansions genannt, bietet keinen Zufluchtsort für Ellis. Denn je mehr die Kleinfamilie nach Sicherheit sucht, desto stärker entpuppt sie sich selbst als Terrorzelle.

Dass der inzwischen 42jährige Bret Easton Ellis mit einer Kleinfamilie in den Vorort zieht, ist mehr als ein geschickter literarischer Schachzug. Es markiert auch den grandios scheiternden Versuch einer Selbstläuterung, der symptomatisch für so manche Biografie der Generation Pop steht. Kein anderer Autor hat einer Kokslinie je mehr Glamour verliehen als Ellis. Schon mit 21, nach seinem Sensationserfolg Less than Zero - Unter Null (1987) galt er als die Stimme der Generation der späten Achtziger und frühen Neunziger - einer Generation, für die es neben Coolness vor allem auf Armani, Prada und Gucci ankam und die Inhalte sendungsbewusst mit Ironie auszugleichen suchte. Die lässige Detailfreude der Gewaltfantasien in American Psycho (1990), dem Roman, der Ellis und seinen Helden Patrick Bateman weltweit berühmt machte, war da nur die logische Folge dieser Emphase von totaler Coolness und Konsum-Snobismus. Doch genau weil Ellis es immer sehr viel weiter trieb als die ubiquitären Popliteraten nach ihm, gelang es ihm schon immer, mit überraschend unbarmherzigem Skalpell das pathologische Gewebe seiner Zeit zu sezieren. Hinter seinen glitzernden Oberflächen lauerten aussagekräftige Horrorszenarien. Armani-Anzüge wurden bei ihm auch von Serienmördern getragen.

Eine ähnliche, doppelbödige Erzählstrategie, die es paradoxerweise schafft, durch totale Affirmation subversiv zu wirken, bestimmt auch Lunar Park. Nur haben hier die Kokslinien im neu acquirierten Kleinfamilienleben nichts mehr von ihrem ehemaligen Glamour, sondern induzieren eine handfeste Psychose. Auch die Prada-Taschen und die Küchenschränke, die eigens für das Aufstellen von Olivenölflaschen designt wurden, sind nur noch Zugabe zu den Horrorszenarien. Diese jedoch funktionieren im neuen Roman nach klassischer Manier à la Stephen King. In der Zeit um Halloween verwandelt sich die McMansion der Ellis-Familie unmerksam in das traumatische, kalifornische Haus, in dem der Erzähler aufgewachsen ist. Eine offiziell nicht existente Emailadresse der Bank, in dessen Schließfach Ellis die Asche seines Vaters aufbewahrt, schickt nächtliche Emails mit Video-Attachments, die die letzten Minuten vor dem mysteriösen Tod des Vaters zeigen. Junge Teenager verschwinden auf unerklärliche Weise. Der Spielzeugvogel der Tochter verwandelt sich in ein bedrohliches Monster, das eine Reihe von Katzen, Eichhörnchen und sogar ein Pferd zerfleischt. Und der Erzähler trifft auf Patrick Bateman, der wie eine jüngere Version seiner selbst aussieht und die bestialischen Morde aus American Psycho exakt ins reale Leben umsetzt. Selbst die, die nur im ersten, nicht veröffentlichten Entwurf des Erfolgsromans beschrieben wurden.

Einige der nach bewährter Hollywood-Damaturgie gestrickten Erzählstränge wirken dabei wie cartoonhafte Horrorklischees. Aber die meisten sind von einer gelassenen, literarischen Qualität, die subtil die ursprünglichen Motive des Horrorgenres bis in die literarische Romantik wiederentdeckt. Viele Passagen in Lunar Park erinnern an E.T.A. Hoffmann und Edgar Allen Poe. Das familiäre Geisterhaus ist nicht nur die Herberge von Bret Easton Ellis und seinem schaurigen Doppelgänger Patrick Bateman, der als Collegestudent, als fiktiver Detektiv und als dunkler Schatten wiederkehrt und in der klassisch romantischen Tradition des Doppelgängers als Projektionsfläche fürs verdrängte Unbewusste des narzisstischen Erzähler-Ichs dient.

