Die Opfer des Überlebens

Zivilisationslogik In John Woos Kriegsfilm "Windtalkers" ist Schuld etwas im Raum Schwebendes, das sich aber nur schwer zuweisen lässt

Nicolas Cage guckt geschunden und gequält drein, wie so oft in seinen letzten Filmen. Zunehmend wirkt er wie der letzte Überlebende des Action-Genres, eine Art Bruce Willis mit intaktem, doch mächtigem Über-Ich, der sich durch eine unheile, aus den Fugen geratene Welt schlagen muss. In Martin Scorseses letztem Film Bringing out the dead spielte er einen Krankenwagenfahrer, der ausschließlich Nachtschichten fährt und dabei im Anblick all der Unfallopfer und Leidensschicksale mit Gott hadert, auf Erlösung hofft. Er hätte ja auch tagsüber fahren können ...
Auch in Windtalkers spielt Cage einen Wiederkehrer mit zwanghaften Zügen. Sergeant Enders hat im Pazifikkrieg wegen übertriebenem Pflichtgefühl all seine Männer geopfert. Der letzte hat ihn sterbend verflucht. Jetzt sinnt Enders auf Vergeltung im Kampf: Kriegsversehrt, traumatisiert, auf einem Ohr nahezu taub, mogelt er sich durch medizinische Tests zurück an die WK-II-Front, zurück zu einem Job, aus dem andere nur den entgegengesetzten Weg wählen würden.
1942 in der Schlacht von Saipan läuft die Funkkommunikation der US-Truppen über einen kniffeligen Code: die Navaho-Sprache. Enders/Cage bekommt den Auftrag, diesen Code um jeden Preis zu schützen, auch wenn er notfalls dessen Träger, die indianischen "Windtalkers" eliminieren müsste. Da die sich als nette Kerle erweisen, gerät er in eine klassische double-bind Situation, zwischen zwei Werte - hie Auftrag, da Menschenleben.
Im klassischen Western, dem Genre der Landnahme, der Verschiebung der Zivilisations-Grenze übernahmen die Rothäute die Funktion des kulturell anderen, des Fremden, der "Differenz". Hier nun sind sie in das zivilisatorische Kollektiv der all american nation hineingenommen. Die Frontier verläuft anderswo. Einstweilen.
Die Inszenierung der indigenen GI´s in Woos Windtalkers orientiert sich an einschlägigen Exotismus-Konzepten - und an Jean-Jacques Rousseau: schön sind sie, und gut, naive Naturkinder und zugleich weise Bewahrer alter Riten. Vor allem sind sie wahre Patrioten. Und der Sohn von Ben Yahzee, dem Winnetou dieses Filmes, heißt "George Washington". Das rührt.
Der amerikanische Präsident verlieh letztes Jahr einigen ehemaligen Windtalkers hochrangige Tapferkeitsmedaillen. Im Militärcamp im Film lauschen die anderen GI´s noch widerwillig bis fasziniert dem Flötenspielen der edlen Wilden, ihren Ritualen und Gebeten. Im Kriegsfall gilt: innere ethnische, politische und andere Unterschiede werden weitgehend homogenisiert, wenn es darum geht, den äußeren Feind auszumachen. Gerade ist einiges darüber zu lesen, dass die alte Kriegs- und Propagandafilm-Struktur vor aktualpolitischem Hintergrund Sinn macht. Dass John Woo seine beeindruckende Action-Choreographie nun wieder (seit Bullet in the head) zu einem mit politischen Implikationen versehenen Genre hin öffnet, passt ebenfalls. Daneben wird ein zeitloser Themen-Strang durch den Film hindurch bewegt: das ambivalente, teilweise antagonistische Verhältnis zwischen Kultur und Gewalt, Kriegsbarbarei und Natur.
Hierin ähnelt Windtalkers bis zu einem gewissen Maße Terence Malicks Der schmale Grat aus dem Jahr 1997. Malicks komplexes Meisterwerk erzählte von einem Trupp US-Marines, der im Weltkrieg auf dem kleinen Eiland Guadalcanal einem Himmelsfahrtskommando nachging. Auf dem Weg durch das wogende Schilf hin zum japanisch besetzten Hügel 210 umfing die Soldaten Zikadengesang, Windrauschen, Vogelschrei. Die Insel offenbarte sich den Kämpfern als eine vielgesichtige Erscheinungsform einer undifferenzierten, rätselhaften Natur.
