Die Spur des Geldes

NSU Ein abgetauchter V-Mann bringt den Verfassungsschutz in Bedrängnis: Warum bekam er einen so hohen Agentenlohn?

Wer in die Wälder der schwedischen Provinz Värmland aufbricht, um dort eine der schillerndsten Figuren der früheren Thüringer Neonaziszene zu seinen Kontakten zum NSU-Trio zu befragen, kommt zu spät. Michael Doleisch von Dolsperg hat seinen Ökohof Snaret – auf Deutsch Gestrüpp – verkauft. Einen Tischlereibetrieb hat er jetzt aufgemacht, an einem anderen Ort in Schweden. Er will dort ein neues Leben beginnen, wieder einmal. Aber die Vergangenheit lässt ihn nicht los, wohl schon bald wird ihn das Oberlandesgericht in München als Zeugen im NSU-Prozess laden. Und auch ein neuer NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags, der immer wahrscheinlicher wird, dürfte sich für den langhaarigen, bärtigen Mann interessieren. Denn von Dolsperg, der in den 90er Jahren Michael See hieß und der führende Neonazi in Nordthüringen war, gehörte als V-Mann „Tarif“ zu den Topquellen des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) im Umfeld des NSU-Trios.

Erst Anfang Oktober vergangenen Jahres, nach dem Ende des NSU-Untersuchungsausschusses, war von Dolsperg als ehemaliger V-Mann enttarnt worden. Der Neonazi hatte demnach unter dem Decknamen „Tarif“ von 1995 bis mindestens 2001 mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz kooperiert. Faktisch unter den Augen des Inlandgeheimdiensts publizierte er zudem jahrelang die rassistische Nazipostille Sonnenbanner. Ein Exemplar dieses Blatts wurde auch in der 1998 ausgehobenen Bombenwerkstatt des NSU-Trios in Jena gefunden. In Artikeln des Sonnenbanner wird unter anderem das – vom NSU später umgesetzte – Konzept autonomer Kämpferzellen propagiert, die im Untergrund das demokratische System bekämpfen.

In einem von von Dolsperg verfassten Text mit dem Titel Das Ende oder Neuanfang heißt es etwa: „Daher haben wir den Weg gewählt, der am schwierigsten, am unbequemsten und am steinigsten ist: den Untergrund, die autonomen Zellenstrukturen (…) Wir wollen die BRD nicht reformieren – wir wollen sie abschaffen.“

In einem Schreiben an das Bundeskriminalamt vom 13. Februar 2013 zitiert der Verfassungsschutz diese Passage und Ausschnitte weiterer Artikel aus dem Sonnenbanner. Fazit der Beamten: „Bemerkenswert sind die ideologischen nationalsozialistisch motivierten Artikel im Sonnenbanner zu den Themen Zellenprinzip, Agieren im Untergrund, konspiratives Verhalten und elitäres Selbstverständnis (…) Die späteren Taten des NSU weisen zumindest keinen Widerspruch zu diesen o. g. Verhaltensmustern auf.“

Kontakt zum Trio

Die Chuzpe, mit der das Bundesamt diese Bewertung trifft, ist verblüffend. Nicht nur, dass See alias von Dolsperg das Sonnenbanner als V-Mann unter den Augen des Bundesamts publizierte. Folgt man der Darstellung des seit zwölf Jahren in Schweden lebenden Neonazis, dann haben seine Verbindungsführer vom Verfassungsschutz sogar regelmäßig diese Artikel vor Drucklegung redigiert. „Das BfV bekam alle Ausgaben (des Sonnenbanner) von mir vorab“, sagte von Dolsperg im Februar dem Spiegel-Reporter Hubert Gude. Änderungswünsche vom Bundesamt habe es demnach bis auf eine Ausgabe, bei der es um die Gestaltung des Titelblatts ging, nie gegeben. Bezahlt habe er die Produktion der Hefte zum Teil von seinen V-Mann-Honoraren.

