Die Pflege des Selbsthasses

Musterschüler in Bösartigkeit Trotz mangelnder Förderung erfolgreich, setzt der österreichische Film die liebgewonnene Tradition der Nestbeschmutzung fort

Land der Hämmer, zu-u-kunftsreich" singt Wickerl, dem eine brennende Kerze im After steckt. Der Mann, der den gedemütigten Zuhälter mit einer "Puffn" in der Hand zum Singen zwingt, muss ihm den Text der österreichischen Bundeshymne Wort für Wort vorsagen. Wickerl hat sie vergessen. In Ulrich Seidls Hundstage lässt die Sommerhitze die Gewalt in Wiens südlicher Peripherie aufplatzen wie die Mikrowelle ein zu lange bestrahltes Fertiggericht, und am Ende liegt ein vergifteter Hund im Vorortgärtchen. Im Film scheint das ganze Land auf den Hund gekommen: Donau, Walzer und Bundeshymne werden von Lutz, Billa und Kotany an den Rand gedrängt - von den Meilensteinen des Austro-Kapitalismus. "Land der Äcker, Land der Dome", das spielt keine Rolle mehr für die Identität der in Szene gesetzten Alpenrepubliks-Bewohner, aber "was tät i ohne Kotany"?

Natürlich haben auch die anderen Nationen der westlichen Welt ihre speziellen Möbelketten, Supermärkte und Gewürzhersteller, die im Ausland niemand kennt. Selbstverständlich heften sich auch an ihre Zentren Vorortsiedlungen, die zwischen Autobahnen und Teppichhäusern spießbürgerlich vor sich hindümpeln. Und doch scheint die Lage in Österreich immer ein kleines bisschen extremer zu sein als anderswo. Die "Shopping City Süd" vor den Toren Wiens etwa ist das größte Einkaufszentrum Europas, obwohl die Hauptstadt mit ihrer Einwohnerzahl gegenüber dem restlichen Kontinent eher schmalbrüstig dasteht. In kaum einem anderen Land gibt es ein vergleichbares Stadt-Land-Gefälle zwischen einem zentralistischen Hauptstadt-Wasserkopf und jenen drei bis vier Kleinstädten, von denen dann mehr oder weniger gut befahrbare Straßen in teilweise entlegene Täler führen.

Österreicher gelten zudem als besonders dekadent, als besonders faul und als besonders verlogen. Eine "schöne Leich" auf den Zentralfriedhof zu begleiten ist vielen von ihnen wichtig, ebenso den Geschäftsbrief ins deutsche Ausland mit Grüßen "aus dem schönen Wien" zu schließen und auf die eigene Opfer-Rolle im Zweiten Weltkrieg zu verweisen. Es ist wohl dieses besonders Üble im allgemeinen Übel, das Österreich so interessant macht, und wahrscheinlich macht es die österreichische Kunst gerade international so erfolgreich, dass sie wütend auf den eigenen Nabel starrend auf dieses Besondere so heftig eindrischt. Die Hundstage haben jedenfalls letztes Jahr den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Venedig gewonnen und waren dort laut Süddeutscher Zeitung der "meistdiskutierte Film".

Als ein weiterer Austro-Höhenflug darf Michael Hanekes Verfilmung der Klavierspielerin von Elfriede Jelinek gelten. Der Film erhielt in Cannes vor zwei Jahren gleich drei Preise. Ohne Hanekes beachtliche Leistung im Formalen und in seiner Auswahl der Schauspieler schmälern zu wollen, bleibt doch zu vermuten, dass auch hier vor allem das Sujet "österreichischer Selbsthass" die Jury beeindruckt haben muss. Darauf lässt allein schon der immense Erfolg der Autorin Jelinek schließen, die inzwischen wohl so viel übersetzt wird wie Thomas Bernhard. Über den ihr in seinem intensiven Bohren in der Wunde Österreich so ähnlichen Autor sagte sie einmal, dass er "an seinem wütenden Atem erstickt" sei. Hass merkt man auch der Klavierspielerin an - zum Beispiel auf eine Bundeshauptstadt, die ihre Musik-Schüler mit ihren hohen Ansprüchen seelisch verkrüppelt. Jelinek besuchte selber das Wiener Konservatorium und wird wissen, wovon sie schreibt. Ob Schilehrer, ob Mozart-Interpret: Österreich trägt für die Autorin stets eine Maske des Perfekten, des Fröhlichen und Glatten, hinter der Gewalt und Perversion ihr Unwesen treiben. Haneke zeigt in seiner Verfilmung das ausdruckslose Gesicht der Klavierlehrerin, wenn sie der Karriere einer ihrer Schülerinnen ein Ende bereitet, indem sie in deren Manteltasche Glasscherben versteckt. Ihren jugendlichen Verehrer bittet sie wenig später in ihrer Wohnung, sie zu fesseln und ihr mit den Fäusten in den Magen zu schlagen. Dieses Motiv findet sich auch in den Hundstagen wieder, an deren Ende die Figur der Lehrerin ausspricht, dass sie ihren Peiniger, liebt - obwohl, nein gerade weil er sie (hinter verschlossen Türen) demütigt und schlägt.

