Jörn Dege
18.03.2011 | 11:50 2

Die Soko-Leipzig-Literatur

Literarische Debüts Manche groß angekündigten Debüts wären dieses Jahr besser in der Schublade geblieben. Ein paar haben wir dann doch gefunden, die ein Gewinn für den Leser sind

Es ist Praxis, Debüts wohl­wollend zu besprechen. Sollte das nicht möglich sein, ­ verfällt die Kritik ins Gegenteil

Neue Stücke werden „uraufgeführt“, Kinofilme „laufen an“. Bei Kunstausstellungen gibt es eine „Vernissage“, was von Firnis kommt, der abschließenden, schützenden Schicht eines Gemäldes, dessen Wirkung auf die Farben stets ein schwer kalkulierbares Risiko darstellte. In der Literatur spricht man vom „Erscheinen“ neuer Bücher, was zunächst einmal bedeutet, dass sie wahrnehmbar werden. Doch ist es zu leugnen, dass bei „Erscheinung“ auch etwas von Vision und Traumbild mitschwingt? Literarische Debüts sind Erscheinungen der besonderen Art, denn sie sind Neuerscheinungen im vollen Wortsinn: Die einmalige Möglichkeit anzufangen, die erste, selbstgesetzte Markierung, für viele Autoren das schwierigste und zeitlebens wichtigste Buch.

Die Leipziger Buchmesse mit ihrem Literaturfestival „Leipzig liest“ gilt unter Autoren und Verlegern als die beste Gelegenheit des Jahres für deutschsprachige Erstlingswerke. Umso verwunderlicher ist da der Blick in die diesjährigen Frühjahrsprogramme: Ob Fischer, Suhrkamp, Beck, Rowohlt, DTV, Luchterhand, Berlin, DuMont, Aufbau, Schöffling – die allermeisten einschlägigen Häuser machen erst: gar keins. Entsprechend viel erhofft man sich von den wenigen Neulingen, zumal von jenen aus dem erzählenden Fach. Doch, um es gleich zu sagen, die so oft bemühte „literarische Landschaft“ wäre, gemessen an den aktuellen Prosadebüts, ähnlich öde wie das Leipziger Umland im März: In erster Linie farblos, flach und unansehnlich, von wenigen Ecken abgesehen - in diesem Fall sogar nur einer einzigen, doch dazu später.

Acht Wochen verrückt von Eva Lohmann ist, was den genuin literarischen Anspruch angeht, bescheiden. Der „autobiographische Roman“ erzählt von Lohmanns Alter Ego Mila, die für acht Wochen in eine psychosomatische Klinik eingewiesen wird, nachdem sie depressiv wurde oder, wie es heißt: „gefühllos wie ein eingeschlafener Arm“. Die anderthalb Seiten des stummen Zusammenbruchs der 27jährigen, dem plötzlichen Abschalten im Büro, gehören zu den wenigen interessanten Stellen: „Der Computer hielt noch eine Weile durch, dann erschien auch bei ihm der Bildschirmschoner.“ Der Rest liest sich über weite Strecken wie ein Urlaubstagebuch mit kommentierten Fernsehfilm-Dialogen. Der Ton ist dabei selbstkritisch-ironisch, was auflockernd und witzig sein soll, wodurch aber vor allem gängige Klischees bedient und Figuren mit ihren Erfahrungen verharmlost werden. Gleich zu Beginn wird eine der mit Mila neu Eingelieferten als „menschgewordenes Bambi“ beschrieben und eine weitere Frau als „aufgeregtes Huhn in nicht artgerechter Umgebung.“

Hochkomplexe Inzestgeschichte

Spätestens bei der Gruppensitzung in Woche drei, wo sich „das Huhn“, drei „top angezogene“ Manager und die „blöde Eso-Anette“ mit Mila und dem Therapeuten über mögliche Gründe von Tablettensucht unterhalten, schwindet die Hoffnung auf etwas unter der Oberfläche: „An den Begriff tablettensüchtig kann ich mich jedenfalls nicht so richtig gewöhnen. Bin ich wirklich süchtig? Oder wird mir das nur eingeredet? Werde ich nun richtig verrückt?“ Durch diesen lapidaren Tonfall entsteht eine falsche Souveränität, die weder Reflexionsspielraum noch Empathie zulässt. So ist Acht Wochen verrückt lediglich ein plaudernder Erlebnisbericht. Aber, das muss man dem Buch zugute halten: Mehr will es auch gar nicht sein.

