Die Stadt auf dem Hügel

Wie sie wurden, was sie sind Amerikas Anfänge und die Ideologie der Puritaner

"Wir haben keinen Zweifel, dass Gott mit uns sein wird, und wenn Gott mit uns ist, wer kann sich dann gegen uns stellen...." Es klingt wie ein George Bush-Zitat, aber die Worte stammen aus dem 17. Jahrhundert von einem Vordenker der Puritaner. Missionarische Selbstgewissheit gepaart mit religiösem Messianismus hat eine verblüffend lebendige Tradition in Amerika. Schon 1620, noch während der Kolonialzeit, findet sich bei den Puritanern die tief verwurzelte Überzeugung, das von Gott auserwählte Volk zu sein - fähig, der sündigen Menschheit das Heil zu bringen.

Im Gelobten Land, dem promised land an der Massachussetts Bay, wo heute Boston liegt, erbauten die aus dem anglikanischen England geflüchteten rigorosen Protestanten seinerzeit ihr "neues Jerusalem", die gottgefällige Stadt auf dem Hügel, "the city upon a hill". Kaufleute konnten hier dem frönen, was ihre calvinistische Religion sie gelehrt hatte und wovon der Made in America-Kapitalismus bis heute profitiert: Von der in einer protestantischen Leistungsgesellschaft gehegten Überzeugung, dass persönlicher Wohlstand ein Zeichen der Gnade Gottes ist und der Fleißige es leichter hat, in den Himmel zu kommen.

Auch wenn es ihn als offiziell anerkannte Glaubensrichtung heute nicht mehr gibt - als ambitionierte, moralingesättigte Geisteshaltung überlebt der Puritanismus ungebrochen in der US-Gesellschaft. Bestes Beispiel: die lüsterne Bigotterie, mit der sich das puritanische Amerika über Bill Clintons Affäre mit Monika Lewinsky empörte und gleichzeitig nicht genug kriegen konnte von schlüpfrigen Berichten in den Medien. Dazu passt auch die demonstrativ zur Schau getragene Prüderie von Ex-Justizminister John Ashcroft, der sich nur mit der Göttin Justitia ablichten ließ, als ihr steinerner Busen verhängt war.

Berufen, die sündige Welt zu retten

Historiker schwanken heute zwar erheblich in der Deutung des geistigen Erbes der Puritaner, aber sie sind sich einig, dass die vor Satan, Hexen und um ihr Seelenheil zitternden Immigranten von einst dem amerikanischen Nationalcharakter eine spezifische Prägung gegeben haben. Ein typisch puritanisch geprägter Yankee pocht auf Unabhängigkeit, self reliance, ohne die "community" zu vergessen. Charakterzüge, die viel tiefer gehen als die gewöhnlich zur Karikatur verkümmerten Puritaner-Gestalten mit den hohen schwarzen Hüten vermuten lassen.

Der Schriftsteller John Updike hat sie in seinem Essay Porträt einer Nation gewürdigt. Als waschechter Yankee beginnt er mit der Frage "Gibt es ›das amerikanische Gesicht‹?" und fährt fort: "Wenn es so etwas wie das amerikanische Gesicht gibt, hat es sich geformt, als jene strenggesichtigen englischen Puritaner in Neu England landeten und sich zu arrangieren versuchten mit dem steinigen, bewaldeten Land und den amerikanischen Ureinwohnern ... Wir finden unter ihnen wenig weichliche Gesichter mit dem arroganten herablassenden Blick der englischen Aristokraten wie Van Dyck und Gainsborough sie gemalt haben und auch nichts von der Fröhlichkeit, wie man sie bei den niederländischen Genre-Malern findet."

Wer waren die Puritaner, was trieb sie über den Atlantik, und worauf gründete sich ihr Glaube?

