Die Stadt ist auf Knochen gebaut

Wolgograd in Russland Ist es den Menschen zu verübeln, wenn sie weiter Stalingrad denken?

Wolgograd ist groß, aber alles andere als aufgeregt. Über 70 Kilometer Länge zieht sich die Stadt wie ein amerikanischer Kaugummi am Ufer des Stroms entlang und ist dabei nicht breiter, als ein Mensch in einer Stunde wandern kann. Selbst im Zentrum ist es still. So still, dass man den Regen von den Dachrinnen tropfen und die Straße unter seinen Füßen hört.

Die Wolga ist bei Wolgograd schon müde. Durch viele Staustufen flussaufwärts in ihrem Lauf gebremst, sieht "Matjuschka", das Mütterchen, wie eine trübe Suppe aus. Noch 400 Kilometer bis zum Kaspischen Meer. Lustlos, als treibe sie nur alte Gewohnheit, lecken die Wellen am einbetonierten Ufer, plätschern nicht, murmeln wehleidig vor sich hin. Seit die Industrie des einst großen Sowjetreiches verhaltener wächst und weniger Abwässer fließen, hat sich die Qualität des Wassers gebessert. Im Delta kann man sogar baden, doch in Wolgograd, sagen die Wolgograder, wäre es immer noch besser, den Fluss nur zu betrachten.

Nina weiß, dass Ausländer Stalin für einen Teufel halten

Nina Salina hat eine Zuckerwattefrisur und Hände wie ein Schlachter. Blondiert, toupiert, das Kostüm sitzt zu eng. Die Nylonstrümpfe sehen aus wie aus Zeiten, in denen sie noch Perlonstrümpfe hießen, nur die Schuhe sind modern und laufen vorn spitz zu. Was Nina sagt, hat Gewicht. Zum einen ist sie Vorsitzende der Kommunistischen Partei Russlands in Wolgograd, und zum anderen redet und blickt sie, als habe Widerspruch keinen Zweck. Es ist die Festigkeit einer Liebenden. Nina Salina liebt den Georgier Josef Dschugaschwili, den man Stalin nannte. Sie liebt ihn, weil er das Land zum Sieg führte. Sie liebt ihn, weil man mit seinem Namen noch immer Wählerstimmen gewinnt. Zumindest in Wolgograd.

Natürlich weiß Nina, dass Ausländer Stalin für einen Teufel halten, und vielleicht hat sie deshalb die kleine Stalinstatue in ihrem Büro hinter der Blumenvase stehen, in der künstliche Tulpen unter grauem Staub ersticken. Wolgograd müsse wieder Stalingrad heißen, sagt sie und blickt ihrem Gegenüber dabei so fest ins Auge wie die Soldaten von Stalingrad auf den Bildern der Schlacht.

Zweifel sind angebracht, denn das neue Russland ist Hip-Hop und Schaschlik unterm Bierzelt. Am Wolga-Ufer trifft sich sommerabends die Jugend. Tanzt, trinkt, isst, telefoniert per Handy. Das Bier ist ein wenig wässrig, die Musik zu schrill, die Röcke kurz, die Ausschnitte recht tief. Die Ufertreppe ist von riesigen Kandelabern erleuchtet. Auf den Stufen schmiegen sich dünne Mädchen an Männer, die nach armen Studenten aussehen. Und Abendnebel mit feinem Geäder ziehen über den Fluss.

Als Wolgograd noch Stalingrad hieß, litt die Wirtschaft hier keine Not. Selbst als die Stadt 1961 umbenannt wurde, vergaß man den Menschen nicht, was sie als Stalingrader für das Vaterland geleistet hatten. Von der staatlichen Förderung bevorzugt, vom russischen Tourismus verwöhnt, konnte man sich nicht beklagen. Aber jetzt? Die Arbeitslosigkeit ist hoch, sagt Marina, die als Dolmetscherin arbeitet und für einen deutschen Verlag schon einen Text zu einem Buch über die Stadt geschrieben hat. Marina, die wie viele, die andere Sprachen können und andere Länder kennen, von einem Leben im Ausland träumt. Aber wird es je gehen? Da ist der Sohn, der geht zur Schule, die Mutter am anderen Ende der Stadt ist zu alt, um allein zu bleiben, und dann fließt da noch die Wolga, die einen sowieso nicht loslässt. Wolgograd ist doch Heimat, sagt Marina, selbst wenn es wieder Stalingrad hieße, was der Himmel verhüten möge, denn soviel Schatten läge auf diesem Namen, dass es einen grausen würde.

Alexander Plaxin sieht aus jungen, schönen Augen auf seine Stadt. Wahrscheinlich haben die Mädchenherzen geklopft, wenn er früher in einer Komsomolversammlung das Wort ergriff und soziale Gerechtigkeit beschwor. Als er mit knapp 26 Sekretär der Kommunistischen Partei wurde, blieb er seinen Idealen treu. "Das Helfen liegt in meinem Charakter." Die Sache mit Stalin und dem Namen, natürlich sei er dafür, sagt er eifrig und redet dann doch lieber davon, dass man den jungen Menschen Arbeit und einen Lebenssinn geben müsse. Bescheiden erzählt er, sich mit Erfolg dafür eingesetzt zu haben, dass die Kinder in der Schule Mittagessen erhalten, dass es inzwischen für Arbeitslose freie Busfahrscheine gibt, dass die Umwelt viel mehr beachtet wird als früher.

