Die Tränen von Chios

Griechenland Die wirtschaftliche Misere zwingt junge ­Akademiker zu beruflichem Ausstieg oder zur Emigration

Die Luft ist noch kühl, der Himmel färbt sich tiefrot, mit der Morgendämmerung steht der Tag in den Türen. Die 300-Einwohner-Gemeinde Mesta im Süden der griechischen Insel Chios wirkt um diese Zeit noch wie ausgestorben. Vassilis‘ Ballas eilige Schritte hallen in den engen, mittelalterlichen Gassen wieder. Der 35-Jährige ist spät dran an diesem Morgen. Ende Juli, wenn die Mastix-Ernte beginnt, muss er spätestens um sechs Uhr bei seinen Bäumen sein.

An das frühe Aufstehen kann er sich immer noch nicht so richtig gewöhnen. Vassilis gähnt und fährt mit den Fingern durch seine dunklen Locken. Früher war es möglich, morgens sehr viel länger zu schlafen. Früher, das war in einem anderen, aufgegebenen oder verlorenen Leben, das er einst als Webdesigner einer großen Werbeagentur in Athen geführt hat.

Ein lukrativer Job, ohne Zweifel. Doch Vassilis wollte sein eigener Unternehmer sein und „nicht mehr fremdbestimmt arbeiten“, wie er es nennt. Nach einem Urlaub auf Chios war er sich mit seiner Frau Roula Boura, gleichfalls erfolgreiche Werbegrafikerin, schnell einig: Sie sollten es als Mastix-Farmer versuchen. Ihre Athener Freunde seien fassungslos gewesen, als sie ihren Entschluss mitteilten, erzählt Vassilis. Einer habe sich fast auf dem Boden gewälzt vor Lachen.

Spätestens wenn er auf der weiten Ebene bei den kleinen, immergrünen Mastix-Bäumen ankommt, fühlt er sich zufrieden. Trotz des frühen Aufstehens. Nur im Süden von Chios sondern die Mastixbäume ein wertvolles Harz ab, das schon seit der Antike begehrt sei, erzählt Vassilis und streicht fast zärtlich über einen der knorrigen Stämme. Mastix wird gebraucht als Zusatzstoff bei Parfüm, Klebstoff und Flugzeugreifen. Es wird auch zu Kaugummi, Likör, Zahnpasta und Cremes verarbeitet, es soll nicht zuletzt gegen Magengeschwüre und Zahnschmerzen helfen.

Vassilis‘ Augen leuchten, wenn er von der Einzigartigkeit des Baumharzes schwärmt. Die Entscheidung, das Leben in der Großstadt gegen ein Dasein als Farmer auf der Insel einzutauschen, auf einer Plantage statt am Bildschirm zu arbeiten – er habe es bisher nicht bereut.

Filippos kehrt zurück

Jedes Mal muss er sich erst wieder an die Hitze auf Chios gewöhnen, wenn er für einen Sommer nach Hause auf die Insel kommt. Eine weite Reise für Filippos Tsakiri. Mit 18 ging er in die USA, um dort zu studieren. Er wanderte aus wie viele Griechen seines Alters, die es nach Übersee oder England und Frankreich zog. Anfangs sei es hart gewesen in Iowa, so weit weg von zu Hause, erzählt der heute 22-Jährige und schaut nachdenklich über das Meer. Ein Jahr habe es gedauert, bis er sich richtig einleben konnte, auch weil er mit seinem mangelhaften Englisch durchfiel. Natürlich hätte er vor vier Jahren auch ein Studium an der staatlichen Universität der Ägäis auf Chios aufnehmen können. Oder in Thessaloniki. Es gäbe qualifizierte Lehrkräfte an diesen Lehranstalten, aber eben auch verkrustete Strukturen, kaum Forschungsmöglichkeiten und wenig Chancen nach dem Studium.

Die Arbeitslosigkeit in Griechenland steigt, seit die Regierung Papandreou keinerlei Konzessionen bei ihrem rigiden Sparprogramm duldet, und dürfte gegen Ende des Jahres bei über 14 Prozent liegen. Das Gros der Arbeitslosen rekrutiert sich aus Akademikern zwischen 25 und 34, denen es nicht im geringsten hilft, die Universität mit einem Master- oder Doktortitel zu verlassen.

Filippos bestellt eine Runde kühler Getränke an der Strand-Bar für seine Mutter und seine Freunde am Tisch. Gerade hat er in Iowa sein Studium abgeschlossen – Physik und Umwelttechnologie – und das mit einem derart überragenden Zeugnis, dass ihm noch ein ganzes Forschungsjahr bezahlt wird. Danach will er versuchen, in Schweden oder Deutschland eine adäquate Beschäftigung zu finden. Die Mutter wirkt nachdenklich, während sie von ihrem Platz im Schatten Filippos und die anderen beobachtet.

Viele bestens ausgebildete Berufseinsteiger kehren Griechenland den Rücken und sorgen für einen Exodus, wie es ihn in den vergangenen Jahrzehnten häufiger gab. Das Land verliert akademischen Nachwuchs und damit einen Teil seiner Zukunft. Und das auf Jahrzehnte hinaus – so kann sich die ökonomische Stagnation nur verfestigen, wenn überhaupt Dabei ist für die Pasok-Regierungen die Emigration so etwas wie eine Gewähr dafür, dass die Arbeitslosigkeit nicht über die kritische Marke von 15 Prozent steigt. Gerade habe sie eine neue Studie aus Thessaloniki gelesen, meint Filippos Mutter. Von den dort Befragten wolle die Hälfte ins Ausland. Sie finde, dass seien erschreckende Zahlen. Diese erzwungene Exodus werde Griechenland auf Dauer schaden. Nur wenige kämen zurück. Warum sollten sie auch, wenn die griechische Gesellschaft den Boden unter den Füßen zu verlieren droht?