Ihre Geschichte beginnt mit den radikalen Pilgervätern. Enttäuscht von der reformatorischen Laxheit der anglikanischen Kirche Englands suchten die auf religiöse Reinigung - auf Purification - versessenen Pilgrims ihr Heil erst in Holland und dann jenseits des Atlantik. Den Mut zu der weiten, gefährlichen Reise verlieh ihnen ihr glühender Glaube an das unverfälschte Wort der Bibel. Die Puritaner hingen der calvinistischen Prädestinationslehre an: das Schicksal des von Geburt aus sündigen Menschen war von Gott vorher bestimmt. Die Rettung seiner Seele hing von Gottes Gnade ab. Dem calvinistischen Puritanismus lag zudem die Idee der Exklusivität zugrunde. Die Puritaner sahen sich als moralische Avantgarde, sie waren durchdrungen vom alttestamentarischen Glauben, das auserwählte Volk zu sein - das neue Israel.

1620 nahmen die Pilgerväter an Bord der Mayflower Kurs auf Amerika. Sie landeten um einiges nördlicher als geplant am viel zitierten Plymouth Rock. Jedes Schulkind kennt die Story. Schließlich rührt aus dieser Zeit der höchste Feiertag: das mythische Thanksgiving, an dem die Amerikaner ihre heilige Gründungsgeschichte mit einem üppigen Truthahn-Dinner feiern. Auch meine Nachbarn, die Richards in Linden, Virginia, pflegen diese Tradition. Die Töchter Lena und Maya kennen die historischen Thanksgiving-Zutaten bis ins kulinarische Detail. Man nehme Pilger und Pumpkins, Cranberry-Sauce und Corn und viel Salat. Lena Richards: "Ich weiß nicht, wie es bei anderen Leuten ist, aber bei uns gibt es zum Turkey Schinken und süße Kartoffeln, Ananas und braunen Zucker und Pudding, viel Pudding."

Die Thanksgiving-Legende vom friedlichen Miteinander der Ureinwohner und Immigranten gehört zu den Fundamenten des amerikanischen Nationalbewusstseins, auch wenn die den Pilgervätern folgenden Puritaner-Generationen ein von Anfang an gespanntes, letzten Endes fatal feindliches Verhältnis zu den Indianern unterhielten. Professor Adam Rothman, Historiker an der Georgetown University in Washington meint: "Die Puritaner hielten die Indianer für Wilde und unternahmen Schritte, sie zu zivilisieren. Vieles, was sie versuchten, hatte üble Folgen und endete in Gewalt. Letzten Endes hat das puritanische Neu-England die eingeborenen Stämme der Kolonien regelrecht vernichtet. Ich denke, die Puritaner rechtfertigten diese Tatsache mit ihrer üblichen Begründung: Was geschah, war der Wille Gottes."

Weniger Wert als ein Schaf

Nach der Überfahrt der Mayflower stachen zehn Jahre später, am 8. April 1630, von Southampton aus elf Schiffe mit ähnlicher Mission in See. Allen voran die Arbella mit dem Rechtsgelehrten und Prediger John Winthrop an Bord, die treibende Kraft hinter diesem Exodus. Nicht alle Passagiere waren wie er vom Feuer des reinen Glaubens durchdrungen, die meisten der etwa 500 Auswanderer dachten weniger an ihr Seelenheil als an Milch und Honig in Winthrops "Gelobtem Land". Sie folgten ihm, weil er sich als Prediger schon in England um das Los der Armen gekümmert hatte. "Es ist nun so, dass Kinder, Diener und Nachbarn, vor allem wenn sie arm sind, als größte Last betrachtet werden... Unser Land ist seiner eigenen Bewohner überdrüssig geworden. Es ist, als ob der Mensch, das höchste aller Lebewesen, niederer und nichtswürdiger wäre als der Staub, auf den wir treten, und weniger Wert hätte als ein Pferd oder ein Schaf", schrieb Winthrop 1629.

