Die Pointen der Aufklärung

Ideengeschichte Im 18. Jahrhundert avancierte die Kritik zur Tugend. Das wirkt bis zur Causa Böhmermann nach
Die Pointen der Aufklärung
Hat ein Debatte ausgelöst: Jan Böhmermann

Bild: Imago/Star-Media

Mit den Flüchtlingen ist die Idee der Aufklärung wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Meist richtet sich der Blick dabei sorgenvoll von oben herab auf „den Islam“ und dessen Entwicklungsniveau. Genauso unscharf wie dieser unselige Kollektivsingular bleibt jedoch der Aufklärungsbegriff selbst. Ist damit im Wesentlichen ein Ensemble schöner Stichworte für Sonntagsreden wie Rationalität, Toleranz, Gleichberechtigung oder Liberalität gemeint? Dass mehr dazu gehört, zeigt die Causa Böhmermann, die viele Fragen der Aufklärung erneut aufwirft. Dies liegt nicht daran, dass das „Schmähgedicht“ des ZDF-Moderators gegen den türkischen Ministerpräsidenten eine Frage der „Meinungsfreiheit“ wäre. Man mag das „Gedicht“ für geschmacklos halten. Aber der Moderator hat – so viel darf man ihm wohlwollend unterstellen – damit nicht seine persönliche Auffassung über die tatsächlichen sexuellen Neigungen einer Person kundgetan, und er hat sie deswegen auch nicht satirisch bloßgestellt.

Lobe alles!“

Die Attacke ist fundamentaler. Dies verbindet sie mit der Aufklärung, die sich als Epoche der Grundlagenreflexion im 18. Jahrhundert formiert hat. Böhmermann hat die Eigenheiten von Textsorten vorgeführt und damit auf die zentrale rhetorische Geste der Interventionen Erdogans reagiert: auf die Missachtung von Gattungsdifferenzen. Das Staatsoberhaupt weigert sich, sachliche Kritik, informierende Zeitungsartikel sowie entlarvende Satire auf der einen Seite und persönliche Beleidigung auf der anderen Seite voneinander zu trennen. Zu den Errungenschaften der Aufklärungsepoche zählt es jedoch, dass sie auf die Unterschiede zwischen diesen Textsorten hingewiesen und sie für die Selbstverständigung einer Gesellschaft wichtig genommen hat. Vor allem aber demonstrieren die langen Auseinandersetzungen des 18. Jahrhunderts, wie voraussetzungsreich diese gedanklichen Operationen sind, weil dabei immer sehr viel mitgemeint wird.

Letztlich geht es darum, Selbstverständlichkeiten zu setzen, die eigentlich reflexhafte Abwehr provozieren, etwa im Fall von Kritik. Sie irritiert, sie verunsichert, bisweilen verletzt und schmerzt sie auch, und dennoch gilt Kritik seit der Aufklärung als eine wichtige soziale Tugend, und man darf daher verlangen, dass sie ertragen wird. Entscheidend ist nun: Das „kritische Zeitalter“ (Immanuel Kant) selbst hat sich viel schwerer damit getan, diese Zumutung hinzunehmen, als gemeinhin angenommen wird. In der gesamten Aufklärungsepoche war es vor allem im sozialen Nahverkehr und alltäglichen Umgang gerade nicht ausgemacht, dass Kritik tatsächlich hilfreich ist. Jede Verhaltenslehre des 18. Jahrhunderts erteilte einen zentralen Ratschlag, um das gesellschaftliche Überleben pragmatisch zu sichern: „Lobe alles!“ Dies galt zumal im Verhältnis zu höhergestellten Persönlichkeiten, die sachliche Kritik und persönlichen Angriff nicht trennen, sich leicht in ihrer Ehre verletzt fühlen und deswegen mit scharfen Sanktionen reagieren.

Kritische Kommunikation

Intuitiv leuchten die Vorbehalte gegen Kritik ein. Es zählt zum Erfahrungswissen, dass Kritik unter Anwesenden nur selten dazu beiträgt, eine Konversation fortzusetzen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat dies bemerkt und darauf hingewiesen, dass kritische Kommunikation vor allem die schriftliche Auseinandersetzung stimuliert, also Beziehungen unter Abwesenden befördert. Die nicht selten ebenso fruchtlosen wie endlosen Debatten des 18. Jahrhunderts belegen dies eindrücklich. Dies aber bedeutet: Die Aufwertung von Kritik gegen die Gefahr, die sie offenkundig für den Sozialverkehr darstellt, gründet in einer neuen Auffassung von Gesellschaft.