Nordrand - ein international viel beachteter Film der jungen Regisseurin Barbara Albert - spielt ebenfalls in Wien, und ist wie Seidls Arbeit an der Peripherie angesiedelt. Auch bei Albert spürt man die Lust, das andere Wien zu zeigen, die möglichst schmutzige Kehrseite der Schönbrunn- und Belvedere-Medaille. In der Erdgeschosswohnung eines Hochhauses zieht ein dicker Vater die Hand seiner Tochter in seine Hose und zwingt sie stöhnend zu immer schnelleren Bewegungen, während sich deren ältere Schwester die Ohren zuhält. Diese wiederum wird in einer anderen Szene von ihrem Brutalo-Liebhaber grün und blau geschlagen.

Der österreichische Staat hat seine Film-Erfolge nicht verdient - im Gegenteil, er schlägt dem Nachwuchs seit Jahrzehnten ins Gesicht. Nach dem Regierungswechsel kürzte Schwarz-Blau die ohnehin kärglichen Mittel sogar noch um ein ganzes Drittel, so dass man im Bereich der nationalen Filmförderung nun als Schlusslicht Europas flackert. Trotzdem reüssieren verhältnismäßig viele gerade in jüngster Zeit entstandene Austro-Filmproduktionen international.

Trotzdem? Nein, doch wohl eher deshalb. Seit dem Überwinden der Nachkriegs-Agonie der fünfziger Jahre, die das ganze Land in einen Von-uns-kam-niemals-was-Böses-Heimattraum einspinnen wollte, wendet sich die österreichische Kunst provokativ gegen das Unter-den-Teppich-Kehren: der Nazi-Vergangenheit, der Ausländerfeindlichkeit, der patriarchalen Unterdrückung. Schon in den sechziger Jahren rüttelten die Dichter der Wiener Gruppe, die Avantgarde-Filmemacher und die Performance-Künstler des Wiener Aktionismus am selig in sein touristisch begehrtes Land hineinschauenden Alpen-Bewohner. Und schon damals lag der Staat im Clinch mit seinen "Nestbeschmutzern", die im Ausland Beachtung fanden. Die siebziger und achtziger Jahre setzten diese Auseinandersetzung fort, wobei der Staat oft die perfide Waffe einsetzte, international längst zu Klassikern gewordene Künstler knapp vor oder kurz nach ihrem Tod als Vaterlands-Töchter oder -Söhne zu feiern. Was kamen etwa aus Regierungskreisen kurz vor der Aufführung von Bernhards Heldenplatz für feindliche Töne - doch inzwischen ist alles vergessen und man hat (gegen den testamentarisch erklärten Willen des Autors) eine Thomas-Bernhard-Stiftung ins Leben gerufen, um diesen erfolgreich zu musealisieren.

Seit den neunziger Jahren ist diese Form der Auseinandersetzung allerdings so etabliert und festgefahren, dass man sich manchmal einen Avantgardisten wünscht, der dieses "Komm-her-mein-hübsches-Österreich-auf-dass-ich-dir-die-Hose-runterzieh"-Spiel durchbrechen oder einfach nicht mehr mitmachen würde. Auf der einen Seite kann man zwar verstehen, dass gerade nach dem Regierungswechsel etwa Jelinek nicht aufhören kann und will, sprachlich gegen das Fassaden-Land der Berge und Dome zu kämpfen. Sie lebt in einem gesellschaftlichen Klima, dessen papierner Volksmund - die Wiener Kronenzeitung - den "wahrlich penetranten Dreck der Mühls, Turrinis, Jelineks" geißelt.

Andererseits stellt sich langsam doch die Frage, ob ihre, ob Hanekes, ob Seidls Heimat wirklich solch ein Musterschüler im Schlechten ist, wie er in der Kunst präsentiert wird. "Der sogenannte liebenswürdige Österreicher ist ein abgefeimter opportunistischer Fallensteller", weiß zwar Bernhards Buch Alte Meister. Seine Charakterlosigkeit mache ihn "tatsächlich" zum "interessantesten Menschen von allen europäischen Menschen". Dieser Ansicht scheint seit vielen Jahren auch die internationale Rezeption zu sein, welche die notorischen "Nestbeschmutzer" mit Preisen ehrt. Doch schreibt Bernhard auch, "wenn wir aus diesem niedrigen verheuchelten und bösartigen und verlogenen und dummen Land hinausschauen, sehen wir, dass die anderen Länder genauso verlogen und verheuchelt und alles in allem genauso niedrig sind". Ist man nicht mancherorts vielleicht froh darüber, ein besonders schlimmes Lausbuben-Land gefunden zu haben, dessen Intelligenzia sich bereitwillig so gut wie alle Schuld am Übel der Welt auflädt? Möglicherweise täte es der österreichischen Kunst gut, wenn sie auch einmal über den eigenen schmutzigen Nabel-Rand hinausschauen würde. Selbst Josef Haders und Alfred Dorfers Indien, mit dem für viele 1993 die Erfolgsgeschichte des Austro-Films begann, trug die Ferne nur im Titel und kam über das Wien umgebende Niederösterreich nicht hinaus.

Es wollte es auch nicht, natürlich.

00:00 18.10.2002

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