Mit seinen großen Überredungskünsten schaffte er es, dass die in Amerika ihr Glück suchenden Siedler bereit waren, das Gemeinwohl - die community - über das persönliche Wohlergehen zu stellen. Winthrop wollte sie für eine gemeinsame Sinngebung begeistern, sie sollten die Verantwortung für den mit Gott geschlossenen Vertrag - den covenant - übernehmen: "So steht es zwischen Gott und uns: wir haben ein feierliches Abkommen mit ihm geschlossen. Jetzt gibt es nur einen Weg: Wir müssen rechtschaffen sein und gnädig. Wir müssen in Demut mit unserem Gott wandeln."

Aus Winthrops beachtlichem rhetorischen Fundus stammt unter anderem das Gleichnis von "der Stadt auf dem Hügel". Ein Bild, das noch heute bemerkenswerte Strahlkraft besitzt. Auf der Überfahrt, an Bord der Arbella, predigte er seinem Völkchen: "Wir dürfen nicht vergessen, dass wir sein werden wie eine Stadt auf dem Hügel. Die Augen aller sind auf uns gerichtet. Wenn wir den Plan Gottes nicht erfüllen und Gott uns seine Unterstützung entzieht, wird die ganze Welt ein schlechtes Beispiel in uns sehen."

Die "Stadt auf dem Hügel", das Sinnbild puritanischer Verheißung, gehört heute zum Standard-Vokabular amerikanischer Präsidenten . Die "City upon a Hill" wird gern beschworen, wenn sie kommen und gehen. Für Kennedys Amtsantritt war Winthrops Metapher geradezu maßgeschneidert - schließlich war er ein Sohn des Staates Massachusetts. Auch Ronald Reagan beschwor 1989 die "Stadt auf dem Hügel". In seiner Abschiedsrede verwandelte er das religiöse Symbol in eine Erfolgsstory des Kapitalismus. Der große Kommunikator feierte eine strahlende Handelsstadt, "von Gott gesegnet, hoch über den Wellen, jedem Sturme trotzend..."

In der Wildnis von Neu-England unternahm das auserwählte Volk der Puritaner die größten Anstrengungen, den göttlichen Plan zu erfüllen und ein Leben in christlicher Rechtschaffenheit zu führen. Tägliche Bibellektüre war Pflicht und Freude, sie pflegten Tugendhaftigkeit, Bescheidenheit und Fleiß. Familie, Erziehung und besonders Bildung wurden groß geschrieben in Massachusetts 1635 bauten sie die erste Lateinschule, ein Jahr später, für den Prediger-Nachwuchs, das Harvard-College. Auch wenn Denken und Tun um die Bibel kreisten, war das Puritaner-Dasein keineswegs freudlos. Professor Rothman: "Es stimmt schon, dass die Puritaner ernsthafte Leute waren, ihre Religion verlangte das. Zu gleicher Zeit glaubten sie aber, dass die von Gott geschaffene Welt gut war, und man sich an ihr erfreuen sollte. Also kleideten sie sich gut, legten Wert auf gutes Essen und Trinken, blieben aber immer maßvoll. Ich glaube nicht, dass sie sich die Freuden des Lebens versagten. Davon zeugen - auch wenn man das den Puritanern vielleicht nicht anhängen sollte - das frühe Heiratsalter und all die unehelichen Geburten in Massachusetts."

Die Hexen von Salem

Ein Höhepunkt puritanischer Dramatik, überliefert in einer als "Jeremiade" bekannt gewordenen literarischen Form, ist dem Journal der Mary Rowlandson zu verdanken. Die 40-jährige Hausfrau war 1675 mit ihren drei Kindern von den Narragansett-Indianern gefangen genommen worden. Die wahre Geschichte der Gefangenschaft und Restoration von Mrs. Mary Rowlandson sind ihre Aufzeichnungen überschrieben. Ein Text, der zu den Inkunabeln der amerikanischen Literaturgeschichte zählt und das Genre der sogenannten captivity narratives (Gefangenschafts-Literatur) eingeführt hat.