Eine Prozedur für sich

Vorsichtig ritzt Vassilis Ballas am Stamm seiner Bäume. Es braucht Fingerspitzengefühl. Vier bis fünf Millimeter tief müssen die vertikalen Schnitte sein, nicht mehr und nicht weniger. Nur dann sondern die Bäume die wertvollen Harztropfen ab, auch Tränen von Chios genannt. Eine Prozedur für sich.

Stunden habe er anfangs gebraucht, nur einen einzigen Baum vor der Ernte zu reinigen, lacht Vassilis. Inzwischen geht es etwas schneller. Er traf sich mit den Alteingesessenen der Gegend unter den Platanen auf dem schattigen Dorfplatz von Mesta,. Er hörte ihnen lange zu, um die richtige Technik zu verstehen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Mastix-Farmer bilden eine eingeschworene Gemeinschaft. Und die Bäume sind eigenwillig und sensibel. Nur wer sie richtig und mit viel Geduld behandelt, darf auf den guten Ertrag rechnen. Sie mögen keinen Dünger, eine Ernte lässt sich nicht beschleunigen – es bleibt nur aufwändige, mühsame Handarbeit.

Mut zur Ruhe und vor allem zur Gelassenheit, um langsam zu sein, musste sich Vassilis nach den Jahren des höheren Wahnsinns in der Werbebranche erst wieder angewöhnen. Auch fiel tägliche körperliche Arbeit nicht leicht. Anfangs habe er versucht, den Ertrag der Bäume und sein Einkommen am Computer mit einer Excel-Tabelle zu kalkulieren. Es sei ratsam gewesen, das wieder aufzugeben, erinnert sich Vassilis. Die Natur habe ihre eigenen Gesetze.

Filippos bleibt weg

Auf den Ägäis-Inseln herrsche permanenter Wassermangel, es gäbe Jahr für Jahr auf dem Festland verheerende Waldbrände, überall würden Windkraftanlagen errichtet. Mit Umwelttechnologien sollte sich in Griechenland viel ausrichten lassen. Filippos zuckt mit den Schultern, aber nach einem neuen Umweltbewusstsein suche man vergeblich. Zwar habe die mit dem Kabinett Papandreou vereidigte erste Umweltministerin des Landes ehrgeizige Pläne – vom Schutz der Wälder bis hin zu großflächigen Naturschutzgebieten, von der Förderung alternativer Energieformen bis hin zur Müllreduzierung. Wie viel sie davon durchsetzen könne, ob sie gegen Korruption, Vetternwirtschaft und Bodenspekulanten ankomme, müsse sich erst noch zeigen. Er bleibe skeptisch.

Ohne Beziehungen sei es jedenfalls ausgeschlossen, im Metier der Umwelttechnologen einen Job zu bekommen, meint der 22-Jährige in seinem breiten amerikanischen Englisch. Das werde auf absehbare Zeit so bleiben. Deshalb sei bis auf weiteres nicht an Rückkehr in die alte Heimat zu denken. Er werde viel reisen im nächsten Jahr dank seiner Forschungstätigkeit. Vielleicht auch nach Griechenland. Er habe sich während seines Studiums auf den ökologischen Haushalt von Inseln spezialisiert und mit der Frage beschäftigt, sie mit einer autonomen Strom- und Wasserversorgung auszustatten. Noch werde unterschätzt, welche Energien sich mit Hilfe des Meeres gewinnen ließen.

Vielleicht käme er eines Tages doch zurück, hofft seine Mutter, zurück nach Chios.

Nur ein Augenblick

Anfangs war es nicht einfach, sich in einem kleinen Ort wie Mesta einzuleben, meint Vassilis. Wer hierher ziehe und versuche, Geld zu verdienen, werde erst einmal misstrauisch beäugt. Doch das gebe sich mit der Zeit.

Er winkt dem vorbeifahrenden Taxifahrer des Ortes zu. Auch der hat der Athen den Rücken gekehrt, um auf Chios zu leben. Vassilis kennt einige auf der Insel, die das getan haben. Manchmal vermisst er das Athener Nachtleben. Im Winter kann man sich einsam und verlassen fühlen. Aber das seinen nur Augenblicke, glaubt Vassilis, auch wenn die Brücken nicht abgerissen seien.

Vassilis und seine Frau Roula Boura gaben sich fünf Jahre für Mesta, dann wollten sie entscheiden, ob sie weiter auf die Mastix-Plantage ziehen oder an den Computer-Bildschirm zurückkehren, sollte das überhaupt möglich sein. Ihr Entschluss fiel vor der Zeit: Sie werden bleiben. Jeden Morgen, wenn Vassilis zu seinen Bäumen geht, soll es nicht das letzte Mal gewesen sein.

Caroline Wenzel ist Fernseh-Journalistin und verbringt gerade einige Monate auf der ostägäischen Insel Chios

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12:03 09.08.2010

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