Mag sein, dass diese Geschichte wahr ist

Im Panoramamuseum wird ausgestellt, was übrig blieb von der großen Schlacht: Helme, Uniformen, Stiefel, eine Stalinorgel, Plakate, die zur Verteidigung der Stadt aufrufen, verbrannte Mauerreste. Die Toten haben Gesichter. Unter ihren Photos wird erklärt, was sie vollbracht haben. Viele starben jung, manche waren Kinder. Was das Museum noch immer nicht zeigt, ist die dunklere Seite des Vaterländischen Krieges: Tausende verhungerten oder erfroren, weil Stalins Überzeugung, die Stadt sei unverzüglich wieder befreit, schnellen Nachschub an Lebensmitteln und Kleidung verhinderte.

Hier befindet sich auch das wohl längste Bild der Welt: 120 Meter im Kreis. Mit zum Himmel gestreckten Händen flehen Verwundete um Erlösung, Sterbende öffnen die Münder zu stummen Schreien. Der Himmel ist rot und schwarz, die Erde voller Blut, die Stadt voll schlagendem Feuer, auch die Wolga brennt. Am Rande der Landschaft fliehen Frauen, Kinder und Alte - über der Wolga auf der einen Seite und den Wiesen auf der anderen Seite stürzen Kampfbomber mit Hakenkreuzen ab.

Eine Etage tiefer wird eine Ausstellung über die Atombombenangriffe der Amerikaner 1945 auf Hiroshima und Nagasaki gezeigt. Zwischen Ketten mit gefalteten Papierkranichen hängen Photos von verbrannten Körpern, von Kindergesichtern mit leeren Augen, zerrissenen Schläfen. Menschen, die nur noch ein Klumpen Fleisch sind. Per Video erzählen Überlebende vom Horror der Angriffe. Eine Schulklasse sitzt mucksmäuschenstill davor. "Heiwa", Friede, steht mit schwarzen Kanjis auf einem langen weißen Transparent.

Die Schüler, Jungen zwischen 13 und 15, haben sich schnell vom Schock über die Hiroshimabilder erholt und verlassen lärmend das Museum. Den Verlauf der Schlacht um Stalingrad kennen sie aus dem Geschichtsunterricht oder den Geschichten ihrer Großväter. Damit deren Einsatz nicht vergessen wird, finden sie einen Museumsbesuch wichtig, sagen sie altklug. Den Deutschen gegenüber haben sie keine Vorbehalte. Das sei doch schon so lange her, und außerdem würde dieses Museum ja zeigen, wie wichtig der Frieden der Völker sei.

Um Stalingrad nicht zu vergessen - den Schmerz, das Blut, den Leichengeruch - wird das Grauen erhöht, bis es als Grauen nicht mehr zu erkennen ist. Am Mamajew-Hügel ist das Entsetzliche zur zweifelhaften Ästhetik versteinert. In Beton gegossene Kriegsszenen, riesenhafte Figuren, leidende Mütter mit verbrauchten Händen und Madonnengesichtern, Soldaten, die vorwärts stürmen, Kameraden vom Feld tragen, aufgerichtet dem Feind ins Auge schauen. Männer mit Muskeln und einem breiten Brustkorb, mit klaren Gesichtern, geschwungenen Lippen.

Dass der Park am Mamajew-Hügel erst in den späten fünfziger Jahren eröffnet wurde, lag daran, dass Russland zu sehr mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Am Fuße des Hügels liegen die Gräber der russischen Soldaten, die sich in der Schlacht durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet haben. Einer, der auch auf dem Panoramabild zu sehen war, hat mit seinem sterbenden Körper eine heruntergeschossene Telegraphenleitung funktionstüchtig gehalten, so dass weiter Befehle übermittelt werden konnten. Mag sein, dass diese Geschichte wahr ist.

In der Halle für die Gefallenen brennt die ewige Flamme. An der Wand hängen Stoffbahnen, in die stellvertretend für alle Gefallenen die Namen von 7.000 Toten eingewebt sind. Schumanns "Träumereien" spielen vom Band, den lieben langen Tag, von 10 bis 17 Uhr. Danach ist Stille, und die Soldaten der Ehrenwache gehen nach Hause. Über der Wolga zieht langsam Abendnebel auf. Nur die Flamme brennt weiter - ein paar Postkartenverkäufer harren aus, bis der letzte Spaziergänger den Park verlässt. Auf der Spitze des Hügels steht Rodina Matj - die Mutter Heimat - von der die Wolgograder behaupten, sie sei die höchste Statue der Welt. Bis zur Spitze ihres erhobenen Schwertes misst sie furchterregende 82 Meter.

Es war an der Zeit, sagt Nina Salina, dass sich das neue Russland wieder auf seine alten Stärken besinne. Das täte auch der Wirtschaftskraft gut. "Investoren und Touristen werden kommen, diese Stadt mit dem großen Namen zu sehen." Stalin, meint Nina Salina, sei ein großartiger Mann gewesen, dessen Name zu Unrecht mit Dreck beworfen wurde. Hinter ihrem Rücken rollt Alexander Plaxin mit den Augen. "Auf Wiedersehen in Stalingrad", sagt Nina Salina zum Abschied.

An jenem Abend ist die Sommerluft schwül, und man sieht Alexander in einer der Schaschlikkneipen lachen und sein Mädchen küssen. Später gehen die beiden eng umschlungen über den Sand am dunklen Fluss, der dieser Stadt ihren Namen gibt: Wolgograd.


Die Wolgastädte

Der Mauerstrich.

Türme. Die Stufe des Ufers. Einst,

die hölzerne Brücke zerriß.

Über die Weite fuhren

Tatarenfeuer.

Mit strähnigem Bart

Nacht, ein Wandermönch kam

redend. Die Morgen

schossen herauf, die Zisternen

standen im Blut

...

Johannes Bobrowski

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00:00 18.07.2003

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