Elf Wochen hielt der Stamm der Algonquin Mary Rowlandson gefangen. Dann wurden sie und ihre zwei überlebenden Kinder gegen ein Lösegeld freigelassen. "Höllenhunde" nennt Rowlandson die Indianer in ihrem Journal, "blutrünstige Bestien" und "barbarische Kreaturen". Daran nahm niemand Anstoß, denn die Verheißungen einer neuen christlichen Welt galten nicht für Amerikas Ureinwohner. Das Siegel der von John Winthrop gegründeten Massachusetts Bay Company zeigte zwar eine Indianergestalt, die ruft: "Kommt herüber und helft uns", aber der von den Siedlern anfangs an den Tag gelegte Missionseifer legte sich mit der Zeit. Nachdem sie von den Indianern gelernt hatten, wie man in der Wildnis überlebt, wurden die Stämme zu gefürchteten Feinden, deren Land man haben wollte.

Fast 70 Jahre dominieren die Puritaner Neu England, bevor sie sich 1692 mit den Salemer Hexenprozessen in furchtbare Schuld verstricken. Innerhalb von vier Monaten werden in Salem (Massachusetts) 19 Frauen als Hexen verbrannt oder gehängt - als "Satans williges Werkzeug". Die Puritaner bereuen zwar später ihre grauenhafte Tat, aber der psychologische Schaden sei nicht zu reparieren gewesen, meint der Historiker Gary Nash: "Ich betrachte die Salemer Hexenprozesse als das Ende des organisierten Puritanismus. Die Leute erkannten, was sie für schreckliche Dinge getan hatten, und ein Mann wie Samuel Sewall, einer der Richter in Salem, erhob sich und bekannte seinen Irrtum und seine Verwirrung öffentlich. Zu diesem Zeitpunkt kamen die Puritaner vom Wege ab. Sie verloren den Glauben an ihre Unfehlbarkeit und daran, dass sie das Licht der Welt sein könnten. Dieses ganze Konzept scheint um 1700 fast für immer verloren."

Mehr Pennsylvania als Massachusetts

Die von den Puritanern angestrebte Theokratie löst sich in der Tat in Wohlgefallen auf. Als Amerikas Gründerväter 1776 die Verfassung unterzeichnen, ist von Gott und Religion kaum die Rede. In den USA soll Religionsfreiheit herrschen, die Verfassung garantiert die Trennung von Kirche und Staat. Keine Spuren des Puritanismus in der Verfassung, doch über die Jahrhunderte eine fundamentale Hinterlassenschaft im amerikanischen Nationalcharakter. So sieht es die Kolonial-Historikerin Patricia Wald: "Das Vermächtnis der Puritaner berührt bis heute alle Aspekte unseres Lebens. Es ist erhalten geblieben in der Literatur, in der Politik und in unseren gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Jedes Mal, wenn wir diese Nation als auserwählt betrachten, als etwas Besonderes, halten wir fest an der Botschaft, die von den Puritanern aus England mitgebracht wurde."

Adam Rothmans Urteil klingt differenzierter: "Die Puritaner haben auch bedeutende Praktiken eingeführt: zum Beispiel regionale Regierungen, die Tradition von Stadtparlamenten, die vielleicht Massachusetts´ bedeutendstes Vermächtnis in der Geschichte der amerikanischen Identität sind. Dazu kommt das ›covenant‹-Konzept, zu dem wir uns alle gegenseitig verpflichtet haben. Andererseits ist für mich einer der wichtigsten Aspekte unserer Identität etwas, das fast konträr zu den Thesen des Puritanismus steht: religiöse Toleranz und Vielfalt. Hier wird es problematisch mit dem Mythos der puritanischen Anfänge Amerikas: Amerika war nie homogen. Vielleicht ist Pennsylvania ein besseres Modell für den amerikanischen Charakter als Massachusetts im 17. Jahrhundert. Ich finde wir sind heute mehr Pennsylvania als Massachusetts."


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00:00 24.12.2004

Ausgabe 38/2020

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