Es ist gleichzeitig das Haus des Vaters Robert Martin Ellis, der das Vorbild bei der ursprünglichen Kreation von American Psycho war, und von Robby Ellis, dem Sohn des Erzählers. Das Verdrängte kehrt hier nicht, wie in Freuds berühmter Formel, als Unheimliches wieder, sondern als blanker Horror. Lunar Park erzählt die Geschichte eines Sohnes, der von dem Missbrauch seines Vaters unumstößlich korrumpiert wurde und der Angst hat, auf die gleiche Weise das Leben seines eigenen Sohnes zu zerstören. Zugleich erzählt es eine Geschichte über Dämonen, die umso stärker um sich greifen, je mehr man versucht, sich von ihnen zu entfernen. Je stärker sich Ellis wünscht, Rückhalt in den Strukturen seiner Familie zu finden, desto stärker gerät sein Leben aus dem Ruder.

Erst nachdem die Ellis-Familie auseinanderbricht, stoppt die sich unaufhörlich drehende Schreckensspirale. Nach dem gescheiterten Experiment der bürgerlichen Existenzgründung berichtet der resignierte Erzähler Ellis von einer unendlich traurigen Phantombegegnung mit seinem verlorenen Sohn und von der Beisetzung des Vaters, dessen Asche im kalifornischen Wind zerstreut wird. Und diese letzten Seiten zum Ende des Romans sind eine Sensation, denn der Autor Ellis streift hier zum ersten Mal in seiner Karriere jede Form von Ironie ab und schreibt in hypnotisch-lyrischem Ton und eleganter Dichte Passagen über Verlust, Schmerz und Nostalgie, die zum Besten gehören, was es seit langem zu lesen gab.

Unter den trendsetzenden Literaten mit ihrem Hang zur Science Fiction wagt sich Bret Easton Ellis damit vielleicht am weitesten in das Gebiet der zukunftsweisenden Literatur vor, die immer auch Text über unsere Gegenwart und ihrer Probleme ist. Der Roman legt durch sein Genre-Gemenge Dimensionen unserer Umbruchs-Zeit bloß, die anders kaum zu fassen wären. Parallel zur Sicherheitsmanie der Kleinfamilie und deren Zusammenbruch entwirft Lunar Park ein Paralleluniversum zu unserer Welt, in dem die verdrängten kollektiven Ängste und Begehren unumstößlich an die Oberfläche geraten sind.

Dass Ellis nach seinen obsessiven Beschreibungen der Anything-Goes-Mentalität an den amerikanischen Universitäten der Reagan-Zeit und an der Wall-Street-Gemeinschaft unter Clinton nun auf solche klassische, romantische Themen zurückgreift, ist verständlich, wenn man bedenkt, wie stark die Denkfigur des Bösen unter Bush in die modernen Diskurse um Politik und Sicherheit zurückgekehrt ist. Die Figur des Bösen ist so ungreifbar wie populär; wie Osama Bin Laden ist sie konkret nicht mehr fassbar, sondern Bestandteil einer kollektiven psychischen Ökonomie der Angst. Die Horror- und Gewaltphantasmen in Lunar Park geben dieser Ökonomie, die das erzeugt, vor dem sie sich fürchtet, eine einmalig direkte Greifbarkeit. Bis dato wurde noch kein besseres Buch über das an hysterischen Untertönen reiche Lebensgefühl im Anti-Terrorkrieg-Amerika geschrieben - und über seinen zur Obsession geratenen Sicherheitswahn, der manchmal auch gegensätzliche Wirkungen zeigt.

Bret Easton Ellis: Lunar Park. Roman. Aus dem Amerikanischen von Gisela Drechsler und Harald Hellmann. Kiepenheuer, Köln 2006, 464 S., 22,90 EUR


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00:00 03.02.2006

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