Der soziale Zusammenhalt wird dann nicht mehr primär aus der Kooperation von Anwesenden abgleitet, bei der das Ansehen im eigentlichen und übertragenen Sinn des Wortes über das soziale Wohl und Wehe entscheidet. Die Gesellschaft und der Staat werden nicht mehr als eine repräsentative Ordnung aufgefasst, die durch die Stabilität von Ehre persönlich gesichert wird, so dass jede Kritik den Status bedrohlich infrage stellt. Die Aufklärung begreift den Staat und die Nation stattdessen als politische Gebilde, die unabhängig von ihrer Verkörperung durch einen Fürsten und seine Dynastie da sind. Und sie fasst die Gesellschaft abstrakter auf, entlastet sie vom äußeren Ansehen und betont innere Qualitäten. Kritik kann nun etwas Positives sein, weil sie Veränderungen anregt, weil Wandel als Fortentwicklung gedeutet wird und weil man den Eindruck vermittelt, dass soziale Dynamik zum Funktionieren einer Gesellschaft beiträgt.

Verklagte Philosophen

Man muss sich klar machen, wie unwahrscheinlich diese Auffassung ist. Im historischen Überblick stehen Veränderungen in der Regel unter dem Generalverdacht des Ordnungsverlustes. Dass eine Gesellschaft durch Entwicklung stabilisiert wird, ist erfahrungsgemäß nur für wenige Aufstiegswillige und Revolutionäre plausibel. Die Aufklärung hat mithin tief in fest verankerte Vorstellungen eingegriffen und diese herausgefordert. Genau an dieser Stelle kommen Scherz, Satire und Ironie ins Spiel. Sie irritieren Selbstverständliches, stellen fundamentale Gewissheiten infrage, begründen aber auch neue Evidenzen.

Das fiel im 18. Jahrhundert zunächst einigen orthodoxen und fundamentalistischen Geistlichen auf, die sich von der philosophischen Aufklärung provoziert fühlten. Die Glaubenswächter witterten einen Epochentrend, weil sie über ein reiches Gedankenarsenal verfügten, um unscheinbare Indizien auf apokalyptische Gesamtentwicklungen hochzurechnen. Sie prangerten gerade in juristischen Klagen gegen ihre philosophischen Gegner an, dass diese die Jugend dazu bewegten, sich über die Kirche und damit über das gesamte soziale und politische Autoritätsgefüge lustig zu machen. Mit größter Sorge blickten sie auf die „Art der heutigen Welt“ und auf die verführerischen Reize, die von den „Verrätern aller guten Ordnung“ ausgingen. Natürlich versicherten die Philosophen demgegenüber, dass es ihnen gerade um Ordnungsstiftung gehe, nur eben auf innovative und umso effektivere Art und Weise. Sie machten der geistlichen Orthodoxie den Status als Ordnungsmacht streitig und traten für eine alternative Auffassung von sozialer Stabilität ein.

Argumente im „Lach-Test“

Aus Perspektive der Aufklärungsepoche zeigt sich, welche symptomatische Bedeutung die Causa Böhmermann haben könnte, und zwar jenseits der Fragen konkreter Flüchtlingspolitik und der daraus erwachsenden Bindung der deutschen Regierung. Die hochsensible Reaktion aller Beteiligten weist auf prinzipielle Alternativen hin, auf unterschiedliche Vorstellung davon, wie eine Gesellschaft funktioniert und was auf dem Spiel steht, wenn man bestimmte Personen und Positionen der Lächerlichkeit preisgibt. Das Lachen rührt an das Selbstverständnis einer Person, weil es sich so schnell, so direkt und unvermittelt äußert. Es ist ansteckend und verweist damit auf Lachgemeinschaften. Witz und Satire geben Auskunft über jene Gefühlsgewissheiten, in denen eine soziale Ordnung letztlich ankern muss, wenn sie stabil genug sein soll, um auch Meinungsunterschiede und Kritik zu ertragen.

In der Aufklärung schlug daher der englischen Moralphilosoph Shaftesbury vor, jedes Argument dem Lach-Test („test of ridicule“) zu unterziehen: Man sehe dann schnell, was sich wirklich von selbst verstehe und wo eine Gedankenordnung von außen durch Autorität stabilisiert werden müsse, weil es ihr an Selbstverständlichkeit mangle. Der Lach-Test wirkt aber nur dann überzeugend, wenn man die Welt bereits mit den Augen der Aufklärung betrachtet, vom Ansehen absieht und gesellschaftliche Stabilität so tief verankert, dass man sich selbst die blödesten Scherze gönnen kann. Diese Sichtweise lässt sich nicht verordnen. Genau darin steckt das eigentliche Problem, das Lichtenberg, einer der witzigsten Aufklärer, auf den Punkt brachte: „Man spricht viel von Aufklärung, und wünscht mehr Licht. Mein Gott was hilft aber alles Licht, wenn die Leute entweder keine Augen haben, oder die, die sie haben, vorsätzlich verschließen?“ Die Antwort der Aufklärung bestand in Geduld und Nachsicht – und einer gehörigen Portion Humor. Deswegen dauert es in Lessings Nathan der Weise auch nicht nur sehr lange, bis sich all die todernsten Verwicklungen aufgeklärt haben, sondern es wird auch viel gescherzt.

Steffen Martus, Jahrgang 1968, ist Professor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin. 2015 wurde er mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert. Ein Epochenbild (2015) bei Rowohlt Berlin

06:00 21.04.2016
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