Die Reinheit des Herzens

Liebesfähigkeit Harry G. Frankfurt philosophiert über die "Gründe der Liebe"

Die gegenwärtige Ethik leidet darunter, dass Philosophen gern von der Lebenswirklichkeit der Menschen abstrahieren, über die sie philosophieren. Das beklagte Michael Theunissen bereits vor 15 Jahren Jahren in einer scharfsinnigen Reflexion über "Möglichkeiten des Philosophierens heute". Als Ethik des unbedingten Sollens ignoriert sie die Eingebundenheit der einzelnen Subjekte in die sozialen Verhältnisse und konfrontiert sie mit idealen Forderungen, deren grundsätzliche Erfüllbarkeit sie einfach voraussetzt. Als Ethik des guten Lebens ignoriert sie die Frage des einzelnen, was für einer er sein will, indem sie ihn mit dem allgemeinen Begriff einer vernünftigen Lebensform abspeist.

Doch gelegentlich trudelt ein Büchlein auf den Markt, das es besser macht. Harry G. Frankfurts Gründe der Liebe ist so eins. Laut Frankfurt müssen wir erst einmal klären, was es bedeutet, dass Menschen sich in ihrem Leben faktisch immer um etwas sorgen und ihr Leben an dieser Sorge ausrichten, bevor wir eine Antwort auf die ethische Frage suchen, wie wir leben sollen. Die praktische Philosophie nimmt in dem neuem Buch des Philosophieprofessors aus Princeton also ihren Ausgang von der anthropologischen Frage nach der conditio humana.

"Sich um etwas sorgen" heißt Wünsche zu haben, die uns am Herzen liegen. Das sind solche, von denen wir wollen, dass sie "am Leben" bleiben, selbst dann, wenn sie unerfüllbar sind. Wer sich um etwas sorgt, wünscht es deshalb nicht bloß, sondern er bejaht diesen Wunsch bewusst und anerkennt ihn als Teil seiner Persönlichkeit. Erst der "Wille zum Wunsch" verleiht dem Gewünschten einen Wert. Frankfurts provozierende These: Wir sorgen uns nicht um etwas, weil es wertvoll ist, sondern wertvoll wird es für uns erst dadurch, dass wir uns um es sorgen. Provokant an diesem Gedanken ist die Unhintergehbarkeit der Sorge. Frankfurt zufolge würden wir nämlich in einen endlosen Regress verfallen, wollten wir unsere Sorge wiederum auf eine rationale Abwägung von Werten zurückführen.

Indessen steht er dem Pathos des ethischen Dezisionismus keineswegs näher als rationalistischen Begründungen der Ethik. Denn die Sorge gründet in den "Anweisungen" der Liebe. Frankfurt versteht seinen Entwurf daher auch nicht als Reaktion auf den vermeintlichen "Verfall der Werte" (Broch), sondern als Deutung der unauflöslichen Wertgebundenheit menschlichen Handelns dank unserer Fähigkeit zu lieben. Die kann sich auf alles mögliche richten, nicht nur auf Menschen und andere Tiere, sondern auch auf Dinge und vor allem Ideen.

Liebe schafft Werte, und das nicht zuletzt deshalb, weil wir uns in der Liebe gleichsam aus uns selbst herausgesetzt empfinden. Das Geliebte ist dem Liebenden niemals nur Mittel zum Zweck und daher die Liebe frei von ferneren Interessen als dem der Sorge ums Geliebte. Schließlich können wir, wenn wir lieben, nicht anders als eben lieben. Die Liebe lässt sich ebenso wenig abstellen wie herbeizwingen. Sie bindet uns und lässt uns diese Bindung als unverfügbar erfahren. Was wäre, wenn wir nichts und niemanden liebten? Unser Leben würde unter der Last der Langeweile ersticken. Nichts besäße dann "einen definitiven, einen inhärenten Wert" für uns.