Bei Woo sind in der Dramaturgie, dem Montagerhythmus Ähnlichkeiten ablesbar. Wie bei Malick unterbrechen immer wieder lange, meditative Ruhephasen die Kriegssituation: Zeit für Männergespräche am Wasserfall, einen idyllischen Dorfbesuch mit großen Kinderaugen und ein World-Music-Crossover mit Indianerflöte und Harmonica.
Patriotismus zehrte schon immer von Kitsch, und Woo, berüchtigt als Spezialist für in Zeitlupe gefilmte weiße Tauben, hat hierfür beste Referenzen. Hart gegen die Idylle montiert sind zunehmend längere, brutale Schlachtszenen. Das Andere - das Jenseits der Grenze - ist nunmehr der Japaner, den man sich nicht allzu genau anschaut, weil sonst die Regeln des Krieges nicht mehr greifen: Der Barbar hat keine spezifischen Gesichtszüge. Gegen Ende dann nichts mehr von Idylle, im Schlussgemetzel gerät die seit Saving Private Ryan gepflegte Kunst des realistischen Massakrierens fast unerträglich.
Gerade hier entfaltet Woos Regiekunst ihre ganze atemberaubende Kraft, und darin vermittelt sich einiges von der Ambivalenz und Doppelmoral, die sich durch die Geschichte dieses Genres zieht, das den Krieg fast immer zugleich verdammt und zelebriert. Erst Auge in Auge mit dem Feind erweist sich der Mensch/Mann/Marine als ganzer, oder - frei nach Ernst Jünger und Schiller -: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er schießt."
Vielleicht offenbart dieses zeitgemäße Kino eine traurige postmoderne Sehnsucht nach Wesentlichem und Elementarem, vielleicht erklärt diese Sehnsucht auch - neben dem weltpolitischen Klima - warum das Genre zu neuer Blüte gelangt. Der Kinostart von Windtalkers wurde über ein Jahr hinaus geschoben und geriet nun zwischen eine ganze Reihe Filme über internationale Konflikte. Dabei macht Windtalkers seine einfache Rechnung zugunsten nationaler Interessen mit etwas komplexeren Gleichungen als die Schwemme aktueller Hollywood-Kriegsfilme. Woo lässt Raum für gebrochene Helden, Zweifel und Werterelativismus.
Bei Malick verwischten die Grenzen zwischen den einzelnen Charakteren bereits zu Beginn, defätistische und propagandistische Stimmen mengten sich zu einem allgemeinen Geraune des Menschengeschlechts, das angesichts letzter Dinge nichts Wesentliches mehr aussagen konnte. In Windtalkers folgt die relativ differenzierte Charakterzeichnung der Frontschweine einem anderen Kalkül - Gewissensentlastung durch Aufgabenverteilung: ein Redneck metzelt, der andere zweifelt, der dritte befiehlt, und irgendeiner opfert sich. (Eine weitere aktuelle Spielregel lautet: Im Kollektiv trägt keiner die Verantwortung, kommt keiner vor den internationalen Gerichtshof). Schuld schwebt im Raum, lässt sich aber nicht zuweisen. So kann sich die Gruppe als moderne, zivilisierte fühlen und dennoch - ihrerseits - barbarisch handeln.
Doch wo Gewalt einmal grassiert, muss sie wieder gebannt werden: Die Aggressionsströme müssen kanalisiert und abgeleitet werden, damit die Gruppe wieder zivilisationsfähig ist. In archaischen Gesellschaften erfolgt diese Konsolidierung und Aussöhnung klassischerweise über ein Opfer, geopfert wird (so Girard) ein Randständiger innerhalb der Gruppe, gleichermaßen überlegen wie minderwertig; dazugehörig, aber different, anders. Und genau damit ist der Wilde wieder draußen.
Nach dem Krieg wird das nationale Kollektiv versöhnt werden müssen, damit wieder Kulturleistungen möglich sind: Im Film sind zum Schluss einige Indianer tot, der Code aber ist gerettet. Kulturwissenschaftlich heißt das: das im Hintergrund der Opferung stehende Verbrechen ist zu verschleiern, und um das schlechte Gewissen der Gemeinschaft zu vermeiden, wird der Getötete als Held idealisiert und mythisch verklärt. Und Nicolas Cage kann wieder lächeln. Bis zum nächsten Mal, irgendwo auf diesem Globus.

00:00 02.08.2002

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