Die Republik wählt

Frankreich Macron oder Le Pen: Wer gewinnt am Sonntag? Fest steht nur: die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahl wird in jedem Fall historisch. Ein Bericht aus Paris
Die Republik wählt

Foto: JOEL SAGET/AFP/Getty Images

Bei der Frage, wen sie am Sonntag wählen würde, muss die Kunststudentin Claire Rousseau lange nachdenken. Sie sitzt auf einer Parkbank in der Esplanade des Invalides, zwischen der Seine und der Nationalversammlung, die Beine angewinkelt.

Es ist Freitagabend, der letzte Tag, an dem die Unterstützer von Emmanuel Macron und Marine Le Pen noch Flyer verteilen dürfen. Die 23-Jährige findet die Entscheidung schwierig: Macron punktet mit Europa. „Bei Le Pen mag ich, dass sie unsere lokale Produktion schützen möchte. In Frankreich sterben so viele Dörfer aus.“

Die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahl wird in jedem Fall historisch. Erstmals wird kein Vertreter der beiden großen Parteien – der Parti Socialiste oder der konservativen Les Républicains – an der Spitze des Staates stehen. Stattdessen könnte Frankreich bald von einer Rechtspopulistin regiert werden – oder von einem jungen, 39-jährigen Aufsteiger mit einer neuen Mitte-Partei, der liberalen Bewegung „En Marche!“.

Claire Rousseau sagt, im Wahlkampf sei viel gelogen worden, keiner der beiden Kandidaten sei ehrlich. Sie wird ohnehin nicht wählen: In ihrer Heimatstadt hat sie die Anmeldung verpasst. Sie gehört damit zu jenen rund 24 Prozent der Wahlberechtigten, die am 7. Mai zu Hause bleiben werden oder ungültig stimmen. Diese Zahlen veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Ipsos für Le Monde am Freitag – sie sind ungewöhnlich hoch für einen zweiten Urnengang.

Die Nichtwähler könnten entscheiden

Die Nichtwähler sind der große Unsicherheitsfaktor dieser Wahl. Das macht die Gegner des rechtsradikalen Front National nervös. „Jede nicht abgegebene Stimme ist eine Stimme für Frau Le Pen“, warnte EU-Währungskommissar Pierre Moscovici dem Freitag. „Sie möchte deswegen möglichst viele Franzosen von der Wahl abhalten.“

Moscovici steht umringt von Fernsehjournalisten im Haus der Chemie, unweit der französischen Nationalversammlung. Er und einige Genossen der Parti Socialiste haben an diesem Abend ein Tabu gebrochen: Sie treten gemeinsam mit ihren konservativen Konkurrenten von „Les Républicains“ auf einer Bühne auf, um ihre Landsleute an die Urnen zu rufen – und um vor dem Front National zu warnen.

Der Wahlaufruf gilt dem Politnovizen der liberalen Bewegung „En Marche!“: „Alle, die an Europa, an die Demokratie und an unsere republikanischen Werte glauben, müssen am Sonntag Macron wählen“, sagte Moscovici. Sogar der Linke Jean-Luc Mélenchon, der zunächst keine Wahlempfehlung abgeben wollte, hatte schließlich seine Unparteilichkeit aufgegeben. Er warnte vor einer Wahl Le Pens.

In der Ipsos-Umfrage konnte Emmanuel Macron zuletzt kräftig zulegen. Demnach erringt er 63 Prozent, ein Plus von vier Prozent binnen einer Woche. Auf Le Pen kommen demnach nur 37 Prozent der Stimmen. Das TV-Duell könnte Macron den entscheidenden Vorsprung gebracht haben.

Macron half der Fernsehauftritt

Dass er überhaupt den Dialog gesucht hat, ist in der politischen Klasse Frankreichs nicht selbstverständlich. Jacques Chirac hatte ein TV-Duell mit Jean-Marie Le Pen, dem Vater von Marine, 2002 noch abgelehnt. Nicht einmal die proeuropäische Robert Schumann Stiftung hatte einen Versuch gemacht, Marine Le Pen oder ihre Anhänger persönlich von den Vorteilen des Euro und der EU-Mitgliedschaft überzeugen. „Wir wollen keinen Kontakt mit dem Front National“, erklärte Stiftungspräsident Jean-Dominique Giuliani.

Macron hatte Le Pen im Duell mehrmals auf Ungenauigkeiten hingewiesen. Er punktete beim Thema Sicherheit. Wo sie vorschlug, die Grenzen Frankreichs zu schließen und Ausländer abzuschieben, fragte er, warum sie im Europaparlament gegen gemeinsame Anti-Terror-Gesetze gestimmt habe. Wo sie behauptete, er würde eine „ungehemmte Globalisierung“ befürworten, zerlegte er ihren Vorschlag, aus dem Euro auszutreten.

Macron, von 2014 bis 2016 Wirtschaftsminister unter François Hollande, will für den Fall eines Sieges so schnell wie möglich eine Arbeitsmarktreform umsetzen. Ein Mitglied seines Wahlkampfteams nannte sogar einen Zeitplan – „bis Anfang 2018“. Macron will etwa an die Pensionen, die Arbeitslosenversicherung und die Arbeitszeiten ran: Forderungen von linker Seite, die versprochenen harten Maßnahmen nach der ersten Wahlrunde aufzuweichen, hatte der En-Marche-Kandidat eine Abfuhr erteilt.

Er wolle zudem eng mit der Bundesrepublik zusammenarbeiten, sagte der Vertraute dem Freitag. „Ein großes Problem der vergangenen zehn Jahre war, dass es in den deutsch-französischen Beziehungen an Vertrauen mangelte.“ Und wenn es am Sonntag doch nicht reicht – und Le Pen gewinnt?

„Das wäre noch viel schlimmer als Donald Trump.“ Das sagt Ex-Europaministerin Noëlle Lenoir, erste Richterin im französischen Verfassungsgericht, die selbst einmal als erste Frau ganz oben angekommen ist. Sie findet, Frankreich leide an schwachen Institutionen. Das Parlament kontrolliere die Regierung nicht wirksam. Das Verfassungsgericht dürfe keine Verfassungsgesetzte überprüfen. „Die Fünfte Republik ist eine Bonaparte-Präsidentschaft“, sagt Lenoir – ein Rechtspopulist könne da großen Schaden anrichten.

In der Esplanade des Invalides sieht die 70-jährige Rentnerin Sabine Le Duault das ganz anders. „Le Pen wird nicht gewinnen.“ Hätte man in den USA die Stimmen der „echten Leute“ gezählt und nicht die der Wahlmänner, dann wäre Donald Trump doch nie Präsident geworden, sagt Duault. Sie ist sich sicher: „Unsere Republik ist stark genug, die extreme Rechte in Europa nun endlich zu stoppen.“

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Die Recherche wurde durch die Robert Bosch Stiftung finanziert

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10:22 06.05.2017

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