Auf das Wörtchen "inhärent" kommt es Frankfurt an. Es besagt, dass in dem liebenden Bezug auf einen Gegenstand dieser evidenterweise wertvoll für uns ist. Wir müssen ihm den Wert nicht noch umständlich zuschreiben, sondern die Sache ist, wenn wir uns ihr liebend zuwenden, zugleich mit ihrem Wert für uns da. Darin steckt aber eben auch der Gedanke, dass dann, wenn wir etwas nicht lieben, auch die nachträgliche Zuschreibung eines Wertes nicht helfen würde, um uns intrinsisch an die Sache zu binden. Er bliebe ihr eben nur äußerlich, sie wäre wertvoll "für andere", nicht aber "für uns".

In dem inhärenten Wert des Geliebten erkennt Frankfurt nun eine notwendige Bedingung gelingender Selbstbestimmung. Denn nur durch die Liebe können wir uns zur Verfolgung von Endzwecken bestimmen, die unserem Leben das unverwechselbare Profil verleihen. Dieser Gedanke führt ihn auf eine Klugheitsforderung, die den üblichen ethischen Forderungskatalogen vorausliegt, die Forderung nämlich nach Ausbildung unserer Fähigkeit zu lieben. Zur Wichtigkeit dessen, was wir lieben, muss für uns die Wichtigkeit hinzutreten, die das Lieben für uns hat. Das bedeutet erstens, in einem ganz elementaren Sinne zu der Liebe zu stehen, die wir für Dinge, Handlungen oder Personen empfinden. Und zweitens folgt daraus, uns zu trauen, Mut zur Liebe zu entwickeln, anstatt ihre Keime in vorauseilender Skepsis zu ersticken. Alles das setzt aber voraus, dass wir uns selbst wichtig nehmen. Gegen den Narzissmusverdacht, der in der abendländischen Tradition von Augustinus bis Kant gegen das menschliche Streben nach Glück erhoben wird, setzt Frankfurt daher das Ansinnen der Selbstliebe, das allerdings auch schon eine lange Tradition - von der französischen Moralistik über Rousseau und Nietzsche bis Foucault - aufweisen kann.

Seine Überlegungen sind, wohl gemerkt, pflichtethischen wie eudaimonistischen Argumentationen vorgelagert: Je offener wir uns die Fähigkeit zu lieben und ihre Ausbildung zugestehen, desto entschlossener können wir uns an Dinge und Personen binden und in der Auseinandersetzung mit ihnen die Erfahrung machen, dass etwas wertvoll ist an unserem Leben - so könnten auch ideologisch motivierte Attentäter argumentieren. Es wäre aber sinnlos, solchen Menschen mit der Oberstudienratsgeste gesinnungsethischer Besserwisserei zu begegnen. Der Erfolg auch der Aufklärung, daran erinnert Frankfurts Buch, hängt davon ab, ob sie die Liebe der Menschen gewinnen kann. Und das ist nicht in erster Linie eine Frage der besseren Argumente, sondern der Verführung zum Guten.

Frankfurts Entwurf hat aber eine erhebliche Schwäche. Er beruht nämlich auf einem gleichsam puritanisierten Liebesbegriff. Jeder Bezug auf unseren Affekthaushalt soll ihm ausgetrieben werden. Liebe habe in erster Linie nichts mit Gefühlen zu tun, sondern mit dem Entschlossenheitsgrad unseres Willens, sagt Frankfurt. Daher spielt auch die erotische Paarliebe bei ihm keine Rolle - in sie sind zu viele Eigeninteressen und Machtspielchen involviert, als dass sie der Reinheit des Herzens entspräche, die den Liebenden auszeichnen soll.

Diese Verengung des Liebesbegriffs widerspricht aber nicht nur unseren Intuitionen, sie schwächt auch die These von der Unhintergehbarkeit der Sorge. Dass etwas für uns wertvoll ist, weil wir es entschlossen wollen und uns liebend um es sorgen, ist doch nur deshalb nachvollziehbar, weil wir in unserer Sorge eine affektive Bestätigung der Richtigkeit unseres Tuns erfahren, und diese Bestätigung ist das qualitative Band zwischen uns und den Objekten unserer Liebe. Wollten wir sie dieses Bandes berauben, ihr entschlossenes Wollen gründete buchstäblich auf - nichts.

Harry G. Frankfurt: Gründe der Liebe. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Martin Hartmann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, 108 S., 14,80 EUR


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00:00 06.01.2006

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