Das kann man von Katharina Borns Familienroman Schlechte Gesellschaft nicht behaupten. Wenn man als Tochter des bekannten, früh verstorbenen Schriftstellers Nicolas Born ein Buch schreibt, worin ausgerechnet die Tochter eines bekannten, früh verstorbenen Schriftstellers eine zentrale Rolle spielt, ist klar: Hier macht es sich jemand nicht einfach. Mulmig wird einem dann, wenn man merkt, dass auf mindestens vier nebeneinander laufenden, permanent wechselnden Zeitebenen die deutsche Geschichte ab circa 1865 bis heute anhand einer Familiengeschichte nachgebildet werden soll – inklusive Kaiserreich, Erstem Weltkrieg, Besatzungszeit, Naziverbrechen, Emigration und 68er-Revolte.

Und das auf 265 Seiten. Wenn sich dann aber dieses Jahrhunderte umspannende Familienportrait mit den vielen, größtenteils sehr verwechselbaren Figuren als hochkomplexe Inzestgeschichte entpuppt, dessen Verwicklungsgrad jede Seifenoper in den Schatten stellt, bleibt nur aufrichtige Ratlosigkeit. Stichwort Seifenoper: Als wäre das alles nicht genug, wird die Familiengeschichte durch eine Fernsehserie gespiegelt, die gleichzeitig die Verfilmung eines Romans des verstorbenen Schriftstellers sein soll. Und obendrein wird die inzestuöse Familientradition in einem wiederentdeckten, halb autobiographischen Manuskript desselben Schriftstellers kodiert, ein „Schlüsselroman“ im Roman, um den auch noch ein sperriger Nachlasskrimi gezimmert wird. Nein, Schlechte Gesellschaft ist nicht überladen. Hier werden, was das betrifft, neue Maßstäbe gesetzt.

Sprache und Wirklichkeit

Das Gegenteil trifft auf die Sprache zu. Ein auktorialer Erzähler hakt bieder und ungelenk eine Mini-Szene nach der anderen ab, wobei handwerkliche Fehler und stilistische Grobheiten nicht ausbleiben. Die Männerfiguren sind, bis auf wenige Ausnahmen, Stereotypen in Reinform, Statisten oder gleich beides. Und die Frauen der Familie sind vor allem: hübsch. Ihre Brüste sind „rund“, „prall und wie in vorwitziger Selbstbehauptung“, „zwei feste Kugeln“, „warm“ und immer wieder „voll“. Das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit – wohl eines der komplexesten philosophisch-poetologischen Themen – wird denkbar simpel verhandelt: „Mehrere Gedanken, die er (der Schriftsteller) jetzt hatte, musste er verwerfen, weil sie zu kitschig waren, um aufgeschrieben zu werden, weil sie über dieses eine, echte Gefühl nicht hinausgingen.“

Es ist Praxis, Debüts tendenziell wohlwollend zu besprechen. Sollte das einmal nicht möglich sein, verfällt die Kritik häufig in das Gegenteil einer mehr oder minder unsachlichen Autorenschelte. Tatsache ist, dass in so einem Fall viel zu wenig nach den Verantwortlichen im Hintergrund gefragt wird. Denn gerade Debüts sind oft langwierige Gemeinschaftswerke von Autor, Verleger, Agent und Lektor. Es kann ja durchaus sein, dass solche Bücher geschrieben werden. Die Frage ist: Warum werden sie gedruckt? Und zwar nicht etwa im Selbstverlag sondern, wie hier, bei Hanser. Anstatt ein Debüt als das zu begreifen, was es sein sollte (ein gewagtes verlegerisches Prestigeobjekt, die einzigartige Möglichkeit, literarisches Neuland zu erschließen) entscheidet sich einer der renommiertesten deutschen Verlage dazu, eine Art Buddenbrooks auf Soko-Leipzig-Niveau zu veröffentlichen. Wie konnte das passieren?