In seiner achtstündigen Vernehmung durch die Bundesanwaltschaft am 10. März 2014 ging der ehemalige V-Mann in seinen Aussagen über die Zusammenarbeit mit dem Bundesamt sogar noch weiter. Demnach habe er 1998, kurz nach dem Abtauchen des Trios, einen wichtigen Hinweis dazu an das BfV weitergegeben, ohne dass dieser weiterverfolgt wurde. Laut von Dolsperg habe ihn damals der mit ihm befreundete Jenaer Neonazi André Kapke angerufen, nach 1998 einer der wichtigsten Fluchthelfer von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Kapke habe ihn, von Dolsperg, um Hilfe bei der Suche nach einem Unterschlupf für die drei Gesuchten gebeten. Der V-Mann will damals unmittelbar nach dem Anruf seinen Verbindungsführer „Alex“ vom BfV angerufen und über die Kapke-Anfrage informiert haben. „Als mich Alex später zurückrief, teilte er mir mit, dass ich für den Fall eines Rückrufs sagen soll, dass ich für die drei nichts habe“, sagte von Dolsperg laut Vernehmungsprotokoll. Begründet habe sein Verbindungsführer dies laut von Dolsperg mit der Bemerkung, da würden sich schon andere drum kümmern.

Die Aussagen von Dolspergs bringen das BfV in Erklärungsnot. Warum hatte der Verfassungsschutz auf die Möglichkeit verzichtet, über seinen V-Mann (VM) „Tarif“ dem Trio eine Falle zu stellen? Und bei wem lag damals die Entscheidungshoheit zu dem Fall? Hinweise könnte vielleicht die V-Mann-Akte von Dolspergs geben – aber die wurde am 11. November 2011, nur eine Woche nach dem Auffliegen des NSU-Trios, im Bundesamt vernichtet.

Bereits drei Tage zuvor, am 8. November, hatte der für Beschaffung zuständige Referatsleiter im Bereich Rechtsextremismus, Lothar Lingen, die „Tarif“-Akte zusammen mit sechs anderen, eher unwichtigen VM-Vorgängen zur Vernichtung ausgewählt. Es war der Tag, als sich Beate Zschäpe der Polizei gestellt hatte und der damalige BfV-Chef Heinz Fromm amtsintern eine „detaillierte Aufarbeitung“ der Aktivitäten im Zusammenhang mit dem untergetauchten Trio in Auftrag gab. Lingen ordnete jedoch lediglich an, die zur Vernichtung ausgewählten VM-Akten daraufhin zu überprüfen, ob darin die Namen von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe auftauchen. Dies war angeblich nicht der Fall, bei keinem der sieben überprüften V-Leute, die alle aus der Thüringer Naziszene stammten. Dabei müssten diese Namen doch zumindest bei „Tarif“ auftauchen, da er nach eigenen Angaben 1999 noch einmal ausdrücklich mit einer Informationsbeschaffung zum Trio beauftragt worden war. Sollte das in seiner eigentlichen VM-Akte nicht vermerkt worden sein? Vielleicht weil die Informationen über die drei Flüchtigen in einen gesonderten Aktenvorgang des BfV einflossen?

Nach dem Bekanntwerden der Schredderaktion im Juni 2012 versuchte das Bundesamt für Verfassungsschutz, die vernichteten Akten zu rekonstruieren. Nach offizieller Darstellung soll das weitestgehend geglückt sein. Ein vom Untersuchungsausschuss beauftragter Sonderermittler musste allerdings einräumen, dass sowohl Treffberichte als auch Quittungen der V-Leute nicht wiederherstellbar seien. Was die Bezahlung der Quellen anbelangt, gebe es allerdings ein Zentralregister. Daraus ließe sich entnehmen, welche Zahlungen an welchem Tag geleistet worden seien – ob dies aber immer stimme, ließe sich wegen der vernichteten Quittungen nicht mehr nachprüfen.

Auch dieses Detail birgt eine gewisse Brisanz. Denn laut Zentralregister soll der V-Mann „Tarif“ zwischen 1995 und 2001 insgesamt 66.000 D-Mark kassiert haben, also durchschnittlich rund 9.500 Mark pro Jahr. Von Dolsperg selbst hatte dem Spiegel hingegen gesagt, er habe zwischen 500 und 600 Mark monatlich vom BfV bekommen – das wären im Jahr aber nur zwischen 6.000 und 7.200 Mark Spitzellohn.