Minimalismus

Doch dann – endlich – Literatur: „Als ich elf Jahre alt war, wollte ich sterben und schluckte das Kupfersulfat aus dem Kosmos-Chemiekasten, den mein Bruder zum Geburtstag bekommen hatte.“ So beginnt die erste von neun Erzählungen in Das weiße Meer von Stefanie Sourlier und sofort befindet man sich in diesem spezifisch literarischen Kraftfeld: „Nachdem Paul die Herstellung von Plutonium nicht gelungen war, blieb der Chemiekasten unberührt unter seinem Bett liegen. Auch mein erster Versuch misslang.“ Das ist von derselben leuchtenden, kristallinblauen Kälte wie das titelgebende Kupfersulfat.

Unabhängig von den wechselnden Identitäten der stets weiblichen Ich-Erzählerin, sind es die gleichen Erzählmuster, die hier fortschreibend variiert werden: Eine chronologisch angelegte Rahmenhandlung wird durch scheinbar autarke, erinnerte Binnenerzählungen durchbrochen. Auch die Konstellation der Figuren ändert sich kaum. Ihr Verhältnis zueinander gleicht einem Mobile von undurchsichtiger Bauart, das durch einen äußerlichen Impuls allmählich in Bewegung gerät. Von der Schlichtheit der Sprache sollte man sich dabei nicht täuschen lassen. Sourlier beherrscht die Kunst, mit möglichst bescheidenen Mitteln eine umfassende Schwingung zu erzeugen, wie in der Geschichte, die mit dem Selbstmord des „lustigen“ Freundes beginnt: „Der Bruder meines lustigen Freundes sprach mir auf die Mailbox, sagte, dass meine Nummer die letzte sei auf der Rechnung, um drei Uhr sechsundfünfzig, zwei Stunden vor Eintreten des Todes um sechs Uhr früh.“

Darin spiegelt sich die Tradition des literarischen Minimalismus, der durch Raymond Carver, in Rückbezug auf Hemingway, perfektioniert wurde, bevor er Jahrzehnte später durch Judith Hermann in Deutschland großen Einfluss erlangte. Zugegeben, an manchen Stellen kommen einem diese trostlosen Urlaubsreisen, das stumme Zusammentreffen mit dem traurigen Nachbar oder überhaupt diese alltagspoetische Kontaktunfähigkeit schon sehr bekannt und harmlos vor. Doch immer wieder wagt sich Sourlier aus dieser lakonisch ausgeleuchteten Melancholie hinaus, wird surreal, abgründig, angreifbar.

Also doch noch eine echte literarische Neu-Erscheinung. Kein verkappter Erlebnisbericht, kein didaktisch-dokumentarisches „Fenster zur Welt“ oder ein „spannend“ dahererzähltes Möchtegern-Drehbuch, sondern ein Beispiel für literarische Erzählkunst. Nicht mehr, aber vor allem nicht weniger.

Acht Wochen verrückt. RomanEva Lohmann Piper Verlag 2011, 208 S., 16,95 €

Schlechte Gesellschaft. Eine Familien­geschichteKatharina Born Carl Hanser Verlag 2011, 272 S., 19,90 €

Das weiße Meer. Erzählungen Stefanie Sourlier Frankfurter Verlagsanstalt 2011, 170 S., 19,90 €

Jörn Dege ist Redakteur der Zeitschrift

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und Student des Leipziger Literaturinstituts (DLL)

Kommentare (2)

Hayal 20.03.2011 | 11:30

Jeder, der eine Kritik schreiben möchte/muss, sollte vorher Majakowskis Ausführungen über Maßstäbe guter Dichtung zur Hand nehmen. Oder, wer stilistisch nicht so anspruchsvoll ist, kann auch zu Kants Ausführungen über objektive Kriterien von "guter/schlechter Kunst" greifen. Danach sähe vermutlich so manch eine Kritik anders aus--ist jedenfalls zu hoffen.

Die Literaturkritik von Jörn Dege hinterlässt bei mir als Leserin den Eindruck, als wolle er mit "objektiven Kriterien guter/schlechter Literatur" die Bücher beurteilen, die er hier bespricht. Nach der genannten Lektüre von Majakowski und Kant bekommt man eine andere Perspektive, die meiner Meinung nach der Kunst/Literatur eher gerecht wird.