Ein ganz neuer Verdacht

Und noch etwas ist seltsam: Von Dolsperg gab bei der Bundesanwaltschaft an, 2001 von sich aus die Zusammenarbeit mit dem BfV beendet zu haben und mit seiner Frau nach Schweden ausgewandert zu sein. Es hätten keine Treffen mehr stattgefunden, allerdings sei er vom Bundesamt auch nicht formal entpflichtet worden. Spiegel-Reporter Gude, der im September 2012 Kontakt mit ihm aufnahm, habe ihm jedoch vorgehalten, bis 2003 als VM gearbeitet zu haben – „was definitiv nicht stimmen konnte“, wie von Dolsperg in der Vernehmung vom März 2014 sagte. Der Spiegel-Reporter habe ihm auch was von einem Auto im Wert von 15.000 DM erzählt, das der V-Mann vom Verfassungsschutz bekommen haben soll – auch das soll laut „Tarif“ nicht stimmen.

Wenn die Aussagen von Dolspergs zutreffen sollten, ergibt sich ein ganz neuer Verdacht: Sind unter dem V-Mann-Konto von „Tarif“ getarnte Zuwendungen auch an andere Personen – weitere Quellen oder BfV-Mitarbeiter – abgerechnet worden? Und ist das womöglich der Grund für das Schreddern der „Tarif“-Akte?

Bemerkenswert ist jedenfalls die Aufregung, die die Kontaktaufnahme des Spiegel mit von Dolsperg im September 2012 offenbar im BfV auslöste. Kurz nach dem Telefonat mit dem Journalisten hatte „Tarif“ im Bundesamt in Köln angerufen, wie er später der Bundesanwaltschaft schilderte. Noch am selben Tag habe sich dann „Alex“ bei ihm gemeldet und zu einem Treffen wenige Tage später nach Volkach in Bayern eingeladen. Bei diesem Treffen, an dem neben „Alex“ zwei weitere Mitarbeiter des Verfassungsschutzes teilgenommen hätten, habe der Ex-V-Mann um Schutz für seine Person und eine neue Identität gebeten. „Die BfV·Leute sagten, jetzt warten wir erst einmal ab, ob der Spiegel eine Geschichte über dich macht“, erzählte von Dolsperg bei seiner Vernehmung durch die Bundesanwaltschaft. „Mir ist ferner erklärt worden, dass das BfV Herrn Gude gebeten habe, nicht über mich zu berichten. Und dann war tatsächlich Ruhe.“

Hat das Kölner Bundesamt wirklich Einfluss auf die Berichterstattung des Hamburger Magazins genommen? Seinerzeit erschien dort jedenfalls kein Artikel über „Tarif“. Spiegel-Reporter Gude, der im September 2012 mit dem ehemaligen V-Mann gesprochen hatte, erklärte auf Anfrage, man habe auf Bitten von Dolspergs von einer Veröffentlichung abgesehen. Ob sich auch das BfV damals in der Redaktion gemeldet habe, wollte Gude nicht sagen. „Über vermeintliche oder tatsächliche Rechercheinhalte äußert sich der Spiegel aus grundsätzlichen Erwägungen nicht“, teilte er mit. Der erste Spiegel-Artikel zu von Dolsperg erschien im Februar 2014.

Vier Monate zuvor, am 3. Oktober 2013, hatten die Berliner Zeitung und das MDR-Magazin Fakt die Identität des V-Manns „Tarif“ enthüllt. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags hatte zu diesem Zeitpunkt längst seine Arbeit beendet. Wäre von Dolsperg bereits 2012, nach der Kontaktaufnahme des Spiegel mit dem Ex-V-Mann, enttarnt worden, hätte sich der Ausschuss ganz gewiss intensiv mit diesem Vorgang befasst – und das BfV in neuerliche Erklärungsnöte gebracht.

06:00 22.10.2014
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 6